Durch Brügge und Antwerpen flanieren…

Sonntagmorgen an einem deutschen Provinzbahnhof. Nur ich, mein Rucksack und ein Belgien-Ticket der deutschen Bahn, dass das kostengünstige Reisen nach Belgien erst möglich macht. So ein wenig kommt Interrail-Stimmung auf, weil die Stimmung passt und ich schon lange nicht mehr im Ausland Bahn gefahren bin. Hinzu kommt eine leichte Nervosität, ob denn auch alles klappt und die Vorfreude auf ein wenig Abstand zum Hier und Jetzt. Reiseziele sind Brügge und Antwerpen, zwei der drei flandrischen Städte, die ich schon länger auf dem Plan habe, aber Gent werde ich nicht schaffen. Dafür sind zweieinhalb Tage einfach zu kurz.

Zunächst geht es über Köln und Brüssel nach Brügge. Erwähnenswert an der Bahnfahrt ist eigentlich nur der Aufenthalt in Köln, weil ich als seit Jahren nach Süddeutschland ausgewanderter Arbeitsmigrant die Umsteigezeit für diese wunderbare Mettwurst von Meister Bock nutze, die ich früher häufiger genießen konnte. Dabei kommt mir in den Sinn, dass ich schon ewig nicht mehr durch Köln gebummelt bin. Wahrscheinlich auch ein Fehler. Aber so ändern sich die Zeiten.

Am frühen Nachmittag treffe ich in Brügge ein, einem nicht kriegszerstörten, deshalb zum Weltkulturerbe gemachten 100.000 Leute-Städtchen, also eher übersichtlich. Ein riesiger Bahnhofsvorplatz von quasi-chinesischem Ausmaß ist schnell überquert und ich tauche in die Altstadt ein. Gut erhaltene Bausubstanz, pittoreskes Stadtbild, durchzogen von Kanälen und hie und da ein Baum. Ich checke schnell im Hotel ein, dass in einem ehemaligen Krankenhaus eingerichtet wurde und beginne meine Stadterkundung.P1000639

Und schon nach einigen Schritten fühle ich mich wohl und bekomme diesen provozierend langsamen Gang (denke ich zumindest) des Flaneurs, dieses leider wohl vom Aussterben bedrohten Typus des Tagediebs, der sich durch Stadt und Parks treiben lässt und den Blick für Details nicht verliert. Da sind die vielen kleinen Lädchen mit belgischen Spezialitäten. Da sind das Rathaus, die Kirchen, der Belfort am Marktplatz und vieles mehr. Aber mir geht’s auch nicht um das Sehenswürdigkeiten abhaken, sondern ums Eintauchen. Äh, und wo ginge das besser als bei einem lecker Bierchen auf dem Marktplatz? Nirgends! Also hock ich da, lass Einheimische wie Touristen an mir vorüber ziehen und genieße den Tag, aber langsam stellt sich Hunger ein.P1000655

Beim Flanieren ist mir schon ein Restaurant ins Auge gefallen, das unweit des Marktes als regionale Spezialität ein über Nacht in Trappisten-Bier eingelegtes Kaninchen anbietet. Das muss es dann irgendwie auch unbedingt sein, was sich als gute Wahl erweist, und so sinke ich einige Stunden später (Die Flandern lassen sich eben schon fast so viel Zeit für das Essen wie die Franzosen) weinselig und satt ins Bett.

Am nächsten Morgen checke ich früh im Hotel aus und verstaue mein Gepäck am Bahnhof im Schließfach, was mich allerdings ein wenig ins Grübeln kommen lässt. Schließfächer mit Schloss und Schlüssel haben sich doch super bewährt und sind auch wenig störanfällig, oder? Die belgische Bahn allerdings setzt auf Elektronik und das Einscannen eines Barcodes, was mich immer ein wenig nervös macht… Wo das jetzt welche Vorteile bringt, erschließt sich mir nicht, aber zum wirklich Grübeln ist der Tag auch zu jung. Ich tauche also wieder ein, in das sich belebende Brügge und da heute Montag ist, ist es auch nicht so touristisch geprägt, sondern von Männern und Frauen, die ihrer Arbeit entgegeneilen. Ich genieße es genau das nicht tun zu müssen und schlendere durch die Straßen, trinke einen Kaffee im Stehen und nehme auch die Außenbezirke mal in Augenschein. Siehe da: Windmühlen… An einem Kanal. Wie nett…P1000687

Brügge ist tatsächlich ein sehr ansehnliches Städtchen, das für ein kurzes Wochenende genug zu bieten hat. Gegen Mittag stellt sich Hunger ein und es geht in den Kardinaalshof, weil man sich ja sonst nichts gönnt. Und es wird tatsächlich ein Erlebnis, weil es mein erster zaghafter Ausflug in die Molekularküche wird. Aber da die Chemie sehr dezent eingesetzt wird, werde ich trotzdem satt. Geschmacklich ist die Verdichtung der Aromen natürlich ein Erlebnis, das mich durch den Nachmittag trägt.

Gegen 16:00h breche ich Richtung Antwerpen auf und auch die Elektronik des Schließfaches tut ihren Dienst, so dass die Fahrt mit dem Zug durch Flanderns Felder und Wiesen zum Genuß wird. Die Ankunft in Antwerpen ist kolossal. Ich habe noch nirgends einen solch prachtvollen Bahnhof gesehen. Fantastisch. Ich denke, es war mein alter Geschichtslehrer, der Bahnhöfe, als Kathedralen der Industriegeschichte bezeichnet hat. Wenn das für irgendeinen Bahnhof gilt, dann für den in Antwerpen. Wirklich großartig.P1000727 Nach angemessenem Staunen verlasse ich den Bahnhof Richtung Innenstadt und gehe mitten durch das weltbekannte Diamantenviertel in dem 80% der Weltdiamanten- produktion umgeschlagen wird. Mir schwirrt natürlich alles durch die Hirse, was es an Halbwissen zu dem Thema gibt: Blutdiamanten; Diktatoren, die sich übers Finanzgeschäft finanzieren; Superreiche, die in Diamanten anlegen etc…. und all die scheine ich in ebendiesem Stadtviertel zu sehen. Eine eigentümlich, interessante Stimmung herrscht dort.

