Mehr als Netflix und Homeoffice? – Beobachtungen zur digitalen Transformation in der Pandemie –

Vorbemerkungen

Die digitale Transformation hat in der Pandemie einen Riesenschub erhalten, heißt es allerorten. Bei näherem Hinsehen kann das aber darauf eingedampft werden, dass es auf der einen Seite ein Mehr an Homeoffice bzw. mobilem Arbeiten gibt. Auf der anderen Seite weitet sich die Nutzung von Online Shopping bis zu Streaming-Diensten zur digitalen Zerstreuung weiter aus.

Dieser Beitrag will die Veränderungen der Arbeitswelt, die sich durch die Ausweitung der mobilen Arbeit ergeben haben, näher beleuchten, denn es ist davon auszugehen und wird ja schon allerorten konstatiert: Dieses Rad wird sich nicht mehr zurückdrehen lassen, eher noch weiter an Raum gewinnen.

Dafür sprechen viele gute Argumente, die alle auch eine Tönung in Richtung sozial-ökologischer Transformation haben.

  • So geht es um die Ressourceneffizienz eingesparter Wege zum Arbeitsplatz, die den CO2-Ausstoß genauso reduzieren, wie den Verbrauch fossiler Energieträger. Dass die Städte durch weniger Berufsverkehr attraktiver werden, liegt auf der Hand.
  • Die angenehmere Arbeitsumgebung daheim, in der sich viele Aufgaben fokussierter erledigen lassen, ist ein weiteres Argument für das mobile Arbeiten, das ja vielfach auch mit gelockerter Etikette einhergeht. Allerdings taucht hier eine Dimension sozialer Ungleichheit auf, die bei der Bewertung des Option zum Homeoffice berücksichtigt werden muss. Es macht nun mal einen Riesenunterschied, ob jemand als alleinerziehende Mutter in einer EinRaumWohnung lebe und arbeite oder als Eigenheimbesitzerin in einem eigens eingerichteten Arbeitszimmer tätig werden kann. Interessant wird dabei sein, zu untersuchen, ob trotz widriger Bedingungen das Home Office / Mobile Arbeiten hochgeschätzt bleibt oder nur eine zweckvolle Option ist. Da gibt es wohl noch keine empirischen Befunde.
  • Die individuellere Gestaltung der Arbeitszeit und die bessere Integration von privatem Tun, inkl. CARE-Arbeit wird von vielen Mobil-Arbeitenden als weiterer positiver Moment empfunden. Dem gegenüber steht seit vielen Jahren eine Debatte um die Entgrenzungen von Privat- und Arbeitsleben, die das eher kritisch sieht. Aber vielleicht wird sich der Diskurs auch dahin verschieben, dass es mehr um die Reintegration der Lebensbereiche und die Spielregeln dafür geht, als wie bisher um die scharfe Grenzziehung zwischen entfremdeter Lohnarbeit und dem Privaten.

Neben diesen eher operativen Aspekten der pandemiebeschleunigten Veränderungen der Arbeitswelt, gibt es auch Beobachtungen auf einer Metaebene, die darüber hinausweisen, aber eben auch auf Arbeit wirken.

  • Während landläufig die analoge Identität als überaus authentisch galt, ist die digitale Identität, die sich etwa auf Facebook oder Instagram zeigt, immer dem Vorwurf der Inszenierung ausgesetzt. Aber in den letzten Monaten haben sich die Menschen beruflich zusammen gezoomt oder geskypt. Viele haben dabei ihre Kolleg*innen im heimischen Umfeld, womöglich in Jogginghose und im T-Shirt einer angeranzten Heavy Metal-Band statt im grauen Zweireiher oder im blauen Twinset wahrgenommen. Damit ist, bislang wenig reflektiert, die Integration von analoger und digitaler Identität vorangekommen, weil die Fragen von Authentizität und Inszenierung keine Frage von analog/digital mehr sein kann, sondern eine Frage sozialer Normen.
    Inwieweit der, gelegentlich sogar tiefe, Einblick in die privaten Settings der Kolleg*innen zu mehr Teamspirit und persönlicher Nähe führt, die wiederum motivierend und effizienzsteigernd wirken können, bleibt dabei noch offen.
  • Zeit- und raumunabhängige Kooperation mittels digitaler Medien verändern die Notwendigkeit von räumlicher Mobilität, kurz: Es ist nicht länger nötig auch nur einen Kilometer zu fahren, um einen Termin wahrzunehmen. Damit verliert räumliche Mobilität eine ihrer zentralen Funktionen: die Option auf Teilhabe. Wer auf dem Land groß geworden ist, weiß bestimmt um das Freiheitsversprechen dieser Option. Diese Teilhabe lässt sich nun, wenn auch mit evtl. Verlusten in der ein oder anderen Dimension, virtuell herstellen. Und so sind auch Freiheiten nicht länger an räumliche Veränderung gebunden, wie sie etwa in dem stehenden Wort von der Stadtluft, die frei macht, deutlich wird.
    Hinzu kommt die Möglichkeit an Veranstaltungen teilzunehmen, ohne Zeiten für Wege und Übernachtung in Kauf nehmen zu müssen. Die Möglichkeiten politischer Teilhabe und zivilem Engagement oder schlicht einer Weiterbildung sind deutlich größer geworden und so leben wir in einer Zeit großer geistiger Mobilität bei gleichzeitig räumlicher Immobilität. Es wird spannend sein, dies weiter im Blick zu behalten.
  • Die Videokonferenz mit gleichzeitig genutzter Chatfunktion ist die Königsdisziplin digitaler Kommunikation, die im Videokanal das fokussierte Gespräch führt und den öffentlichen Chatkanal als Sidekick für Ergänzungen, Fragen und Nebenbemerkungen nutzt, die dann oftmals
    von eine*r Moderator*in sortiert wieder in den Videokanal eingepflegt werden. Lästereien und sonstiges werden in privaten Chats unter vier Augen gepflegt.
    Diese Dualität von schriftlichen und gesprochenen Nachrichten ist anspruchsvoll und dadurch durchaus erschöpfend. Die Schriftsprache scheint dabei insgesamt über Chats, Tweeds oder die gute, alte E-Mail noch an Bedeutung zu gewinnen (wenn auch unter zunehmend fahrlässigem Umgang mit Rechtschreibung und Grammatik), aber der ebenfalls steigende Anteil von gesprochenen Nachrichten wie z.B. voice-Mails weist auf eine andere Entwicklung hin. Hier wird interessant, ob es sich um funktionsdifferenzierte Kommunikation handelt oder eine Frage sozialer Distinktion ist.

Betriebliche Handlungsfelder

Für die Arbeit betrieblicher Interessensvertretungen, genauso wie für HRler*innen, die sich als strategische Partner verstehen, entsteht Diskussions- und Handlungsbedarf in den zentralen Feldern von Arbeitszeit, Entgelt, Arbeitsgestaltung und Health Care, die nun nachstehend dargestellt werden sollen.

  • Arbeitszeiten
    Im Home-Office gibt es keine Stechuhren, weshalb sich entweder die Frage einer Arbeitszeiterfassung neu stellt oder die Zeiterfassung schlicht in Frage gestellt werden muss. Das Paradox bei Anwesenheit im Betrieb stechen zu müssen und im Home Office das Vertrauen des Unternehmens zu genießen, ist nicht unendlich lange durchzuhalten und sollte aufgelöst werden, wobei selbstredend auch das Urteil des EuGH zur Zeiterfassung Berücksichtigung finden muss.Nun ist es an der Zeit, sich vor Augen zu führen, dass nur etwa ein Viertel aller Beschäftigten im Homeoffice oder mobil arbeiten kann. Trotzdem ist das Thema als das Highlight digitalen Arbeitens in aller Munde und wird als Ursprung neuen Zeitwohlstands und der Vereinbarkeit von Privatheit und Beruf gefeiert. Davon sind aber dreiviertel aller Beschäftigten ausgeschlossen, was eine neue Dimension sozialer Ungleichheit eröffnet, die auch vor dem Hintergrund von Wertewandel und Individualisierung durchaus Sprengstoff hat, weil das Homeoffice als Gelegenheit wahrgenommen wird individuelle Bedürfnisse und Lohnarbeitsanforderungen zu integrieren, während sie für viele Beschäftigtengruppen strikt getrennt bleiben werden. Das ist selbstredend nicht für Jeden oder Jede schlimm, denn nicht alle wollen im Homeoffice arbeiten. Es gibt durchaus einen Anteil von Beschäftigten, die gerne wegen der sozialen Kontakte zur Arbeit gehen wollen, so wie die Meisten ja nicht unbedingt wegen des Lernens in die Schule gegangen sind.Scheinbar harmloser kommt in dem Zusammenhang die Frage daher, wie denn in Zukunft Personal für Berufe gewonnen werden sollen, die offensichtlich keine Perspektive bieten jemals im Homeoffice zu arbeiten. Die Frage hat aber durchaus existentielle Bedeutung, wenn an die vielen Schilder im Einzelhandel gedacht wird, die die Schließung aus Personalmangel verkünden. Das liegt ja vielleicht nicht nur an der bescheidenen Lohnhöhe, sondern auch am mangelnden Zeitwohlstand der Beschäftigten und vor allem wohl am Arbeitsklima.
  • Entlohnung
    Wenn sich Arbeitszeiten verändern, wenn Sie sich ausdifferenzieren oder irgendwo integriert werden, geraten ganz sicherlich auch zeitbasierte Entlohnungssysteme, insbesondere aber der Stundenlohn, unter Druck.
    Die eh angebrachte Kritik, dass sich kommunikative, kreative oder konzeptionelle Tätigkeiten schlecht in einem engen Zeitkorsett, aber eben auch schlecht in einem zeitbasierten Entlohnungssystem abbilden lassen, verstärkt diesen Druck zusätzlich.
    Wo wird sich also die Thematik hin entwickeln? Werden sich die Belegschaften von Lohnabhängigen zu Gehaltsempfängern entwickeln und wie werden diese Gehälter definiert?Das ist eine große Herausforderung für die Tarifpolitik, die sich fragen muss, an welche Kriterien oder Kompetenzen die Entlohnungshöhe gekoppelt überhaupt gekoppelt werden kann und wie das objektiv gemessen werden soll? In der Folge stellt sich dann auch die Frage wie denn Teilzeitgehälter berechnet werden oder was dann aus dem Mindestlohn wird?
    Das wird spannend!
  • Arbeitsgestaltung
    Seit einigen Jahren werden neue Bürowelten gestaltet, die statt eines festen Arbeitsplatzes funktionsadäquate Arbeitsgelegenheiten bieten, die vom Besprechungsraum über die Telefonzelle bis zur Klause alles bieten, was gebraucht wird. Nun erweitert sich diese funktionsadäquate Differenzierung über das Betriebsgelände hinaus auch auf den mobilen Arbeitsplatz oder das Homeoffice, die sehr unterschiedlich ausgestattet sind, was mit individuellen Dispositionen des und der jeweiligen Beschäftigten zusammenhängt. Daraus ergeben sich recht differenzierte Anforderungen an die Ergonomie des mobilen Büros. Hier muss nämlich der Einzelarbeitsplatz im Vordergrund stehen und standardisierte Lösungen werden nicht helfen. Es wird auch nicht qua Verfahrensanweisung und Vorschrift funktionieren, sondern mit der Qualifizierung der Beschäftigten, die lernen müssen, die Ergonomie ihrer Arbeitsplätze einschätzen zu können. Das ist der erste Schritt, denn nicht alle werden bei Defiziten auch Abhilfe schaffen.
    Insgesamt wird es also darum gehen, diese neue Entwicklung als städte- und wohnungsbaupolitisches Thema auf die Agenda zu setzen, genau wie es steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten geben muss, die die Ergonomie des mobilen Büros unterstützen, wobei hier aber auch die Arbeitgeber nicht aus der Pflicht gelassen werden dürfen. Es muss ja nicht immer das billigste Laptop sein…Im Zusammenhang mit der Ausweitung der funktionsdifferenzierten Arbeitsgelegenheiten bis ins eigene Zuhause, stellt sich auch die Frage nach der Funktion des innerbetrieblichen Schreibtisch als Verrichtungsstätte von Arbeit, der nun im direkten Wettbewerb mit dem heimischen Desktop steht. Der Funktionsverlust, selbst wenn dieser nicht umfassend ist, eröffnet den Raum über Bürolandschaften nachzudenken, die deutlich mehr als Orte der Begegnung, der Kommunikation und der Kreativität dienen können, als das bisher der Fall ist.Was aber dabei generell von Nöten ist, sind Leitplanken und Spielregeln für das zukünftige Miteinander, über das was und wie der Zusammenarbeit, insbesondere auch ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann Präsenz nötig und wann Online-Meetings hilfreich sind. Da betreten wir noch Neuland.
  • Health Care
    Die Entwicklungen, die bis hierhin dargestellt wurden, bieten auch neue Herausforderungen für den Arbeits- und Gesundheitsschutz, insbesondere für den Bereich der psychischen Belastung.
    So berichteten Kolleg*innen von Phasen betrieblicher Vereinsamung, in denen Sie alleine im Großraumbüro gearbeitet haben und nur vereinzelt andere Mitarbeiter*innen oder Führungskräfte zu Gesicht bekommen haben. Und je nach individueller Disposition und privater Situation bedeutet so etwas, dass der einzige Sozialraum persönlicher Begegnung, den der Arbeitsplatz für viele Menschen eben auch darstellt, wegfällt.
    Und vielleicht schrumpft dieser Sozialraum ja nach der Pandemie dauerhaft und es entsteht die Aufgabe, Alternativen zu schaffen und achtsam zu bleiben, was das mit den Menschen macht.Das wäre dann auch die vornehmste Aufgabe für Führungskräfte, das Team zeit- und raumunabhängig als Team zusammenzuhalten, die Einzelnen im Blick zu behalten, aber das Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei wird das quasi naturgemäß weniger über Kontrolle, als über Vertrauen geschehen können. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an das Projektmanagement, weil Aufgaben und Lieferzeitpunkte als Deadline zur Aufgabenerbringung ja nun stärker in den Fokus geraten, eben weil ja zeit- und raumunabhängig gearbeitet wird.
    Das stellt auch Führungskräfte vor neue Herausforderungen, die durchaus belastend sein können.

