Versöhnung als Herausforderung der Arbeitswelt


Rede, gehalten am 14.05.2026 im Rahmen des
Arbeitnehmerempfangs der KAB anlässlich des
katholischen Kirchentags 2026 in Würzburg

Sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst einmal möchte ich mich recht herzlich für die Gelegenheit bedanken, heute Abend meine Gedanken mit ihnen zu teilen und ehrlich gesagt, mir überhaupt einmal Gedanken über den Aspekt der Versöhnung in der Arbeitswelt zu machen. Denn das ist für einen gestandenen Gewerkschafter nicht der naheliegenste Gedanke. Unser Handeln und die Theorie dazu ist oft genug von Auseinandersetzung, mühsamen Kompromissen und dem ewigen Widerspruch von Kapital und Arbeit geprägt.

Und da eine Versöhnung mehr ist als ein Kompromiss, möchte ich dem zunächst hinterherschmecken. Was ist eine Versöhnung? Was will uns diese Kategorie sagen?
Versöhnung ist, so denke ich, ein sozialer Prozess, der im Nachgang zu Konflikten, Verletzungen oder Beschädigungen die Beziehungen zwischen den beteiligten Akteuren heilt und auf eine neue Ebene hebt, wie etwa die deutsch-französischen Beziehungen nach dem 2. Weltkrieg, um mal ein Beispiel zu wählen, das nichts mit der Arbeitswelt zu tun hat.

Bleiben wir bei dieser Arbeitsdefinition, in der ein bisschen Hegel mitschwingt, erkennen wir entlang des Dreiklangs von Arbeit, Boden, Kapital jede Menge Themen und Ebenen auf denen Versöhnung Not tun würde. Die deutschen Bischöfe haben dazu ein eindrückliches Thesenpapier vorgelegt, dass diese Versöhnung vom Individuum und seiner Beziehung zur Arbeit, selbstbestimmt oder erzwungen, beschreibt. Das ist ein wichtiger Aspekt, den ich ein wenig weiter entwickeln möchte, indem wir uns den eher strukturellen Fragen des versöhnten Arbeitens entlang des Dreiklangs von Arbeit, Boden, Kapital nähern.

Bleiben wir zunächst beim Begriff der Arbeit, die nur allzuoft ausschließlich als Lohnarbeit gesehen wird, was sie aber nicht ist. Denn Arbeit ist zunächst das Tätigsein, für sich oder andere, dass mit einem individuellen oder kollektiven Sinn versehen wird und im besten Fall die Anerkennung Anderer gewinnt, mindestens aber ein Maß an Selbstzufriedenheit stiftet.   

Diese Anerkennung kann der Lohn, das Gehalt sein. Und mit der Entlohnung einer Tätigkeit gewinnt sie als Lohnarbeit einen anderen Charakter. Da in dem System in dem wir leben, nennen wir es Kapitalismus, der Lebensunterhalt in der Regel nicht in Subsistenz erfolgt, sondern wir mit dem erhaltenen Lohn unsere Lebensmittel, die mehr sind als Nahrung, sondern eben auch Wohnen, Wärme und Unterhaltung kaufen können.

Und nun kennen wir alle bestimmt Leute deren entlohnte Tätigkeit keinen direkt nachvollziehbaren Sinn macht und auch keine Selbstzufriedenheit gibt, genauso wenig wie es mehr Anerkennung als den schnöden Lohn gibt.

Was macht das mit den Menschen?

Eskapismus, psychische Erkrankung oder Kompensation durch Konsum sind nur einige der beliebten Strategien sich dem Prozess der Versöhnung mit Arbeit zu stellen, eben weil er als nicht veränderbar gesehen wird. Das Gegenüber, also der Chef, der Arbeitgeber oder Kapitalist, nennen sie ihn oder sie wie sie wollen, erscheint übermächtig.

Aber auch hier haben wir es doch allzuoft mit Menschen zu tun, die mit dem was ist, überfordert erscheinen. Ich kenne viele Geschäftsführer*innen, leitende Angestellte und Vorstände, die mehr als 50 Stunden in der Woche arbeiten, aber schlussendlich die Transformation, die Veränderungen nicht aufhalten oder positiv beeinflussen können. Das hängt zum Teil an der Pfadabhängigkeit des Denkens, was meint, dass wir seit der Nutzbarmachung fossiler Energien eine wirtschaftliche Kraft entfesselt haben, die ewiges Wachstum versprach. Allerdings scheint dieser Pfad nun an eine Ende zu kommen, genau wie die Idee eines alles überstrahlenden Europas.

Also bleibt hier auch die soziale und materielle Anerkennung oftmals aus, wird als Niete in Nadelstreifen gedisst oder als brutaler Arbeitsplatzabbauer gebrandmarkt.

Was macht das mit den Menschen?

Wir beobachten seit einigen Jahren, dass es weniger Bereitschaft gibt Führungsverantwortung zu übernehmen und wir beobachten auch, dass bei vielen so genannten Startups nicht die Sache sondern die Kapitalisierung im Vordergrund steht, also sich auch hier Selbstzufriedenheit oder Anerkennung nur über Geld vermittelt.

Lassen Sie mich kurz innehalten und das Bild beschreiben, dass bis hierhin entstanden ist. Wir sehen eine durchökonomisierte Lebenswelt, deren Medium das Geld geworden ist, über das sich auch Anerkennung und Sinn vermittelt. Das führt auch dazu, dass die, die wenig Geld verdienen, auch oft weniger anerkannte Tätigkeiten ausführen und die, die mit Sinn und Menschenfreundlichkeit aufgeladene Berufe ausüben, wenig Geld verdienen, weil sie ja scheinbar das System nicht verstanden haben und für Gotteslohn unterwegs sind.

Versöhnung würde nun doch darin bestehen, der Arbeit keinen Preis zu geben, sondern ihren Wert anzuerkennen und den Lohn nicht mit Anerkennung zu verwechseln. Die Anerkennung käme dann aus dem individuellen und kollektiven Mehrwert, den diese Arbeit erzeugt. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nur um Anerkennung geht, sondern faire Löhne, die zum Leben reichen, sind in allen Bereichen eine wichtige Voraussetzung für eine Versöhnung in der Arbeit. Denn
faire Entlohnung ist auch der Ausgleich zwischen den Faktoren Kapital und Arbeit.

Hinzu kommen hier Aspekte, die auch die deutschen Bischöfe in ihrem Impuls genannt haben: Teilhabe und Beteiligung, Sinn und Werte in Arbeit. Vielleicht gilt das  auch für die Reintegration von Arbeit und Leben. Lassen Sie mich kurz erläutern was ich darunter verstehe. Während wir uns über viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte an die strikte Trennung von Arbeit und Privatsphäre gewöhnt haben, hat sich durch die Digitalisierung und insbesondere seit der Pandemie eine neue Welt aufgetan, die es deutlich einfacher macht die Anforderungen der Arbeitswelt und das Privatleben zu einem Guss zu formen. Das ist eine Form von Zeitwohlstand, die sicherlich nicht für alle Berufe greift, aber eben für viele.

Aber zurück zum Thema der Versöhnung. Ich habe den Dreiklang von Arbeit, Boden und Kapital eingeführt, aber bislang nur von Arbeit und Kapital gesprochen.

Lassen Sie mich abschließend von der Versöhnung mit dem Boden sprechen und lassen Sie uns Boden als Synonym für die Umwelt, die Ressourcen und Lebensbedingungen auf unserem Planeten annehmen.

Die ökonomische Dynamik des fossilen Zeitalters war ungeheuer und hat sich ein schier unendliches Wachstum mit steigender Ausbeutung fossiler und metallischer Ressourcen erkauft und Umweltverschmutzung bis hin zur -zerstörung in Kauf genommen. Und daran waren nicht nur Unternehmen beteiligt auch wir in unserer Rolle als Konsumenten haben dazu einen Beitrag geleistet. Nun gehen fossile Ressourcen ihrem Ende entgegen und auch metallische Ressourcen werden knapper. Der Klimawandel ist eine täglich sichtbarer werdende Tatsache.

Wäre es nun nicht an der Zeit auch der Umwelt die Hand zur Versöhnung zu reichen und Arbeit wie Kapitaleinsatz in ihrem Wert an dem wertschätzenden Umgang mit der Umwelt zu definieren? Und würde das nicht ein gänzlich anderes Wirtschaften fordern?

Lassen Sie mich das abschließend so beschreiben:

  1. Arbeit und Kapital verpflichten sich zu einem sorgfältigen und ressourcensichernden Wirtschaften, genauso wie zu einem ressourcensichernden Konsum.
  2. Arbeit wird in ihrem Wert und nicht an ihrem Preis erkannt
    und anerkannt. Das bedeutet auch eine faire Entlohnung.
  3. Kapital bzw. Geld wird als Medium des Wirtschaftens und nicht als wertbildend erkannt und entsprechend verändert sich auch seine Rolle.
  4. Das Leben des Einzelnen ist ein tätiges Leben (Auch Muse gehört dazu), das gleichwertig aus Lohnarbeit, Eigenzeiten und Tätigkeit mit und für Andere besteht.
  5. Gesellschaft und Einzelner versöhnen sich mit ihren Fehlern der Vergangenheit und öffnen sich für ein Neues Wirtschaften und Miteinander.