Nach dem Einchecken im Hotel, mache ich mich auf den Weg durch die Stadt, der eigentlich kein Weg ist, sondern ein Stromern mit Stadtplan. Deutlich urbaner als Brügge, weniger pittoresk, wenn auch schön und geschäftiger kommt sie rüber, die Stadt an der Schelde. Und Spaß macht sie auch. Diese Mischung aus jahrhundertealter Hafenstadt, jahrzehntealter Kulturhauptstadt und einer jungen Modeszene ist allenthalben zu spüren. Es gibt viele Straßencafés und Eckkneipen, auf den Plätzen sitzen die Menschen und es gibt jede Menge zu gucken.P1000740

Da es schnell Abend wird, sitze ich im Schatten des großen Rathauses und genieße eine Waterzooi, das flandrische Nationalgericht, dass es wie wohl alle Nationalgerichte dieser Welt in unzähligen Varianten gibt. Das Nachtleben der Stadt erschließt sich ob einer urplötzlich eintretenden Bettschwere nicht mehr so ganz, aber es bleiben Blitzlichter von einem regen Treiben auf den Straßen. Und das nicht nur zu Fuß, sondern auch und reichlich mit dem Fahrrad, wobei sowohl der eigenen Drahtesel, als auch Leihfahrräder zum Einsatz kommen, die an fast jeder Ecke zu leihen und zurückzugeben sind. Das Angebot scheint, eben weil es flächendeckend und bequem ist, gut angenommen zu werden. Da könnte sich so manche deutsche Metropole mal ein Beispiel nehmen.

Der Dienstag beginnt spät und nach einem reichhaltigen Frühstück – adäquat zur geografischen Lage Flanderns – mit allem was der Franzose zum petit dejeuner braucht (Bagette, Croissant und Konfitüre) und was der Mitteleuropäer schätzt (Schwarzbrot, Schinken, Käse, Ei) – geht es Richtung altem Hafen, wo ein spektakulärer Museumsneubau entstanden ist und drumrum gerade ein neuer Stadtteil entsteht.P1000775

Der Weg führt einmal durch die Innenstadt, die in den Nebenstraßen eine bemerkenswerte Zahl gut geführter Einzelhandelsgeschäfte aufzuweisen hat. Das unvermeidliche Rotlichviertel ist schnell durchschritten, da es doch recht monozentriert aufgestellt ist und ich nicht interessiert bin. Anders dagegen die Kulisse, die sich an Bonaparte- und Willemdok bietet: die alten Hafenbecken, neue und alte Architektur und mittendrin ein imposantes Museum aan de Strom. Vielfalt pur. Das ist zwar keine wirklich gute, aber eine vielleicht hinreichende Begründung dafür, sich den Museumsbesuch geschenkt zu haben. Es gibt so viel im Echten zu sehen. Und an einem herrlichen Morgen die Schelde Richtung Innenstadt zu schlendern, hat schon was.

Und irgendwas zieht mich wieder ins Diamantenviertel. Richtig. Ein Restaurant. Das Lamalo bietet neben aschkenasischer Küche, Gerichte aus der marokkanischen Heimat der Inhaber. Genau das richtige in einer Hafenstadt, die 160 Nationen eine Heimat bietet. Nach dem exotischen Geschmackserlebnis sollte es so weitergehen und deshalb war der Bahnhofsvorplatz schnell gequert und schwupps: Nach gefühlten zwanzig Jahren betrete ich mal wieder einen Zoo. Der Antwerpener Zoo ist der älteste des Landes und weit über Belgiens Grenzen hinaus berühmt. Es gibt allerlei Tiere zu sehen, die in ihrem Verhalten den Menschen nur zu ähnlich scheinen wie Paviane oder Erdmännchen. Tiere, die im deutschen Liedgut eine wichtige Rolle eingenommen haben, sind ebenfalls zu sehen: Okapis und Schabrackentapire.P1000818

Nach fast drei Stunden war mir aber wieder mehr nach Menschen und ich mach mich wieder auf dem Weg durch die Stadt. Schlußendlich lande ich im Stadtteil um das Museum der schönen Künste, wo ich einen schönen Abend in einer netten Weinbar, einem anständigen Restaurant, dem „Zoro“ am Leopoldplaats 5 und einer prima Bierkneipe, klugerweise schräg gegenüber meines Hotels, verbrachte. Interessante Gespräche mit Belgiern, die sehr offen waren und mit denen die Verständigung auf Deutsch, Englisch, und brockenweise Spanisch und Französisch ganz anständig klappte, ließen mich ein wenig hinter die Kulissen gucken und rundeten den Kurztrip in Flanderns Städte ab.
Und ich glaube auch, dass ich nicht zum letzten Mal in Flandern gewesen bin!

Nachtrag: Nach so einem Abend um 4:00h aufzustehen, um gegen 5:00h in einem Zug zu sitzen, damit man um 9:30h an einer Maikundgebung teilnehmen kann, ist nicht lustig…

Abschied vom Motorradwandern

Heute fahre ich wohl zum letzten Mal mit meiner XT600. Es ist eine Abschiedstour, ein letztes Mal von A nach B, eine letzte Motorradwanderung. Ich fahre die XT nach Siegen und lagere sie bei meiner Schwester ein. Verkaufen will ich sie nicht, dass hätte der Bock nicht verdient. Und nach fast
20 Jahren habe ich nun mal ein emotionales Verhältnis zu dem Haufen Blech.

Er hat mich durch jede Ecke Frankreichs und Spaniens geführt, war die einzige Begleitung auf vier- fünfwöchigen Touren, die ich alleine gefahren bin. Er war auch dabei als ich zwischen Almeria und Murcia verunfallte, was meinem Leben eine Wende gegeben und dem Motorrad eine Reparatur verschafft hat.

Ein Motorrad ist aber auch immer mehr als ein Verkehrsmittel oder Reisemobil. Es ist eine archaische Form der Fortbewegung; du bist Wind und Wetter ausgesetzt, die Technik liegt – zumindest bei den Teilen, die ich für Motorräder halte – recht offen und es gibt keine Knautschzonen.
Das hat mich seitdem ich sechzehn bin immer fasziniert und angezogen, und so bin ich von einer Zündapp KS50 watercooled über eine Kawasaki Z400 schließlich bei der XT gelandet, weil eine Enduro natürlich der Vorstellung von grenzenloser Mobilität am nächsten kommt.

