Von Ötzis Kupferbeil zum AllMetalsSmartphone – Was bedeutet das für Arbeit und Beschäftigung?

Klaus Mertens
Von Ötzis Kupferbeil zum All-Metals-Smartphone – was bedeutet das für Arbeit und Beschäftigung?

Einleitung
Die digitale Transformation ist in aller Munde und das Reden von einer vierten industriellen Revolution ist allgegenwärtig. Technologisch verbirgt sich hinter diesem Diskurs einerseits die Elektronifizierung und Digitalisierung der Produkte und ihrer Leistungsmerkmale sowie andererseits die Automatisierung der Herstellprozesse. Daraus entstehen allerdings auch neue soziale Wirklichkeiten, die bestenfalls in das bestehende Dispositiv der Arbeit eingepasst und schlechtestenfalls exkludiert werden oder, falls es gut läuft, für neue Wahrnehmungen und Narrative sorgen. Es braucht dazu aber bestimmte soziale Konstellationen und Zeitfenster, um mit neuen Narrativen ein Dispositiv zu verändern.
Es gibt keinen Automatismus.
Der vorliegende Beitrag will deshalb das Dispositiv der Arbeit zunächst historisch einordnen, bevor er über die soziale Figur des Metallarbeiters referiert, die sich durch die Prozesse von Automatisierung und Digitalisierung wandelt beziehungsweise wandeln wird. Im Anschluss daran geht es dann um den Versuch, das neue Gesicht der Arbeit als eine Verunsichtbarung von Stoff, Wert und Arbeit zu beschreiben und zur Diskussion zu stellen. Der Begriff Verunsichtbaren beschreibt den Prozess, mit dem Wertschätzung und sogar Wahrnehmung der Rohstoffe, des Produktwerts und der darin liegenden Arbeit in der Öffentlichkeit, wie in der Lebenswelt des und der Einzelnen schwindet. Abschließend soll eine Perspektive für die Arbeit im All-Metals-Age skizziert werden, dem Zeitalter in dem die Menschheit das gesamte Periodensystem ökonomisch bespielt. Das All-Metals-Smartphone steht dabei stellvertretend für die Produktwelt der digitalen Transformation. Ein durchschnittliches Smartphone enthält rund 30 Metalle, zu denen auch die Elemente aus der Gruppe der Seltenen Erden gehören!

eine kurze Geschichte der Arbeit
Beginnen soll diese Geschichte bei dem Mann aus dem Eis, dem sogenannten Ötzi und seinem Kupferbeil. Das Kupfer für die Klinge ist in der südlichen Toskana gewonnen worden, wurde zur Klinge geschmiedet und von dem Mann aus dem Eis getragen, der es – so ist zu vermuten – nicht selber verhüttet beziehungsweise geschmiedet hat, auch wenn er einigen Thesen zu Folge durchaus Kontakt mit der Metallverhüttung gehabt haben soll. Es lassen sich unabhängig davon, also bereits vor mehr als 5 000 Jahren, die sozialen Rollen ausmachen, die das Wirtschaftsleben bis heute kennzeichnen: Händler und Kunde, Produzent und Logistiker. Wie aber haben sich diese Rollen und ihr Zusammenspiel weiterentwickelt? Was unterscheidet die Rollen und ihr Zusammenspiel heute von der Struktur vor mehr als 5 000 Jahren?
Es sind Prozesse funktionaler Differenzierung, die schlussendlich zu hohen Speziali-sierungsgraden und hoher Komplexität in sozialen wie technisch-ökonomischen Prozessen führen, die die Entwicklung von Wirtschaft und Arbeit treiben. Während also
die stein- beziehungsweise kupferzeitliche Sippe gejagt, gefischt, genäht, gewoben, geschliffen und geschnitzt hat, gibt es dafür nun spezialisierte Gewerke, die den Wert ihres Tuns über Preise in Geld vergleichbar und damit handelbar gemacht haben.
Ein weiterer Aspekt, der bislang wohl eher weniger betrachtet wurde, sind die stofflichen und technologischen Konsequenzen funktionaler Differenzierung, die zu einer technologischen Verfeinerung einerseits und einer steigenden stofflichen Komplexität andererseits führen. Technologische Verfeinerung ist etwa die Entwicklung vom kupferzeitlichen Webstuhl, wie er im Südtiroler Archäologiemuseum zu sehen ist, mit groben Seilen und Gewichten aus Stein hin zu den vollautomatisierten Webstühlen moderner Prägung. Mit der Verfeinerung der Maschinen ist oftmals auch eine enorme Steigerung der Produktivität verbunden, die wiederum für eine räumliche Ausweitung der Märkte verantwortlich ist. Stoffliche Komplexität meint die vielfältiger werdende Zusam-mensetzung der Produkte. Das Kupferbeil des Mannes aus dem Eis bestand zu 99% aus Kupfer, während ein moderner hochlegierter Stahl je nach Legierung nur zu knapp über 90% aus Eisen bestehen kann. Deutlicher noch wird es bei Textilien, wo sich die Welt der natürlichen Wollen und Fasern ja im Laufe der Zeit zu einer bunten Mischwelt aus Kunststoff-Wollverbindungen gemausert hat.
Aber auch die Betrachtung des Smartphones, bezeichnenderweise als All-Metals-Smartphone etikettiert, zeigt die Feinheitsgrade moderner Produkte. Ein durchschnittliches Smartphone besteht zu
• 56 % aus Kunststoff
• 16 % aus Glas und Keramik
• 15 % aus Kupfer
• 3 % aus Eisen
• 3 % aus Aluminium
• 2 % aus Nickel
• 1% aus Zinn und
• 1 % aus anderen Metallen wie Gold, Silber, Platin, Palladium, Kobalt, Gallium, Indium,
Niob, Tantal, Wolfram und seltenen Erden zum Beispiel Neodym (Infostelle Mobilfunk 2015).
Das zeigt eigentlich zweierlei: Auf der einen Seite die Vielfalt der eingesetzten Stoffe und auf der anderen Seite die geringe Menge pro Produkt, die sich aber über die schiere Zahl der verkauften Produkte relativiert: In 2017 gibt es weltweit einen Bestand von 4,5 Milliarden Smartphones (de.statista.com 2017)!
Die vorstehend beschriebene Verfeinerung von Maschinen und die gesteigerte stoffliche Komplexität bedeuten für die Entwicklung von Arbeit sowohl das Entstehen von Experten für Entwicklung und Bedienung als auch das Entstehen einfacher, repetitiver Tätigkeiten, die Ergebnis höherer Automatisierungsgrade im Herstellprozess sind. Der Zusammenhang von Verfeinerung und Automatisierung besteht im Übrigen darin, dass mittels technischer Verfeinerung auch eine Prozessstandardisierung erreicht wird, die Grundlage der Automatisierung ist.
Im Zusammenhang mit der vorstehend geschilderten funktionalen Differenzierung und ihren technologischen Bedingungen entstehen immer entsprechende Dispositive (Foucault 1978), die Ausdruck des gesellschaftlichen Umgangs mit Arbeit sind. So stehen zunächst die agrarischen Tätigkeiten vom Ackerbau bis zur Tierhaltung einerseits und die Jagd andererseits im Fokus des Dispositivs, während die urbanen und handwerklichen Tätigkeiten eher eine randständige Rolle spielten. In der politischen Losung »Stadtluft macht frei« wird diese Randständigkeit politisch umgekehrt und damit in eine Richtung aufgelöst, in der die Anfänge bürgerlichen Selbstbe-wusstseins zu erkennen sind. Im Zuge der industriellen Revolution rückt dann zunächst das Bild des hart arbeitenden Menschen, in dem Fall tatsächlich das eines Mannes, der sich Erde und Maschine untertan macht, in den Vordergrund. Der Bergmann im Stollen und der Stahlarbeiter am Hochofen, die noch gefährlich nah an den Rohstoffen sind, sind bis heute Referenzpunkte für das Bild der Arbeit. Spätestens aber seit der filmischen Ikonisierung der Fließbandarbeit durch Charlie Chaplin in Modern Times rückt das Bild entfremdeter Montagetätigkeit in den Vordergrund. Im Dispositiv der Arbeit werden diese Tätigkeiten allerdings nicht positiv konnotiert, sondern als stumpf und wenig anspruchsvoll eingeordnet. Gleichzeitig entsteht mit den White-Collar-Tätigkeiten auch eine neue Form der Arbeit, die nunmehr weniger körperlich hart als geistig fordernd wird. In dem Maße, wie diese Tätigkeiten im Arbeitsmarkt dominieren, gerät auch das Dispositiv der Arbeit unter diskursiven Druck, wobei die technologische Ver-feinerung und die Automatisierung der Office-Tätigkeiten aktuell zumindest die Wahrnehmung von Arbeit verändert haben. Darauf wird später noch eingegangen. Zuvor jedoch soll, entsprechend dem Thema des Bandes, das Bildnis des Metallarbeiters genauer betrachtet werden.