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

das klingt vielleicht ein wenig nach Luftschloss, aber ist das nicht der Beginn einer jeden Versöhnung? Das jemand nicht mehr will, sondern von einem anderen Miteinander träumt?

Ich jedenfalls wünsche mir das als Gewerkschafter und als Onkel einer 8jährigen Nichte. Und an dem ein oder anderen zustimmenden Nicken erkenne ich, das ich damit nicht alleine bin. Das freut mich sehr.
Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.  

Rot und weiß – ein Leben lang!

Das man nach einer durchsoffenen Nacht beim Frühstücksbuffett am Tag danach was anderes tun sollte, als Prosecco aus Eimern zu trinken, ist heute Allgemeingut. Aber wir schreiben irgendein Jahr Anfang der 90er in Siegen, einer Stadt in der der Punk mit einigen Jahren Verspätung, aber mit voller Wucht eingeschlagen hatte und nun in den letzten Wehen lag. Und just an diesem Sonntagmorgen entsprang es nicht viel mehr als einer Sektlaune sich in einen altersschwachen Mercedes zu schleppen und mit Schmitti und Eberhard nach Hagen – Haspe aufzubrechen. Die rund 80km haben gerade ausgereicht, um den Alkoholpegel nicht so fürchterlich tief sinken zu lassen und dann waren wir da.

Als Siegener auf Auswärtsfahrt im gegnerischen Rund! Und irgendwo da muss es passiert sein, da hat es mich gepackt; dieses Gefühl genau dahin zu gehören, zu dem Verein, zu den Sportfreunden aus Siegen. Es war überwältigend und von dem eigentlichen Spiel ist nix hängen geblieben, außer der Demo von den Krankenschwestern, die in der Halbzeit gegen die Schließung des Stadtteilkrankenhauses demonstrierten. Unter dem Beifall aller Zuschauer übrigens.

In den nächsten Jahren haben die Sportfreunde dann einen großen Teil von Zeit und Geld verschlungen, aber es war ein Quasi-Durchmarsch von der Verbands- bis in die zweite Liga. Immer mit Zuschauerzahlen im vierstelligen Bereich und immer Gegengerade. Und immer im Clinch mit Trainer oder Verein, die unter der Fuchtel eines allmächtigen Mäzen standen und stehen. Das ist im Übrigen eine der charmanten Seiten an dem Verein, dass er mitten in Pietnam – die Gegend aus der ich komme, ist durch und durch mit Pietisten und anderem freievangelischem Pack verseucht – einen gewissen Hang zu Hedonismus und Laissez-faire zeigt und lebt. Das ist nun leider aber auch die Ursache für den fatalen Absturz inkl. Insolvenz und Abstieg in die NRW-Liga gewesen, die ich Gott sei dank nur aus der Ferne miterleiden musste.

Was ist es, das dich an einen Verein fesselt? Die meisten mit denen ich über so was je gesprochen haben, sind auch der Meinung, dass es ein einziges Erlebnis – von Offenbarung zu reden, wäre zu viel, aber viel weniger ist es nicht – ist und sie dann drauf hängen bleiben. Dein Verein findet dich….. Und dann sind es die Farben, das Stadion und die Fans an denen du hängst. All die Momente, die dir keiner mehr nehmen kann. Aufstiege, sensationelle Siege, Tore in der Nachspielzeit und Auswärtsfahrten genauso wie übrigens unverdiente Niederlagen und trotz allem schicksalshafte Abstiege…..

Die Sportfreunde tragen Rot und Weiß – Rot für die Leidenschaft und das Weiße – ja wofür steht das eigentlich? Für Unschuld und Jungfräulichkeit sicherlich nicht. Vielleicht für Fairness, was aber auch nicht durchgängig stimmt….. na ja, das mit den Farben war ja nun mal n erster Anhaltspunkt, nachdem es mich nach Unterfranken verschlagen hat und so fürchterlich viele Vereine gibts nicht, die ein näheres Anschauen lohnen. Vereine gegen die man Punktspiele absolviert hat, scheiden per se aus. Vereine ohne Fans auch. Man hat ja Grundsätze…

Und so begab es sich an einem sehr einsamen Abend in einer sehr einsamen Kemenade, das sich ein fürchterlich einsamer Mensch in den Tiefen des Internet verlor und in diversen unterfränkischen Fußballforen umsah und mitlas, sich das Schicksal der Vereine ergoogelte und wieder mitlas und dann fiel das silvanergetränkte Auge auf den Beitrag eines Sportfreundefan, den es ebenfalls nach Unterfranken verschlagen hatte. Ja, dann, dann ist das wohl so…. Rot und Weiß ein Leben lang, ist doch egal wie der Verein heißt, oder was? Da kann einem auf jeden Fall viel Müll durch den Kopf gehen bis es dann soweit ist…. Erstes Heimspiel am Dalle.

N Vorstellungsgespräch ist wahrscheinlich n Dreck dagegen. Aber wenn du da bist, bist du da. Es gibt wenige Stadien in der Republik, die ein solches Kleinod sind. Es gibt wohl wenige Szenen in der Republik, die soviel Größe zu Selbstironie zeigen und es gibt sicherlich nicht so sonderlich viele Vereine, die – wie schrieb ich eben – „Hedonismus und Laissez-faire“ ausstrahlen, dass man sich als Siegener sofort zu Hause fühlt. Es gibt sicherlich viele Parallelen zwischen den Sportfreunden und den Kickers, die weit über die Farben und die Vereinsgeschichte jüngerer Zeit –also die letzten vierzig Jahre. Hüstel – hinausgehen.

Man bleibt halt immer beim selben Typ Verein hängen. Das sagt mehr über einen selber, als über den Verein. Warum es diesen fatalen Hang zur Katastrophe, zum absehbaren Scheitern und zu dämlichen Fehlern gibt? Keine Ahnung. Spaß machts jedenfalls nicht auf den ersten Blick und trotzdem hat das was. Ich bin auf jeden Fall gerne dabei…Was ich allerdings nicht noch mal brauch, ist mit knapp 15 Leuten den Abschied aus der Bayernliga auf einem trostlosen Platz in Bruck erleben….

Rot und weiß – ein Leben lang!

Betriebsratswahlen 2026: In der Höhle des Löwen

Die Betriebe sind Orte des Wirtschaftens, und in dem Gesellschaftssystem in dem wir leben, sind es eben Orte des kapitalistischen Wirtschaftens. Dieses System zeichnet sich durch die Freiheit aus, durch die Ausbeutung anderer und die Aneignung deren Arbeit Wohlstand anzuhäufen.

Diese Freiheit ist keine Freiheit, die den oder die Andere auf Augenhöhe akzeptiert. Sie instrumentalisiert und ökonomisiert jede Form des Seins, was nicht unwesentlich zur Klimakrise und zur Ressourcenknappheit beigetragen hat, genauso wie auch die Zunahme berufsbedingter psychischer Erkrankungen, was durchaus als Ausdruck dieser Durchökonomisierung von Körpern und Geist gelesen werden kann.

Das aktuelle Bild hat keinen Alternativtext. Der Dateiname ist: P1100385.jpg

Im Frühjahr 2026 finden nun Betriebsratswahlen statt. Das ist, wie alle vier Jahre ein ganz besonderer Moment. Mitten in der Herzkammer des kapitalistischen Wirtschaftens können die Beschäftigten als handelnde Subjekte ihrer Interessen eine Vertretung wählen, die ihre Interessen im Sinne einer repräsentativen Demokratie wahrnimmt.

Betriebsratswahlen und Betriebsratsgremien sind seit vielen Jahrzehnten etabliert, aber sie stehen immer unter Druck. Denn sie stehen für die Beschäftigten als Menschen mit menschlichen Interessen ein und eben nicht für eine Optimierung der Verwertungsbedingungen und das passt natürlich den Verfechtern einer „freien“ Marktwirtschaft gar nicht.

In Zeiten wie diesen, wo diese freien Marktwirtschaftler mit Rechtspopulisten und Klimaleugnern, mit Rassisten und manchmal auch Faschisten gemeinsame Sache machen und gerade in vielen Ländern schon Regierungen stellen, sind deshalb die Betriebsratswahlen 2026 ein wichtiges Zeichen für eine demokratische Gesellschaft, die sich dem Diktat der Ökonomie nicht beugt, die für Freiheit, Gleichheit und Solidarität steht und die Zukunft enkelsicher gestalten will.

Geht deshalb wählen!
Wählt die Listen der DGB-Gewerkschaften! 
       

Ein ganz persönlicher Aufruf zum 1. Mai!