Das hat für mich auch heute noch Geltung und ich ziehe meinen Hut vor Kradvagabunden und Motorradreisenden, aber ich habe in den letzten Jahren immer mehr gemerkt, dass in meinem Leben das Motorrad aufhört, Verkehrsmittel zu sein. Das hat mit neuen Interessen, mit dem Job, mit der Entfernung zur Arbeit und vielem mehr zu tun. Das Ein und Alles wird zum Freizeitmobil, das bewegt werden will. Und das will ich nicht. Ich will es aus Gründen politischer Glaubwürdigkeit nicht, weil man nicht auf der einen Seite postfossile Mobilitäten predigen und auf der anderen Seite zum Spaß mal 5Liter auf 100km verblasen kann. Was aber viel stärker wiegt, ist das Gefühl so Motorrad zu fahren, wie diese Reihe alter Männer, die sich auf dem Motorrad ein Stück Jugend holen, wiederholen oder bewahren. Mir gehen diese Horden offensichtlich gutverdienender, älterer Herren, die da rumcruisen, Sonntagmorgens ihre Tour machen und schon von Weitem grüßen, auf den Wecker. Und ich will mich mit denen nicht gemein machen. Basta.

Deshalb geht heute die Ära des Motorradwanderns für mich zu Ende.
Schweren Herzens, aber reiner Seele, weil es nun mal bei manchen Themen
nichts Richtiges im Falschen gibt!

5. Tag Schnee in Peking

Der Schnee hat sich auch über Nacht nicht in Luft aufgelöst und es ist reichlich kalt. Als Alternative zur großen Mauer besichtigen wir den Sommerpalast des Kaisers, also dessen Sommerresidenz. Malerisch gelegen an einem  See. Und durch den Schnee hat das Alles grad noch mal was Pittoreskes. ist wirklich schön und ein empfehlenswertes Ausflugsziel, was wohl auch andere Menschen so sehen, weil es sagenhaft voll war.

Sommerpalast im Schnee

Und weiter ging es in die Verbotene Stadt, dem eigentlichen Regierungsviertel. Auf dem Weg dorthin überquerten wir den Tiananmen-Platz, dem Ort wo Mao die Volksrepublik ausgerufen hat, der aber vielmehr traurige Berühmtheit durch die gewaltsame Niederschlagung der Demokratiebewegung  am 03. und 04. Juni 1989 erlangt hat. Interessanterweise ist auf dem Platz selber niemand zu Tode gekommen, aber im Großraum Peking sind in diesen Tagen 2600 Menschen ermordet und 7000 verletzt worden. Ein mulmiges Gefühl stellt sich ein, dass durch die sozialistische Giganto-Architektur und den eisigen Wind noch verstärkt wird.

Am Tian’anmen-Platz

Die verbotene Stadt ist auch ohne Sozialismus gigantisch. Riesige Paläste mit großzügig angelegten Plätzen und einer insgesamt 720.000qm großen Fläche sprechen für sich. Und natürlich ist das Arrangement nicht nur funktional, sondern an jeder Kante mit Symbolik aufgeladen. Das ist alles sehr beeindruckend, aber da ich in chinesischer Geschichte nicht so bewandert bin und die bislang auch nicht sowas wie Konsequenzen für mich gehabt hätte, bleibt der letzte Kick aus.

Aber auch das geht vorbei und es wird wieder offiziell. Die Pekinger Bezirksgewerkschaft hat zu einem Empfang geladen und präsentiert die wohl schmackhafteste Sehenswürdigkeit der Stadt: Pekingente! Nach einer ganzen Reihe von Vor-, Haupt- oder Nebenspeisen wird der Vogel in den Saal geschoben und von einem Koch fachmännisch in millimeterdünne Scheiben zerlegt. Diese Scheiben werden dann zusammen mit Gemüsestreifen und einem leckeren Sößchen in Filoteig eingewickelt. Sehr lecker, ach was zum Niederknien lecker.

Neben dem kulinarischen Aspekt wird natürlich auch Politik gemacht und interessant ist hierbei, dass die KollegInnen aus Chengdu einen deutlich fortschrittlicheren Anspruch haben, als der Pekinger Hauptstadtfunktionär, der zwar weiß, was er zu sagen hat, aber ansonsten doch sehr traditionell argumentiert. Er scheint auch in Sachen Tischsitten eher old school aufgestellt zu sein und so wird reichlich angestoßen und zugeprostet. Dabei erwischt es hauptsächlich den Vertreter der Botschaft, der wohl in den Augen des Funktionärs am meisten für ihn tun kann.

Mit dem Botschaftskollegen verdünnisieren wir uns nach dem Empfang noch zu einem Austausch, was sehr interessant war. Der Kollege konnte das Spannungsfeld in dem die chinesische Spitze agieren muss gut beschreiben. Auf der einen Seite sehen sie als Marxisten die Herausforderungen der Zeit, von Peak Oil und Klimawandel über Umweltschutz bis hin zum demografischen Wandel und der sozialen Spaltung des Landes (Ost-Westgefälle) und der Gesellschaft (der Abstand zwischen Oben und Unten). Auf der anderen Seite sehen sie auch den Sprengstoff, der in der Dynamik liegt, die sie losgetreten haben. Es fällt ja in den postmodernen, wertegewandelten Gesellschaften des Westens schon nicht leicht, die Menschen zum Umdenken zu bewegen; wie würden wohl die Menschen in dieser Wirtschaftswunder-Gesellschaft reagieren, wenn ihnen gerade jetzt, wo sie es sich endlich leisten können, das Auto abgenommen wird….
Demokratiepolitisch scheint zumindest die Spitze über Mitbestimmungsmodelle a la Deutschland nachzudenken, um eben die Unzufriedenheiten kanalisieren zu können. Ob über eine solche Mitbestimmung auch inhaltlich was in Richtung Umweltschutz und sozialer Gerechtigkeit bewegt werden kann, wird sich zeigen.

Das Gespräch war leider viel zu schnell vorbei, weil wir zum Flughafen mussten, von dem aus wir dann um 2.00h den Heimflug antraten und um 5.30h wieder in Deutschland landeten. Manchmal ist es wirklich von Vorteil die Sonne im Rücken zu haben…

Und damit ging eine kurze, aber sehr intensive; eine informative, aber auch verunsichernde Stippvisite ins Reich der Mitte zu Ende….

4. Tag Pandas gucken

Nun hock ich in Peking auf meinem Bett und lasse den Tag Revue passieren. Am Abend sind wir in das Flugzeug gestiegen, 2,5Std geflogen und immer noch in China. Nun aber nicht länger in Westchina, sondern in der Hauptstadt, Stadt der Kaiser, der olympischen Spiele, des Massakers vom Tiananmen-Platz und der Heimat von knapp 20.000.000 Mio Menschen. Ganz schön aufregend.