Fazit

Zusammenfassend soll festgehalten werden, dass derzeit zwar nur 25% aller Beschäftigten im Home Office oder mobil arbeiten. Aber diese neue Form des Arbeitens hat das Potential auf das gesamte Arbeitsleben zu wirken, wie vorstehend aufgezeigt wurde. Von daher sind die Akteure von Gewerkschaften über die Arbeits- und Sozialwissenschaften bis hin zu den Arbeitgeberverbänden gefordert, sich diesen Fragen zu stellen, zu forschen und zu gestalten. Die Pandemie hat allerdings wie ein Katalysator auf einige Aspekte der digitalen Transformation gewirkt, weshalb der Druck auf die Beantwortung der Gestaltungsfragen in den kommenden Monaten betrieblich schnell steigen wird, auch weil ein beginnendes Roll Back hin zu konsequent betrieblich abzusitzender Anwesenheitszeit vereinzelt bereits zu beobachten ist. Der Beitrag konnte aber hoffentlich dazu inspirieren und motivieren, an einer zukunftsorientierten Gestaltung der digitalen Transformation zu arbeiten. Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

Wir müssen mehr ändern als den Antriebsstrang!

Zusammen mit Lisa Badum, klimapolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, und Anderen habe ich eine Stellungnahme zu der geforderten „Abwrackprämie 2.0“ entwickelt und auf Alternativen dazu hingewiesen.

Mit dabei sind

  • der Konzernbetriebsratsvorsitzenden der Schaeffler AG, Norbert Lenhardt,
  • und der Betriebsratsvorsitzende der ZF Friedrichshafen AG, Schweinfurt und
    Vorsitzende des europäischen Betriebsrats, Oliver Moll
  • sowie der Betriebsratsvorsitzenden von Kennametall am Standort Ebermannstadt, Thomas Bauernschmitt.

Die drei Kollegen repräsentieren allein im fränkischen Raum rund 30.000 Beschäftigte!

Die Transformation der Automobilindustrie hat längst begonnen und die Pandemie kann nicht der Anlass sein, das Rad zurückzudrehen, sondern eher im Gegenteil Beschäftigung und Standorte durch Innovation und Investition in Produkte für eine nachhaltige Zukunft zu sichern!

Ich bitte um weitere Verteilung, Feedback und Kommentare.

 

Wir müssen mehr ändern als den Antriebsstrang –

Beschäftigung sichern durch Strukturwandel statt Konsumstrohfeuer

Die aktuelle Diskussion um eine Autoprämie darf keine Wiederholung der Abwrackprämie bringen. Das trifft nicht den Kern der Sache. Die Automobilindustrie wird weder allein durch eine Prämie für Elektroautos noch für Hybride, und in keinem Fall durch eine Prämie für fossile Autos gerettet. Wir müssen deutlich mehr ändern als die Technologie am Antriebsstrang!

Jahrzehntelang führten Autos aus Bayern und Kfz-Teile aus Franken die Weltspitze der Automobilbranche an. Damit das so bleibt, muss sich was ändern – denn die Welt dreht sich weiter und Franken mit. Große Veränderungen tun sich auf: Die globalen Weltmärkte und internationalen Lieferketten werden durch Handelsblockaden und Brexit-Umsetzung konfrontiert, neben der Antriebstechnik wandelt sich die Nachfrage nach Mobilität und neue digitale Anwendungen halten Einzug in Produktionsprozesse und alltägliche Mobilitätskonzepte. Verschärft wird die Krise durch die Corona-Pandemie. Nach Meinung von ExpertInnen kann das Wirtschaftswachstum im Jahr 2020 um –7% einbrechen.

Aber: Die Autokrise war bereits da, als der Auto-Absatz in Deutschland noch stabil war. 75 Prozent der Produkte der deutschen Automobilindustrie gehen ins Ausland.

Die Autobranche braucht Ideen, die ihre Vielfalt und die verschiedenen Standbeine der Mobilität widerspiegeln

Die Autobranche ist vielfältig. Die Hersteller wie VW, Daimler, Audi und BMW sind in einer gänzlich anderen Situation als kleine Zulieferbetriebe.  Das reicht von der Eigenkapitaldecke bis hin zur Tarifbindung. Wer die Transformation einleiten will, darf deshalb nicht nur über ein Instrument reden, sondern muss das Ziel der Transformation der gesamten Branche im Auge haben. Die Zulieferer leiden seit Jahren unter dem großen Kostendruck der Hersteller. Manche haben sich aufgrund der großen Dominanz der Automobilindustrie aus dem Zulieferergeschäft zurückgezogen.

Zulieferer entwickeln laufend innovative Produkte

Trotzdem haben viele auch unter schwierigen Bedingungen Produkte für veränderte Gegebenheiten entwickelt. Große Zulieferer wie Schaeffler mit dem elektromechanischen Nockenwellenversteller, der sowohl im Verbrenner als auch im Hybridauto einsetzbar ist oder ZF Friedrichshafen mit dem Drehmomentwandler für Verbrenner und Hybridantriebe, sowie Produkten für batterieelektrisch angetriebene Fahrzeuge. Andere Zulieferer haben seit jeher mehrere Standbeine. Beispielhaft hierfür steht der Standort von Kennametal im Landkreis Forchheim mit 500 MitarbeiterInnen, die neben der Autoindustrie auch Werkzeuge an die Frackingindustrie, aber auch an die Kakaoindustrie, Luft- und Raumfahrttechnik und die Busindustrie liefert und ebenso Schneidkörper für Wälzlager für Windkraftwerke produziert.

Ein Investitions- und Konjunkturprogramm für die Automobilindustrie muss diese Diversität beachten und die Transformation der Branche, sowie den Umbau in neue, nachhaltige Produktwelten voranbringen. Dabei muss die Sicherung von Beschäftigung und Standorten im Vordergrund stehen.

Die Krise der Autoindustrie ist keine Corona-Krise. Der Fehler liegt im System. Alte Instrumente wie die Autoprämie verlängern das Leiden, die Sicherung von Standorten und Beschäftigung wird jedoch nur mit einem Maßnahmenpaket gelingen, das Innovation und Transformation fördert!

Denken wir die Autoindustrie endlich mutig als Mobilitätsindustrie. Viele Zulieferer tun dies bereits. Die Industriesparte der Schaeffler AG beispielsweise liefert in den Bereichen Energiegewinnung, über Fahrrädern und Bahn bis zu Automatisierungstechnik zu.

Dabei geht es neben der Weiterentwicklung des Automobils an sich auch um neue Produkte und Dienstleistungen vom Lastenfahrrad bis zum Carsharing und von der Ladesäulenproduktion bis hin zur Softwareentwicklung. Die intelligente Vernetzung von Mobilitäts- und Energiewende ist dabei Bedingung fürs Gelingen! So wird beispielsweise nur durch die flächendeckende Bereitstellung von sauberem Strom eine CO2-neutrale Produktion von Stahl realisiert auf die Autohersteller, ebenso wie Windkraftanlagenbetreiber angewiesen sind, wenn sie klimaneutrale Herstellprozesse nachweisen müssen.  Unterstützen wir also die Zulieferer, indem wird die Energiewende stärken und neue Synergien schaffen.

Es sind in erster Linie die Menschen, die die Branche stark machen

Die Zukunftsfähigkeit der Branche hängt an ihrer Innovationskraft. Das größte Kapital sind die Menschen und ihre Know-How!  Diese Kompetenzen reichen von den Montagen und Fertigungen bis in die Büros. Zusammen mit den Beschäftigten muss nun überlegt werden, welche zukunftsfähigen Produkte mit den vorhandenen Kompetenzen, auch jenseits des Automobils entwickelt und produziert werden können. Das ist eine sehr grundsätzliche Arbeit, weil es schwer fällt nach vielen Jahren Neues zu denken, aber die Produktionsumstellungen der letzten Wochen (Herstellung von Schutzmasken) sind ein gutes Beispiel dafür, dass es geht.

Der weitere Kompetenzaufbau durch Qualifizierung und Qualifizierungszeiten ist dabei gerade auch vor dem Hintergrund der Digitalisierung, die in den letzten Wochen einen ungeheuren Schub erlebt hat, für alle Beschäftigtengruppen vom Un- und Angelernten bis hin zum Hochschulabsolventen dringend nötig!

Die Corona-Krise darf nicht als Ausrede genutzt werden, Sparpakete und Entlassungen zu rechtfertigen.