Der Mai ist der letzte Monat des Frühlings. Und dann kommt verheißungsvoll der Sommer. Auch ein zentrales Lied der Arbeiter*innenbewegung kündet davon, dass die „Sonn` ohn` Unterlass“ scheinen wird, wenn es den Raben und Geiern erst an den Kragen gegangen ist.

Es geht also um Licht, Sonne und Wärme; ums Nach-Vorne-Schauen und die damit verbundene Hoffnung, dass es besser, wenn nicht sogar gut, wird. Allerdings sieht es derzeit so gar nicht danach aus. Wohin sich der Blick auch richtet, zeigt sich Krisenstimmung und eine rückwärtsgewandte Zeitenwende. Was leider kaum noch gesehen wird, sind die Herausforderungen von Klimawandel und Ressourcenverfügbarkeit. Dabei wäre das der Dreh- und Angelpunkt, um über eine Gesellschaft nachzudenken, in der wir leben wollen.
Leider ist das derzeit eher Gegenstand der Diskussion im Überbau, als dass es ein Thema operativer Basisarbeit in allen Bereichen wäre.

Aber wir waren mit rund einer Million Menschen auf der Straße, um gegen Rechts und für
die Republik zu demonstrieren. Die IG Metall hat mehr als 80.000 Menschen mobilisieren können, die für eine sozial-ökologische Industriepolitik demonstriert haben. Und an vielen Orten, in vielen Betrieben und auf vielen Plätzen hat sich die Zivilgesellschaft zu vielen anderen Themen positioniert.

Der erste Mai steht für diese inhaltliche Breite, weil er schon immer für die Fragen sozialer Gerechtigkeit in Gesellschaft und Betrieb genauso gestanden hat, wie für den Kampf gegen Rechts und für eine fortschrittliche Politik in eine bessere Zukunft. Und in Zeiten wie diesen,
ist es ganz bestimmt nicht nur der Kampftag der Arbeiter*innenklasse, sondern eben aller Menschen guten Willens, egal ob Sie Lohn oder Gehalt beziehen, Honorarforderungen oder Rechnungen stellen oder Bürgergeld beanspruchen müssen. Egal ob ihr inhaltlicher Zugang über die Arbeitswelt, die Umwelt- und Klimabewegung oder den Antifaschismus kommt.

Deshalb fordere ich alle auf, sich an den lokalen Aktionen der DGB-Gewerkschaften und anderer Gruppen zu beteiligen. Geht hin, auch wenn es langweilig ist. Nehmt eure Fahnen, Transparente und Schilder mit. Zeigt die Vielfalt der Menschen und Organisationen, die für eine bessere Zukunft streiten. Zeigt, wie viele wir sind und zeigen wir auch, dass der Fortschritt auf unserer Seite ist!

Bildet rote und bunte 1. Mai-Banden!     

Republik, Klimaschutz und gute Arbeit als Projekte der Aufklärung

Ich hatte am 12.02 Gelegenheit beim Klimastreik in Schweinfurt zu sprechen und bin das Thema etwas grundlegender angegangen, weil das ja manchmal hilft, den Überblick nicht zu verlieren:

Liebe Kolleginnen und liebe Kollegen,
liebe Freundinnen und Freunde der Vernunft,

ich habe zwar nur fünf Minuten Zeit, will aber trotzdem darüber sprechen, wie unsere Kämpfe um soziale Gerechtigkeit, ökologischen Klimaschutz und eine demokratisch verfasste Republik zusammenhängen. Der Faktor der diese Kämpfe zusammenhält, ist die Vernunft, die Rationalität.

Erinnern wir uns kurz an den Geschichtsunterricht wo wir das 17. Jahrhundert als das beginnende Zeitalter der Aufklärung kennengelernt haben. Mit dieser Aufklärung ist sowohl die Entwicklung der universellen Menschenrechte, also der verwegene, aber zutiefst rationale Gedanken, dass alle Menschen gleich geboren sind und ein Recht auf Glück haben, als auch der Aufstieg der Naturwissenschaften als ein Welterkennen und -durchdringen, jenseits von Esoterik und Religion verbunden.

Die Aufklärung hat zu einer Entfesselung dieser Kräfte geführt, die schlussendlich auch den Klimawandel und die Ressourcenknappheit erzeugt haben, gegen die wir heute anarbeiten, indem wir uns für einen aktiven Klimaschutz und einen sorgsamen Umgang mit Rohstoffen einsetzen. Und auch das tun wir mit wissenschaftlicher Argumentation, eben weil Wissenschaft sich stetig weiterentwickelt und neue Erkenntnisse bringt.

Genau diese entfesselten Kräfte der Aufklärung, die aus den universellen Menschenrechten ein hohes Maß an individueller Freiheit abgeleitet haben, haben auch zu sozialer Ungleichheit geführt, die aber vernünftigerweise immer schon als soziale Ungerechtigkeit angeprangert wurde. Die Arbeiter*innenbewegung hat gegen diese Ungerechtigkeit schon immer mit Wissenschaft und guten Argumenten angekämpft und so sind wir heute soweit, dass wir erkennen, dass es gute Arbeit und soziale Gerechtigkeit nur in einer klimagerechten Welt gibt.  

Aber wo stehen wir heute?

Wir haben es mit einer breiten Front interessierter Kreise zu tun, die den Klimawandel leugnet oder kleinredet, sich also naturwissenschaftlicher Erkenntnis entzieht und auf Lüge, Hass und Hetze setzt.

Wir haben es mit einer breiten Front interessierter Kreise zu tun, denen es nicht um eine gerechte Verteilung von und einen schonenden Umgang mit den Ressourcen dieser Erde geht, sondern sie leugnen, dass es endliche Ressourcen sind, um sie sich entschlossen mit Krieg und Ausbeutung unter den Nagel zu reißen.

Wir haben es mit einer breiten Front interessierter Kreise zu tun, die die Spaltung der Gesellschaft in Oben und Unten radikal vorantreiben, weil sie denken, dass sie sich mit Reichtum einen Ausweg aus der Klimakrise schon leisten können, was ich für Esoterik halte.
Und Sie spalten nicht nur materiell in Oben und Unten, sondern sie betreiben einen Kulturkampf, der ausgrenzt, Schuld zuschreibt und Hass sät.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Liebe Freunde der Vernunft,

Lasst uns diesen Kulturkampf annehmen und unsere der Aufklärung und der naturwissenschaftlichen Rationalität, den Menschenrechten und der Republik verpflichtete Sicht auf die Welt gegen Hass, Hetze, Ignoranz und Lüge ins Feld führen!

Lasst uns zusammen streiten für eine bessere Welt, die möglich ist.

Und lasst uns endlich erkennen, dass die gewerkschaftlichen Kämpfe um gute Arbeit, die Kämpfe der Umweltbewegung gegen den Klimawandel und die Ressourcenvernichtung und
die weltweiten Kämpfe für demokratische Strukturen zusammengehören.

Und deshalb gilt, gestern wie heute:

Von Schweinfurt bis nach Rojava,
Klimaschutz ist Antifa!  

Die soziale Frage in der Transformation

Vorbemerkung

Auf den ersten Blick erscheint der Titel ein wenig anachronistisch. Während die soziale Frage für die Meisten eher mit dem Geschichtsunterricht zur Industrialisierung verbunden wird, ist der Begriff der Transformation erst in den letzten Jahren wirklich in Mode gekommen und wird derzeit reichlich strapaziert. Dabei ist die Kategorie so neu nicht. Bereits 1944 hat Karl Polany mit seinem Werk „The great Transformation“ die vielschichtigen Prozesse beschrieben, die eine Transformation ausmachen und die eben nicht gradlinig und zielstrebig verläuft, sondern sich aus vielen Einzelschritten (hinter denen einzelne Interessen stecken) und auch Irrwegen ergibt. Und dabei hat er auch die Prozesse analysiert, die die Industrialisierung und die Bildung der Nationalstaaten in Europa befördert haben. 

Es ist also nur folgerichtig sich auch 2025 mit der sozialen Frage in der Transformation zu beschäftigen, zeigen sich doch bei Arbeit, Boden und Kapital gravierende Veränderungen ab:

  • Arbeit verändert sich durch Digitalisierung und Automatisierung so
    grundlegend wie während des Wandels von der Feld- zur Industriearbeit.
  • Boden, als Synonym für Rohstoffe und die natürliche Umwelt, wird so knapp und prekär wie noch nie. Klimawandel und Rohstoffknappheit werden zentrale ökonomische Faktoren.
  • Kapital ist bereits digitalisiert und trägt etwa als Kryptowährung zum Bedeutungs-verlust der Nationalstaaten bei, weil ein Kennzeichen der Staatlichkeit nun einmal
    das Münzrecht ist und wo das privatisiert wird, verliert Staat eine seiner Grundfesten.