Pandabären

Dabei hat der Tag ganz friedlich begonnen. Die Reiseleitung hatte eine Besichtigung des nationalen Maskottchen auf den Plan gebracht und so flanierten sechs deutsche GewerkschafterInnen zusammen mit ihrer chinesischen Begleitung durch einen Pandapark. Wie süß. Diese fortpflanzungsunwilligen Teddys, die sich von ausgewählten Bambussorten ernähren und ansonsten chillen. Ganztägig. Die Besucher des Parks gerieten dagegen immer wieder aus dem Häuschen, wenn Herr oder Frau Panda geruhte, einen Meter nach links oder rechts zu trotten. Extatisches Blitzlichtgewitter gab es natürlich am Pandakindergarten-Gehege. Panda plus Kindchenschema – da kann nichts schief gehen.
Mein persönlicher Favorit sind aber die roten Pandas, von denen ich vorher noch nie was gehört habe. Die machen einen etwas lebhafteren Eindruck und gucken auch intelligenter aus der Wäsche. Ein echter Geheimtip!

Unternehmenskultur eines Fischrestaurants

Dann führte uns das Programm nach Dujiangyan, etwa 50km nordwestlich von Chengdu. Dort besichtigten wir – nach einem ausgezeichneten Essen mit ganz viel Flussfisch – ein etwa 250 v. Chr. angelegtes Flutkontroll- und Bewässerungssystem gigantischen Ausmasses. Der Fluß wird in der Mitte geteilt, und ein Teil des Wassers über ein feinverzweigtes Kanalsystem zur Bewässerung der Felder genutzt, während der andere Teil durch eine Biegung des Flußverlaufs an Fahrt verliert und in seitlich angelegte Flächen strömen kann, falls Hochwasser droht. Seit Anlage dieses System hat es – nach Aussagen der Führerin – kein Hochwasser mehr gegeben. Das Bewässerungssystem wird für die wirtschaftliche Blüte der Region verantwortlich gemacht und ist seit 2000 Weltkulturerbe. Absolut beeindruckend.

Mir kam nur auch der Gedanke, dass das Teil ja nun schon 2250 Jahre alt ist und anscheinend die Chinesen schon früher nach dem Motto think big! agiert haben. Vielleicht haben die auch deshalb keine Bedenken bei einem Projekt wie dem Drei-Schluchten-Stausee, weil einfach andere Massstäbe herrschen? Es gäbe so viel über dieses Land und diese Menschen zu lernen, aber leider bin ich nur so kurz hier.

Und weiter geht es zum Flughafen, nicht ohne vorher noch ein letztes Mal die Sichuan-Küche genießen zu dürfen. Der Restaurantbesuch wird mir jedoch aus anderen Gründen unvergesslich bleiben. Die lieben Kollegen waren ohne mich Richtung Flughafen aufgebrochen und so stand ich da alleine auf weiter Flur, der Sprache nicht mächtig und weit und breit niemand des Englischen kundig. Lost in Translation oder so.
Gott sei Dank haben die Kollegen meine Abwesenheit dann doch registriert und mich wieder eingesammelt. Sowas braucht aber kein Mensch wirklich.

Peking in Weiß

Der Flug nach Peking war im Vergleich dazu eher unspektakulär und nach einer freundlichen Begrüßung durch die Bezirksgewerkschaft von Peking gings ins Hotel. Leider ist die Freude durch einen überraschenden Wintereinbruch getrübt, denn der einsetzende Schneefall machte die Besichtigung der großen Mauer unmöglich. Schade, aber nicht zu ändern.
In der Hotelbar waren wir mal nicht die einzigen Europäer, sondern es waren Winzer und Weinhändler aus verschiedenen Anbaugebieten vertreten, die zu einer Weinmesse in Peking angereist waren. Putzig fand ich die slowenische Delegation, weil deren Weine ja nun in Europa nicht wirklich ein Bein auf den Boden bekommen, aber in Mannschaftsstärke den Chinesen ihre Tropfen andrehen wollen. Aber es gab auch Italiener aus der Emilia – Romagna, die es nicht mit Lambrusco, sondern mit Sangiovese versuchen wollten. Mir selber hat das Tsingtao – Bier ganz gut geschmeckt. Kein Wunder, da die Brauerei 1903 von deutschen Siedlern gegründet wurde.

3. Tag Mein lieber Buddha…

Der Morgen startete holprig mitten in der rush hour,was bei einer 15mio Einwohner Stadt mehr ist als ein bisschen Stau, zumindest für so ein Landei wie mich. Es kostet Nerven und zeigt, dass das Thema der Mobilität in Megacities eigentlich nur (erstens) mit postfossil getriebenen Individualverkehr und (zweitens) mit ÖPNV und aktiver Mobilität zu lösen ist. Auf diesem Weg stellt sich das Land aber zwiespältig auf.

Elektroroller ohne High-Tec, aber bezahlbar!

Auf der einen Seite gehören knatternde Zweitakter in den Städten weitgehend der Vergangenheit an, weil vor etwa sieben, acht Jahren damit begonnen wurde, die Mopeds zu elektrifizieren. Das geschah wohl mittels sanftem Druck über rigoroses Anheben der Steuersätze für fossil getriebene Zweiräder. Geht doch!
Hinzu kommt auch allenthalben der Neubau von U-Bahn Linien.

Auf der anderen Seite berücksichtigt; oder muss es um des sozialen Friedens Willen berücksichtigen, die chinesische Stadtplanung das Statusbedürfnis neuer Mittelschichten als die Zeichen der Zeit. Das dazugehörige Statussymbol heißt derzeit Auto.
Das wiederum schmälert den positiven Eindruck von der Elektrifizierung der Mopeds, weil doch dann dieses Experiment der politischen Steuerung des Treibstoffs mit denen durchgeführt wurde, die sich noch kein Auto leisten können. Trotz dieser Bedenken überzeugt die Idee, nicht durch Steuerleichterungen eine neue Technologie einzuführen, sondern über Steuererhöhungen die alte Technologie zu dissen.