das Bildnis des Metallarbeiters
Wie vorstehend schon angedeutet wurde, ist das Bild des Arbeiters am Hochofen, der in der Hitze des Feuers, das Eisen aus dem Erz holt, der es zu Strängen gießt und zu Stählen ver- edelt, nach wie vor prägend für das Dispositiv der Arbeit, insbesondere in der Metallindustrie. Richtige Arbeit ist hart, schmutzig und quasi archaisch, dabei gleichzeitig hochtechnisiert. Daneben erscheint monotone Montagetätigkeit weniger heldenhaft und moderne Facharbeit im Maschinen- und Anlagenbau zu wenig schmutzig beziehungs-weise gefährlich, als dass sie als Referenzpunkt für eine Weiterentwicklung des Dispositivs dienen könnte.
Trotzdem arbeiten deutlich mehr Beschäftigte in den Fertigungen und Montagen als an einem Hochofen. Und das Verhältnis von Blue- und White-Collar-Beschäftigten hat sich auch in der Metallindustrie längst zugunsten der White-Collar-Tätigkeiten verschoben. Die Beschäftigten hinsichtlich der Farbe ihrer Hemdkragen zu differenzieren, ist im Übrigen angelsächsischen Ursprungs und bezieht sich auf den – auch im deutschen Sprachraum ja bekannten – Blaumann für die Arbeiterinnen und Arbeiter. Der weiße Kragen steht für die Tätigkeiten bei denen weder Schmutz noch Dreck zu befürchten sind, also die klassischen Angestelltentätigkeiten. Es arbeiten also die deutliche Mehrzahl der Beschäftigten fern von Hochöfen und Gusswerken und so sehen sich die meisten Beschäftigten der Branche spiegelverkehrt zum Dispositiv der (Metall-)Arbeit und werden so entweder abgewertet oder ausgegrenzt, sodass die Beschäftigten am Fließband als unqualifiziert und die White-Collar-Beschäftigten nicht als Metallarbeiter im eigentlichen Sinne etikettiert werden.
Nun steht das Bildnis des Metallarbeiters im Weg. Es stört dabei, die aktuellen technologischen Entwicklungen und ihre sozialen Verwerfungen zu begreifen. Die digitale Transformation ist eben für die Beschäftigten am Fließband nur eine weitere Rationalisierungsschleife, die im schlechtesten Fall zum Arbeitsplatzverlust führt. Und für die Beschäftigten im Büro scheint sie ein Thema ohne Bedeutung zu sein, obwohl die Digitalisierung ja zunächst in den Bürobereichen Konsequenzen gezeigt hat. Ein gutes Beispiel ist das Verschwinden der Schreibbüros und der Wandel von den klassischen Sekretariaten zu Projektassistenzen. Nun soll es aber hier nicht darum gehen, wie unterschiedliche Beschäftigtengruppen solidarisch auf diese Ver-änderungen reagieren. Es geht darum aufzuzeigen, warum sie nicht angemessen darauf reagieren. Deshalb wird an dieser Stelle noch auf einen weiteren störenden Aspekt des Dispositivs der (Metall-)Arbeit eingegangen. Es geht um die gängige, in der Metallindustrie weit verbreitete Gleichsetzung von Metall und Stahl/Eisen, die verhindert, dass qualitative Veränderungen, die sich aus der steigenden Komplexität der Stofflichkeit und der Verfeinerung im Produkt ergeben, gesehen werden können.
Aus dem herrschenden Dispositiv und seinem zeitgeschichtlichen Kontext ergibt sich auch ein Produktbild in dem Stahlcoils und -stangen, Schiffe, Eisenbahnen, Autos und riesige Maschinen vorkommen, aber keine Smartphones, Tablets und Saugroboter. Das ist im nationalen Rahmen kein Problem, weil all diese Kleinteile ja aus Asien kommen, aber für das Verstehen von Veränderung, wäre ein Gedanke an Verfeinerung und Miniaturisierung sicherlich hilfreich.
Zusammenfassend verstellt das Dispositiv der Metallarbeit, als ewig junger Schein von Hochofen und Gusswerk, den Blick auf die Veränderungen der Branche und der Welt, die sich quasi nur im Spiegel des Dorian Gray (Romanfigur von Oscar Wilde 1890/91) sehen lassen. Nachfolgend soll aber ein Blick auf die Veränderung der Metallbranche geworfen werden.

das Verunsichtbaren von Stoff, Wert und Arbeit
Ein oft zitiertes Beispiel, an dem sich die Veränderungen der Branche zeigen lassen, ist der britische Triebwerkshersteller Rolls Royce (Appel 2015). Er hat bereits in den 1980er Jahren begonnen, nicht mehr das Triebwerk, also das verarbeitete Metall, sondern die Schubstunde, die durch das Triebwerk erbrachte Leistung, zu verkaufen. Bei diesem Geschäftsmodell, das auch als Servitization (Verdienstleistung) bezeichnet wird, gerät die Hardware als Kerngeschäft fast aus dem Blick. Dieses Geschäftsmodell findet sich bei Telekommunikationsgesellschaften und Netzbetreibern wieder und wird so weit getrieben, dass das Smartphone als kostenlose Dreingabe zum Vertrag fast selbstverständlich erscheint. Ein technologisches Hochleistungsprodukt mit filigraner Verarbeitung und kostbaren Rohstoffen, wenn auch in kleinsten Mengen, wird quasi verschenkt, was angesichts der Bedeutung, die das Smartphone als Dreh- und Angelpunkt modernen Lebens hat, schon fast paradox ist. Oder ist eben nicht das Smartphone Dreh-und Angelpunkt modernen Lebens, sondern sind es die digitalen Optionen des Internets? Wenn dem so wäre, wäre eine Erklärung für die Vehemenz gefunden, mit der etwa die Automobilindustrie die Digitalisierung des Fahrens und des Fahrzeugs vorantreibt. Hier zeigt sich die Tendenz weg von Produkten hin zu Geschäftsmodellen, die Digitalität und Dienstleistung in den Vordergrund stellt, während bei der Elektrifizierung des Antriebsstrangs, also einer eher analogen Angelegenheit, doch deutliche Zurückhaltung gezeigt wird.
Unabhängig davon ist festzuhalten, dass die allgemeine Verdienstleistung auch der Metallindustrie den stofflichen Wert des Produkts und den darin enthaltenen Wert der Arbeit verschwinden lässt. Das oben beschriebene Dispositiv der (Metall-)Arbeit verhindert durch Exklusion und Abwertung geradezu sich diesen Prozessen kritisch zu nähern. Dabei stehen einige Aspekte ganz aktuell auf der Tagesordnung, egal ob es um eine nachhaltige Roh-stoffstrategie oder die Zukunft der Produktionsarbeit geht. Im Folgenden sollen diese Punkte zumindest andiskutiert werden.
Eine nachhaltige Rohstoffstrategie würde bedeuten, sich zunächst einmal für die Metalle jenseits von Eisen und Stahl zu öffnen und auch die Stoffe als kritisch zur Kenntnis zu nehmen, die zu ihrer Verarbeitung benötigt werden. Da wäre als einer dieser Stoffe beispielsweise das Helium zu nennen, das für bestimmte Schweißprozesse als Schutzgas Verwendung findet und dessen Produktion eng mit der Erdöl- und Erdgasförderung zusammenhängt. Dieser Zusammenhang führt immer wieder zu Versorgungsengpässen. Und als zentrales Metall der Elektrifizierung, die ja nicht nur den Antriebsstrang des Automobils meint, sondern eben auch allerlei kleine Helfer in Haus und Hof, die mit Elektromotoren betrieben werden, sollte die Verfügbarkeit, die Förderung, die Verteilung, die Verarbeitung und das Recycling von Kupfer intensiv diskutiert werden (Zittel 2016). Hervorgehoben werden soll an dieser Stelle, dass insbesondere die Bedingungen unter denen diese Metalle gefördert werden, hinsichtlich ihrer sozialen und ökologischen Konsequenzen zu betrachten wären. Mit einem solchen Ansatz wären die zumeist nationalen Perspektiven auf Arbeit und Beschäftigung geweitet, was angesichts der planetarischen Grenzen und den weltumspannenden Wertschöpfungsketten dringend angeraten ist. Das ist allerdings trotz vielfältiger Bemühungen keine Selbstverständlichkeit. Die weltumspannenden Wertschöpfungsketten leisten nämlich einen zentralen Beitrag zur Verunsichtbarung, weil sie zumindest für die entwickelten Länder des Westens die harten, gefährlichen, unfairen und umweltschädlichen Arbeiten in die Länder des globalen Südens ausgelagert haben.
Zentrales Instrument einer nachhaltigen Rohstoffstrategie ist die Preisbildung, die marktwirtschaftlich eben soziale und ökologisch-nachhaltige Aspekte nicht einbeziehen kann, sodass hier eine politische Einflussnahme unerlässlich bleibt. Jenseits dieser Intervention wären staatliche Investitionen in Forschung und Entwicklung sicherlich angeraten, um Impulse in Richtung nachhaltiger Rohstoffstrategien zu setzen. Forschung und Entwicklung wären auch dazu geeignet, die notwendige Schaffung eines stofflichen Bewusstseins für den Wert – nicht zu verwechseln mit dem Preis oder den Kosten – eines Produkts zu unterstützen. Denn ein solches breit verankertes Bewusstsein wäre auch politisch die Voraussetzung für die Durchsetzung entsprechender Preise. Mit welchen Instrumenten die Schaffung eines solchen Stoff- oder auch Metallbewusstseins vorangetrieben werden könnte, ist zu diskutieren und auszuprobieren. Notwendig ist es allemal.
Ebenfalls dringend notwendig ist es, das Dispositiv der Arbeit zu dekonstruieren und seine Elemente und Entwicklungen auf zeitgemäße Weise neu zu verknüpfen – quasi ein neues Narrativ der (Produktions-)Arbeit aufzulegen. Das geschieht im Diskurs um die digitale Transformation bereits dergestalt, dass die eh schon geringer geschätzten Arbeiten, die zumeist hochrepetitiv sind, per se als durch Roboter zu erledigen betrachtet werden. Damit wird deren Abwertung, die bereits im Dispositiv der (Metall-)Arbeit angelegt ist, weiter fortgeschrieben und kaum jemand stört sich daran. Dabei ist dieser weitere Automatisierungsschub unter sozialen wie ökologischen Gesichtspunkten zu hinterfragen.
Zunächst stellt sich sicherlich die Frage nach dem Warum: Warum wird viel Geld in eine weitere Produktivitätssteigerung investiert, wenn doch seit Jahren die Wachstumsraten der Weltwirtschaft eher bescheiden sind? Wenn es darauf eine hinreichende Antwort geben sollte, geht es darum, ob die digitale Transformation im Produktionsbereich rohstoffseitig und preislich ausreichend und nachhaltig hinterlegt ist: Was wird aus den Menschen, die durch diese Prozesse ihre Arbeit verlieren? Und: Wie verändert sich die Arbeit für diejenigen, die in der Produktion beschäftigt bleiben?
Diese Fragen sind vor dem Hintergrund einer zunehmenden Raumunabhängigkeit der Arbeit, ausgelöst durch die technischen Potenziale von Laptop und Smartphone, die sich in mobiler Arbeit und Home-Office-Lösungen zeigt, auch unter dem Aspekt von Zeitwohlstand und Lebensqualität für den Diskurs zur Zukunft der Arbeit wichtig. Wichtig sind sie aber auch für die Frage nach dem Verunsichtbaren von Arbeit und deren Wert. Verschwindet die menschliche Arbeit aus der Fabrik und dem Büro und wo geht sie hin? Wo ist sie dann noch sichtbar und abgrenzbar von anderen Zeiten? Und welchen Status hat die Arbeit derjenigen Beschäftigten, die eben nicht raumunabhängig arbeiten können? Entstehen hier neue Ungerechtigkeiten?
All das muss zwingend gesellschaftlich verhandelt werden, weil sich bereits Bereiche zeigen, wo die Bereitschaft für genutzte Produkte auch zu bezahlen, zumindest in Deutschland außer-ordentlich gering ist. Die Rede ist vom Online-Journalismus, der mit seinen kundenbasierten Zahlungsmodellen immer noch defizitär ist und sich über Werbung finanzieren muss. Ein anderes Beispiel ist die Software-Entwicklung, wo sich die App-Entwickler zum Teil nicht über Verkaufszahlen, sondern über Kundendaten refinanzieren. Hier wird der eigentlichen Arbeit, dem Schreiben oder dem Entwickeln, vom potenziellen Kunden keinerlei Wert mehr beigemessen. Genauso wie bereits geschildert, ja auch das Smartphone als kostenlose Dreingabe zum Mobilfunkvertrag gesehen wird.
Zusammenfassend ist vorstehend aufgezeigt worden, wo aktuell Momente der Verunsicht-barung von Stoff, Wert und Arbeit erkennbar sind und wie sie, flankiert von dem aktuellen Dispositiv der Arbeit, das Gestalten einer rohstoffsensiblen, sozial und ökologisch nachhaltigen Zukunft für Arbeit und Beschäftigung erschweren. Das hat die fatale Nebenwirkung, dass die konkret stattfindenden Veränderungen im Dunklen und Vernebelten stattfinden. Licht in dieses Dunkle zu bringen würde aber demzufolge mehr bedeuten als mit Zahlen, Daten, Fakten Transparenz in die Themen zu bringen und diese in der öffentlichen Meinungsbildung sichtbar zu machen, sondern eben auch an dem Bezugsrahmen zu arbeiten, in den diese Informationen eingeordnet werden. Der folgende Abschnitt will versuchen, einige Perspektiven aufzuzeigen, die sich aus einem solchen Prozess entwickeln könnten.