Die Beschäftigten wissen seit Monaten um die Krise in der Autoindustrie. Es liegen viele umsatzstarke Jahre und bewusst herbeigeführte Überkapazitäten in der Pkw-Produktion hinter dem Sektor, die bereits vor der Corona-Krise aufgelaufen sind. So wurden fast flächendeckend Beschäftigungssicherungen ausgesprochen, die im Gegenzug mit Kostenreduzierungen und Sparpaketen erkauft wurden. Nun sind diese Vereinbarungen durch Corona in Gefahr. Falls es zu betriebsbedingten Kündigungen kommen sollte, werden wir uns klar dagegen wenden.

Eine Hilfe für die Automobilindustrie muss das verhindern. Die Beschäftigten sind in der Krise in Vorleistung gegangen sind und müssen jetzt als Träger der Transformation und des Wandels mitgenommen werden. Es darf nicht sein, dass die Beschäftigten jetzt zu den Verlierern der Situation gemacht werden. Das heißt auch und gerade jetzt, dass die betriebliche Mitbestimmung essentiell ist. Ein regionaler Industriedialog mit BetriebsrätInnen und der Bevölkerung ist jetzt wichtiger als je zuvor.

 Lisa Badum MdB
„Als Klimapolitikerin und Abgeordnete für Oberfranken – einer Region im Umbruch, in der ein Fünftel der Beschäftigten in der Automobilzuliefererbranche arbeiten – weiß ich, wie wichtig es ist, dass eine Region Zukunftsakteure stärkt und eine Zukunftsvision hat.“

Norbert Lenhard
„Als Vorsitzender des Konzernbetriebsrats der Schaeffler AG vertrete ich allein in Franken ca. 22.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir müssen uns bereits jetzt auf die nächsten Schritte nach Bewältigung der Folgen der Pandemie vorbereiten. Für die Zeit nach der Rezession werden die Weichen jetzt gestellt. Wir brauchen Zukunftsvereinbarungen, die Standorte und Beschäftigung sichern und den Wandel unterstützen.“

Oliver Moll
„Ich bin Vorsitzender des Betriebsrats am Standort Schweinfurt und des europäischen Betriebsrats der ZF Friedrichshafen AG. Als überzeugter Europäer sehe ich den New Green Deal als
Kompassnadel für Investitions- und Konjunkturprogramme. Wir müssen die Zukunft sozial und ökologisch angehen, weil nur das auch ökonomisch eine Perspektive im Weltmaßstab hat.“

Klaus Mertens
„Als Referent für den Betriebsrat der ZF Friedrichshafen erlebe ich die Corona-Krise nicht als Auslöser, sondern als Katalysator großer Veränderungen in der Branche. Bereits im zweiten Halbjahr 2019 sind vielerorts Sparpakete und zumeist sozialverträglicher Personalabbau vereinbart worden. Das wird sich in dieser Situation verschärfen und wir brauchen nun erstens Sicherheit für Standorte und Beschäftigung und zweitens, Innovationsoffensiven, die den Wandel der Branche und die Konversion in neue nachhaltige Produktwelten eröffnen.“

Thomas Bauernschmitt
„Als Betriebsratsvorsitzender von Kennametal am Standort Ebermannstadt weiß ich, wie dringend die Arbeitnehmer Antworten auf die unzähligen Fragen erwarten. Gerade jetzt in diesen unruhigen Zeiten gilt es Bündnisse zu bilden und Ideen zu entwickeln, wie Beschäftigung gesichert werden kann und sich die Unternehmen zugleich für die Zukunft aufstellen können. Dafür muss es ein gemeinsames Interesse von Politik, Arbeitgebervertretern sowie Gewerkschaftern und Arbeitnehmervertretern geben, um den Menschen die Angst auf Arbeitsplatzverlust und finanzielle Schwierigkeiten so gut es geht zu nehmen.“

 

Aufbruch – in eine lebenswerte Zukunft investieren!

Der Gesprächskreis „Die Transformateure“, dessen Mitglied ich bin, hat sich in seiner bekannt vielfältigen Mischung, die der Mitglieder_innenliste zu entnehmen ist, in den vergangenen Tagen Gedanken zu den Anforderungen an ein Konjunktur- und Investitionsprogramm gemacht. Dabei geht es uns darum, dieses Programm als Vehikel zu nutzen, um die notwendige sozial-ökologische Transformation nach Vorne zu bringen. Leider mehren sich die Anzeichen, dass das kein Automatismus ist.
Dieses Papier versteht sich deshalb als Beitrag dazu, die Debatte in die Richtung sozialen und ökologischen Fortschritts zu entwickeln.
Ich freue mich über Rückmeldungen, Anmerkungen und Weiterverbreitung.

Aufbruch – in eine lebenswerte Zukunft investieren
Sozial-ökologische Transformation als Leitlinie für Investitionsprogramme
Die Covid-19 Pandemie hat nachdrücklich in Erinnerung gerufen, wie wichtig ein funktionierender Staat zur Sicherung der Grundversorgung und des Daseinsschutzes ist. Neben den aktuellen Herausforderungen wird in diesen Wochen über die anschließenden Maßnahmen und Investitionsprogramme zur Wiederankurbelung der Wirtschaft debattiert und entschieden.

Es gilt also bereits heute wichtige Lehren aus der Pandemie zu ziehen und zukunftsgerichtet zu entscheiden. Gesundheitsvorsorge und Klimaschutz sind auf das engste verknüpft. Ein Beispiel sind die Wetterextreme, die etwa bei großer Sommerhitze zu zahlreichen Toten führen. Der immer stärkere Druck auf die Tierwelt und Ökosysteme verstärkt die Anfälligkeit für Epidemien. Die Feinstaubbelastung als Teil der Luftverschmutzung erhöht diese Anfälligkeiten ebenfalls.

Die sozial-ökologische Transformation zu einer nachhaltigeren Entwicklung sollte die Leitlinie für die anstehenden Maßnahmen und das Konjunkturprogramm sein. Es ist die Aufgabe, damit zukunftsfeste Arbeitsplätze zu sichern, den Klimaschutz in der gebotenen Dringlichkeit voranzubringen, die Artenvielfalt und ökologische Vielfalt zu erhalten sowie lebenswerte Städte und Gemeinden zu fördern: erneuerbar, klimaverträglich, gerecht und sozialverträglich. Anders formuliert: Lebensqualität stärken und Systeme wetterfest machen.

Neben Sofortmaßnahmen ist die Resilienz des Gesundheitssystems dauerhaft zu verbessern. Ebenso sind der Alten- und Pflegebereich sowie die Kitas und die Bildung von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Die Berufe in diesen Bereichen sind aufzuwerten und ihrem Wert entsprechend zu entlohnen. Kulturschaffende, Gastronomie und lebenswerte Städte und Gemeinden sind kein Luxus, sondern sie prägen die Vielfalt des Landes.

Die Krise hat nachdrücklich erlebbar gemacht, welchen Wert Lebensmittel haben, wie leicht Lieferketten reißen können, welche inhumanen Arbeitsbedingungen etwa in der landwirtschaftlichen Gemüseproduktion ganz in unserer Nähe toleriert werden. Die Pandemie kann zur treibenden Kraft für Reformen in der Ernährung und in der Agrarpolitik werden. Es ist ein Wandel, der längst überfällig ist, hin zu einem umsichtigen, sorgsamen und vorausschauenden Umgang mit lebenswichtigen Ressourcen.

Gerade in Zeiten, in denen vorübergehend Abgrenzungen erforderlich sind, ist es wichtig, dass internationale Verantwortlichkeit übernommen wird. Deshalb ist komplementär zu Investitionsprogrammen ein ressourcenorientiertes Lieferkettengesetz zu verabschieden.

Die Krise der Automobilindustrie hat bereits vor dem Ausbruch der Pandemie mit niedrigeren bzw. stagnierenden Stückzahlen, neuen Technologien im Produkt und Automatisierung/Digitalisierung in allen Unternehmensprozessen begonnen. Die Pandemie ist also keinesfalls Ursache der Probleme, sondern kann durchaus als Katalysator auf dem Weg zu einer nachhaltigen Mobilität wirken. Denn viele Menschen machen gerade die Erfahrung sauberer und lebenswerter Städte, guter Luft und einer neuen Wertschätzung von Nähe. Wer also auch immer die Krise nutzen will, um auf dem Pfad hin zu nachhaltiger Mobilität umzukehren, ist auf dem Holzweg!

Die sich abzeichnenden Konjunktur- und Investitionsprogramme müssen fokussiert in Richtung resiliente Wirtschaft und nachhaltige Mobilitätswende zugeschnitten werden. Das bedeutet für die Mobilitätsindustrie neben der weiteren Transformation der Automobilindustrie insbesondere:

  • die Stärkung des ÖPNV und die Förderung von Elektro/Wasserstoff-Antrieben sowie
  • die Stärkung der kommunalen Infrastrukturen für eine aktive Mobilität.

Die Energiewende muss Vorrang bekommen und die in den vergangenen Jahren aufgebauten Hemmnisse sind zügig abzubauen. Ein Programm zum Ausbau einer Metall-Recycling-Infrastruktur ist aufzulegen, das dem Einstieg in eine Kreislaufwirtschaft den nötigen Schub gibt.

Der Klimaschutz ist ein Kernstück der sozial-ökologischen Transformation. Einen besonders wirksamen Beitrag zum Klimaschutz leisten in unseren Breitengraden Moore (hohe CO2-Bindung). Es ist ein groß angelegtes Programm zur Erhaltung und zur Wiederherstellung von Mooren auf den Weg zu bringen. Dieses Programm dient zugleich dem Hochwasser- und Grundwasserschutz sowie dem Erhalt der Biodiversität. Ebenso wichtig ist die CO2-Bindung durch Humusaufbau einer ökologischen Landwirtschaft.

Die aktuelle Trockenheit in vielen Regionen Deutschlands ist ein ernstes Warnsignal des Klimawandels. Über den Brandschutz hinaus ist nachhaltig in Brandprävention zu investieren. Dementsprechend ist die Bewirtschaftung der Wälder in eine naturnahe Waldwirtschaft massiv weiter zu entwickeln und ein Umbauprogramm reiner Nadelwälder in Mischwälder aufzusetzen.

Die Covid-19 Pandemie ist ebenso eine globale Herausforderung wie die Klimakrise. Damit wird die globale Koordination der Staaten umso wichtiger. Zugleich sind entschlossen nationale Antworten zu geben. Beispielsweise ist einerseits eine Re-Adjustierung der Lieferketten erforderlich, etwa die Produktion von Arzneimitteln für die Grundversorgung in Deutschland bzw. Europa. Andererseits sind Grenzziehungen nur als vorübergehende Krisenmaßnahmen angebracht. Vielmehr ist Weltoffenheit und Austausch zu fördern. Nationale Abschließungen und neue Grenzzäune, tatsächlich und mental, sind zu vermeiden.

Viel zu viele Jahre wurde das Mantra vorgetragen: Maßnahmen zum Klimaschutz, zur Mobilitätswende, zum Artenschutz – geht gerade leider nicht, kostet zu viel, gefährdet Arbeitsplätze. In der jetzigen Pandemie-Krise wurde über Nacht sichtbar: Plötzlich geht doch ganz viel. Plötzlich wird Wissenschaft ernst genommen. Je früher die anstehenden Aufgaben für eine sozialökologische Transformation angegangen werden, desto besser. Je länger nicht vorgesorgt wird, desto höher werden die späteren Kosten für unterlassene Vorsorge ausfallen: too little too late.