Ach so. Durch die Rush Hour haben wir uns gearbeitet, weil wir eine Verabredung mit Gewerkschaftsfunktionären in Leshan hatten. Knapp 120km von Chendu entfernt, knapp 500000 Einwohner. Gegen Chendu fast schon ein Kaff… Die Fahrt auf der Autobahn ging durch ein Tee-Anbaugebiet. Die Gegend war insgesamt eher landwirtschaftlich geprägt: eine eher kleinteilige Landwirtschaft, kleine Felder, viele Menschen, wenig Landmaschinen und viele Handspritzen. Ich weiß nicht, was die gespritzt haben, aber irgendwie waren das ganz schön Viele. Und ja. Ich hab mich gefreut, als ich so ein unter Wasser stehendes Reisfeld mit Strohhut tragender Bäuerin gesehen habe. Es gibt halt Bilder, die im Kopf sind und die man einmal in Echt sehen will…

die Gewerkschaftsspitze in Leshan

Das Gespräch mit den KollegInnen aus Leshan bringt eine Neuerung. Das erste Mal nach drei Tagen spielte hier auf dem Land die Partei eine aktive Rolle und der Genosse Funktionär sitzt ausgewiesenermaßen mit am Tisch. Das macht die Diskussion nicht weniger spannend, weil auch die Reiseleitung; eine „zack-zack“ getaufte Dame von der Provinzgewerkschaft – Ach so: Das sind einige Millionen Mitglieder. Nicht das jemand auf falsche Ideen kommt – aktiv mitmischt. Der Dolmetscher ringt immer wieder um die richtigen Worte, weil sich hier schon noch ein sehr klassisches Organisationsverständnis zeigt und irgendwie ein Hauch DDR in der Luft liegt.

der Buddha von Leshan

Ohne Mittagessen geht gar nichts und das war – wer mich kennt, weiß was ich meine – eine Herausforderung. Ich glaube, ich habe in der einen Stunde soviel Tofu gegessen, dass es für ein Leben langt. In allen Variationen, Aggregatzuständen und Geschmacksrichtungen kam das Zeug auf den Tisch. Alles war super gewürzt, gut zubereitet und hat sogar geschmeckt, aber ich mag keinen Tofu…Basta!

Danach ging es zum Buddha. Leshan hat nämlich eine Attraktion zu bieten: einen 71 Meter hohen, sitzenden Buddha, den größten Sitzenden weltweit und Weltkulturerbe. Der Buddha sitzt am Min Jiang – Fluss, bzw. dem Zusammenfluss von drei Flüssen, weshalb der Buddha auch per Boot zu besichtigen ist. Und ja, das war tourimaessig, aber es hing ein wenig Nebel in den Wäldern am Rand und über dem Fluss und für mich als hollywoodgeschädigtem Menschen kam – ganz kurz – Kanonenboot-Atmosphäre auf.

Der Min Jiang ist übrigens ein Zufluß des Jangtsekiang.

Kanonenbootstimmung

Die Rückfahrt fand dann wieder in der Rushhour statt und selbst antizyklisches Fahren – morgens raus aus der Stadt, abends rein – hat im Endeffekt wenig gebracht. Du stehst rum und kannst nachdenken. Nachdenkenswert ist vielleicht folgendes. Chengdu wird in den nächsten Jahren um einige Millionen Einwohner weiter wachsen; so etwa von 15 auf 19 Millionen. Nur so um die 10% der Fläche Chinas ist landwirtschaftlich überhaupt nutzbar und die neuen, alten Ballungszentren liegen eben oft in den eigentlich landwirtschaftlich nutzbaren Gegenden.
Also reduziert sich die landwirtschaftlich nutzbare Fläche.
Wasser muss oft über weite Strecken herangeführt werden und selbst im Hotel hängt nicht nur die weltweit verbreitete Aufforderung die Handtücher mehrfach zu nutzen, sondern auch beim Duschen mit dem Wasser sparsam zu sein, was mir neu war.
Hier muss sich also ein Land also für eine integrierte Raumplanung stark machen, die zwischen Urbanisierungsdruck, Industrialisierung, Landwirtschaft und Versorgungsinteressen, sowie einer nationalen Wasserpolitik vermitteln kann. Viel Spaß…

Nach dem Abendessen – einem Fondue, bei dem die Zutaten in einem würzigen Pilzfond zubereitet wurden – ging es ein wenig Auf zum Städtewandern… Avisiert war das tibetanische Viertel Chengdus, dass sich – auch das wieder ein globales Phänomen – im Dämmerlicht als Pendant zu manchem sozialen Brennpunkt in Westeuropa darstellt. Die Migranten pflegen ihre Heimatkultur, SozialarbeiterInnen organisieren Popkultur (im open-air-Kino wurde ein Film gezeigt) und ansonsten ist alles ein wenig heruntergekommen und abgewohnt. Trotzdem natürlich anders als in Europa. Garküchen mit allerlei Spießen, ein Massage-Salon, der so wirkte als ob tibetanische Bauarbeiter sich eher kollektiv die Füße massieren lassen, als in der Kneipe einen zu trinken und Mönche, die durch die Straßen huschen.

Mittlerweile lieg ich endlich hier in meinem Innenstadthotel und bin froh, dass alles aufschreiben zu können, was hoffentlich den Kopf für einen ruhigen Schlaf freiräumt.

Gut Nacht.

2. Tag Chinese works

Der Tag begann mit einer Einladung beim regionalen Gewerkschaftsbund, der uns sein Zentrum zeigte. Ein beeindruckender Bau, der ein wenig 70er Jahre Charme versprühte, aber erst sechs Jahre auf dem Buckel hatte. Dort war von Arbeits- und Sozialamt über Kultureinrichtungen bis hin zum Fitnesszentrum alles versammelt, was dem und der Werktätigen nutzt. Man darf halt wirklich nicht vergessen, das es eine Gewerkschaft in einem kommunistischen Land ist.

Der Eingangsbereich des Gewerkschaftszentrum in Chengdu

Die Ausdifferenzierung in Sozialverwaltung und gewerkschaftlicher Interessenvertretung, die sich bei uns in Europa schon früh ergeben hat, ist hier obsolet, weil sich die Frage, wer wessen Interessen gegen wen vertritt, ja schwierig gestaltet, wenn die Werktätigen wenigstens formal selber ueber die Produktionsmittel verfügen können. äh bzw. ihre Partei… Folglich füllen die Gewerkschaften in China den Interessensvertretungsanspruch eher konkret aus, was von Ferienhilfswerk bis Tanzkurs reicht und weniger im Sinne einer politischen Interessenvertretung wie die deutschen Gewerkschaften funktioniert.