Perspektiven der Arbeit im All-Metals-Age
Die ökonomische Verwertung der Elemente des gesamten Periodensystems, insbesondere der Metalle und Metallsalze ist in weiten Teilen sowohl der digitalen Transformation als auch der Automatisierung beziehungsweise Elektrifizierung vieler manueller Tätigkeiten geschuldet. Daraus ist eine hochvernetzte Welt entstanden, in der Wissen und Information schnell und umfassend zur Verfügung steht. Ob daraus eine Welt entsteht, in der alles was zu automatisieren ist, auch automatisiert wird, ist offen.
Ein verhalten optimistisches Szenario sähe dann in etwa so aus: Der Anteil von Blue-Collar-Beschäftigten in der Industrie wird sich weiter zugunsten von White-Collar-Beschäftigten absenken, was sich zumindest in der Metallindustrie bereits deutlich abzeichnet. Im Logistikgewerbe sind zwar ähnliche Trends zu beobachten, aber die Zahl der Beschäftigten wird in diesem Sektor wohl dennoch eher steigen. In den personenbezogenen Dienstleistungen wird die Zahl der Beschäftigten steigen. Leider werden die Arbeiten sowohl in der Logistik als auch in den personenbezogenen Dienstleistungen schlechter entlohnt als in der Produktion oder den produktionsnahen Bereichen. Die Perspektiven für Handwerk und Landwirtschaft sind recht differenziert zu betrachten. Die Zahl der lohnabhängig Beschäftigten in Vollzeit wird insgesamt sinken.
Ein Szenario, das die wesentliche Ansage dieses Beitrags aufgreift, nämlich eine gesell- schaftliche Perspektive der Arbeit vor dem Hintergrund einer sozial und ökologisch nachhaltigen Rohstoffstrategie zu entwickeln, sähe dann anders aus. Sie würde wohl etwa so aussehen:
In der Industrie haben auch die Blue-Collar-Beschäftigten einen hohen Zeitwohlstand, der sich durch intelligente Arbeitszeitsysteme und das Recht auf Teilzeit ergibt. Die Arbeit ist anspruchsvoll. Repetitive Arbeiten sind automatisiert worden. Die ergonomischen Ansprüche sind hoch. Planerische und kreative Tätigkeiten gewinnen an Bedeutung. Die Portfolios der Betriebe entsprechen den gängigen Nachhaltigkeitskriterien. White-Collar-Beschäftigte sind weiter hochqualifiziert und haben gelernt, mit sozialer Komplexität und Ressourcenknappheit umzugehen. In der Logistikbranche sind insbesondere an der letzten Meile viele Arbeitsplätze entstanden, die die Innenstädte und Endkunden mit Pedelecs (Elektrofahrräder) und Lastenrädern beliefern. Genau wie bei den personenbezogenen Dienstleistungen genießen die Beschäftigten hohe Wertschätzung und verdienen entsprechend. Die Beschäftigtenzahlen in Handwerk und Landwirtschaft sind gestiegen, weil es insbesondere junge Menschen in die Bereiche zieht, wo sie regional orientiert mit den Händen etwas schaffen können. Sie nutzen ihre digitale Kompetenz um sich zu organisieren und mit Kunden und Lieferanten zu vernetzen. Die Bereiche profitieren insgesamt vom Trend zu handwerklichen Produkten und dem Ende der agrarindustriellen Ausbeutung von Boden und Tieren.
Bei dem letztbeschriebenen Szenario könnte der Eindruck entstehen, dass es sich um ein bloß analoges Bild handelt. Das wird es aber keineswegs sein, weil auch eine sozial und ökologisch nachhaltig angelegte Welt auf die Möglichkeiten der digitalen Transformation nicht verzichten kann und will. Allerdings wird es nicht digital um jeden Preis sein müssen. Den Preis dafür auszuhandeln, ist Aufgabe der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um das Dispositiv der Arbeit und die digitale Transformation!

Literatur
Appel, Helmut; Ardilio, Antonio; Fischer, Thomas (2015): Professionelles Patentmanagement für klein- und mittelständische Unternehmen in Baden-Württemberg. Stuttgart: Fraunhofer IAO.
Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
de.statista.com (2017): https://de.statista.com/statistik/daten/studie/312258/umfrage/weltweiter-bestand-an- smartphones/ – Zugegriffen: 18.08.2017.
Foucault, Michel (1978): Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve. Foucault, Michel (2008): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. 9. Auflage. Frankfurt am Main:
Suhrkamp.
Haipeter, Thomas; Somka, Christine (2014): Industriebeschäftigung im Wandel – Arbeiter, Angestellte und ihre
Arbeitsbedingungen. Duisburg: IAQ-Report.
Infostelle Mobilfunk (2015): Rohstoffe und Lebenszyklus eines Mobiltelefons. http://informationszentrum-
mobilfunk.de/sites/default/files/IZMF_Factsheet_Lebenszyklus_2015.pdf – Zugegriffen 18.08.2017. Jones, Owen (2012): Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse. Mainz: Thiele.
Powershift e. V. (Hg.) (2017): Ressourcenfluch 4.0. Die sozialen und ökologischen Auswirkungen von Industrie 4.0 auf den Rohstoffsektor. Berlin: Powershift.
Zittel, Werner (2016): Die geologische Verfügbarkeit von Metallen am Beispiel Kupfer. In: Exner, Andreas; Held, Martin; Kümmerer, Klaus (Hg.): Metalle in der Großen Transformation. Berlin, Heidelberg: Springer Spektrum: 87–108.

106. Etappe: Pedrouzo – Santiago de Compostela

Um Gottes Willen, sind die alle aufgeregt. Klar. Heute geht es aufs Ende zu, Santiago, aber ich bin nicht bereit, das im Sinne eines „So, jetzt ist das geschafft“ zu sehen, sondern eher so, irgendwie anders. Ich weiß es auch vielleicht deshalb nicht so genau zu beschreiben, weil die Dödel für 14km morgens um sechs aufbrechen. Da lieg ich noch. Und dreh mich rum. Beim Rumdrehen fällt mir ein,  daß die deshalb Freitags spätestens um Zwölfe da sein wollen , weil sie dann garantiert dieses Mordsweihrauchfaß mitkriegen. Sehen würde ich das auch gerne mal, aber was hat das mit meinem Weg zu tun?

Die letzten Kilometer sind für mich natürlich auch was ganz Besonderes. Immerhin bin ich jetzt seit vier Monaten und zwei Tagen unterwegs. Zu Fuß. Mit 12Kilo Gepäck. Und das geht  nun Zuende. Hm. Geht das zu Ende? Oder sind da Links gelegt, wo das weitergeht. Wo ist auch die Heraussforderung die gesponnenen Gedanken in einer industriell-tradeunionistischen Gesellschaft zu strukturieren und in Projekten zu konkretisieren? Ich weiß es nicht, dreh mich nochmal um und komme gegen Neun los.