Es ist ein Konjunkturprogramm aufzulegen, das einen Aufbruch in eine lebenswerte Zukunft verkörpert. Dieses Programm muss auf Verstetigung angelegt sein. In der Vergangenheit gab es viel zu oft gute Einzelprojekte, aber kein konsequentes Umsteuern in Richtung Nachhaltigkeit. Es gilt, Chancen zu nutzen und in eine sozial gerechte und ökologisch verträgliche Zukunft zu investieren: die sozial-ökologische Transformation auf den Weg bringen – weltoffen und solidarisch!

Die Transformateure sind eine Gruppe von Personen, die für die sozial-ökologische Transformation in Richtung einer nachhaltigeren Entwicklung aktiv sind.
Mitglieder:
Dr. Eberhard Faust, Forschungsleiter Naturgefahren und Klimarisiken, Munich Re, München
Dr. Andrea Fehrmann, Leiterin Abteilung Industrie-, Beschäftigungs- und Strukturpolitik, IG Metall Bayern, München
Adrian Ganz, Coaching, Mediation und Teamentwicklung, PolitikLabor, München
Martin Geilhufe, Landesbeauftragter, BUND Naturschutz in Bayern, München/Nürnberg
Josef Göppel, Energiebeauftragter BMZ für Afrika, Vorsitzender Deutscher Verband für Landschaftspflege, Bundestagsabgeordneter 2002 – 2017, Herrieden
Dr. Martin Held, freier Mitarbeiter Evangelische Akademie Tutzing, Koordinator Die Transformateure, Tutzing
Johann Horn, Bezirksleiter IG Metall Bayern, München
Dieter Janecek MdB, Mitglied Ausschuss Wirtschaft und Energie, Ausschuss Digitale Agenda und Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz, Deutscher Bundestag, Berlin
Mattias Kiefer, Umweltbeauftragter Erzbistum München und Freising, Sprecher der AGU – Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der deutschen (Erz-)Diözesen, München
Silvia Liebrich, Redakteurin Ressort Wirtschaft, Süddeutsche Zeitung, München
Richard Mergner, Landesvorsitzender, BUND Naturschutz in Bayern, Nürnberg
Klaus Mertens, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Betriebsrat ZF Friedrichshafen AG, Standort Schweinfurt
Manfred Neun, langjährig Präsident ECF – European Cyclists’ Federation, Memmingen
Jörg Schindler, Vorstandsmitglied ASPO Deutschland – Association for the Study of Peak Oil and Gas, langjährig Geschäftsführer Ludwig-Bölkow-Systemtechnik, Neubiberg
Prof. Dr. Irmi Seidl, Leiterin Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, Zürich
Prof. Dr. Hubert Weiger, Mitglied Rat für nachhaltige Entwicklung, Ehrenvorsitzender BUND Naturschutz in Bayern, Ehrenvorsitzender BUND – Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Fürth

a view from inside the box oder Don`t waste the crisis!

Ich glaube, es ist gerade in diesen Zeiten der Pandemie wichtig, laut darüber nachzudenken, wie aus dem täglichen Tun in den Betrieben nachvollziehbare Bezüge zu den notwendigen, grundlegenderen Debatten abgeleitet werden können, um das Danach aktiv gestalten zu können.
Ich spreche dabei von „den“ Betrieben, weil es zum Teil eigenes Erleben, zum Teil aber auch die Wiedergabe von Gesprächen mit einem Teil von Euch ist.
Ich habe meine Gedanken entlang von fünf Themenclustern strukturiert, um abschließend aufzuzeigen, wo Erfahrungen aus Corona-Zeiten auf ein „buen vivir“ danach verweisen.

1. Die Corona-Krise ist ja nur das i-Tüpfelchen.
Insbesondere bei den Automobilzulieferern ist ja bereits seit dem 3. Quartal 2019 Krisenstimmung, die Sparpakete sind längst aufgerufen und von Audi bis ZF sind Beschäftigungs- und Standortsicherungsverträge verhandelt worden. Die haben wahrscheinlich alle eine Hagelschlagsklausel und hie und da ist zu hören, dass diese Klausel arbeitgeberseitig gezogen werden soll, um die Sparschraube nochmal weiter zu drehen und evtl. betriebsbedingte Kündigungen nicht länger ausschließen zu müssen.

2. Daily Business: Kurzarbeitsverhandlungen und Sozialpolitik
Derzeit geht es in den Betriebsräten hauptsächlich um die betriebliche Ausgestaltung der Kurzarbeit mit all den detailreichen Tücken eines solchen Unterfangens. Da beschäftigen sich die Betriebsräte nun z.B. gerade damit, wie sich Kurzarbeit auf die Höhe des Elterngelds zukünftiger Mütter und Väter auswirkt und ab wann den zumindest Schwangere deshalb von der Kurzarbeit ausgenommen werden müssten. Diese Detailfragen gibt es wie Sand am Meer, wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt. Das absorbiert viel Kapazität, erzeugt aber viel Kompetenz zu Fragen des SGBIII.

3. BR und VK goes new work.
Von der Digitalisierung wird vielerorts gesprochen, und nun hält die Digitalisierung mit Gewalt Einzug in die bislang reichlich analoge Arbeitsstruktur der Gremien. BA/BR-Sitzungen via Skype, Verhandlungen mit dem AG als Videokonferenz, ein deutlich höheres Maß verschriftlichter Kommunikation via chat, whats app und was auch immer. Bereichsbetriebsräte im Homeoffice, deren Kalender bislang mit face-to-face Kommunikation und Terminen gefüllt waren, müssen lernen das virtuell zu organisieren, die Ergebnisse zu verschriftlichen und weiter zu verteilen. Das lief sonst zwischen Tür und Angel. Nun erzwingt sich eine Professionalisierung der Arbeit, die manche auch überfordert.

4. Die Transformation geht unter kapitalistischen Vorzeichen weiter
Der Umbau der Branche geht weiter und das Personalkarussell bei OEMs und Zulieferern rotiert fröhlich weiter und Portfoliobereinigungen und Zukäufe werden nicht mehr eingefangen, selbst wenn das gewollt wäre. Das ist alles keine progressive Transformation, sondern das Arbeiten an Umsätzen und Rendite in einer Welt, deren Transformation ausschließlich in der Elektrifizierung des Antriebsstrangs und a bisserl autonomes Fahren besteht.

5. Der Kapitalismus frisst seine Kinder
In der Zulieferindustrie stehen die Margen ja ständig unter Druck, gleichzeitig gibt es notwendige Investitionen, die den avisierten Wandel der Branche möglich machen und bislang auch mit billigem Geld durchaus handhabbar finanziert werden konnten. Nun ändern sich die Ratings und Umsätze brechen ein, was einzelne Unternehmen in irgendwas zwischen Rentabilitäts- und Liquiditätskrise schliddern lässt. Das werden nicht alle Unternehmen schadlos überstehen.

6. Und nun?
Das alles trifft die betriebliche Mitbestimmung ganz aktuell. Und es ist an uns, Ansätze zu entwickeln, die im Sinne einer Arbeit an der sozial-ökologischen Transformation diese Alltagserfahrungen nutzbar machen.
Ich denke an
• die Digitalisierung von Beteiligungsprozessen und die Konsequenz von digitaler Meinungsäußerung
• die Erfahrung mit dem Sozialstaat und seinen Institutionen
• die Erfahrung von Immobilität, ihrer digitalen Kompensation und dem Gewinn von Lebensqualität und -zeit.
• das – zumeist virtuelle – Erleben von Delfinen in der Bucht von Venedig und der – hoffentlich realen – Erfahrung
• von sauberer Luft in unseren Städten
• die homöopathische Erfahrung von Konsumentzug
• die Handlungsfähigkeit und -geschwindigkeit von Politik, die im krassen Widerspruch zu den Zögerlichkeiten in der Klima- und Ressourcenpolitik steht.

Ich hoffe, es ist gelungen einen Eindruck zu vermitteln, was auf betrieblicher Ebene gerade los ist und hoffe damit aber auch einen Beitrag zur Debatte liefern zu können, wie wir auch in Corona-Zeiten die notwendigen Veränderungen im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation vorantreiben können.

2019 – stade Zeit – 2020

Das war 2019

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
geschätzte Mitstreiterinnen und Mitstreiter
und Freundinnen und Freunde,

2019 war ein weiteres Jahr der Zuspitzung von Klimawandel, Ressourcenknappheit
und sozialer Frage. Die aktuelle Neuformierung politischer Blöcke und sozialer Klassen
ist eine Reaktion darauf. Dabei stimmt sicherlich nicht alles hoffnungsfroh, weil auch
autoritäre Konzepte Zuspruch erfahren, die wissenschaftliche Erkenntnisse und damit
schlussendlich das Projekt der Aufklärung schlicht ignorieren.

Etablierte Gewohnheiten, Lebensstile und Produktwelten stehen zur Disposition und
der „Wind of Change“ liegt in der Luft, entweder als krisenhafte Reaktion auf die
sozial-ökologischen Herausforderungen oder als Wunsch nach dem „buen vivir“,
einem guten Leben jenseits von Wachstumswahn, Konsumterror und Egoismus.

Das sind in 2019 Auseinandersetzungen geworden, die nicht länger im Seminar oder
der Stammkneipe geführt werden, sondern auch auf der betrieblichen Ebene. Dort geht
es um das sich-Neu-erfinden und um das Verstehen, dass es so nicht weiter geht, wenn es weitergehen soll. Dabei geht es auch um die Fragen von Arbeit und Beschäftigung, die aktuell wieder mal systembedingt, also konjunkturell unter Druck geraten ist.

Wir leben also in spannenden und fordernden Zeiten, was toll ist. Rock`n Roll!
So empfinde ich das jedenfalls und es war schön mit Vielen zusammen am buen vivir
zu arbeiten, zu streiten, zu feiern und zu genießen, was mich in Summe zufrieden auf
das gehende Jahr blicken lässt.
Dafür ein ganz herzliches Danke!

Ich wünsche allen, die kommenden Tage nutzen zu können, um ein
wenig Kraft zu tanken für die Herausforderungen des kommenden Jahres.
Denn eins ist gewiss: Es geht weiter!

Viele Grüße

Klaus Mertens

 

Great.Transformation.Jena Tagungsbericht Tag 5 und Fazit!

Freitag morgen. Der fünfte Tag bricht an und ich habe das Gefühl, das die Woche wie im Flug vergangen ist. Nun gilt es noch die letzten Veranstaltungen mitzunehmen, aber vorher muss die ferienwohn aufgeräumt und gepackt werden. Das mache ich mit ein wenig Wehmut, weil mir diese Einraumwohnung doch sehr gut gefallen hat und ich mich dort auch wohlgefühlt habe. Aber hilft ja nix. Den Rucksack noch schnell im Schließfach am Bahnhof verstaut und los geht’s.

Ich hatte mich für das Panel „Sinnvolle Arbeit – Arbeit neu denken in der Postwachstumsgesellschaft“ entschieden, obwohl es auch eine interessant besetzte Podiumsdiskussion zur digitalen Transformation gab, aber da hätte ich ja selber sitzen können. Nun sollte sich meine Entscheidung auch nicht als das Gelbe vom Ei erweisen. Die Veranstaltung war nämlich keinesfalls als Serie interessanter Vorträge zum Thema mit anschließender Diskussion angelegt, sondern als open space. Und das ist ja nunmal eine Methode, die gekonnt sein will. Das fängt beim Zeitmanagement an, hört beim Themenmarktplatz nicht auf und wer Themen clustert, sollte das nicht um jeden Preis machen. Ich war bedient und bin dann gegangen. Ich muss mir nicht mehr alles geben.