Aber da die Privatisierung weiter voranschreitet, wird sich eine politische Interessenvertretung der ArbeitnehmerInnen wohl aufdrängen, und das sowohl vor dem Hintergrund des Entstehens aufgeklärter Mittelschichten, die Teilhabe und Beteiligung einfordern, als auch deshalb, weil die chinesischen Gewerkschaftsfunktionäre als geschulte Kader sehr wohl in der Lage sind bestimmte Notwendigkeiten zu begreifen. Das sind ja auch Marxisten!

Inhaltlich gings bei dem Termin dann eigentlich genau darum. Wie kann sich eine sozialistische Massenorganisation wie eine Gewerkschaft an die Kampfbedingungen im Kapitalismus anpassen ohne zu ignorieren, dass die Partei immer noch was zu sagen hat. Das ist eine schwierig Aufgabe und die KollegInnen sind wirklich nicht zu beneiden. Schön und ehrenvoll aber, dass sie das deutsche Mitbestimmungsmodell fuer einen guten Weg halten, weil uns – als deutschen GewerkschafterInnen – keine Partei was zu sagen hat!

Anschliessend gings in ein archaeologisches Museum, dass die Produktionsvergangenheit der Region bis 3000 v. Chr. herausarbeitet und das wirklich gut. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Chinesen aus dieser langen Kulturgeschichte eine andere Kontinuität ziehen, als wir Europäer. Die alten Römer und Griechen sind Gegenstand des Geschichtsunterricht. Gut, aber die Konstruktion des Ichs aus dieser Traditionslinie findet doch eher selten statt, oder? In China hab ich das anders wahrgenommen.

Feuertopf a la Sichuan

Danach gings zum Mittagessen und es gab eine regionale Spezialität:
Feuertopf a la Sichuan! ein schönscharfes Fondue, wo die Chilis bis zum Rand in den Topf gestapelt werden, mit Brühe aufgegossen wird und man dann, eben wie beim Fondue, sein Gemüse aller Arten, Pilze aller Arten, Fleisch und Fisch in der Brühe gart! Härrlisch.

Nachmittags stand eine Werksbesichtigung bei einem deutsch-chinesischen Joint Venture an. Naja, dachte ich im Vorfeld, wird wohl das ausgelutschte Equipement aus Germany mit einem altbackenen Produkt sein. Fehler. Weltweite Konzernstandards bis hin zu den Warnhinweisen der Arbeitssicherheit und ein Produkt, das für den Markt mehr als taugt, weil sich auch das Anspruchsniveau chinesischer Kunden globalisiert hat, sprich höher geworden ist. Qualitätsmässig gibts für den Standort Deutschland noch leichte Vorteile, aber sie arbeiten dran…
Es drängt sich eh die ganze Zeit schon der Eindruck auf, dass es Zeit wird die koloniale Brille abzulegen und sich bewusst zu machen, dass China auf Augenhöhe ist. In dem Zusammenhang ist vielleicht auch interessant – und das nicht nur als Anekdote am Rande – , dass es mexikanische KollegInnen waren, die den chinesischen Neueinstellungen zeigten, wie am neuen Band zu arbeiten ist…

Die Jarama-Front auf Chinesisch

Mit den Erkenntnissen im Kopf ging es zum Abendessen in ein sehr populäres Restaurant mit Live-Musik. Erste weitere Erkenntnis des Abends war die, dass die chinesischen Restaurants in Deutschland nicht wegen den verfressenen Deutschen so oft Buffet anbieten, sondern weil sie in China das Buffet quasi tischweise auf einem sehr interessanten Drehteller anrichten, wo die ganze Chose von Hand rumgeschoben wird. Sehr nett. Dabei kommen je nach Mannschaftsstärke schnell zehn, fünfzehn Gerichte zusammen, was die kulinarische Exploration natürlich erleichtert.

Das Zweite, wirklich Berkenswerte und Berührende, war keine weitere Erleuchtung, sondern der Punkt in der Volksrepublik China im Restaurant zu hocken und die Band mit ihren traditionellen Instrumenten das Lied von der Jarama-Front spielen zu hören. Da kann einem ja schonmal warm ums Herz werden, oder?

1. Tag Ankunft in Chendu

Nachdem ich gestern um 8.50h losgefahren bin, erreichte ich zusammen mit dem Rest der Delegation um 11.45h Chendu, China. Zwischendurch war Umsteigen in Peking angesagt, wo ich zum ersten Mal asiatischen bzw. chinesischen Boden betreten habe. Irgendwie schon ein erhebendes Gefühl das zu tun.

Flughafenstimmung in Peking

Die chinesische Seite des Besuchskomitee sollte uns eigentlich nur zum Hotel bringen, fand aber, dass wir was essen müssen. Und? Es war herrlich… Frische Zutaten insbesondere Chili und Lauch, sowie gehackte Nuesse. Kleingehacktes Fleisch mit Knochen – fuer mich immer ein Zeichen, dass die Leute wissen, was sie essen – und neue Geschmackserlebnisse.

Nach dem unverhofften Festmahl bin ich mit der 26stuendigen Anreise versöhnt und gespannt was noch kommt. Gleich geht es weiter zum chinesischen Gewerkschaftsbund. Es soll einen ersten informelle Austausch geben.

So. Und nun lieg ich müde und satt im Bett. Der Tag läuft Revue und ich bin Hin- und Hergerissen. Mein China-Klischee wackelt und das Gefuehl 9000km von zu Hause weg zu sein, will sich auch nicht einstellen. Von Starbucks bis zur italienischen Eisdiele; von H&M bis Prada ist alles vertreten und wird auch mit grossem Selbstbewusstsein getragen und gezeigt. Voll der Westen hier. Zumindest da wo wir sind. Wir sind in der Innenstadt einer 15Mio-Metropole, knapp 200m von einer Fußgängerzone entfernt.

Apropos Voll der Westen. Hier und da haengen zwar noch rote Fahnen und eine mordsgrosse Mao-Figur steht rum. Aber das wars dann mit kommunistischer Symbolik im Strassenbild. Bis auf die Schrift, fällt mir insgesamt wenig auf, was daran erinnert in China zu sein. Und das fühlt sich irgendwie seltsam an, weil mir der Flug doch in den Knochen hängt und ein wenig mehr Exotik hätte es dafür schon sein dürfen.