Allen anderen, mit ähnlichen und anderen Gedanken, geht es wohl ähnlich, weil die Einkehrdichte und -häufigkeit deutlich zunimmt. Ich gehe an den meisten vorbei, weil es schwierig ist. Als eineWoche-zweiWochen-100km-Gruppe hast du andere Dinge im Kopf als ich, und dann feierst du dich als Gruppe. Erstaunlich finde ich tatsächlich dieses Gruppen-T-Shirt-Austeilen, damit auch einheitlich in Santiago aufgelaufen wird. Natürlich in Funktionsshirts. Das ist auch nett, aber mir ist das „Ich bin nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform“ so in Fleisch und Blut übergegangen, daß ich es nicht mag. (Das gilt nicht für die Rettungsdienste und die Feuerwehr. Thank you, every day!) Ich find dann trotzdem was kommodes und ernte das größte Bocadillo meines Lebens. Zwei Hand lang, eine Hand breit. Frisches Brot gefüllt mit Tuna, Tomates y Zwiebeln… So satt. Ich wollte ein Bocadillo, keine Familien-Packung, aber so lecker.Natürlich ess ich es auf. Und gehe dann weiter. Smoothy. Also nicht ganz so schnell.

Trotz alledem bin ich dann über den letzten Hügel und schaue auf Santiago. Ich sehe die Stadt und fange ganz schlicht das Heulen an. Ich bin da. Der kleine, dicke Mertens ist den Weg gegangen. Und als ich tränenverhangen meine ein Foto schießen zu wollen, fragt mich ein spanischer Papa, ob alles ok ist, und ich erzähle dem Papa, der Mama und den zwei niños die Geschichte und dann klatschen die. Das macht es nicht besser, ist aber so schön. Danach kann nichts mehr kommen. Ich gehe in die Stadt, Richtung Stadtmitte und bin dann da. Stehe mit meinen 12Kilo all inclusive auf dem Platz vor der Kathedrale und bin ganz komisch unberührt. Stehe da und denke… nichts. Auch gefühlsmäßig macht sich nichts breit, weder Trauer, noch Freude. Obwohl ich natürlich schon reichlich froh bin, daß ich das geschafft habe und das es in Gänze bis hierhin reichlich klasse war. Dankbarkeit entsteht, dafür, daß das möglich war und ist, sowie dafür das es gut gelaufen ist. Ein ziemliches Kuddelmuddel. Also erstmal was vernünftiges tun und einchecken. Ich habe mich für drei Nächte in einem kleinen familiengeführten Hotel am Rande der Altstadt eingemietet, weil so a weng was Besseres darf es dann zur Belohnung doch sein. Ich wäre ja nicht ich, wenn ich mich ohne Not kasteien würde. ☺

Das Hotel übertrifft die Erwartungen. So sympathische und feine Leute. Directement zu Beginn beim Einchecken entspinnt sich mit der Tochter des Hauses, die Englisch kann, ein interessantes Gespräch über die aktuelle Situation und das nordspanische Spannungsfeld zwischen Machismo und Matriarchat in Bezug auf Frauenerwerbstätigkeit einerseits und die Feminisierung der Gesellschaft andererseits, weil sie Sorge hat, daß sich Frauen die Karriere machen wollen, ihrer weiblichen Werte entledigen. Die Sorge kann ich als jemand aus dem Land von Angela Merkel leider nicht nehmen. Das Gespräch wird rüde durch die Ankunft weiterer Gäste unterbrochen und ich beziehe mein Zimmer.

Abends ziehe ich dann los und erkunde die wunderschöne Stadt. Ich hatte mir allerdings auch schon per Internet ein Restaurant ausgeguckt, das allseitig empfohlen wurde. Kurz bevor ich das Restaurant erreiche, entdecke ich den Dell-Mann, also der mal für Dell gearbeitet hat und denn ich tageweise zwischen Logroño und Burgos immer mal wieder getroffen habe. Großes Hallo und natürlich stoßen wir gemeinsam an. Er ist in Begleitung einer ehemaligen NYPD-Mitarbeiterin, die den Camino in 24 Etappen hinter sich gebracht hat. Die lustige Geschichte, die der Camino mit den Beiden geschrieben hat, ist die, daß sie sich am Flughafen in Toulouse kennengelernt haben, aber beide aus Austin, Texas kommen und keine fünf Kilometer auseinander wohnen und sich wohl nie kennengelernt hätten. Wir drei kommen gut klar, haben denselben Humor und es wird viel gelacht. Als alle Hunger haben, wollen wir ins ausgeguckte Resto wechseln, daß aber bereits ausgebucht ist. Es gibt allerdings einen Ableger, der ein Tapasmenü anbietet. Also Straßenseite gewechselt und einen Platz ergattert. Was dann kommt, ist eine kulinarische Offenbarung. So geil. Zu Beginn dreierlei Meeresfrüchte. Austern, kleine Langustinos und Miesmuscheln. Toll und meine Premiere mit Austern. Lecker, aber muß man nicht so ein Drama drum machen. Weil rausgehauen hats die Vinaigrette, die das Salzige der Auster aufgegriffen und mit kleingehacktem grünen Paprika schön rund gemacht hat. Dann gibts Navajas (Schwertmuscheln)  vom Grill. Zarter Rauch umhüllt das knackige Muschelfleisch. Sehr lecker und Ahs und Ohs ersetzen das Tischgespräch. Darauf kommt ein Stück Fisch mit einem Kartoffelpü, das auf Kräutern schwebt. Super. Zum krönenden Abschluß wird eine Eigenkreation des Hauses serviert. Gegrillte Chorizo und geröstete Brotkrumen schwimmen auf einer Eierpampe. Das Ganze wird miteinander verrührt und mit dem Löffel gegessen. Klingt irgendwie komisch, ist aber herrlich. Dann ist das Menü auch verzehrt und der Service komplimentiert uns in den Loungebereich auf der Straße. Also hocken wir drei selig grinsend auf Palettenmöbeln und leeren bereits die zweite Flasche Wein, einen wirklich guten Godello, der in seiner Trockenheit gut zum Fisch gepasst hat. Das Gespräch plätschert und da die beiden morgen einen Tagesausflug unternehmen wollen, löst sich die Runde auf. Ich mache mich auf den Heimweg und bin froh diesen Tag, das Ende des Weges, nicht alleine gefeiert zu haben, sondern mit zwei netten Menschen, die ihren Weg auch gegangen sind. Das ist einfach besser als, und sei das Essen noch so gut, da alleine zu hocken und vor sich hin zu grübeln. In der Hotelbar gibt es noch einen roten Absacker. Und dann ist Ausschlafen angesagt, ohne Packen zu müssen…

Ich schaffe es auch ganz prima bis zehn liegenzubleiben, um mich dann frischzumachen und Richtung Altstadt zu gehen. Heute ist nämlich Sonntag und um 12.00h ist Pilgermesse. Als guter Katholik halte ich das für eine runde Sache. Als ich um viertel vor um die Ecke biege, erlebe ich eine böse Überraschung. Complet. Die Kirche wäre schon bis zum Rand gefüllt. Ich bin echt enttäuscht, aber morgen ist ja auch noch ein Tag und die Messe wird jeden Tag gelesen. Alternativprogramm wird dann das touristische Drumrum. Souvenirshops abgrasen und Fotos machen. Das mit den Souvenirshops passt vielleicht nicht so ganz zu mir, aber ich bin wild entschlossen, mir ein Andenken zu kaufen. Irgendwas cooles. Es wird ein T-Shirt, nicht originell aber platzsparend. Und ein Schlüsselanhänger, genauso einer, wie ich den schonmal gekauft habe, als ich mit dem Motorrad hier war. Den hab ich allerdings verloren, was ja wieder passieren kann. Ich kaufe drei Stück. Ich bummele weiter und irgendwer, der Spaß an meiner kulinarischen Freude hat, führt mich in eine Tapasbar, die ich in den kommenden Tagen noch zwei Mal besuchen werde. Das weiß ich noch nicht, wie ich mich setze und ein kleines Bier bestelle, aber jetzt, wo ich da war, ist es eine Tatsache. Zunächst bestelle ich ein kleines Bier und ein Tapa mit gegrilltem Lauch auf Piemento garniert mit Sardelle. Ganz schlicht, aber zum Bier groß. Dann entdecke ich eine ganz kleine Weinkarte. Die drei Weißen Galiciens und den Roten. Zu jedem Wein ein anderer Winzer und Basta. Da hat jemand Erfahrung und Mut eine Entscheidung zu treffen. Ein trockener Godello begleitet mich durch weitere Tapas, eine Käsekrokette, ein Lachs-Möhren-Salat und ein Rührei mit Waldpilzen. Alles ist von ausgesuchter Qualität und schmeckt richtig lecker. Ich bin begeistert. Natürlich auch weil das Team hinter der Theke richtig gut ist und sich nicht auf den Füßen steht. Einer der Kollegen spricht sogar deutsch, weil er aus der DomRep über Berlin nach Santiago gekommen ist. Die Zeit vergeht fluffig und es schlägt Siesta. Also ab aufs Bett. Sich von Olympia berieseln lassen und wegdämmern hat auch was.