Nachdem ich die gewonnene Zeit sinnvoll verbracht habe und durch den botanischen Garten geschlendert bin, stand zum guten Ende die Abschlussveranstaltung auf der Tagesordnung. Hartmut Rosa, Klaus Dörre und Stephan Lessenich ließen die Tage Revue passieren und diskutierten munter über die Grenzen der Soziologie bzw. ihren gesellschaftspolitischen Auftrag und die Generierung wissenschaftlicher Wahrheit, die sich für Rosa in der Auseinandersetzung mit Gesellschaft immer wieder erweisen muss und einer empirischen Wissensproduktion im Wissenschaftssystem, die Wahrheit quasi produziert. Sehr launig und klug nahmen sich die drei genauso auf die Schippe, wie es Leute tun können, die acht Jahre lang gut zusammen gewirkt haben. Es war ein schöner Abschluss der Tagung auch wenn es keine richtige Antwort auf die Frage, wie es weitergeht mit der Postwachstumsforschung in Deutschland, wenn der Rahmen der DFG-Forscher_innengruppe nun wegfällt. Ein solcher Nukleus scheint mir dringend von Nöten! Es gibt noch so viel zu tun und denken.

Apropos denken. Zum Schluss möchte ich noch ein Fazit ziehen, in dem ich ein Bild entwickele, wo die Themen des Transformationsdiskurses liegen.
Zunächst scheint mir der physikalische Rahmen sozialen Handelns gesetzt. Klimawandel und Ressourcenknappheit sind die Faktoren, die gesellschaftliche Entwicklung treiben werden und zwar auf allen Ebenen.

  1. Da geht es zunächst um eine Wiederbelebung der Sozialstrukturanalyse, die ausloten muss, welche Formationen da sind, entstehen oder verschwinden und welche mit welcher in welchen Austauschbeziehungen steht.
  2. Das gilt insbesondere auch für die Betrachtung der Arbeitsbeziehungen, die eben nicht nur durchs Klima, sondern auch durch Konjunktur und Computer, sprich Digitalisierung beeinflusst werden.
  3. Mir erscheinen die Ansätze mit Bourdieu, Gramsci oder wem auch immer die kulturelle Dimension gesellschaftlicher Formationen und ihrer Auseinandersetzungen sowohl in der Sozialstrukturanalyse als auch in der Arbeitssoziologie stärker zu betonen, mehr als hilfreich, sondern zwingend notwendig.
  4. Daran anknüpfend erscheint aus dem Ansatz politischer Beratung heraus, die Frage erfolgreicher Narrative für die große Transformation, genau wie die Widerstände dagegen eine wichtige Aufgabe soziologischen Tuns auf allen Ebenen zu sein, von der Gesellschaft bis hin zum Betrieb oder dem Verein.
  5. Diese Narrative werden meiner Meinung nach immer auch die Krise und das Versagen des Kapitalismus als System diskutieren müssen, weshalb auch die Frage komplexer Gesellschaftstheorie auf der Tagesordnung steht.

Das sind so die fünf Punkte, die mir wie ein roter Faden durch diese großartige Woche erscheinen. Das hängt natürlich damit zusammen, dass ich nicht mit allen 1300 Teilnehmer_innen gesprochen habe oder alle der sicherlich mehr als 300 Veranstaltungen besucht habe. Von daher freue ich mich aber von anderen Eindrücken der Tagung mitzubekommen. Und vielleicht gelingt es ja auch den wunderbaren Geist und die Stimmung dieser Konferenz in die kommende Arbeit mitzunehmen.
Ich würde es mir sehr wünschen!

Great.Transformation.Jena Tagungsbericht Tag 4

Lampenfieber. Wie immer. Heute Nachmittag muss ich in die Bütt. Ich werde das in diesem Leben wohl nicht mehr los. Aber egal, Ist ja erst heute Nachmittag. Zum Aufwärmen geht es in ein Panel, das sich mit kollektiven Arbeitszeitverkürzungen beschäftigen will. Nach dem riesigen Erfolg der letzten IG Metall-Tarifrunde und den vielen Menschen, die lieber die Chance auf mehr Freizeit genutzt haben, als noch mehr Geld zu verdienen, steht es geradezu auf der Tagesordnung über weiteren Schritt zur kollektiven Verkürzung der Wochenarbeitszeit nachzudenken. Aber die IG Metall ist erst ganz zum Schluss dran.

Vorher trägt Ursula Stöger (Augsburg) ihre Forschungen zum Thema vor, die sich im Kern auf eine 30h-Woche und einen erweiterten Arbeitsbegriff unter Einbeziehung der CARE-Arbeit beziehen. Hinzu kommt dann eine durchaus denkenswerte Verlängerung der Lebensarbeit, die der weiteren Inklusion Älterer dienen soll. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Arbeit die Menschen nicht fix und fertig macht, was ein anderes Produktions- und Sozialmodell von Nöten machen würde.
Interessant ist der Gedanke die normative Verringerung der Wochenarbeitszeit als Ausgangspunkt für ebendiese systemischen Veränderungen herzunehmen. Die Augsburger Soziolog_innen begründen das auch historisch mit dem Hinweis auf die Arbeitszeitgesetzgebung als erste Intervention in die kapitalistischen Arbeitsbeziehungen. Ob allerdings eine verkürzte Wochenarbeitszeit tatsächlich auch eine Wachstumsbremse wäre, bleibt für mich eine offene Frage. Historisch gesehen kann ja die 35h-Woche auch als ungeheurer Produktivitätsmotor  und Leistungsverdichterin gesehen werden. Hört keiner gern, ist aber so.
Und unabhängig von der wohl stärker zu beleuchtenden wachstumshemmenden Funktion, aber mit Keynes gedacht, steht eine grundsätzliche Arbeitszeitverkürzung und eine andere Verteilung der Wohlstandsgewinne doch längst auf der Tagesordnung. Eigentlich.

Im Nachgang stellt der Altmeister der deutschen Zeitforschung, Ulrich Mückenberger, das Optionszeitenmodell vor, dass er und sein Team entwickelt haben und das den „atmenden Lebensläufen“ gerecht wird. Atmende Lebensläufe ist die Klammer für die Beobachtung, dass sich Lebensphasen immer kleinteiliger gestalten und während früher mit Kindheit – Schule/Ausbildung – Arbeit – Rente alles gesagt war, gibt es heute Weiterbildungsphasen, Eltern- und Pflegezeiten, sowie Sabbaticals oder ehrenamtliche Einsätze im Ausland etc.. Dem soll mit einem zentral geführten Zeitkonto gerechnet werden, von dem Arbeitnehmer_innen im Umfang von etwa 9 Jahren bei Bedarf Zeiten entnehmen können. Zentraler Punkt der Überlegungen ist bei dem Modell, die Care-Arbeit stärker in die Erwerbsarbeit zu integrieren und somit auch die Teilung dieser Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern zu verbessern. Das machen die Schweden auch ganz klug. Die Elternzeit verfällt schlicht, wenn sich die Elternteile die Zeit nich 50:50 teilen. Wahrscheinlich geht’s nur so. Das Optionszeitenmodell macht einen seriösen Eindruck hinsichtlich Konzeption und Zielsetzungen: An den Finanzierungsfragen wird noch gearbeitet.

Dann stellt Dr. Heidi Schroth die Überlegungen der IG Metall vor, die ja eigentlich bekannt sein dürften. Es geht aktuell darum, wie das Thema Arbeitszeiten tarifpolitisch weiterverfolgt wird und wie sich die zweite Runde von verkürzter Vollzeit und T-ZUG darstellt. Es geht auch darum, abzulesen wie hoch das Interesse an weiterer Arbeitszeitverkürzung denn überhaupt ist, weil sich nur daraus die sicherlich notwendige Arbeitskampffähigkeit ableiten lässt. Alles klar. Alles sehr operativ. Die Diskussion um kollektive Arbeitszeitverkürzung als Postwachstumshebel wird leider in der IG Metall eher nicht geführt, scheint mir.

Dann ist auch dieses Panel vorbei. Es war eine gute Einstimmung in die Nachmittagsveranstaltung, bei der ich nun auch nen Part habe. Aber vorher ist Mittagspause, mache mir den Rest Nudeln von gestern warm und versuche mein Lampenfieber in den Griff zu kriegen. Geht aber nicht und so bummele ich noch ein wenig durch dieses wirklich lauschige, aber durchaus quirlige Stadt. Dann stehe ich nur ein wenig zu früh vor den Rosensälen, wo die Sause steigen soll.

Das Panel steht unter der Überschrift „Zeitwohlstand in der Arbeitswelt von Morgen“ und soll aus verschiedenen Perspektiven den Frame Zeitwohlstand genauer fassen. Und das sowohl hinsichtlich seiner Ausgestaltung, als auch der Restriktionen.
Den Einstieg machen Christoph Bader und Hugo Hanbury aus Bern, die in einem spannenden Projekt versuchen die ökologischen Effekte individuell reduzierter Arbeitszeit fassbar zu machen, indem Sie mit Menschen, die reduzieren wollen oder schon reduziert haben Interviews zu ihren Konsumgewohnheiten führen. Dieser Konsum wird dann hinsichtlich seines ökologischen Fußabdrucks bewertbar gemacht und in einer dritten Phase werden die Ergebnisse mit den Teilnehmer_innen der Studie reflektiert. Das ist von daher spannend, weil ja nicht jede Arbeitszeitverkürzung auch einen ökologisch positiven Effekt hat. Es soll nämlich Leute geben, die in jeder freien Minute mit Ryanair oder wem auch immer durch die Gegend fliegen. Und wie ein gesellschaftliches Klima für eine ökologisch vertretbare Zeitgestaltung aussehen soll, ist doch die Gretchenfrage. Vielleicht gibt das Projekt ja weiterführende Auskünfte.

Im Anschluss sprach der Berliner Jochen Dallmer zum subjektiven Wohlbefinden und der Verwendung von Zeit. Und auch er arbeitete heraus, dass die Wertschätzung eines Mehr an Zeit viel mit subjektiven Dispositionen und Konsumvorstellungen zusammenhängt und nicht zwangsläufig nachhaltig sein muss. Aber das es empirische Belege darfür gibt, dass die Zufriedenheit derer größer ist, die mehr machen und tun als kaufen und konsumieren. Klingt komisch, ist aber so!

Im Nachgang dazu stellte Shih-cheng Lien vom DJI das Optionszeitenmodell, das morgens ja schon Ulrich Mückenberger (siehe oben) vorgestellt hatte. So klein ist die Welt der soziologischen Zeitforschung.