Tai Chi – Gruppe am Gewerkschaftszentrum

Aber ich bin ja nicht der Exotik wegen da, sondern zum politischen Austausch und die Diskussion mit den chinesischen KollegInnen war im Übrigen sehr interessant. Wie macht man das denn: Sich von einer sozialistischen Massenorganisation zu einer demokratisch gewählten Interessenvertetung entwickeln? Sozialistische Massenorganisation heißt hier, dass die Gewerkschaften auf allen Ebenen in allen Fragen des Arbeitslebens die operative Umsetzung tragen und gleichzeitig Inhalte und Positionen der Partei vertreten sollen. Neben der Interessenvertretung kümmern sich die Gewerkschaften auch noch um die Themen die hier der Sozialapparat von Arbeitsamt bis Volkshochschule wahrnimmt.

Vielleicht bringen die naechsten Tage Klarheit…

Nach dem Diskutieren gings zum Essen: Authentische Kueche aus Sichuan: Viel Scharf! Aber nicht diese jeden Geschmacksnerv tötende Schärfe, die ich aus asiatischen Restaurants in Deutschland kenne, sondern ein variantenreiches und geschmacklich wirklich differenziertes Geschmackserlebnis, wo mit der Schärfe vorneweg gespielt wird, um dann Platz für ganz viel Gaumenfreude zu machen. Geschmacksträger war reichlich Gemüse und diesmal: Innereien… Hier kommt halt nix um.

Nur ich. Vor Müdigkeit…

Tag 6: Vent – Vernagt/Meran

Da komm ich her…

Auch der letzte Tag begann wieder frueh und ich war bereits um 7.00h unterwegs, weil doch einiges an Aufwaerts- (1100) und Abwaertsmetern (1300) bewaeltigt werden wollte. Zunaechst ging es recht gemuetlich auf breitem Fahrweg zur Martin-Busch-Huette, wo es auch die erste Ration Johannesbeersaftschorle des Tages gab. Weiter gings dann auf einem gut ausgeschilderten Trampelpfad Richtung Niederjoch. Die dazugehörige Similaunhuette sieht man eigentlich die ganze Zeit, aber deshalb ist man auch nicht schneller da.

Da will ich hin…

Nach gut 4,5h Stunden Aufstieg ist es aber soweit. Du stehst auf 3019 Metern kannst  rueber- und runtergucken nach Suedtirol, nach Italien. Ein ueberwaeltigendes Gefuehl nach sechs Tagen die Alpen ueberquert zu haben. Zur Feier dieses denkwuerdigen Augenblicks gabs keinen Sekt, aber die letzte Johannesbeersaftschorle dieser Wanderung.

Geschafft!

Ich war mit alkoholischen Genuessen auch deshalb vorsichtig, weil der Rother Wanderfuehrer den Abstieg als arg ausgesetzt und anspruchsvoll beschreibt, was aber meiner Ansicht nach uebertrieben ist. Trotzdem haette ich da nicht mit nem Stich runtergewollt. Du steigst zunaechst recht steil durch Fels ab, laeufst dann auf nem gut sichtbaren Weg durch Geroell, das dann in Weiden und Wiesen uebergeht. Nach 2,5h war aber auch das vorbei und ich unten am Stausee. Zufaelligerweise kam auch prompt der Bus, der Richtung Meran faehrt. Kurzfristig Hektik kam bei mir noch auf, weil ich meinen treuen Wanderhut im Bus liegen gelassen hatte. Aber nach ner knappen Stunde war der auch wieder am Mann. Ich nehm an das Teil hat so gestunken, dass es niemand wollte. Ueberhaupt war ich sehr froh, als ich unter der Dusche stand und auch erstmal nicht wieder in die Wanderhose und das Hemd steigen muss, die mich sechs Tage lang begleitet haben. Da hilft auch rei in der Tube nichts. Du stinkst einfach wie ein Iltis, aber egal….
Ich bleib nun noch ein paar Tage in Meran und fuehre mein breites Grinsen und den Stolz, es geschafft zu haben, ein wenig spazieren.

Tag 5: Mittelberg – Vent

Der laengste Tag dieser Wanderung ist vorbei und ich konnte die Bergwelt weitgehend alleine fuer mich erfahren. Dafuer bin ich sehr dankbar, auch wenn es anstrengend; aber nicht strapazioes war, seit 7.15h unterwegs zu sein und erst um 18.00h in der Unterkunft einzuchecken.

Da wo heute Kühe grasen, war vor nur 150 Jahren noch Gletscher!

Es ging also in Mittelberg los, einer Ortschaft, die vor 150 Jahren noch so nah am Gletscher gelegen war, dass die ihre verderblichen Sachen dort aufbewahrt haben. Heute gehst du auf dem „Wasserfallweg“  fast 600 Hoehenmeter bis du den Gletscher ueberhaupt siehst. Das hat mich trotz eindrucksvoller Landschaft sehr nachdenklich gemacht.

Ich schreibe ja viel ueber Peak oil, Klimawandel und unsere Zukunft, aber zu Fuss abschreiten zu koennen, wie sehr das schon diese Welt veraendert hat, war eine sehr persoenliche Erfahrung. Darueber hab ich nachgedacht, bis ich auf den Fahrweg gekommen bin, dem ich aber nur kurz folgen musste, bis es wieder links ab auf den Wanderweg ging.

Blick zurück zur Braunschweiger Hütte

Als ich auf der Braunschweiger Huette in der Sonne sass, hab ich dann gerafft, warum es da Fahrwege braucht: Die bauen immer noch Lifts und Beschneiungsanlagen fuer die Verlaengerung des Endspiels, fuer den letzten Tanz auf der Titanic oder die Ignoranz gegenueber den Verhaeltnissen. Dass die nicht alleine fuer den Klimawandel verantwortlich sind, weiss ich auch, aber das Wirtschaftsfoerderer, Regional-  und Tourismusplaner im leibhaftigen Angesicht der Auswirkungen so weitermachen, will mir nicht in den Kopf. Die Braunschweiger Huette ist dagegen sehr nett und die Johannesbeersaftschorle schmeckt wie Tomatensaft im Flugzeug (Unter 2000 Hoehenmetern ist das Zeug ungeniessbar). Aber die koennen ja auch nichts dafuer, dass das da so verbaut wird. Die sind Alpenverein und irgendwie anders an den Bergen interessiert. Und das die karge Welt des Hochgebirges eine hoechst eigenwillige Sache ist, habe ich heute gelernt. Nur Steine, Flechten, Wasser und ein wenig mehr – absolut faszinierend.