Abends gehe ich dann wieder los und irgendwas treibt mich auf den Platz vor der Kathedrale, wo die Pilger ankommen. Anscheinend will ich, der so gerne für sich ist, doch den ein oder die andere wiedersehen, sich beglückwünschen und ein paar Worte wechseln, wie am Nachmittag mit dem Mutter-Tochter-Pärchen, die ich vor Sahagun getroffen habe. Die hatten es nun auch geschafft, man freut sich miteinander und erzählt sich Sachen, die man dem Sitznachbar im ICE niemals ans Bein binden würde. Die Beiden wollen weiter nach Marseille, um dort noch ein paar Tage runterzukommen. Das haben sie als 14Tage-Wandererinnen sich nach dem ersten Mal angewöhnt, weil sie dem Mann im Haus mit ihren Geschichten und Vertraulichkeiten wohl arg auf den Wecker gegangen sind. Ich bin ja mal gespannt, wie das bei mir wird… Naja, mittlerweile ist alles auf den Beinen und die abendliche Runde wird gedreht. Ich teste zwei weitere Tapasbars, und lande wieder in meiner Stammbar. Ich probiere mich weiter durch, rede ein wenig mit einem amerikanischen Pärchen, die mit Mutter und Bruder über Lissabon und Fatima nach Santiago sind, um morgen nach Rom zu fliegen. Wir reden über Jerusalem und Israel, über Portugal und Trump. Die zentrale Aussage ist die, daß Trump die Leute einsammelt, die die Schnauze voll vom Establishment und der politischen Klasse haben. Das geht in die Richtung, die ich in Frankreich schonmal konstatiert habe. Der Staat wird nicht als Plattform, sondern als Beute der Mächtigen und Repressionsapparat gesehen. Und dieses Gefühl löst sich eher nach rechts auf. Das ist für sozialstaatsfixierte Linke ein echtes Problem… Mit dem Problem bleibe ich alleine und gehe heim. Meine Kickers haben ihr erstes Zweitligaspielmit 2:1 verloren und ich bin in Santiago. Wenn es dicke kommt, kommt alles zusammen. ☺

Montag morgen. Neue Woche. Und ich hab Stress. Deshalb geht es früh los, Richtung Decathlon. Ich brauche nämlich eine größere Tasche, weil ich ja nun auch wieder für die verbleibenden sechs Wochen in Spanien mal was anderes tragen will als Outdoorklamotten. Und für das geplante Relaxing aufm Campingplatz am Meer brauch ich auch noch n paar Kleinigkeiten. Also los. 4,5km einfache Strecke ist ja ein Klacks. Echt. Zack bin ich da, finde was ich brauche und zack bin ich auch wieder im Hotel. Zack meint eine Stunde. Da hat sich bei mir echt a weng was verschoben. Nun aber schnell geduscht und ab Richtung Pilgermesse. Diesmal kriege ich einen Platz, sogar einen Guten. Die Messe soll für mich der rituelle Schlußpunkt der Wanderung sein, weshalb mir recht feierlich zu Mute ist. Die Messe wird auf spanisch gehalten, was mich nicht stört, weil der Ablauf ja derselbe ist wie daheim. Es ist ein schönes Gefühl, da im Kreis der Mitwandernden zu stehen und das ganze wird noch durch eine große Zahl brasilianischer Pfadfinder aufgewertet, die in ihrem Dress angetreten sind. Den Pfadfindern ist es auch zu verdanken, daß ich an einem Montag erleben darf, wie das große Weihrauchfaß, der Botafumeiro, geschwenkt wird. Das wird in der Regel nämlich nur Freitags angeschmissen. Ich freue mich wie Bolle, das in echt zu sehen. Ganz groß.

Nach der Messe geht es in die Stammkneipe auf ein Bier und zwei Tapas, ein Stückchen Tortilla und ein Kalbfleischsspieß mit Zucchini und Pilzen. Dann in die Markthalle und zwei Nektarinen gekauft. Als Nachtisch auf der Parkbank gegessen und heim. Nun sitz ich hier und schreibe. Wie es mir letztendlich damit geht, daß der Weg nun gegangen ist, kann ich immer noch nicht sagen. Was ich sagen kann, ist, daß ich gestern und heute die Latscherei nicht wirklich vermisst habe. Gleich werde ich aber noch die Fahrkarte nach Orviedo besorgen, dann meinen letzten Abend in Santiago begehen und in den kommenden Wochen weiter in mich reinhorchen.

Damit endet aber das Kapitel „Vino, Guerra y Camino“ auf diesem Blog. Ich hoffe, es hat ein wenig Spaß gemacht mir zu folgen. Vielleicht hat es ja auch zum Nachdenken angeregt oder auch Lust gemacht sich selber auf irgendeinen Weg zu machen. Das kann ich auf jeden Fall uneingeschränkt empfehlen.

Bedanken möchte ich mich bei all denen, die mich mit ihren Kommentaren hier oder auf fb aktiv unterstützt haben. Und natürlich bei der, mit der ich jeden Tag telefoniert habe, meiner Liebsten. Von einem lieben Menschen mußte ich in der Zeit Abschied nehmen, einer ist schwer erkrankt, aber auf dem Weg der Heilung, einige haben enge Angehörige verloren, andere wiederum wissen nun, daß sie Eltern werden. Ich habe an Euch gedacht. Ihr ward bei mir.

You’ll never walk alone! 

105. Etappe: Melide – Pedrouzo

Jetzt sitze ich hier am Vorabend der letzten Etappe und will was über heute schreiben. Die vorletzte Etappe. Die Situation ist aber gerade dadurch geprägt, daß ich da hocke, wo Hinz und Kunz seinen letzten Abend auf dem Camino feiert. Deshalb muß sich die Gastronomie eh nicht reinhängen, weil die Leute ausgelassen genug sind. Das ist einerseits schön, andererseits zwingt es mich dazu außerhalb der Partyzone was zu suchen. Ich finde dann auch was. Sopa de Fideos als Vorspeise, was eine schlichte Nudelsuppe, verfeinert mit Safran, meint. Und der Safran haut es halt raus. Vor einigen Tagen habe ich am Nebentisch Leute gesehen, die genau die Suppe bestellten, gegrillte Piementos, Chorizo und Langustinos als Raciones dazu orderten und die dann einzeln oder gemischt in die Suppe warfen oder dazu gegessen haben. Die hatten einen Heidenspaß und sowas kann man ja auch mal nachkochen. Dann gab es ein Schweinegeschnetzeltes a la Chorizo, also scharf gewürzt mit Pommes und, echte Überraschung, einen Beilagensalat, der üppig und von der Küche mit einer dazugehörigen Salatsauce versehen war. Der Wein dazu kam aus Spanien und war in Lugo abgefüllt, aber wer will für die 13Euro mehr verlangen wollen? Da habe ich für deutlich mehr Geld schon geringere Lebensmittelqualität und Kochkompetenz am Gaumen gehabt.

Derart gesättigt und gestärkt geht es zurück in die Partyzone. Dachte ich. Die hat sich dann doch um zehn schon merklich geleert. Und dann fällt es mir, wie Schuppen aus den Haaren. Für die 100km-Wanderer ab Sarria, die sich dafür eine Woche Zeit nehmen, ist das morgen die zweite längere Etappe, nämlich satte 21km, was mir mittlerweile wie ein längerer Spaziergang vorkommt. Nun entwickele ich aber Verständnis für die 100km-Leute, hab aber keineswegs die Lust morgen früh aufzustehen und das runterzureißen. 

Es soll dieses Auslaufen werden, was ja in den letzten Tagen schon begonnen hat und heute einfach weiterging. Das hat zum Teil mit der Landschaft zu tun, die irgendwas von deutschem Mittelgebirge hat, egal ob Rothaargebirge, Rhön oder Steigerwald. Weil es in den letzten Tagen mal wieder schlechte Nachrichten hagelte, spielt die Landschaft aber nur die zweite Geige. Ich trödele und schweife rum und denke in Liedern. Dabei kommt mir als erstes „So nimm denn meine Hände“, mittlerweile als Trauerlied anerkannt, aber meine Eltern haben damit noch geheiratet, in den Kopf. Weiter geht es mit dem geliebten „Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde“. Danach gibt mit Sin Dios „Alerta Antifascista“ was auf die virtuellen Ohren und ich lande bei „Gegrüßet seist du Königin“. Die Playlist, beileibe nicht vollständig, steht für all das, was mir durch den Kopf geht. Ich habe mir mit 50 die Zeit genommen vier Monate rumzustrolchen, Erfahrungen zu machen und mir Dinge genauer anzugucken und zu durchdenken. Das ich dabei gut gegessen und getrunken habe, ist ja eh klar. Derweil hat sich diese Welt weitergedreht, was sie selbst in meiner Anwesenheit vor Ort getan hätte. So vermessen bin ich nicht, aber es sind eben auch Leute gestorben oder liegen im Sterben, die sich immer einer Aufgabe, einem Auftrag verpflichtet gefühlt haben, und das muß nicht mal moralisch überhöht werden, die haben eigentlich immer nur gearbeitet. Und mir wird bei der Singerei, also eher Summerei -keine Auffälligkeiten- dieses Riesenglück klar, daß ich da arbeite, wo ich arbeite; daß wir diese sensationell geile Betriebsvereinbarung haben; daß meine Liebstse das mitmacht und das ich nicht Spitz auf Knopf genäht bin. Und ich mir eigentlich auch wünsche, daß vielmehr Menschen diese Chance kriegen und nutzen, um eben zu merken, daß Arbeit, egal wie cool, eben nicht alles ist.

Ich gehe weiter, und mache Pause. Und entdecke beim Sinnieren über meinen prima Rucksack, daß die Schulterpolster zur Seite rausquetschen. Die sind nun also auch platt. Ich hatte mir die Tage schon Gedanken gemacht, ob meine Schultern jetzt doch schlapp machen, aber es wird halt nix mehr gedämpft, was das Ziehen in den Schultern erklärt. Ich bin mal gespannt, ob sich das Schaumstoffzeigsl wieder aufrichtet, wenn es mal drei Tage in der Ecke steht. Der Tip für Leute, die ähnlich lang oder länger gehen wollen, lautet also: Lieber n Rucksack nehmen, der auf höheres Gewicht ausgelegt ist und trotzdem eiserne Packdisziplin halten.

Nächste Ruhepause, ne Stunde vor dem Etappenziel, deshalb jetzt n kleines Bier. Familie mit vier Kindern kommt an. Die beiden Kleinsten quengeln, also Pause. Mutter holt ein Kartenspiel raus und fängt an, was zu spielen (Gibts in Deutschland auch. Geht nicht um die Karten, sondern um die Reaktionsgeschwindigkeit). Die Kurzen sind sofort dabei. Müdigkeit und Quengeln sind vergessen. Nach zwanzig Minuten fragt der abseitig dösende Papa, ob denn nun alle wieder fit wären, es wäre ja auch nicht mehr lang. Dann könnte ja weitergespielt werden. Zack, und die Bande steht parat… Das war schön anzusehen und es gab einige Eltern(teil)-Kind-Gruppen auf dem Weg, wo ich mir das gedacht habe. Wie schön. Daß was unsereins mit der Caritas-Kinderfreizeit erlebt und gelernt hat, mit den eigenen Eltern auf so einem internationalem Weg, wie diesem Camino, zu erleben. Daß die Eltern(teile) alle pädagogisch durch „Psychologie Heute“ und „Eltern“ geschult waren und nicht morgen wieder am Fließband stehen, ist leider auch Tatsache. Zeit, das zu ändern. Naturfreunde, olè! Ich freue mich drauf, da im Herbst mit anzupacken. Diese Organisation hat soviel Tradition, so viel Erfahrung in genau den Fragen, die mich auf dieser Wanderung umtreiben. Das wird prima.