Und dann standen Gerrit von Jorck von der TU Berlin, Elena Tzara vom Premium-Kollektiv und ich in der Bütt und stellten entlang der Projektskizze „Zeit-Rebound, Zeitwohlstand und Nachhaltiger Konsum“ das methodische Vorgehen, die inhaltlichen Thesen und die konkreten Interessen der Projektpartner_innen (zu denen ich und dieser Automobilzulieferer für den ich arbeite gehören) vor. Worum geht es?
Ausgangspunkt ist die These, dass die Belohnung für lange Arbeitszeiten und/oder fordernde Aufgaben oft genug in sinnfreiem Konsum aufgelöst werden kann, der vom 70. Paar Schuhe (Ok. die Sinnlosigkeit eines 70. Paar Schuhe wird von dem einen oder der anderen bezweifelt. Ich glaube aber fest daran.) über den immer aller neuesten Weber-Grill bin hin zu Online-Käufen, die nie ausgepackt werden, reichen kann. Wer sich dem Zeitregime oder den Leistungsanforderungen entziehen kann, hat zumindest die Option aus dem Teufelskreis von Arbeiten – Belohnen – Konsumieren auszubrechen. Diese Option ist beim Premium-Kollektiv quasi Gründungsgedanke. Selbst gewählte Arbeitszeiten, Einheitslohn und seit 17 Jahren erfolgreich am Getränkemarkt. Geht doch. Und Elena erzählt das mit so großer Selbstverständlichkeit, das die Möglichkeit einer anderen Welt greifbar im Raum steht.
Dagegen sieht die industrielle Welt in der ich unterwegs bin, anders aus. Dreischichtbetrieb: eine Woche Früh – eine Woche Spät – eine Woche Nacht; bei Wochenendarbeit bis zu zwölf Arbeitstagen am Stück; in getakteten Fertigungen mit nur wenigen Handgriffen. Monotonie. Das reiße ich an und spreche auch den Mythos männlicher Vollerwerbstätigkeit und Arbeit an. Denn der steht einer anderen Arbeitsgesellschaft oft mehr im Weg als zu vermuten wäre. Aber alle die mal versucht haben, ergonomische Schichtsysteme einzuführen, wissen, wie massiv das ist. Deshalb versucht meine kleine Firma auch diesmal nicht über Ergonomie und andere Rationalitäten zu kommen, sondern über das Narrativ des Zeitwohlstands und dem gewünschten Streben danach!
Nach den Impulsvorträgen geht das Panel, vielmehr die Teilnehmerinnen, in drei Arbeitsgruppen, die sich mit Zeitwohlstand aus individueller, gesellschaftlicher und unternehmerischer Ebene entlang der Frage wie Zeitwohlstand im Jahr 2045 aussieht und wie wir ab heute dahinkommen beschäftigen.
Abschließend schauen wir uns die Ergebnisse des kurzen Workshops an und kommen überall eigentlich zu ähnlichen Ergebnissen: Es braucht ordnungspolitische Rahmensetzungen, die von einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung um einen nachhaltigen Umgang mit der Zeit flankiert wird, der den protestantischen Leistungsbegriff genauso angeht, wie die Geringschätzung des Flaneurs.
Da bin ich dabei, da mach ich mit.
Das Panel war gut und ich bin zufrieden mit den Ergebnissen, die sicherlich im Nachgang nochmal genauer angeschaut werden müssen.

Der Tagungstag soll mit einer Podiumsdiskussion zu den Konsequenzen niedrigen Wachstums und der Zukunft Europas zu Ende gehen, aus der dann leider nichts wurde, weil sich außer Karl Aiginger sämtliche Diskutant_innen entschuldigen ließen. Nun war ich schonmal da und so habe ich mir den Mann auch angehört. Das war recht interessant, wenn das inhaltliche Zuhören nicht gerade von seinen rhetorischen Entgleisungen gestört wurde. Dazu später mehr. Er skizzierte zunächst die sieben Transformationen, die er für den europäischen Kontext zentral hält.
Es geht dabei um den Übergang von einer Wachstums-  zu einer Gesellschaft  niedrigen oder Null-Wachstum oder gar Schrumpfung. Dem niedrigen Wachstum oder der ökonomischen Schrumpfung in Europa setzt er den Aufstieg Afrikas gegenüber. Daneben spielen der demografische Wandel hin zu einer alternden Gesellschaft genauso eine Rolle wie die Entleerung ganzer Räume. Des weiteren sieht er den Bedeutungsgewinn des Themas Klimawandel und die Krise des Narrativs der notwendigen preislichen Wettbewerbsfähigkeit, sowie eine „verantwortlich“ betriebene Globalisierung am Horizont aufscheinen. Bis auf das Thema des Aufstiegs Afrikas war das jetzt nichts wirklich Neues. Das arbeitet er auch deutlich und mit einer Vielzahl Argumente heraus. Ich merke aber das ich fertig bin und nicht mehr richtig folgen kann und will, warte aber das Ende des Vortrags ab und nehme die gut vorgetragene Kritik an seinen Sprachbildern erfreut zur Kenntnis. Dann mache ich mich vom Acker.

Nun ist das ja der letzte Abend in Jena und den will ich würdig begehen und kehre in einem netten Lokal ein, dass mir schon die Tage vorher aufgefallen war. Nach der ersten Kürbissuppe der Saison, hier ein wenig aufgeschäumt und damit leichter gemacht, gabs Hühnchen auf dreierlei Möhren und einem Bratkartoffelsoufflee. Zum Schluß Creme Brulee mit rote Grütze – Sorbet. Dazu gibt’s einen unaufgeregten, aber aufmerksamen Service und n lecker Weißburgunder. Ein rundum gelungener Abend. Die Weintanne ist echt zu empfehlen. Word!

 

Great.Transformation.Jena Tagungsbericht Tag 3

Gutes Leben, Geiles Leben. Darum soll es im ersten Panel gehen und zu richtigen Einstimmung starte ich langsam und mit dem Morgenmagazin in den Tag. Das Panel selbst startet dann ein bisschen aufgeregt, weil die Wissenschaftlerinnen sich ob der vermeintlichen sprachlichen Vulgarität des Veranstaltungstitels besonders strukturiert geben. Das hatte ein wenig was Groteskes, aber auch das kann ja auch unterhaltsam sein.
Inhaltlich ging es um die schlichte Erkenntnis, das mit dem Appell an die permanente Askese, um das Klima zu schützen und die Welt zu retten, wohl weite Teile der Menschheit außen vor wären und keinen Bock auf irgendeine Form von Transformation entwickeln würden. Folglich ging es darum, was ein gutes Leben und was ein geiles Leben ist und wie die Beziehungen zwischen diesen Leben sich entwickelt haben. Dabei wurde als gutes Leben eine nachhaltige Lebensführung mit Ressourcenschonung, Mülltrennung und Repair-Cafe etc. bezeichnet. Was auf den ersten Blick nach Prenzlauer Berg oder Glockenbachviertel klingt, war bis in die 50er Jahre weit verbreitet und endet in NAWEO (NordAmerika, WestEuropa, Ozeanien) mit der Massenmotorisierung und dem Wohlstandsgewinn für breite Bevölkerungsschichten. Im Zuge dieser ökonomischen Entwicklung verändert sich im politischen Raum auch die sozialstaatliche Zielsetzung. Es geht nun um die Verallgemeinerung und Zugänglichmachung von Konsummöglichkeiten für alle, was vielfach mit Teilhabe verwechselt wird. Umweltpolitik ist in diesem Zusammenhang nichts anders als Legitimierung der Konsumoptionen und Kosmetik an Phänomenen (Kalken gegen Waldsterben etc.).
Schlussendlich fallen gutes Leben und geiles Leben auseinander, weil das geile Leben kulturell leider durchgängig konsumistisch überformt ist. Das treibt in Zeiten wie diesen, wo die Meisten die Notwendigkeit einer guten nachhaltigen Lebensführung durchaus erkennen, aber eben auch ein geiles Leben haben wollen, merkwürdige Stilblüten. Trotz Flugscham und Zugstolz wird so viel geflogen, wie noch nie. Alle reden von einer Reduzierung des Fleischkonsums, aber jeder Dorfmetzger hat nun eine Reifeschrank für Dry Aged Steaks vom Rind!
Das Dilemma liegt auf der Hand und die Frage, die sich stellt, ist halt die, wie gutes und geiles Leben massentauglich synchronisiert werden können. Das ist eine offene Frage, sowohl politisch, als auch wissenschaftlich. Es wurde allerdings erste Befunde und Ideen genannt.
So wäre beispielsweise die Wiederentdeckung des öffentlichen und sozialisierten Konsums ein Weg, d.h. mehr Feste zusammen feiern, als das alle zu Zweit vor ihrem Weber-Grill hocken. Das geht soweit, dass sich die unterstellte entspannende Wirkung des Autoinnenraums als letztem Rückzugsraum des NAWEO-Menschen mit lauter Musik und Mitsingen, ungestraftem Brüllen und Fluchen etc. durchaus auch bei der Nutzung anderer Verkehrsmittel zeigt. Alles eine Frage des Wollens und Machens. Einfach machen. Oder mal nichts machen. Diese Frage löse ich Richtung nichts machen auf und gehe nach dem Thüringer Imbiss schlechthin, der Bratwurst, in die Horizontale.

Nach dieser meditativen Mittagspause breche ich unwillig, aber interessiert zum nächsten Panel auf, das die Sektion der Arbeits- und Industriesoziolog_innen unter dem etwas sperrigen Thema namens „(Wessen) Utopien oder Dystopien der Arbeit? Akteure, Interessen und Effekte von Zukunftsdiskussionen auf die Gestaltung von Arbeit heute“ veranstaltet. Der Titel spricht für sich, was den Zustand der Arbeits- und Industriesoziologie angeht. Finde ich. Es geht interessanterweise nämlich eher um die Betrachtung diskursiver Aspekte als den Versuch eines tiefen Verstehens von dem, was sich da tut, wo es weh tut: am Arbeitsplatz. Konkret!

Da wird es nämlich interessant und Hajo Holst macht da einen klugen Aufschlag, weil er dazu geforscht hat, wie die Transformationsthemen von Digitalisierung bis Klimawandel denn als Konsequenz für die Arbeit in der Automobilindustrie von den Arbeitnehmer_innen aufgenommen werden. Und das Bild stellt sich differenziert dar, was ja nicht überrascht. Die einen sehen Chancen, die anderen haben Angst. Geschenkt. Was interessant und diskutabel ist, dass die Belegschaften es als befremdlich empfinden, dass das Management die Offenheit des Transformationsprozesses thematisiert und dabei das was gerade in Sachen Digitalisierung kommt, als konsequente Fortschreibung bekannter Automatisierungsprozesse mit den bekannten Folgen für die Beschäftigten interpretieren.
Ich stelle mir die Frage, warum es denn problematisch ist, wenn jemand sagt, dass er was nicht weiß? Warum? Suchen die Deitschen immer noch nach dem Allwissenden? Oder ist dieses Zukunftsthema viel zu hoch aufgehängt? All die Plakate mit Future und Digital Transformation und Agility erreichen wohl niemanden, der davon betroffen ist. Also herrscht Schweigen und Misstrauen…
Die schlechte Prognostizierbarkeit transformativer Prozesse, die ja eigentlich auf der Hand liegt, scheint die Arbeitsbeziehungen also zu belasten. Das ist flankiert von der konjunkturellen Eintrübung, die die strukturellen Veränderungen nun teilweise verdeckt. Kein Befund, der Freude macht. Denn was in vielen Branchen und Unternehmen dringend nötig wäre, ist nichts weniger als eine Konversionsdebatte, was denn wie und in welchen Mengen mit welchen Ressourcen produziert werden soll. Eine solcher Prozess wird aber ohne Vertrauen, Beteiligung und Risikofreude nicht auf den Weg zu bringen sein.