Dieser Beitrag will dabei versuchen, diese Entwicklungen vor dem Hintergrund aktueller Sozialstrukturen zu skizzieren. Diese Strukturen überlagern sich z.T., weil sie dieselbe Gesellschaft unter verschiedenen sozioökonomischen Gesichtswinkeln darstellen. Aber um die politischen Dimensionen der aktuellen Transformationsprozesse zu erfassen, müssen sie zusammen gedacht werden. Auch das ergibt sich aus der Beobachtung, dass die soziale Neuformierung der Gesellschaft im Zuge von Industrialisierung und Urbanisierung auch die politische Landschaft grundlegend verändert hat, etwa durch das Entstehen der Arbeiterbewegung einerseits und der Emanzipation des Bürgertums andererseits.
Dieser Beitrag stellt auch dar, wie die Neuformierung des politischen Raums aktuell beschrieben werden kann.   

Sozialstruktur und Transformation

Sozialstrukturanalysen sind zumeist monokausal auf Einkommen und Vermögen, sowie Bildung/Beruf und damit verbundenem Status ausgerichtet. So entstehen mehr oder weniger pyramidal ausgerichtete Modelle, die eine kleine Spitze, so genannte Eliten, und einen breiten Boden, die so genannte Unterschicht, und dazwischen, in allen möglichen Ausprägungen, so genannte Mittelschichten aller Art, darstellen.

Hinsichtlich der Wirkmächtigkeit auf die und Betroffenheit von der Transformation unterscheiden sich die unterschiedlichen „Etagen“ der Sozialstrukturmodelle, hier beispielhaft das geißlersche Modell, doch ganz erheblich. So ist der CO2-Verbrauch der einkommensstarken Eliten und oberen Mittelschichten um ein Vielfaches höher als der
CO2-Footprint von Unterschicht und unteren Mittelschichten, während die Risiken von Arbeitslosigkeit und Armut, die durch die ökonomischen Verwerfungen in der Transformation zunehmen, wohl eher die Unterschicht und unteren/mittleren Mittelschichten treffen.

Daneben unterscheidet sich das gesellschaftliche Oben und Unten auch hinsichtlich des Einflusses auf Politik und Gesellschaft, und das durchaus wenig altruistisch, sondern im Interesse von Schicht und Klasse! Das verhindert auch bislang, dass die unterschiedlich hohen Verantwortlichkeiten für Umweltverschmutzung und nachhaltiges Wirtschaften sich
in entsprechenden Steuern und Abgaben oder ordnungs-, verkehrs- und sozialpolitischen Maßnahmen niederschlagen.

Als Volkswirtschaft gilt das übrigens auch international. Da hat Deutschland als eines der reichsten Länder dieser Erde schlicht eine deutlich höhere Verantwortung als die Länder des globalen Südens, die aber am ehesten etwa unter dem Klimawandel zu leiden haben. Das sollte nicht nur Anlass sein, dort in der Transformation zu helfen, sondern gerade auch in Deutschland die Transformation hin zu einem nachhaltigen Wirtschaften zu beschleunigen.

Transformationen in Deutschland aktuell

Wie zeigt sich nun die Transformation derzeit in Deutschland?

Nachdem über lange Jahre eine starke Exportorientierung mit billiger Energie und günstigen Rohstoffpreisen für stetes Wachstum und ein gewisses Verteilungsvolumen gesorgt hat, zeigten sich erstmals in der Krise 2008/2009 und dann etwa ab 2018/19 Risse im Geschäftsmodell, die durch Corona und den russischen Angriff auf die Ukraine nur kaschiert wurden. Diese Risse sind in den letzten Monaten aber immer deutlicher geworden, denn das Wachstum ist ausgeblieben und der Lack bröckelt.

Die Produktion sinkt, weil sich die starke Exportorientierung nun rächt. Der Aufbau resilienter Lieferketten führt nun zu einer local-for-local-Produktion in den Zielmärkten, was den Unternehmen weniger schadet als Arbeit und Beschäftigung in Deutschland. Arbeit und Beschäftigung stehen des Weiteren durch eine fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung unter Druck, die zunehmend auch komplexe, aber standardisierbare Tätigkeiten erfasst. Hinzu kommt in vielen Branchen, insbesondere der Automobilindustrie der Wandel von mechanischen zu elektrischen bzw. elektronischen Konstruktionselementen,
womit in der Regel auch die Anzahl benötigter Komponenten, ergo menschlicher Arbeit, sinkt.

Die Kompensation des Verlusts industrieller Arbeitsplätze durch eine Stärkung des Dienstleistungssektors, insbesondere der CARE-Berufe, will nicht so recht gelingen, was vielerlei Gründe hat. Im Vordergrund steht die immer noch deutlich schlechtere Bezahlung in diesen Bereichen, woran auch die Systemrelevanz dieser Berufe, die in der Pandemie ja allerorten bemüht wurde, nichts geändert hat. Ein weiterer Grund ist sicherlich auch der männlich konnotierte Blick auf Arbeit, der dem Einzelnen den Schritt vom Fließband an das Krankenbett schwer macht. Schlussendlich geht es aber auch darum, dass nur wenige Arbeitgeber wie Konsumenten bereit sind, Dienstleistung angemessen und sozialversicherungspflichtig zu entlohnen, wie etwa die Lage bei den haushaltsnahen Dienstleistungen deutlich macht.

Im Gegensatz zur Situation im Dienstleistungssektor steht dem Bedeutungsverlust industrieller Arbeit im Bereich des Handwerks durchaus Kompensationspotential entgegen, da die Herausforderungen einer nachhaltigen Zukunft, wie etwa in der Energie- und Mobilitätswende einen hohen Bedarf an handwerklich ausgebildeten Arbeitskräften von der Installateurin bis hin zum Fahrradmechaniker ausweist. Hier bleibt allerdings zu beobachten, wie sich Attraktivität dieser Berufsfelder weiterentwickelt, da sich die Mehrzahl der Schulabgänger*innen ja für Bildungs- und Ausbildungswege entscheidet, die eher Richtung Hochschule führen.

Zusammenfassend verliert also industrielle Arbeit an Bedeutung, die derzeit weder in den Dienstleistungsbereichen noch im Handwerk aus genannten Gründen kompensiert werden kann. Diese Situation wird sich im Übrigen nicht über Repression gegen einzelne Arbeitnehmer*innen ändern lassen, sondern nur mit einer gemeinsamen gesellschaftlichen Anstrengung in Bildungs-, Sozial- und Tarifpolitik!

Transformation in Zahlen

Die aufgeführten Transformationsaspekte und der damit verbunden Verlust industrieller Arbeitsplätze soll an dieser Stelle konkretisiert werden, wobei es konkret um die Automobilbranche geht. Es wird wo von folgenden Annahmen ausgegangen

  • Produktivitätssteigerung durch Digitalisierung/Automatisierung von jährlich 5% ausgegangen wird.
  • Exportanteil von 70% der Gesamtproduktion, der sich jährlich um 4% verringert
  • Inlandsproduktion, die etwa durch Aspekte der Verkehrswende oder eine verfehlte Infrastrukturpolitik um jährlich 2% zurückgeht.

Diese Annahmen, die durchaus plausibel sind, führen im Ergebnis dazu, dass davon auszugehen ist, dass die Automobilindustrie in Deutschland von 2030 nur noch 2/3 der Arbeitsplätze von 2018, also vor Beginn der Krisen, ausweisen kann! Im Jahr 2018 hatte die deutsche Automobilindustrie 834.000 Beschäftigte, was dann bis 2030 den Verlust von 311.000 Arbeitsplätzen bedeuten würde, wobei das nur die direkt in der Branche Beschäftigten sind. Da an jedem industriellen Arbeitsplatz etwa 3,5 andere Arbeitsplätze von Bäckerin bis Altenpfleger hängen, ist das Ausmaß allein dieser Transformation in seiner Auswirkung auf die Volkswirtschaft kaum zu überschätzen.

Allerdings findet die gesellschaftliche Debatte, außer in einigen marginalisierten, aber hochkompetenten Kreisen, hinsichtlich einer geplanten Konversion von Arbeit und Arbeitsplätzen in Dienstleistung, Handwerk und Gewerbe oder in neue Industrien schlicht nicht statt! Aber nur auf Grundlage einer solchen breit geführten Debatte, kann eine Transformation by design, not by desaster gelingen!

Die soziale Frage aktuell

Nachdem vorstehend die sozialstrukturellen Veränderungen in der Transformation dargestellt wurden, soll die soziale Frage nun eher in ihrer politischen Dimension, also als Ausgangspunkt für das Entstehen neuer politischer Formationen oder der Erneuerung bestehender Zusammenhänge beschrieben werden. Für diesen Perspektivwechsel sollen zunächst einige Aspekte mit politischer Wirkmächtigkeit vorgestellt werden.