Und jetzt bin ich alles losgeworden. Nein halt, als ich auf dem Weg nach Hause bin, treffe ich einen der Zottels, samt Hund und neuer Freundin wieder, die ich in Saint Jean kennengelernt habe. Er latscht mittlerweile mit der neuen Perle alleine, was ich ja wußte, weil die anderen Zottels habe ich schon hinter dem Cruz de Fero getroffen. Und da hocken wir im Park und quatschen, unterhalten uns, ob der Camino ein Ende hat oder man auf dem Weg bleibt, wenn du den erlebt hast. Und wie lange es sich denn lohnt in Santiago zu feiern und was danach kommt. Ich bin ja fein raus. Der Bursche muß gucken, wie er mit dem Hund zackig nach Paris kommt und hat noch keine kostengünstige Idee, weil bei der Größe muß er für den Hund den Viehtransport bezahlen. ☺. 

So, jetzt aber um. Die haben nu schon den Rasensprenger angeschaltet… während ich noch da sitze und schreibe. Ignoranten.

104. Etappe: Palas de Rei – Melide

Es regnet. Endlich mal wieder. Ich hatte fast vergessen, wie sich das anfühlt. Und für viele Mitwanderer ist das ganz offdnsichtlich eine neue Erfahrung, wie die Schlange vor den Geschäften, die Ponchos verkaufen, zeigt. Da haben wohl wenige dran gedacht, obwohl Galicia für seine Niederschläge auch bekannt ist. Naja ich mache mich in alter Routine regenfest und stiefele los. Daß ich die anderen WandererInnen überhaupt mitkriege, hat damit zu tun, daß die gewartet haben, ob es aufhört zu regnen und ich schlicht liegen geblieben bin. Es geht heute nur auf dreieinhalb Stunden nach Melide und da habe ich eigentlich alle Zeit der Welt. Natürlich dachte ich auch, daß die Corona längst über alle Berge ist. Fehlanzeige. Denn just zu dem Zeitpunkt, an dem ich los will, entscheiden sich auch viele andere dazu. Blöd gelaufen.

Also gehe ich als einer der wenigen ohne Clique, Freund oder Freundin und meine Zwiegespräche verlaufen leise. Hoffe ich zumindest, nicht das ich mir das vor mich hin Brabbeln angewöhnt habe. Die anderen unterhalten sich auf jeden Fall in der üblichen Lautstärke, also landsstypischen Lautstärke. Das macht diesen Spaziergang durch grünes, galicisches und regenverhangenes Hügelland nicht zu dem Ausflug in den Zauberwald, der es ob der Äußerlichkeiten sein könnte, sondern ich wandere einfach vor mich hin.

Und komme dabei natürlich ins Grübeln. Ich bin genau heute seit vier Monaten auf der Walz und übermorgen ist das vorbei. Dann habe ich zwar noch was vor, bis ich im Oktober wieder am Schreibtisch sitze, aber dieser Weg ist dann zu Ende gegangen. Auf der einen Seite bin ich froh, es geschafft zu haben, wenn nix schlimmes mehr passiert, auf der anderen bin ich traurig, daß es vorbei ist. Dabei trifft es traurig gar nicht richtig, vielmehr habe ich Schiß die Routine, die auch in diesem Vagabundenleben steckt, wieder gegen andere Routinen einzutauschen und mache mir Gedanken was von der einen Routine den transferwürdig und -fähig ist. Vier Monate mit 12 Kilo Eigentum, inklusive Zelt, Isomatte und Schlafsack, also Haus und Schlafzimmer, sowie dem kompletten Kleiderschrank, lassen mich schon drüber nachdenken, wieviel ich den wirklich brauche. Dabei freue ich mich schon auch auf einen Satz Unterhosen, der für einen Monat langt und frage mich, ob das mit den 12 Kilo auf Dauer cool ist. Weil es natürlich so ist, daß nach vier Monaten Handwäsche und -ich glaube- drei Waschmaschinenbesuchen aber auch gar nichts mehr wirklich taufrisch riecht. Und die meisten Sachen sind auch durch. Die Wanderhose hat sich bei der letzten Wäsche schonmal sowas wie eine Laufmasche zugelegt. Da wäre es also tatsächlich so, daß ich auf den Mantelsonntag im September hinwirken würde, um was Neues zu bekommen. Und der Gedanke, ob wir mit wenig Klamotten und deren permanenten Nutzung nicht mehr kaputt machen, als der Chance, daß die Materialien sich erholen. Bestes Beispiel Schuhe. Da geht es ja nicht nur um die Sohle, aber die Schuhe, die ich seit St. Jean trage, lüften gar nicht mehr aus, was ihren Zerfall beschleunigt. Also denke ich, daß mindestens zwei paar Schuhe schon Sinn machen, für die Frauen mehr, aber keine 100. Basta. All das geht mir durch den Kopf und will geschüttelt, nicht gerührt werden. Es ist soviel, daß es halt noch nicht strukturiert ist.

Eigentlich wollte ich auch durchgehen, aber als eine Bar „Die zwei Deutschen“ heißt, gehe ich da aus landsmannschaftlicher Zugewandtheit mal rein. Von den beiden Deutschen war zwar nix zu sehen, aber die Pause war trotzdem ok. Wegen des Regens und dem Verband an der rechten Hand konnte ich nicht so konsequent mit den Stöcken arbeiten, wie in den letzten Monaten – wie sich das anhört, ist aber so-  was also mehr Kraft in den Beinen braucht. Und nach dreieinhalb Stunden erreiche ich Melida, unbestätigten Gerüchten zufolge die Stadt mit den besten Pulperias in Galicien.

Aber mein erster Weg geht ins Centro de Salud zum Verbandswechsel. Das Städtchen etwas größer, das Zentrum auch, die Bürokratie deshalb etwas mächtiger. Ich muß also warten, meinen Ausweis abgeben, der kopiert wird und im Hintergrund rechnet bestimmt ein blutjunger Controller aus, ob sich der Aufwand lohnt, den Verbandswechsel in Rechnung zu stellen. Ich habe Glück, es lohnt sich nicht und ich komme dran. Die nette Jungärztin guckt sich den Finger an und schlägt vor, daß ich mir den Verband doch selber wechseln soll und mich erst in einer Woche einem Arzt vorstelle, wenn nix schlimmer wird. Sie hätte den Eindruck, das sähe gut aus und entwickle sich auch anständig weiter. Ich sag ok, und frag nach einer Liste, was ich denn alles in der Farmacia kaufen soll. Sie schreibt mir nur die Salbe auf und stellt aus ihren Beständen die anderen Verbrauchsmaterialien zusammen. Ich sage, so habe ich das nicht gemeint und sie antwortet, das wäre schon ok. Ich bedanke mich vielmals. Das alles haben wir auf Englisch abgewickelt, weil die gute Frau, der Engel von Melide, irgendwo in USA studiert hat. Alles gut.

Dann ins Hotel und ab in den Speisesaal. Seit diesen Verbandswechseln habe ich mittags richtig Hunger. Es gibt grünen Bohnen mit Speck, Zwiebeln und den unvermeidbaren Paprika, sowie Brot. Noch n kaltes Wasser mit aufs Zimmer. Siesta. Von drei bis sechs einfach mal nicht busy, busy sein, sondern auf dem Bett liegen, Fernsehen gucken, Emails checken und was lesen. Das wird auch etwas sein, was als Routine schwer in meinen normalen Alltag zu übertragen sein wird, aber weiß? Wer will, daß die Menschen bis 67 buckeln, muß eben auch über Ruheräume und -zeiten nachdenken. Ich weiß allerdings nicht, ob der spanische Tagestakt, der sicherlich auch dem Wetter geschuldet ist, so mir nichts dir nichts nach Deitschland zu transferieren wäre. Obwohl ich ja hier in Galicien bin, es heute geregnet hat und es auch nicht so heiß war. Vielleicht geht doch was im Klimawandel, der auch Kulturwandel sein muß.

Abends ziehe ich dann los. Ein nettes Städtchen, das neben dem Vorteil die Hütte am Camino vollzukriegen auch Oberzentrum ist und ein wenig industriellen Besatz hat. Merkste sofort. Und das Bummeln macht auch mehr Spaß, als nur über Pilgers Flipflops zu stolpern. Ich lande in einer Bar, wie es in Galicien einige gibt. Die kriegen das Bier nicht in 50l Fässern, sondern direkt aus den großen Tanks der Brauerei unfiltriert in etwa 500l große Fässer gepumpt und von da aus frisch ins Glas. Die permanente Brauereibesichtigung. Schönes Konzept, schmackhaftes Bier, begleitet von einer weiteren, schönen Sitte in Galicia. Die Tapas werden nicht einzeln zum Getränk gereicht, sondern die Damen und Herren von hinter der Theke gehen mit Tabletts rum und reichen Häppchen. Also bist du pappsatt, bevor es ans Essen geht. Aber ich will ja noch Pulpo probieren und latsche Richtung Stadtausgang, wo ich heute schonmal an einer vorbei gelaufen bin, die mittags rappelvoll war. Ich checke dann da ein, bestelle meinen Pulpo und einen Vino blanco, der auch stilecht in der Keramiktasse serviert wird, wie der Cidre in der Bretagne. Kelten halt. Aber der Stoff ist so schlecht, daß ich ihn stehen lasse. Der Pulpo dagegen ist fein. Kein Gummi, Eigengeschmack und gut gewürzt. Alles gut. Mit Essen war es das also für heute. Das mit dem Wein geht gar nicht. Ich bin aber doch eben an einer Bar mit dem Motto „a boa vida – a boa vino“ vorbeigelaufen? Also hin da, dem Wirt mein Leid geklagt und einen guten Weißen aus Galicia eingefordert, den ich dann auch bekommen habe. Zufrieden gehe ich jetzt ins Bett. Morgen gibt es nochmal 33km auf die Füße… Ever forward.