Nach zwei Schorlen gehts aber ganz profan weiter Richtung Pitztaler Joechl (2996m). Das faengt zwar entspannt an, aber wer oben ist, muss ja auch wieder runter. Und waehrend du aufwaerts mal noch hier und da die Stoecke in eine Hand nimmst, um mit der anderen am Stein abzustuetzen, ist es abwaerts zwar immer noch keine Kletterei, aber mit Seilen und in den Felsen gehauenen Stufen schon… interessant. Huestel. Das ich zum Abschluss noch unfreiwillig im Gletschersulz baden ging, hatte zwar was von Jungbrunnen, war aber trotzdem doof. Ein Stueck des Abstiegs fuehrt naemlich ganz abenteuerlich ueber ein Dauerschneefeld (ob das noch Gletscher ist, weiss ich nicht)

Dann kommt die Skiarena Rettenbach-Gletscher ins Blickfeld. Mordsparkplatz und Skigedoens inklusive Shops und Imbiss in sommerlicher Verlassenheit. Nachdem also der Aufstieg eher den Klimawandel an sich thematisierte, packte mich beim Anblick dieser Betonwueste der Zorn auf diese Ignoranz, diese Konsumscheisser, die nur weil Winter ist und deshalb Ski gefahren werden muss, eben auch aufm Gletscher rumrutschen muessen. Das sieht da einfach schon so aus als wenn McDoof, CocaCola und RTL die Vermarktung des Mars uebernommen haetten.

Wunderschöner Panoramaweg Vent

Also weiter. Von der einen Seite auf die andere Seite mit dem Bus durch einen Tunnel. Dann quer ueber den Parkplatz, rechts hoch entlang des Schlepplifts und dann links auf dem Panoramaweg Vent. Und zack. Biste alleine. Keine Skiarena. Sondern Stille und Alpen als Natur- und Kulturereignis. Es geht fast dreieinhalb Stunden bergab und ist so eindrucksvoll, so schoen und inspirierend, dass sich jeder Meter lohnt.

Trotzdem war ich froh, endlich in Vent einzulaufen und die Unterkunft schon im Vorfeld gebucht zu haben. Einchecken, frisch machen und Essen gehen. Es traf das Hotel Vent bzw. das angeschlossene Restaurant und einen ganz wunderbaren italienischen Kellner, der sich so freute zwei Weinvorschlaege zu Vorspeise und Hauptspeise machen zu duerfen und nicht nur Bier praesentieren zu koennen, das er zum Hirschruecken was jenseits der Karte rausrueckte. Einen Zweigelt, dem das Holz zwar gezeigt, aber nicht in Vanille ersaeuft wurde. Nett. Zur Sauerkrautsuppe gabs einen Veltliner. Schoen war der Plausch zum Schluss, als sich der italienische Kollege nach der Qualitaet des Essens erkundigte und anscheinend von so einem abgerissenen Typen (Wandertage hinterlassen auch bei mir Spuren) eine recht fundierte Antwort bekam. Fuer den Hinweis, dass man doch in einem oesterreichischen Tal statt TK-Lachs-Nudeln mal probieren koennte, was mit Forelle und heimischen Kraeutern zu kochen, wollte er dann Schnaps anbieten. Ich habe aber dankend abgelehnt und bin heim.
Nun lege ich mich nach einem sehr langen und sehr bewegenden Tag hin.

Tag 4: Zams – Mittelberg

Ein sonniger Morgen verspricht einen wirklich aussichtsreichen und entspannten Tag. Entspannt deshalb, weil heute „geshuttelt“ wird; eine Begrifflichkeit, die mir ein schwaebisches Cleverle beigebracht hat. Hoert sich auch deutlich cooler an als Bus- bzw. Seilbahn zu fahren, um nur die Highlights der Strecke zu Fuss abzugrasen. Beides steht aber aus praktischen Ueberlegungen heute auch bei mir auf dem Plan. (Nicht ganz die reine Lehre, aber manchmal siegt die normative Kraft des Faktischen)

Zunaechst habe ich um 8.00h mit der ersten Seilbahn mal eben 1400 Hoehenmeter ueberwunden, um mit nur 300 zusaetzlichen Hoehenmetern, die per Pedes zu bewaeltigen sind, zwei Gipfel zu nehmen, den Venet (2512m) und den Wannejoechl (2464m). Wunderbare Panoramablicke bis zur Ortler-Gruppe und idyllisch grasende Ziegen am Gipfelkreuz.

Ziegenidylle auf 2512m (Venet)

Danach begann der Abstieg, der heute an zwei bewirtschafteten Almen vorbeifuehrt, wo es auf der Ersten, der Galfunaalm, ne gescheite Apfelsaftschorle und auf der Zweiten, der Larcher Alm, ein Jausenbrett mit allem Pipapo gab. Richtig lecker, richtig gut. Das machte auch den Abstieg nach Wenns auf einem schoen breiten und quasi planierten Fahrweg leicht. Aber es sind an dem Tag dann eben doch rund 1500 Hoehenmeter bergab gewesen, also nicht unterschaetzen, auch wenn die Nettogehzeit von vier Stunden schon zur Entspannung einlaedt.

Abstieg nach Wenns

In Wenns hab ich dann den Bus bestiegen, der mich in einer knappen Stunde nach Mittelberg gebracht hat. Die Alternativen waeren gewesen, entweder an der Strasse entlang zu laufen oder einen viertaegigen Extratrip ueber die Berge ringsum zu unternehmen. Fuer das letztere habe ich keine Zeit und das andere fand ich eher unspannend und haette trotzdem einen Tag mehr ausgemacht. In Mitttelberg bin ich im Gasthof Steinbock unter, wo das Zimmer ok ist und das Essen den kulinarischen Tiefpunkt -bislang- dieser Wanderung darstellt. Das eine Tiroler Hochzeitssuppe aus Nudeln, Gemuesebruehe und Frankfurter Wuerstchen in Scheiben besteht, laesst mich am Reichtum der Gegend zweifeln und einen Salat muss man nicht mit Fertigdressing anrichten. Dafuer schmeckt der Neuburger, ich kann die wunderbaren Bilder des Tages an mir vorueberziehen lassen, der Sonnenuntergang war haerrlisch und morgen gehts ja weiter.