  • Die Menschen machen sich zunehmend Sorge um Arbeitsplatzverlust und Armut. Diese Ängste treffen zunehmend auch Arbeitnehmer*innen mit Hochschulabschluss, die bislang als eher gut geschützt vor Arbeitsplatzverlust, wenn auch nicht vor prekärer Beschäftigung und Armut, gegolten haben.
  • Prekäre Beschäftigung ist aber auch nach der Pandemie Strukturmerkmal der CARE-Berufe insbesondere und der Dienstleistungsbranche im Allgemeinen. Das meint hier niedrige Löhne und unsichere Arbeitsplätze.
  • Die Schere zwischen Einkommen aus Vermögen und Arbeit driftet immer weiter auseinander und das Aufstiegsversprechen durch Lohnarbeit wird immer seltener eingelöst.
  • Die Optionen auf einen höheren Bildungsabschluss sind nach wie vor hochgradig ungerecht verteilt, so dass von 100 Arbeiter*innenkindern nur Eines den Doktortitel erlangt, aber aus Akademiker*innenhaushalten zehn Kinder promovieren. Aus 100 Arbeitnehmer*innenhaushalten erlangen acht Kinder einen Mastertitel und aus 100 Akademikerfamilien kommen sage und schreibe 45 Masteranten!
  • Insgesamt ist ein roll back sozialen Ausgleichs wahrzunehmen und die Zahl realer, wie gefühlter Exklusion, Diskriminierung und Benachteiligung nimmt zu. Das hängt einerseits mit der Zunahme rechter Einstellungsmuster und andererseits mit dem Abbau und Diskreditierung sozialstaatlicher Leistungen zusammen.

Die Wirkmächtigkeit dieser Faktoren hängen mit ihrer individuellen Wahrnehmung einerseits und der individuellen Betroffenheit andererseits zusammen, die beide nichts mit der objektiven Positionierung in der Sozialstruktur zu tun haben müssen: Vielmehr handelt es sich um höchst subjektive Selbsteinschätzungen, die wiederum natürlich wiederum reziprok mit gesellschaftlichen Rollenbildern verbunden sind. Spannend ist nun die Frage, wie sich diese individuellen und subjektiven Positionierungen politisch organisieren oder zumindest so clustern lassen, dass Ansätze für Politik, als Arbeit an gesellschaftlicher Entwicklung sichtbar werden. Dieser Frage geht der nächste Abschnitt nach.

Die soziale Frage als politische Frage und Klassenverhältnissen

Die soziale Frage stellt sich also aktuell sowohl hinsichtlich objektiver Veränderungen und Herausforderungen als auch in Bezug auf deren individuellen Wahrnehmung und subjektiven Betroffenheit, was durchaus stark voneinander abgekoppelt sein kann, so dar, dass sich die milieuspezifischen Einstellungen durch alle sozialen Schichten ziehen.

Vor diesem Hintergrund steht die klassische Darstellung der allseits bekannten Sinus-Milieus, die die Milieus ja in einer Schichtstruktur verortet, irgendwie zur Disposition. Es stellt sich vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen vereinfacht dann so dar:

Und so erklärt sich auch, warum Klimapolitik nicht als gesamtgesellschaftliche Frage, sondern als Privatvergnügen moderner Mittelschichten, also der Schichten auf der rechten Seite des Modells, etikettiert wird und von Facharbeitern bis hin zu kleinstädtischen Honoratioren allesamt und gemeinsam um ihren Status fürchten, wenn KI und Roboter das Leben einfacher machen.

Die soziale Frage in der Transformation, wird überlagert von einem Kulturkampf zwischen traditionellen Milieus einerseits und Modernisierer*innen andererseits. Dem ist politisch Rechnung zu tragen, wenn die Transformation sozial gerecht gestaltet werden soll. Hier sind auch neue Bündnisse zu schmieden, die quer zu Klassen und Schichten liegen können. Das zeigt sich gut an vereinzelten Beispielen, wie etwa bei Bosch in München-Laim, wo Fridays for Future Betriebsräte im Kampf gegen Verlagerungspläne unterstützt hat, indem gemeinsam an Konversionsideen gearbeitet wurde.

Insgesamt erscheint es ratsam die sachlich-fachlichen Themen der Transformation kulturell zu überformen und in ein positives Narrativ zu integrieren, das möglichst viele Milieus anspricht, aber eben auch die soziale Frage als sozialstrukturelle Frage stellt. Das ist zurzeit leider so gut wie nirgends in Sicht. Während die Einen identitätspolitisch das Individuum völlig in den Vordergrund stellen, sind die Anderen so paternalistisch wie in den 70ern unterwegs.

Das hilft aber beides nicht. Deshalb scheinen die Rechtspopulisten und -extremen mit ihrem Narrativ vom „Früher war alles besser“ auch einfach durchzumarschieren. Das ist allerdings  fatal, weil in der Transformation, die mit Klimawandel und Ressourcenknappheit umgehen will, die Leugnung dieser zentralen physikalischen Faktoren, die Veränderungen erzwingen, Stillstand bedeutet!

So wird den fortschrittlichen Kräften im Land nichts anderes übrigbleiben, als sich an vielen Stellen neu zu erfinden und das wahrscheinlich jenseits eines Parteiengeflechts aus dem letzten Jahrtausend und Zuschreibungen von Oben und Unten, die mit der Gefühlslage der Menschen nicht mehr viel zu tun hat. Das wird mühselig und sicherlich schmerzhaft!

Fazit

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die soziale Frage hinsichtlich ihrer zwei Dimensionen, der sozialstrukturellen, wie der politischen, nichts von ihrer Aktualität
verloren hat, sondern die Thematik eher an Brisanz gewinnt, weil die sozialen Verwerfungen, die Klimawandel und Ressourcenknappheit mit sich bringen, mit großer Wucht auf uns zukommen. Hier gilt es also Arbeitsmarkt-, Bildungs- und Sozialpolitik stark zu machen.

Dazu brauchen wir eine gesellschaftliche Auseinandersetzung um das Tätigsein. Die Care-bereiche, den Schwund industrieller Arbeit, die Vergleichbarkeit menschlicher Arbeit mit Maschinen wie Robotern oder KI und vieles mehr müssen Anlass sein, die männlich konnotierte Sicht auf Arbeit weiterzuentwickeln.

Leider besteht berechtigter Zweifel das angesichts der derzeitigen politischen Lage und den dahinter liegenden Klassenverhältnissen eine konsequente sozial-ökologische Transformation mit sozialer Gerechtigkeit, individueller Emanzipation und nachhaltigem Wirtschaften realisierbar ist. Das bedeutet allerdings nicht die Flinte ins Korn zu werfen, sondern stetig weiter daran zu arbeiten und neue Bündnisse zu suchen.
Bildet Banden!

Literatur

Bertram Barth, Berthold Bodo Flaig, Norbert Schäuble, Manfred Tautscher „Praxis der Sinus-Milieus. Gegenwart und Zukunft eines modernen Gesellschafts- und Zielgruppenmodells“ Wiesbaden 2023

Lia Becker, Mario Candeias, Janek Niggemann &  Anne Steckner
„Gramsci lesen – Einstiege in die Gefängnishefte, Hamburg 2024

Richard Detje, Dieter Sauer, Ursula Stöger und Hilde Wagner
„Die AfD – eine »Arbeiterpartei« ohne betriebliche Basis? in Luxemburg 2/2024

A. Katharina Keil „Labour strategies in the German automotive industry:
limits and potentials of conversion from a Gramscian perspective” 2024

Kai Lindemann „Die Politik der Rackets. Zur Praxis der herrschenden Klassen“ Münster 2021

Karl Polany „Die große Transformation“, (Orig. 1944), Berlin 2001

Lutz Raphael „Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom“, Berlin 2019

Andreas Reckwitz „Die Gesellschaft der Singularitäten“ Berlin 2019

Simon Schaupp „Stoffwechselpolitik. Arbeit, Natur und die Zukunft des Planeten“ Berlin 2024

Knut Tullius, Harald Wolf und Berthold Vogel „Abschied von gestern. Mentalitäten und Transformationserfahrungen von Arbeitnehmer*innen in der Automobilindustrie in der Region Stuttgart“ Düsseldorf 2023

ein Siegerländer Blick auf die Transformation der Automobilindustrie

Ich habe in den letzten Wochen viel Zeit mit mir alleine verbracht und mir Gedanken zu den Parallelen zwischen meinen beruflichen Anfängen und der Situation, in der ich als Beschäftigter in der Automobilindustrie aktuell stehe, gemacht. Aus diesen Selbstgesprächen ist ein Interview mit mir selber geworden:

Klaus, du kommst aus dem Siegerland. Kannst du uns ein wenig über die Region erzählen?

Klar, das mach ich gerne. Das Siegerland liegt im Dreiländereck zwischen NRW, Hessen und Rheinland-Pfalz und war bis 1964 eines der größten Erzbergbaureviere in Westeuropa. Diese Geschichte endete, als 1964 die letzte Grube schloss. Danach hat sich dann der Schwerpunkt Richtung Verhüttung und Stahlverarbeitung verlagert, die vorher auch schon im Siegtal angesiedelt waren. So sind heute noch, wenn du durchs Siegtal fährt, die großen Stahlwerke zu sehen, wo aber längst nicht mehr so viele Menschen arbeiten, wie noch in den 80er Jahren.