Weitere Hinweise darauf, wie sich dieser Prozess gestalten lassen könnte, gab der Beitrag von Martin Kuhlmann und Stefan Rub vom SOFI in Göttingen, die sich genauer mit der betrieblichen Digitalisierungsstrategie und den dahinterstehenden Diskursen befassten. Sie unterscheiden dabei
– den Automatisierungsdiskurs,
– den Überwachungsdiskurs,
– den Wettbewerbsdiskurs und
– den Demokratisierungsdiskurs.
Diese Diskurse überlappen sich teilweise und erschweren so eine rationale Bewertung des betrieblichen Geschehens, so denn niemand der betrieblichen Akteure versucht, die Themen sauber zu differenzieren oder einzelne Aspekte schlicht ignoriert. Damit wäre zumindest ein Baustein für die oben dargestellte betriebliche Misstrauenskultur identifiziert.
Die These belasteter Arbeitsbeziehungen auf der betrieblichen Ebene, mit einem Mangel an Miteinander und einem Zuviel an Misstrauen, einem gefühlten Zeitdruck und dem Fehlen von Spielräumen, sowie eben einer flachen und altbacken auf Technik und Datenschutz fokussierten Diskussion, bestätigt sich in einigen Gesprächen, die abseits von Panels geführt wurden, leider. Da gibt es also was zu tun.

Den Abschluss des Tages bildet ein Vortrag von Andreas Reckwitz, der unter der Überschrift „Klasse als Schicksal?“ zur Drei-Klassen-Gesellschaft der Spätmoderne und dem Aufstieg der neuen Mittelklassen sprach. Die ebenfalls angekündigte Rahel Jaeggi ist leider erkrankt und der Vortrag fällt aus.
Reckwitz entwickelt ein Bild spätmoderner Gesellschaften, dass vier von ihm als Klasse bezeichnete Blöcke kennt: eine wirklich kleine, abgeschottete Oberschicht, darunter eine neue Mittelschicht und eine alte Mittelschicht, sowie ganz unten die Prekarisierten als klassische Unterschicht. Diesen Klassenformationen ordnet er einzelne Milieus aus den Sinusstudien eindeutig zu. Das ist für Reckwitz recht einfach zu machen, weil er seine Formationen aus dem Zusammenspiel von ökonomischen, sozialen und kulturellem Kapital, sowie Wertmustern und Einstellungen und, was ich dann originell fand, aus dem Mix von räumlicher Mobilität und Wohnortwahl konstituiert. Als zentrale Klassenauseinandersetzung sieht er dabei die Auseinandersetzung zwischen alten und neuen Mittelschichten, die ja mit allen Mitteln geführt wird. Auf der politischen Ebene ist es der Aufstieg der Grünen als der Partei neuer Mittelschichten und dem Stellungskrieg der Partei des alten Mittelstands, der CDU, einerseits und des sozialdemokratischen Kleinbürgertums andererseits. Der Kulturkampf, der derzeit um Klimagerechtigkeit vs. Wachstumszwang tobt, ist ein weiterer Beleg für die Auseinandersetzung um die Hegemonie eines der beiden Lager, wobei die Faktizität des Klimawandels die Ausgangslage der alten Mittelschichten entscheidend schwächt. Dabei geht es bei dieser Schwächung nicht so sehr um sozialen Abstieg, sondern um die soziale Abwertung des eigenen Status. Der Metzgermeister mit drei Filialen ist nicht länger ein angesehener Unternehmer, sondern ein Tiermörder und Klimawandelbeschleuniger. Das kann schon weh tun.
Die Klasse der prekarisierten Unterschicht bezeichnet er als das sichtbare Zeichen dafür, dass der klassische Deal der Industriegesellschaft aufgekündigt ist und sich harte körperliche Arbeit nicht länger in Lohn und sozialer Anerkennung widerspiegelt. Der tränenreiche Abschied des Ruhrgebiets vom Kohlebergbau war auch der Abschied vom Bergmann, der für die Arbeit unter Tage gut bezahlt wurde und geachtet wurde. Einen tränenreichen Abstieg von der letzten Paketfahrerin oder dem letzten Fahrradkurier wird es wohl nicht geben und anständig bezahlt werden diese Beschäftigtengruppen schon gar nicht.
Was kann also passieren? Reckwitz denkt über drei Szenarien nach, wobei in allen die Oberklasse klein und abgeschottet, aber oben bleibt, was ja eigentlich schade ist.
Szenario 1: Die alte Mittelschicht wird kleiner und diffundiert in die neue Mittelschicht. Das Prekariat bleibt gleich groß. Damit ist kulturelle Hegemonie hergestellt, aber die Frage ökonomischer Ungleichheit bleibt unbeantwortet.
Szenario 2: Die alte Mittelschicht wird kleiner, weil sie auch in das Prekariat absteigt und nur ein Teil in die neuen Mittelschichten wechseln kann. Aus der neuen Mittelschicht geraten ebenfalls zunehmend Teile in eine zugespitzte ökonomische Situation und sind Teil des Prekariats. Das Prekariat wird deutlich größer.
Szenario 3: Die alte Mittelschicht verschwindet, das Prekariat wird durch Bildung, Tarifverträge und einträgliche Löhne kleiner und verstärkt die neue Mittelschicht.
Die Reihenfolge der Szenarien ist so zu lesen: Probable, Plausible and Possible! Leider. Und der ganz große Wurf ist ja auch nicht dabei, weil die Frage nach Auflösung der Oberschicht nicht einmal gestellt wurde.

So gehe ich nachdenklich in die FeWo und koche Nudeln mit Paprika-Zwiebel-Tomatensauce und Makkaroni, die ich schon ewig nicht mehr gegessen habe. Dazu einen Sauvignon aus der Region. Der ist jetzt auch Geschichte und ich geschafft von
einem nunmehr dritten Tag voller Inspiration, kluger Gedanken und Diskussionen.

Great.Transformation.Jena Tagungsbericht Tag 2

Dieses Gefühl, ein Stück von einem frischen Baguette abzubrechen und es sofort in den Mund zu schieben, nachdem man die Bäckerei verlassen hat, ist eigentlich unbezahlbar. Und wenn das Baguette dann noch wirklich gut ist, wird es richtig schön. Der zweite Tag der Tagung und ich bin immer noch in Jena und nicht in Paris. Aber hier gibt es eine zauberhafte Bäckerei in der Grietgasse 10, die alles von einer französischen Boulangerie hat. Herrlisch…

So geht es dann gutgelaunt und frisch gestärkt zur ersten Veranstaltung des Tages. Die wird vom Ökonomen James K. Galbraith bestritten, der im breitesten Texanisch zum Thema „Inequality and the end of normal“ spricht und dabei in die Vollen geht.
Zunächst macht er mal klar, dass es auf Spitz und Knopf steht, wie und ob es überhaupt mit Welt und Gesellschaft weiter geht und lässt die Möglichkeiten regionaler Atomkriege und die Wahrscheinlichkeiten des beschleunigten Klimawandels antönen. Nach dem Einstieg wendet er sich seinem Kernthema zu und wirft den politischen Akteuren vor, sich der Phantasie hinzugeben, die zukünftigen und langfristigen Folgen des Klimawandels heute mit marktwirtschaftlichen Mitteln steuern zu wollen. Diese Idee wirkt in seinen Augen noch phantastischer, weil das dieselben Leute propagieren, die die Finanzkrise als unvorhersehbares Ereignis etikettieren und damit in die Nähe einer Naturkatastrophe rücken, was sie ja beileibe nicht ist. Er folgert, das wir politisch gerade nicht in guten Händen sind.
Aber, so Galbraith, selber schuld. Die Freunde von John Maynard Keynes konnten weder politisch noch wissenschaftlich Gewinn aus diesem offensichtlichen Versagen neoliberaler Finanzökonomie schlagen.
Und das obwohl, so führt er weiter aus, lebensweltlich die Fragen von Leistung, Einkommen und Leben sich ja seit 2008 weiter entkoppelt haben. Hieraus ergeben sich dann auch Fragen an die politische Linke, die der Ökonom nicht beantworten kann, obwohl er Teil davon ist, sondern wir im Diskurs lösen müssen.

Also geht’s weiter zum ersten Panel, das sich mit „(Gegen)Hegemonie – Emotion – Transformation“ beschäftigt. Ich hatte mich für die Veranstaltung entschieden, weil es endlich auch mal um die subjektive Seite der Transformation gehen sollte. Und darum ging es auch aus unterschiedlichen Perspektiven, die von Nudging, einer Sozialtechnologie, bis hin zur teilnehmenden Beobachtung des Lebens in der Lausitz reichte. Die Erkenntnisse waren für jemanden, der schon lange Politik macht, nicht wirklich überraschend, aber das sie ihren Weg in die soziologische Diskussion finden, ist ein Schritt nach vorne. Wir müssen doch verstehen, warum sich Menschen im Angesicht von Klimawandel und Ressourcenknappheit für den Diesel stark machen; warum es einfach „Weiter so“ gehen soll und die Angst um den Arbeitsplatz in der Automobilindustrie zu Realitätsverweigerung und nicht zu Veränderungsbereitschaft führt. Und wenn wir das verstehen wollen, müssen wir auch darüber reden, dass es Klassen, Schichten und Milieus gibt, die wir mit unseren Emotionen, Werten und Ideen eines guten Lebens schon sprachlich nicht erreichen, aber müssen, wenn das mit der SÖT (sozial-ökologische Transformation. Ich liebe die Österreicher für so ne Abkürzung) was werden soll. Dann sind die 2,5 Stunden rum und die Teilnehmer_innen sind sich irgendwie einig, dass das Thema weiter beackert werden muss.

Ich gehe auch deshalb frohgemut ins Städtchen und finde den Metzger meines Vertrauens auf Anhieb, lasse mich freundlich in die Welt Thüringer Wurstwaren einführen, gehe dann in meine FeWo, called City Appartement, und kann die Vorteile einer Unterkunft mit Einrichtung voll auskosten: Es gibt Teller und Tassen, Messer und Gabel und die Brotzeit kann anders als im Hotel anständig am Tisch eingenommen werden. Das es lecker war, ist dieser netten Begegnung französisch inspirierter Backwaren und eine gute Auswahl Thüringer Würste geschuldet. Danach noch kurz horizontal und auf geht’s zum nächsten Panel.

In diesem Panel waren die Städte als Ort von (Post)Wachstum und Transformation, Gegenstand der Betrachtung. Den Auftakt machte Oliver Schwedes von der TU Berlin, der launig und plausibel argumentierte, dass sich seit vielen Jahren schlicht nichts an der Veränderung des modal split getan hat. Es fahren zwar absolut mehr Leute Fahrrad, aber weil genauso viel mehr Leute mit dem Auto fahren, ändert sich am modal split nix. Klingt komisch, ist aber so.
In der Konsequenz heißt das aber, dass politisch nichts anderes übrig bleibt als in dem Maß, wie in ÖPV und aktive Mobilität investiert wird, die Automobilität zu beschneiden, wenn ein anderer modal split her soll. Das war die erste Lektion.
Die zweite war kurz, aber folgenreich: Wirtschaftswachstum erzeugt immer auch mehr Verkehr. Wehr weniger Verkehr will, muss über Wachstum nachdenken. Basta.
Die dritte Lektion hat Feindbilder ins Wanken gebracht, weil 40% aller Verkehre Freizeitverkehre sind. Das sind also wir. Urlaub, Freunde und Familie besuchen, mal wieder in einer Großstadt shoppen oder nach Bregenz auf die Seebühne… Alles ganz normal, aber Verkehr und damit klimaschädlich…
Danach wurde therapeutisch wertvoll sanfter fortgefahren und in der Zusammenfassung des Panels wurde dann doch deutlich, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt und deshalb Infrastruktur für ÖPV und aktive Mobilität (zu Fuß und Fahrrad) gestärkt und die Autofahr- und Autoparkstrukturen aktiv geschwächt werden müssen.