103. Etappe: Portomarin – Palas de Rei

Heute stellt sich die Strecke von der Humanseite her deutlich entspannter dar, weil es einfach nicht so voll ist, was einfach daran liegt, daß alle 100KilometlerInnen zwar zusammen loslaufen, aber nicht gleich weit kommen. So streut sich das schon nach der ersten Etappe und meine Laune ist bestens. Vor allem auch, weil ich ausgesprochen gut gefrühstückt habe. Jogurt, Obst und frisches Brot ist an Spaniens Frühstückstischen nämlich eine echte Seltenheit. Daß es dazu Cafe con Leche und frischgepressten Orangensaft satt gab, brauche ich nicht zu erwähnen, oder? Das wird dann in Deutschland -Klimawandel hin oder her- etwas schwieriger, aber irgendwie hab ich mich dran gewöhnt.

Es geht also weiter durch das galicische Hügelland. Sanfte Auf und Abs, Blicke von sonnenbeschienenen Gipfeln, wenn das Oben bei Hügeln auch so genannt wird, in nebelverhangene Täler, zwischendurch kleine Weiler, deren Betriebsführung für jemanden aus dem Land der industriellen Massentierhaltung so aus der Zeit gefallen scheint, daß es sich nur als touristische Attraktion lohnt, aber die Leute leben anscheinend davon. Vielleicht ist es aber auch nur der Bauernverband und die Fleisch-, Gemüse- und sonstwas Industrie, die das Märchen von der Rentabilität ab einer Betriebsgröße Richtung Megastall erzählt. Meine Eindrücke in Frankreich und Spanien sind andere und das werde ich im Auge behalten, wenn ich wieder daheim bin.

Das ist so ein Ding. Der Kradvagabund Panni hatte mich als erfahrener Weltenbummler auf das Dilemma am Ende einer Reise hingewiesen. Du willst die letzten Tage genießen, aber denkst schon an zu Hause. Nun habe ich das Glück, daß meine Wanderung zu Ende geht, nicht aber meine Reise. Trotzdem verstehe ich, was er meint. Je näher Santiago kommt, desto mehr merke ich, wie schwer das Ankommen fällt. Kleinere Etappen. Viele Pausen. Und auf der anderen plane ich meinen Asturienaufenthalt und freu mich auf die Tage im Baskenland mit meiner Liebsten und stelle mir vor, wie beides wohl wird. Das kennen aber bestimmt auch viele aus Kurzurlauben. Verlängertes Wochenende und genau an dem Zusatztag springt die Hirse schon wieder fürs Geschäft an, wie der Schwabe sagen würde. Naja, ich gebe mir Mühe, das alles zu genießen und Galicia ist wie geschaffen dafür.

Gegen Mittag etwa zwingt mich das Dilemma in eine Casa blabla, liegt an einem Hügel am Weg, hat einen Biergarten unter mittelalten Bäumen aufgebaut und ist gut gefüllt, aber eben nicht rappelvoll. An der Theke rieche in die Küche und das riecht gut. Ergebnis ist, daß ich mit einem Bocadillo con Tortilla y Chorizo und einem Bier im Garten hock und den Leuten zugucken kann. Und dieses Bocadillo, belegt mit einem Omelett und einer galizischen Chorizo ist der Hammer. Ein gutes Brot. Eier, wo du beim Legen dabei gewesen bist. Eine galicische Chorizo, die nicht nur Geschmacksträger, sonder eben auch Wurst ist. Herrlich.

Dann geht das noch ein wenig weiter und das Ziel ist erreicht. Mittlerweile hat sich dabei eine neue Routine ergeben. Im örtlichen Centro de Salud vorsprechen und nach einem neuen Verband fragen. Das ist hier in Palas de Rei echt vorbildlich. Ich spreche vor, sag mein Sprüchlein auf und werde schwupps von einer jungen Ärztin abgepasst. Zurückgepfiffen werden wir beide von den Damen am Empfang. Peregrino? Si/No. Passaporte? Si, claro. Erst nachdem das geklärt ist, kriege ich meinen neuen Verband, der als dritter Verband in drei Tagen, wieder ganz anders aussieht, als die anderen Zwei. Egal, auch die Ärztin hat keine Bedenken mich weiterlaufen zu lassen.

Danach beziehe ich meine Unterkunft und gehe sofort wieder los, weil ich mich für die Siesta mit kalten Wasser und ner Cola rüsten will. Als ich verschwitzt über das Resto das Haus verlassen will, sehe ich, wie einer alten Frau eine Linsensuppe gebracht wird. Ich rieche das Linsige, aber auch Knoblauch und Piementos und weil nichts so alt ist, wie die Idee von eben, hocke ich im Resto und esse eine Linsensuppe bei 25Grad, die was von Sommer und Süden hat. Großartig. Ich kauf mir noch ne Flasche Wasser an der Theke, gehe hoch und bin um.

Gegen Sechs guck ich mir mal das Örtchen an und finde trotz eines ja großkotzigen Namens eine schützenswerte Pilgerbutze, weil die hier anscheinend seit 500 Jahren nur Leute beherbergen und verpflegen. Auch gut, aber langweilig. Außer du hast einen guten Platz in einer schattigen Bar und kannst weitere Feldforschung zum Thema „Wer pilgert denn da alles rum?“ betreiben. Den Platz hatte ich und meinen Spaß hatte ich auch. Die Forschungsergebnisse: Ich habe Joy Fleming auf dem Camino gesehen, mittags völlig durch die Hecke und sich nur noch millimeterweise bewegend, abends mit Stirnband die Mähne bändigend, geschminkt und ganz in Schwarz, aber in schillernden Flipflops mit Absatz, wie auch sonst. Das war nicht wirklich Joy Fleming, aber genau dieser schillernde Typ. Daneben aber eben auch der Typ Frau mit immer schlechter Laune. In den 50 Jahren Leben viel gelernt, auch deshalb schlechte Laune und sie will jetzt n Tee, genau wie daheim. Natürlich bandagiert, aber das Ding wird durchgezogen und am kommenden Montag wieder mit schlechter Laune Sozialarbeit gemacht oder in der Druckerei geschafft oder ist auch egal. Hauptsache Berlin oder Hamburg. Die Typen sind langweiliger, weil eh alle Helden. Aber es gibt welche, die -ich rede jetzt mal von Typen in meinem Alter- zeigen müssen, wie fit sie immer noch sind (Typ 1, viele Radfahrer und die Wanderer eher ohne Sonnenhut, eher mit Bandana.) oder die Combo (Typ 2, eher zu Fuß unterwegs, zusammen mit Kumpels), die zeigen wollen, daß, sie immer noch rebel sind, wozu in dem meisten Fällen ein nerdiges T-Shirt herhalten muß, was der internetaffine Organisator der Veranstaltung gleich für alle bestellt hat, natürlich in der Funktionsshirt-Ausführung. Der Typ, der heute auf dem Weg mit einem ausgewaschenen Ramones-TShirt unterwegs war und sich über mein GabbaGabbaHeyHey sichtlich freute – wir ballten auf jeden Fall beide mal die Faust und rissen sie nach oben – war da echt eine erwähnenswerte Ausnahme. Die jungen Leute laufen außer Konkurrenz. Das ist Sommer, Urlaub. Irgendwie wie Interrail zu Fuß und das sei Ihnen gegönnt. Obwohl ich auch da das Gefühl habe, daß Deppentum sich schon in frühen Jahren zeigt.

Sei es drum. Ich hocke jetzt wieder im Comidor der Unterkunft, habe hervorragende Hausmannskost serviert bekommen. Wieder eine Suppe, diesmal eine Möhrensuppe mit Lauch, Zwiebeln, Kartoffeln und Kräutern, die der Süße der Möhren einen Kontrapunkt setzten und ein großartiges Kotelett mit Patatas. Danach und das war für mich eine Premiere, als Nachtisch einen Obstteller. Und so hatte ich Gelegenheit den Albariño -der halbe Liter, der das Menü begleitete- mal mit Obst zu probieren. Habe ich noch mit keinem Wein gemacht. Vielleicht ist das doof, weil das hier Spaß gemacht hat. Banane, Nektarine und Orange mit einem Weißwein zu untermalen. Interessant, wobei das Herbe der Bananas de Canaria, am besten harmonierte.

Jetzt sitz ich immer noch hier und während ich schreibe findet sich die Wirtsfamilie zum Abendessen zusammen. Das ist schön, wie die Generationen da um den Tisch hocken, den Tag nachbereiten, sich um die  ganz Kleinen kümmern und das Essen genießen. Dabei läuft natürlich die ganze Zeit der Fernseher. Es ist also nicht die heilige Familie, sondern ein Haufen Leute, die von diesem Haus und einem Weinberg leben. Das mit dem Weinberg hab ich eben mitbekommen, weil da plötzlich ein Glas Tinto vor mir stand. Ein Geschenk des Hauses. Ja, dann trink ich das jetzt mal ganz gemütlich und starre auf den Fernseher… 

102. Etappe: Sarria – Portomarin

Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht, ohne Pochen im Finger oder sonstige Hinweise auf Komplikationen bin ich dann zeitig los, um mich wieder in der Ambulanz vorzustellen. Da war ich auch und habe da den Unterschied zwischen „Mañana. Mañana“ und „mañana mañana“ kennengelernt. Während das erstere Irgendwann mal heißt, soll dem Sprachunkundigen oder auch allen Anderen das gedoppelte Wort zweimalmorgen, also Übermorgen bedeuten. Ich werde also freundlich angehört, aber abgewiesen und mache mich auf den Weg.