Wieso arbeiten denn da weniger Menschen als früher? Stahl ist doch immer noch wichtig.

In den 90er Jahren geriet die Stahlindustrie von verschiedenen Seiten aus unter Druck: Da waren zunächst neue Technologien, die auch kleinere Stahlwerke mit weniger Tonnage rentabel machten. Diese kleineren Werke zeichneten sich dann auch noch durch höhere Flexibilität aus. Hinzu kam das auch die Minen in Finnland und Schweden nicht mehr so ergiebig waren und die Förderung des Erzes immer teurer wurde. Schlussendlich kamen dann auch neue Wettbewerber auf den Markt und die ersten asiatischen Anbieter aus Indien und China lieferten nach Europa.

Das klingt ziemlich nach den Herausforderungen, vor denen auch die deutsche Automobilindustrie steht. Wie ist es denn im Siegerland dann weitergegangen?

In den 90er Jahren war der Arbeitsplatzabbau in der Stahlindustrie unvermeidbar, weil der technologische Fortschritt das nun mal so mit sich bringt, auch wenn die Region, die Gewerkschaften bis hin zu Schüler*innen und Studierenden dagegen gekämpft haben. Dieser Kampf war aber nur die eine Seite der Auseinandersetzung. In den Stahlwerken haben Betriebsräte und Management an Zukunftslösungen gefeilt, die etwa in Spezialstählen und anderen neuen Produkten gesehen wurde. Daneben wurde auf regionaler Ebene an einem neuen industriellen Schwerpunkt gearbeitet und so wurde aus einem konzerngeprägten Stahlstandort ein starker Standort klein- und mittelständischen Maschinenbaus, der sich zum großen Teil aus den Zulieferern der Stahlwerke herausentwickelte. Schlussendlich haben Industrie und Region dann auch daran gearbeitet mit einer gut ausgebauten Bildungslandschaft von der beruflichen Weiterbildung bis hin zur Universität die Qualifizierung der Beschäftigten sicherzustellen.

Das klingt gut. Du arbeitest jetzt seit mehr als 20 Jahren in der Automobilindustrie. Wie siehst du die Situation denn vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die du in deiner Heimat gemacht hast?

Die Ausgangslage ist sicherlich ähnlich:

  1. Mit der Elektrifizierung des Antriebsstrangs und der Digitalisierung im Produkt wie in den Arbeitsprozessen haben wir einen technologischen Fortschritt erreicht, der uns zwingt Arbeit anders zu organisieren. Hinzu kommt das wir mit sinkenden Stückzahlen umgehen lernen müssen, weil viel mehr als früher, vor Ort in den Zielmärkten produziert werden muss.
  2. Mit dem Ende der billigen Energie aus Russland und dem Ende der billigen Rohstoffe im Allgemeinen stehen unsere Produkte und Herstellprozesse unter ungeheurem Kostendruck, den wir irgendwie abbilden müssen.
  3. Der Wettbewerb in der Automobilindustrie wird größer und neue Anbieter drängen auf den Markt.

Von daher macht es schon Sinn sich genau anzuschauen, wie dieser Strukturwandel in anderen Branchen und Regionen erfolgreich bewältigt wurde. Die Automobilindustrie hat keine Ewigkeitsgarantie.

Klaus, zum Schluß die Frage aller Fragen: Was tun?

Das ist zunächst eine Frage wo wir überall ansetzen müssen: Wir müssen das in den Fabriken und Büros, genau wie in den Konzernstrukturen tun. Und schlussendlich sind wir auch in den Regionen gefordert, weil wir vieles, aber nicht alles als Unternehmen gestalten können.

Als Standorte müssen wir die Prozesse angucken und gnadenlos entschlacken: Hier ist vielerorts in den letzten Jahren ein Abstimmungsaufwand entstanden, der genauso wenig bringt, wie die Menge unterschiedlichster Reportings, die Mitarbeitende genauso binden wie Führungskräfte und sie von ihrer eigentlichen Aufgabe abhalten. Wir müssen die Entscheidung dahin geben, wo die Kompetenz ist!
Gleichzeitig müssen wir die Produktportfolios nochmal ganz genau anschauen. Ich werde nie vergessen, wie es z.B. 2016 bei ZF in Schweinfurt hieß: Der Dämpfer muss weg. Heute haben die dort gelernt, wie wichtig die Kolbenstange und die Ventile als Teil der Dämpfer für die Wertschöpfung sind und die Kompetenz dafür in Schweinfurt liegt. Das war ein längerer Prozess, aber er hat sich gelohnt, weil es heute noch jede Menge Menschen gibt, die in dem Produktsegment Arbeit haben!

In den Konzernen müssen wir darum kämpfen, die Spielräume der Standorte möglichst groß zu halten und dafür zu sorgen, dass die Overheadstrukturen kein Eigenleben entfalten und nur um sich selber kreisen. Das gilt insbesondere auch für die Arbeitsteilung zwischen den Hierarchieebenen. Hier drängt sich manchmal der Eindruck auf, dass da nicht alles so klar ist, wie es sein sollte.

In der Region muss es darum gehen, die klein- und mittelständische Lieferantenstruktur mitzuentwickeln, was die oft nicht aus eigener Kraft leisten können. Gleichzeitig muss die regionale Infrastruktur, insbesondere was Digitalisierung angeht, vorangebracht werden. Funklöcher sind standortschädlich!
Daneben muss auch die regionale Vermarktung als Industrie- und Innovationsregion weiterentwickelt werden. Und schlussendlich muss die regionale Bildungs- und Weiterbildungslandschaft an die großen Veränderungen angepasst werden, die wir vor der Brust haben, bzw. die wir derzeit konkret erleben.

Und was kann die IG Metall da tun?

Eine alte Chefin von mir hat mal gesagt: Die Strukturpolitik der Region beginnt in den Wirtschaftsausschüssen der Unternehmen. Die IG Metall ist die einzige Organisation, die diese Arbeit mit ihren Mitgliedern in den Wirtschaftsausschüssen und als regionaler Akteur in Sachen Arbeitsmarkt- und Strukturpolitik, etwa auch in den Verwaltungsausschüssen der Agentur für Arbeit, koordiniert entwickeln kann und daraus sowohl betrieblich als auch regional eine Politik für gute Arbeit und sichere Arbeitsplätze ableiten kann! Ich weiß, dass das ein Sack voll Arbeit ist, aber: Wer, wenn nicht wir!

Klaus, danke für dieses Interview.

Die Zukunft der Arbeit und die Konsequenzen für die berufliche Bildung

Der Artikel ist zunächst hier erschienen:
https://www.zeitschrift-berufsbildung.de/archiv/bildungspersonal-in-der-coronakrise-update

Die Pandemie hat wie im Brennglas gezeigt, dass das Einzige was an der Zukunft von Arbeit sicher ist, die schlichte Tatsache ist, dass sie getan werden soll! Aber über welche Arbeit reden wir überhaupt? Sind es die Kurierfahrer*innen oder die Influencer*innen? Sind es die Kolleg*innen im Homeoffice oder die an den Fließbändern und in den Werkstätten? Sind es die Krankenpfleger*innen oder die Qualitätsmanager*innen in der Altenpflege? In der Pandemie wurde alles erledigt und ist doch anders geworden. Die einen wurden beklatscht, die anderen haben Arbeit und Leben integrieren gelernt und die anderen haben weiter Autos produziert, wenn sie nicht in Kurzarbeit waren.

Im Folgenden soll der Frage nach der Zukunft von Arbeit nachgespürt werden, indem Unterschiede und Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Tätigkeiten genauso betrachtet werden, wie die allgemeinen Trends die das Bild von Arbeit in den nächsten Jahren prägen werden. Schlussendlich soll das in Überlegungen zu den Konsequenzen für Struktur und Inhalt beruflicher Bildung münden.

Die Perspektiven zukünftigen Arbeitens werden zentral durch alle Facetten der digitalen Transformation geprägt. Das bedeutet auf der einen Seite, dass alle Arbeiten nun eine technische Dimension haben, die die professionelle Nutzung von Hard- und Software meint, was neben der eigentlichen Nutzung oftmals auch Wartung und Reparatur umfasst. Auf der anderen Seite werden kommunikative Fragen und die Herausforderungen digitaler Identität und Sozialbeziehungen immer wichtiger. Schlussendlich kommt, gerade auch in industriellen Großorganisationen ein steigendes Maß an standardisierter Berichterstattung, also schlichte Verwaltungsarbeit, hinzu.