Damit ist es allerdings nicht getan, weil sich Politik und soziale Akteure auch daran machen sollten, diesen Umbau transparent und plausibel zu kommunizieren. Sie müssen die Idee zu Fuß zu gehen, cool machen. Ein tolles Beispiel war der Bau von Bürgersteigen in Seattle, USA. Bürgersteige sind in den USA städtebaulich nicht selbstverständlich, aber alle, die in Europa waren kennen die, weshalb der Bau von Bürgersteigen kulturell überformt als Absicherung und Wertschätzung des Fußverkehrs wahrgenommen wird. Ein weiteres, und für mich coolstes Beispiel für ein transparentes, plausibles und cooles Instrument einer fordernden Mobilitätswende ist die Grätzloase (https://www.graetzloase.at/), wo auf Antrag Parkraum und Leerstand sozial umgewidmet werden kann. Ganz großes Kino.
Es braucht also einerseits entschlossenes Handeln politischer Entscheidungsträger und der ihnen zugeordneten Verwaltung (Hallo Klima-Kabinett) und andererseits Partizipation und Einbindung der Zivilgesellschaft.
Für dieses Andererseits war Saskia Hebert zuständig, die als Architektin an vielen Beispielen und an ihrer Biografie deutliche machte, dass sich Sozialräume nicht nur mit Beton, sondern durch Umnutzung verändern lassen. Das dazu Kreativität, ein offener Kopf und eine subkulturelle Vergangenheit gehört ist klar, oder?

Den Abschluss des Tagungstages bildete dann eine Podiumsdiskussion zum Thema „Nach dem raschen Wachstum“, die für mich deshalb interessant war, weil endlich auf großer Bühne die Subsistenzversuchung des Menschen und seine fortgesetzte Repression als zentraler Motor der Industrialisierung diskutiert wurde. Wer die aktuelle Diskussion ums „Ausschlafen als Revolution“ verfolgt, weiß, dass die fortgesetzte Repression der Kitt ist, der alles zusammenhält. Ach so, Subsistenzversuchung ist der von Prof. Streeck eingeführte Begriff, der sagt, dass Menschen über lange Zeit nicht höher gesprungen – also gearbeitet haben – sind, als sie mussten, um zu überleben und n paar Bier zu zwitschern. Fühlt sich gut an…

Ich sitze jetzt hier und reflektiere den Tag. Wenn die Subsistenzversuchung tief in uns schlummert, könnte doch genau die, der Ausgangspunkt für eine SÖT (sozial-ökologische Transformation :-)) sein, weil es aus einem Weniger an Arbeit ein Mehr an Lebensqualität geben könnte, das nix mit Konsum zu tun hat, deshalb also auch Wachstum erledigt. Das erinnert mich an einen alten Wahlkampfslogan aus Studi-Zeiten, der unser Listenkürzel DLL mit Dekadent Laues Leben! übersetzte… 🙂 Morgen geht’s weiter und hier jetzt ins Bett.

Great.Transformation.Jena Tagungsbericht Tag 1

Den ersten Arbeitstag nach dem Sommerurlaub mit einem Tagungsbesuch, der bis Freitag dauert, zu beginnen, war nicht beabsichtigt, hat aber ganz unbestreitbar was von Klassenfahrt und Exkursion. Und weil ich nunmal Gymnasiumer bin, trage ich es mit Fassung und Würde. Es geht nach Jena zur Abschlusskonferenz des DFG-Sonderforschungskollegs zur Postwachstumsgesellschaft, die unter dem Motto „Great Transformation – Die Zukunft moderner Gesellschaften“ steht. In dem Thema bin ich ja halbwegs zu Hause und so geht es gut gelaunt mit der Bahn nach Jena, wie der Sport-LK in den Ski-Kurs. Die Bahn ist pünktlich. So kann ich in Ruhe die Unterkunft beziehen und die Nachbarschaft erkunden. Das ist auch nötig, weil ich nicht im Hotel unter bin, sondern mir für die vier Nächte ein City-Appartement geschossen habe und so freie Bahn für die Erkundung der  regionalen Lebensmittelszene habe. Nun ist Jena nicht so groß, im Umfeld von 800 Metern werde ich fündig (mehr als das, da ist hie und da in den kommenden Tagen nochmal ein Blick zu riskieren) und nachdem das verstaut ist, geht’s zur Anmeldung.

Das klappt gut und ich frage mich warum auf den Buchungsbeleg, am besten Digital (wegen den Bäumen und der Umwelt), soviel Wert gelegt wird, wenn’s doch klappt. Auf Nachfrage kriege ich die universitäre Antwort: Zu Viele Anmeldungen nach Anmeldungsfrist… Lovely.

Da das Volkshaus, wo die Auftaktveranstaltung stattfindet, und der Anmeldeort a bisserl auseinanderliegen, was denen die lesen können bekannt ist, denen die irgendwie anders akademische Würden erreicht haben nicht – oder verpeilt sind -, habe ich ne Menge Spaß mit Rucksäcken, die rein und wieder rausgetragen werden, weil die Security keine Gnade kennt. Dass ich pünktlich im Saal sitze, aber alle anderen das Ding mit der Viertelstunde noch im Blick haben, ärgert mich dann wiederum etwas. Dann geht’s los. Die Veranstaltung wird mit zwei Klarinetten (ich glaub das waren Klarinetten) eröffnet, die improvisierten, wobei wohl wichtig war, damit musikalisch das Thema des Unübersichtlichen deutlich wurde. Ich sag das jetzt mal so. Von sowas habe ich keine Ahnung.

Und dann moderiert Frau von Thadden von der Zeit, also dem Hamburger Wochenblatt, den inhaltlichen Teil klug und journalistisch kurz an und Minister Tiefensee spricht sein Grußwort genau wie der OB der Stadt. Alle beiden sind hocherfreut, dass es Sozialwissenschaften gibt, die sich des Themas Transformation, das sie selber offensichtlich ratlos lässt, annehmen. Ein weiteres Grußwort kommt dann von Prof. Silke van Dyk, die herzerfrischend offen darüber spricht, wie sehr die Faktizität der Naturwissenschaften und die Krise des Kapitalismus schon 2008 die Soziologie belebt hat und wie das DFG-Kolleg die Soziologie in Jena befruchtet. Das höre ich sehr gern, weil ich mich da manchmal schon recht alleine fühle, wenn ich Ingenieure, Kaufleute und Naturwissenschaftler mit dem zutiefst Menschlichen bzw. Gesellschaftlichen ihrer Themen vertraut machen darf. Eine weitere schöne Geste, ist der gemeinsame Auftritt von alter und neuer Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, weil die eine die Gründung und die andere nun den Abschluss dieses Forschungskollegs verantwortet hat. Die eine fängt an, formuliert ihren Standpunkt, übergibt freundlich und die andere formuliert ihre Position. Ohne Schärfe. Ohne Häme. Frauen halt. Tolle Geste.

Dann dürfen Klaus Dörre und Hartmut Rosa als Direktoren des Kollegs mit ihren Grußworten ran und – ganz im Sinne des Forschungsprogramms – steht eine Vertreterin des Klimaratschlags der students for future mit auf der Bühne. Dörre beginnt und erzählt die Geschichte des Kollegs. Das macht er gut und flicht ganz nett ohne explizit zu zitieren, die Gleichzeitig des Ungleichzeitigen ein. Im Anschluss dann die Studierende, die begleitet von einem Wahnsinnsapplaus der anderen Studierenden des Klimaratschlags, die Bühne betritt und zunächst mit Leichtigkeit über sich und ihren Weg zu den schweren Themen und dann über den Ratschlag und seine Beschlüsse berichtet. Und dann habe ich Pipi im Auge. Erstens hat es wohl auch in Siegen, my hometown, eine studentische Vollversammlung zum Klimawandel gegeben und dieser Klimaratschlag aus bundesweit mehreren Hochschulen hat tatsächlich beschlossen, eine alternative Vorlesungswoche zu organisieren, in der die normalen Vorlesungen ausfallen sollen und stattdessen gemeinsam und interdisziplinär dem Thema Klimawandel gewidmet werden soll. Ich fühl mich mindestens 25 Jahre jünger in einem StuPa-Raum sitzend…
Und bleibe etwa in dem Alter als Hartmut Rosa mit Verve und Leidenschaft das Forschungsprogramm und die Themen einer Soziologie des 21. Jahrhunderts unters Publikum jubelt. Es ist ihm genau wie Klaus Dörre anzumerken, dass sie in den vergangenen Jahren im Jenaer Kolleg tatsächlich methodisch, wissenschaftsorganisatorisch/-methodisch und politisch viel geschafft haben. Er faltet rhetorisch das Programm der kommenden Tage auf, wo es neben Vorträgen und Workshops, auch Konzerte, Wanderungen, Müllkippenbesichtigungen und Yoga gibt, die eigentlich für nichts anderes stehen als eine neugierige Soziologie, die Gesellschaft verstehen und nicht analysieren will, weil es das tiefe Verstehen braucht, gerade in Zeiten der Transformation.

Deshalb hält wohl auch ein Wirtschaftswissenschaftler den eigentlichen Festvortrag. Prof. Dr. Branco Milanovic stellt seine spannenden Überlegungen zur sozialen Ungleichheit vor und gibt der soziologischen Ungleichheitsforschung zunächst mal richtig was vor den Latz. Denn: Wer nur im nationalen Maßstab soziale Ungleichheit anschaut, verkennt das Karl Marx die „Proletarier aller Länder“ nur deshalb vereinigen wollte, weil der – als guter Ökonom – wusste, dass zu seiner Zeit die Proletarier_innen in England genauso arm waren, wie die in Indien. Das hat sich dann aber geändert, weshalb es heute gilt über globale Ungleichheit nachzudenken, ohne die volkswirtschaftliche, also nationale Dimension außer Acht zu lassen, weil die nämlich bewusstseinsbildend ist. Ich habe heute den Unterschied zwischen global und international gelernt. (Es lohnt sich drüber nachzudenken). Zum Abschluss stellte er noch zwei grundsätzlichere Überlegungen vor.
Zunächst geht es um den schlichten Appell die Verringerung sozialer Ungleichheit im globalen Maßstab nicht als Gewinn in der Transformation zu sehen, weil er dem rising east und dem zunehmenden Wohlstandgewinn in Asien, der leider nicht in Yoga, sondern in Konsum aufgelöst wird, geschuldet ist.
Und zweitens macht sich der Ökonom den Spaß und indexiert das steigende Wohlstandsniveau Asiens auf 100 und rechnet die anderen Weltregionen in Relation. Ich sag mal so. Das sieht nicht gut aus, ist aber fundiert und hat mehr mit dem Wachstum Asien als mit Deppigkeit Europa zu tun. Ich mach mir also Gedanken, wie wir eine Postwachstumsgesellschaft in Westeuropa stark machen und die so cool machen, dass auch die Inder_innen kein Hühnchen mehr wollen (Der Fleischkonsum in Indien steigt gerade wie doof, wegen mittelschichtigem Status „Wir gönnen uns ja sonst nix“ – Kram). oder die Inder kommen wieder vintage und traditional drauf und die Europäer_innen entdecken deshalb auch ihren Kloß mit Sauce ohne Schweinebraten wieder…
Dann ist seine Zeit um, er hat ein paar Hausaufgaben verteilt und ich bin auch mit guten Anregungen reichlich bedient.

Also heim. Thüringische Brotzeit und n Schoppen von der Unstrut.
Regional rules! Und morgen geht’s ja weiter…
Freundschaft!