So entsteht eine Landkarte digitaler Kompetenzen, die drei unterschiedlichen Logiken folgt; nämlich einer technischen, einer administrativen und einer sozialen Logik, die allesamt die digitale Gesamtkompetenz abbilden, wobei

  • die technische Logik die handwerkliche Beherrschung von Hard- und Software bedeutet;
  • administrative Logik die professionelle Verwaltung von Daten und Dateien meint und
  • soziale Logik die Fragen der digitalisierten Interaktion umfasst.

Ergänzt werden diese Themen noch durch die individuellen Herausforderungen, die die neuen Formen raum- und zeitunabhängigen Arbeitens mit sich bringen.

Wie sieht also ein ganz normaler Arbeitstag, für wen auch immer, aus? Ein typischer Vormittag könnte so aussehen:

Nachdem die Mails gecheckt sind, die über Nacht reingekommen sind, soll eigentlich der regelmäßige Früh-Call als erste Regelkommunikationsschleife des Tages stattfinden, der aber leider recht rüde durch ein nicht zu stoppendes Update der VR-Brille unterbrochen wird. Danach funktioniert der VPS-Client nicht mehr. So ist der Umstieg aufs Smartphone zwingend und der Früh-Call ist zwar fast vorbei, aber die lieben Kolleg*innen zeigen Verständnis. Die IT schickt eine Mail mit kryptischen Anweisungen, aber mit dem guten alten Tool, mal alles vom Strom zu nehmen, wird alles wieder gut. Allerdings fragt die IT, wegen ihres Qualitätsmanagements, nun automatisiert nach, ob den alles zur Zufriedenheit läuft. Das Formular will ausgefüllt sein, bevor der nächste Videocall ansteht oder ob eines Präsenztermins in die Firma gewechselt werden muss….

An diesem durchaus typischen, wenn auch verdichteten, Vormittag eines Büromenschen, zeigt sich, wie sich die drei Logiken operativ auf den Alltag auswirken. So wollen Tätigkeiten aus allen drei Bereichen erledigt werden, und das teilweise automatisiert, so dass sich die Frage nach Priorisierung und Autonomie nicht stellt. Die kommunikative Seite dient zur Kompensation technischer und administrativer Defizite und wird so für Karriere und kollegiale Zusammenarbeit noch wichtiger, als sie in vordigitalen Zeiten eh schon war.

Zusammenfassend werden sich also Berufsbilder der Zukunft zunehmend aus Elementen der drei genannten Logiken zusammensetzen, die dabei im Gegensatz zu heute fast gleichwertig Nebeneinander stehen. Damit sind also die beruflichen Perspektiven für Beschäftigte, deren Begabung stark auf eine Logik fokussiert ist, in Zukunft limitiert. Auch die Entscheidung für einen technischen, kaufmännischen oder erzieherischen Beruf wird wohl nicht mehr so eindeutig zu treffen sein.

Das klingt auf der einen Seite sicherlich bedrohlich, aber es bietet neue Bilder beruflicher Tätigkeit, die vor dem Hintergrund der digitalen Transformation bereits im Entstehen sind. So finden sich in hochautomatisierten Fertigungen, mehr und mehr Runden zusammen, wo die Notwendigkeit vorausschauender Instandhaltung, die logistischen Bedarfe und die Produktionsplanung immer wieder aufs Neue austariert werden müssen, damit jede Fachabteilung im Sinne eines unternehmerischen Gesamtoptimums zu ihrem Recht kommt. Und dazu brauchen die Mechatroniker*innen, Logistiker*innen und Arbeitsvorbereiter*innen eben nicht nur ihre technischen Kompetenzen, sondern in einem hohen Maß kommunikative und planerische Kompetenzen und eben auch die administrative Kompetenz diese Planungen auch systemseitig abzulegen und einzupflegen. Derlei interdisziplinäre Abstimmungen und Projekte finden sich im modernen Industriebetrieb reichlich und nur allzu oft scheitern diese Projekte eben an der Dominanz einer Logik, sei es die technische Seite oder eben die logistische Perspektive.

Was heißt all das für die Zukunft der beruflichen Bildung?

Berufe folgen in der Regel der weiter oben vorgestellten Logik und sind deshalb in der Regel entweder technisch-handwerklicher, kaufmännischer oder pflegerisch-erzieherischer Natur. Von daher ist auch die Ausbildung stark auf die Vermittlung von Kenntnissen fokussiert, die diesen Logiken folgen. Die vorstehende Darstellung hat aber aufgezeigt, dass sich diese Fokussierung abschwächen muss und eine eher ganzheitliche Ausbildung erfolgen muss, wenn sie den arbeitsadäquat sein soll.

Das heißt für die technischen Berufe, dass neben den berufsinhaltlichen Kompetenzen wie die Metall- oder Elektrotechnik, zunächst auch die digitalen Kompetenzen für die Beherrschung von Laptop und Smartphone im Hier und Jetzt und das Bewegen in Augmented und Virtual Realities im Jetzt und Dann vermittelt werden müssen, bevor es auch, stärker als bisher, um die Fragen administrativer und kaufmännischer (beispielsweise bei der Handwerkerin im Verkaufsgespräch und der Kundenberatung) Kompetenz und um die kommunikativ-kreativen Kompetenzen etwa bei der Koordination von Baustellen gehen muss.

Das bedeutet für die administrativen Berufe einen höheren Ausbildungsanteil in Sachen digitaler Technologien und Beherrschung von Hard- und Software, inkl. Wartung und Reparatur einerseits und andererseits verstärkt Elemente von Projektmanagement und interdisziplinär abgestimmter Arbeit. Ähnliches gilt für
die erzieherischen Berufe.      

Ein weiterer Aspekt, der bislang noch nicht zur Sprache gekommen ist, ist die in der Digitalisierung steigende Bedeutung der Schriftsprache. Von Email und SMS bis whatsapp und den Chatfunktionen bei Teams, Zoom etc. wird mehr geschrieben, auch wenn es sich oftmals um geschriebene Sprechsprache handelt. Das allerdings führt nicht allzu selten zu Missverständnissen, die im betrieblichen Umfeld sogar Schaden anrichten (Stichwort: Satzzeichen retten Leben!). Ob das durch die Zunahme von Videokonferenzen und Videochats beheben lässt, ist solange offen, wie in vielen Fällen die Kamera ja ausbleibt!

Abschließend soll noch ein Thema angesprochen werden, dass die Unterscheidung von allgemeiner und beruflicher Bildung trifft. Es ergibt sich aus der steigenden Bedeutung von Kommunikation, Kreativität und Teamspirit. Um hier effizient zu arbeiten und gute Ergebnisse zu erzielen, kann es nicht nur um streng fachliche Inhalte gehen, sondern eben auch um Konversation und Small Talk. Und selbst der hat seine Voraussetzungen in einer gewissen Allgemeinbildung bzw. kultureller Bildung. Dabei geht es nicht um die Fokussierung auf Aspekte der Hochkultur, sondern um einen breiten Wissensbestand, der situations- und adressatengerecht abgerufen werden kann.          

Die berufliche Bildung der Zukunft wird also vier Säulen haben müssen. Da wäre

  1. die Technik
    Hier geht es einerseits für Alle um die technischen Kompetenzen die benötigt werden, um Hard- und Software professionell zu nutzen, sowie zu warten und ggfls. zu reparieren. Andererseits bedarf es in den technischen Berufen selbstredend einer fachlich fundierten Ausbildung an den Maschinen und Werkzeugen, sie den dahinterliegenden physikalisch-technischen Grundlagen.
  2. Die Administration / Das Kaufmännische
    Hier geht es einerseits um die Grundlagen des Projektmanagements und etwa bei handwerklichen Berufen um kaufmännische Grundlagen von Vertrieb und Buchhaltung. Andererseits sind natürlich auch hier bei den kaufmännischen Berufen die fachlichen Grundlagen zu legen.
  3. Das Soziale
    Hier geht es einerseits um die notwendigen Kompetenzen für professionelle aber empathische Kommunikation in Schrift und Wort, sowie den Grundlagen von Zusammenarbeit und Kollegialität. Die erzieherischen und pflegenden Berufe benötigen selbstredend darüber hinaus auch die entsprechenden fachlichen Grundlagen.
  4. Allgemeinbildung
    Hier geht es für alle um den kompetenten Umgang mit social media einerseits und das Lernen und Kennenlernen von Inhalt und Form guter Konversation in der analogen wie digitalen Welt. Darüber hinaus wäre in diesem Zusammenhang auch Demokratie und demokratische Tugenden ein Lernfeld.

Zusammenfassend wird sich die Berufswelt wohl stärker diversifizieren und von allem ein wenig gebraucht werden, auch wenn die Fokussierungen in bestimmten Berufen recht ähnlich bleiben. Hier gilt es vorsichtig zu sein, einfach weitere Kompetenzanforderungen oben auf zu packen, sondern den richtigen Mix zu gestalten. Und das wäre die fordernde Aufgabe für die berufliche Bildungsplanung der kommenden Jahre!


Klaus Mertens
Oktober 2021

Literatur:

Gottschall, K.; Voß, G. (2003), Entgrenzung von Arbeit und Leben. Zum Wandel der Beziehung von Erwerbstätigkeit und Privatsphäre im Alltag, Mering

Oesch, D. (2013), Occupational Change in Europe. How Technology and Education transform the Job Structure, Oxford

Raphael, L. (2021), Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom, Berlin

Reckwitz, A. (2017), Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin

Vester, M.; Weber-Menges, S. (2014), Zunehmende Kompetenz – wachsende Unsicherheit. Bericht zu dem von der Hans Böckler Stiftung geförderten Kurzprojekt Explorative Entwicklung und Erprobung eines Untersuchungsinstruments für integrierte und differenzierte Langfrist-Analysen der beruflichen Arbeitsteilung und der Prekarisierung der Erwerbsstruktur in der BRD 1991-2009 mit den Daten des Mikrozensus, Hannover

https://www.arbeit-corona.uni-osnabrueck.de/ (zuletzt besucht am 03.11.2021)

https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Themen/Klassen_und_Sozialstruktur/Vester_Michael_Berufsgliederung_BRD_S_GB_2000.pdf (zuletzt besucht am 03.11.2021)

Bildet Banden!

Dieser Text, den ich letztes Jahr geschrieben habe, ist mir beim Aufräumen in die Hände gefallen. Und weil er leider nichts von seiner Aktualität verloren hat, gibts den halt heute:

Ich hatte neulich die Gelegenheit einer Lesung von Sven Gringmuth zu folgen, der seine Dissertation vorgestellt hat. Bei der Arbeit geht es um den Übergang vom Summer of Love 1968 in die scheinbar widersprüchliche Zeit der K-Gruppen. Gringmuth denkt laut und anschaulich darüber nach, ob und welche, manchmal auch nur scheinbaren, Brüche es in dieser Chronologie der Bewegung, aber eben auch in den Biografien einzelner Akteure gegeben hat. Im Kern liest er das aber auch als die quasi zwangsläufige Hinwendung sozialer Bewegungen zur Frage von Kapital und Arbeit, als dem zentralen systemprägenden Faktor, und die Solidarität mit denen, die auf der Seite der Arbeit in diesen Kämpfen stehen. Im Nachgang dazu ist mir die aktuelle Lage vor dem Hintergrund dieser historischen Blaupause nochmal durch den Kopf gegangen.
Wir stehen aktuell in der Metall- und Elektroindustrie vor einer der schwersten Tarifaus-einandersetzungen der letzten Jahre und die Beteiligung der Kolleg*innen ist nicht nur deshalb hoch, weil Sie mehr Geld wollen, sondern auch weil es ein Ringen um Anerkennung ihrer Leistung ist. In der öffentlichen Diskussion dominiert die Diskussion ums Homeoffice, new work und Agilität, die die Kolleg*innen an den Fließbändern und in den Werkstätten außen vor lässt. Die Industriearbeiter*in kommt im öffentlichen Diskurs nicht mehr vor und viele Szenarien, die im Zuge des Klimawandels und seiner Eingrenzung entwickelt werden, sehen Industrie und die mit ihr verbundenen Arbeit als abzuschaffendes Übel.
Der Protest gegen das politische Nichtstun in Sachen Klimawandel hat mit Fridays for Future massenhaft Menschen auf die Straße getrieben und das Thema endlich auf die politische Agenda gesetzt. Diese Bewegung stellt nun zunehmend nicht mehr nur die Frage nach der Bekämpfung des Klimawandels, sondern auch nach den systemischen Rahmenbedingungen und hat sich theoretisch über Postwachstumsdebatten und Degrowth der Kategorie der Kapitalismuskritik eher vorsichtig genähert Unter dem Slogan „system change not climate change“ ist sie nun, zumindest in Teilen dort angekommen.
In der IG Metall wird die Frage sozial-ökologischer Transformation und einer ganzheitlichen klimafreundlichen Politik durchaus gesehen und auch bearbeitet, wie die große Demonstration in Berlin, die unter dem Motto „fairwandeln“ stand, schon 2019 gezeigt hat. Aber sie hat ihre natürlichen Grenzen an den Komfortzonen der Kolleg*innen vor Ort und findet mit großer Ernsthaftigkeit eher auf den überregionalen Ebenen statt.
Die Herausforderung einer politischen Linken würde nun darin bestehen für die Begegnung von Klimabewegung und Gewerkschaft zu sorgen, und zwar vor Ort, ganz operativ und maßnahmenorientiert, nicht in überregionalen Arbeitskreisen und Bündnistreffen, die auch ihre Berechtigung haben, aber – ich denke – dass es an der Zeit ist, diesen Punkt stark zu machen: Es gilt einerseits, soziale und die ökologische Frage zusammen zu denken, und die soziale Frage dabei als Frage von Arbeit und Beschäftigung zu sehen. Andererseits gilt es, operative Formen der Kooperation in den Regionen zu entwickeln, die beim Transformieren anpacken wollen. Das ist bislang leider nur selten zu sehen. Ursächlich dafür ist die kulturelle und soziale Unterschiedlichkeit von Klima- und Gewerkschaftsbewegung, was sicherlich längst nicht mehr so holzschnittartig wie in den 68ern funktioniert, aber trotzdem hat jede Blase ihr Dispositiv und ihre Narrative.
Wer ist nun gefragt? Es sind die „organischen Intellektuelle“, wie Gramsci das nennt, die in Gewerkschaft, wie Klimabewegung eingebettet sind und ob ihrer Intellektualität in der Lage sein sollten Dispositive und Narrative zu lesen und zu diskutieren, dadurch auch aufzuweichen und so als Synthesen etwas Neues entstehen zu lassen. Dafür müssen wir weder Parteien gründen, noch den Habitus eines Arbeiters aus den 20Jahren imitieren oder mit Schmerbauch auf irgendwelche Bäume krabbeln. Authentisch und auf Augenhöhe ins Miteinander zu kommen und da ist eine Voraussetzung tatsächlich das gegenseitige Verstehen. Das wäre der Riesenunterschied zu der historischen Formation der End60er/Anfang70er Jahre: es wäre ein emanzipatorisches Projekt und nicht die autoritären Befreiungsphantasie für eine imaginierte Arbeiter*innenklasse.

2020 – stade Zeit – 2021

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
geschätzte Mitstreiterinnen und Mitstreiter
und Freundinnen und Freunde,

2020… Brauchts da wirklich neben dem Lockdown auch noch eine stade Zeit?

Hat nicht der Virus das ganze Land gelähmt, zur Ruhe verdammt oder auch
zur Entschleunigung gezwungen? Ist das nicht genug?

Nein, ein ganz entschiedenes Nein!

Viele haben in diesem Jahr viel und hart gearbeitet. In den Kliniken und Ambulanzen,
im Einzelhandel und als Paketfahrer*in oder in Fertigungen und Montagen oder
im Homeoffice, im Homeschooling und bei der ganz alltäglichen CARE-Arbeit.

Und da braucht es nun eine stade Zeit um Kraft zu schöpfen und Ruhe zu finden.

Dieses Jahr der Pandemie kann auch als Katalysator anstehender Transformationen
gelesen werden. Die neue Selbstverständlichkeit von Homeoffice und Videokonferenzen ist dafür genauso Hinweis wie das Konjunkturprogramm oder die PopUp-Radwege in den Städten. Die Weichen stehen endlich auf Veränderung. Der Zug ist angerollt, wenn auch für den ein oder die andere zu langsam.

Das Jahr so zu nutzen hat viele Akteure in Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft vor
große Herausforderungen gestellt. Etablierte Kommunikationen wie Tagung, Workshop
oder Konferenz waren unmöglich gemacht und liebgewonnene Rituale von Protest und
Widerstand obsolet. So ist nicht nur inhaltlich viel gearbeitet worden, sondern auch viel
Kreativität in neue Formen politischer und zivilgesellschaftlicher Arbeit geflossen.

Auch da braucht es nun eine stade Zeit um Kraft zu schöpfen und Ruhe zu finden.

Das Jahr hat mich gelehrt hoffnungsvoll und fröhlich zu bleiben. Die Pandemie hat
einen Schub an Veränderung gebracht und die Menschen haben gezeigt, dass sie
nicht pauschal gegen Veränderung sind. Sie wollen sie nur verstehen und im besten
Fall beteiligt sein. Dabei geht es nicht immer nur um Inhalte, sondern auch um Emotion.
Deshalb wird es auch weiterhin darum gehen, das Narrativ vom klimagerechten guten
Leben zu entwickeln und zu erzählen, was sicherlich nicht leichter werden wird.

Nun bricht auch für mich die stade Zeit an, um Kraft zu schöpfen und Ruhe zu finden.

Ich wünsche deshalb allen, die kommenden Tage nutzen zu können, um ein
wenig Kraft zu tanken für die Herausforderungen des kommenden Jahres.
Denn eins ist gewiss: Es geht weiter!

Viele Grüße

Klaus Mertens