Das Gesundheitszentrum liegt zunächst nicht auf dem Weg, aber als ich auf den Weg einbiege, wird er wahr. Der Alptraum dieser vielen, aneinandergereihten PilgerInnenhorden, die sich aus welchen Gründen auch immer auf den Weg machen. Jetzt isses soweit. Gegen das, was hier dem Weg zugespült wird, ist Le Puy, Conques, selbst Saint Jean ein Kinderspiel gewesen. Und ich mittendrin, gehandicaped, weil ich ja den verbundenen Mittelfinger spazierentrage. Das macht keine gute Laune und ich muß das Mantra von meinem Weg und meinem Tempo ein paar Kilometer vor mich herbeten, bis es wieder passt.

Die haben jedes Recht hier zu sein und auch so laut, wie sie wollen. Die spielen in einer anderen Liga. Ich bin seit fast vier Monaten unterwegs und die sind heute Morgen losgegangen. Natürlich ist man da aufgeregt und wenn die Clique dabei ist, wird eben gequatscht. Alles ok, wer aber bei alle dem aufhört im Kopf zu haben, daß er oder sie nicht alleine auf der Welt ist, sollte diesen Weg sehr langsam auf sich wirken lassen. Ich freue mich wie Bolle auf den 100km Stein, also den Hinweis, daß es nur noch 100km zu Laufen sind, weil daß für jemanden mit einem nicht-linearen Zahlenverständnis n echt schönes Ding ist, wenn es nicht mehr drei, sondern nur noch zwei Zahlen vor dem Komma sind. Und dann isses da und ein possendes, selfie-optimierendes Twentysomething-Gedöns ertrage ich ja. Als aber eine Gruppe jungebliebener 40jähriger Französinnen, an mir und ein paar MountainbikerInnen die auch weiter wollen, die SelfieNummer schieben wollen, rauschts. Ich werde laut und verweise die Damen auf den Platz, schieße mein Foto, zusammen mit der MountainbikerInnengruppe, zeitgleich und wir können weiter. Was die Mädels danach an Aufwand treiben, ist mir Latte, aber ich denke nach, wieviel Aufwand es machen würde, die Zeit am Stein zu verkaufen. Also 100 Meter vorher ein Schild aufzustellen und anzukündigen, daß es Stau gäbe, aber 5 Minuten alleine mit den Stein auch nur fünf Euro kosten würden und dann können die SelfiePosing machen wie sie wollen, aber ich verdiene mein Taschengeld. Ich überlege noch das business modell an einen notleidenden spanischen Rentner zu verschenken und dann ist der Gedanke auch schon wieder weg.

Kurz nach einer völlig überfüllten Raste, kommt ein souverän geführtes Haus für Leute, wie mich. Familienbetrieb, wenig zu Essen, wenn dann Menü, kein Englisch, aber ein frischgezapftes Estrella Galicia für die letzten Kilometer rücken sie raus. Lecker und ich habe die Ruhe, während die Corona an mir vorbeilatscht, diesen Moment zu genießen. Nur noch 100km. Wenn mir am 4. April mal jemand gesagt hätte, daß ich 100km zu Fuß und vier Tage für recht überschaubare Einheiten im Sinne von Geschwindigkeit und Dauer halte, hätte ich wahrscheinlich ungläubig geguckt. Ist aber so. Es hat sich was verändert. Ob das gut oder durchhaltbar ist, wenn ich wieder Auto fahre, ist dabei zweitrangig. Das es in geänderten gesellschaftlichen Bedingungen zu veränderten Interpretationen von Nah und Fern, sowie von Dauer kommt, kommen kann, ist doch schonmal positiv. Beim Bezahlen treffe ich noch ein sehr nettes dänisches Pärchen. Wir unterhalten uns kurz, aber klug und weiter gehts.

Dann checke ich in Portomarin ein und gehe erstmal zum Centro de Saude wie das hier in Galizien heißt und lasse mich neu verbinden. Ikke und ein Doktor plus der Typ am Wareneingang, die beide gar kein Englisch sprechen. Ein Traum. Nun kann ich ja ein paar Brocken, was aber macht ein Refugee, der nichtmal die rausbringt und erklären muß, was ihm gerade fehlt und, so wie ich -hüstel- auch keine Krankenkarte dabei hat, also Cash bezahlen will. An dieser Stelle meinen Respekt für alle, die sich auf diese lange Reise einlassen und ein großes Danke ans Centro, weil ich einen neuen coolen Verband bekommen habe. Dann habe ich Hunger und ess was. Beim Blick darauf, wo ich den jetzt hin muß, meine Unterkunft, merke ich, daß die zwar ein gut besprochenes Resto hat, aber außerhalb liegt. Also geht es nochmal los, als ein Auto neben mir hält und mich fragt, ob ich da hin will. Lustigerweise hat er das Logo der Unterkunft auf der Fahrertür und ich steige ein. Toll, n Shuttelservice, der mich morgen auch zurück auf den Weg bringt.

Zimmer beziehen. Waschen. Duschen. Duckeln. Und dann mal runter in den Landgasthof. An der Theke ein ein irisches  Lehrerpärchen, mit dem es vor und während dem Essen um eines der wichtigen Themen der Welt geht. Wie kriegen wir welche Problemlösungskompetenz mit welchen Ausgangswissenbeständen in welche Köpfe und wie kriegen wir es hin, daß als allererstes alle begreifen, daß alle Kinder in eine Schulklasse gehören und das dreigliedrige Schulsystem sowas von oldschool ist. Ein ganz tolles Tischgespräch, das mir viel mitgegeben hat. In Irland haben die wohl nie Inklusion beschlossen, weil sie das Prinzip der Einheitsklasse nie aufgegeben und somit quasi natürlich inklusiv sind, was wieder auch ein Fingerzeig drauf sein kann, daß gute Konzepte auch aus der Not geboren sein können. Hm, so kann es also auch gehen. Ich hätte es halt lieber ohne Not. Aber ich geh jetzt aufs Zimmer, ess Pistazien für die Blutbildung und schlafe…

101. Etappe: Triacastela – Sarria

Nach dem Nebelgedöns gestern, hab ich mich einfach noch zweimal rumgedreht, bevor der Tag losging und so war ich um zehn auf der Strecke. Die Sonne war mittlerweile überwiegend präsent und die Wegführung so, daß der Touristiker wohl von einem Panoramaweg faseln würde. Halbhoch am Berg mit guten Sichten. Alles in sattgrün. Schön. Und wenig anstrengend, wobei allerdings nach anderthalb Stunden die Einkehr schief ging, weil sich in der lauschigen Bar einfach niemand blicken ließ, der mir was verkaufen wollte. Allerdings lagen Backwaren rum, die Kasse war in Betrieb und die Musik lief. Als sich nach zehn Minuten immer noch niemand blicken ließ, bin ich weiter. Weiterhin entspannt, weil Koffein- und Orangensaftpegel schon vorher auf Normal gebracht worden waren.

Nach drei Stunden war es dann soweit. Eine Bar, die ihren Namen verdient, lag am Weg und das Angebot zur Einkehr nahm ich gerne, trotz voller Belegung, an. In den letzten Tagen sind schon deutlich mehr Leute unterwegs. Also die Rückwärtsrechner. Wo muß ich einsteigen, um in ein, zwei Wochen in Santiago zu sein. Und seit ein paar Tagen sind die zehn-Tage-Wanderer dabei. Die haben 14 Tage Urlaub und ziehen je einen Tag für An-und Abreise per se ab. Müssen packen (Minus ein weiterer Tag) und sind lieber schon Samstags zuhause, wenn sie montags wieder ran müssen. Die hatte ich so nicht auf dem Schirm, scheint aber eine Menge davon zu geben. Es sind vor allem Familien, die unterwegs sind. Das bietet natürlich auch ein neues Panoptikum. Gelangweilte Pubertierende beim Wandern mit den Eltern, während sich die Kumpels an irgendeinem Strand flätzen oder das elterliche Eigenheim mit einer Sturmfrei-Party zerlegen. Einem, der seinen Wanderstab ganz selbst vergessen als Strahlenschwert sieht und damit rumfuchtelt und mich dabei fast trifft, muß ich unterwegs mal scharf die Wache ansagen. Schön ist, daß er nicht anfängt zu weinen, mich verklagen will oder nach seinem Rechtsanwalt schreit, sondern einfach wach wird und Perdon sagt. Nachdem auch keine Helikoptereltern den Kleinen beschützen wollen, signalisiere ich ihm Ok und „Tu no solo a la mundo“, was sprachlich wahrscheinlich total falsch ist, sich auf den ersten Blick so anhört, wie „You’ll never walk alone“ aber tatsächlich als Appell an die Umsichtigkeit gemeint war. Trotz meines Stammelspanisch hatte ich das Gefühl, daß die Botschaft angekommen ist. Und für die weniger pädagogisch, als kulinarisch Interessierten: Ja, es war eine dieser Bars, in der die Empanada nicht aus der Metro, sondern von mindestens der Oma gemacht wird und so lecker ist, daß ich sie mit dem Messer in kleine Stückchen geschnitten habe, um nichts zu versäumen.

Danach gehts abwärts Richtung Sarria, das schon von weitem zu sehen ist und einen wenig einladenen Eindruck macht, weil es mit fünf-sechsgeschössigen Häusern prangt und nicht mit einer Kathedrale oder so. Ich betrete also das Stadtgebiet und verstehe es nicht. Der Weg führt durch Neubaugebiete und es gibt dann einen Flußübergang an dessen Ufer Restaurants und eine dahinterliegende Einkaufsstraße auf den ersten Blick von neuem Wohlstand zeugen. Übergangslos geht es dann eine Treppe hoch und überall hängen Weltkulturerbeflaggen. Wenn das eine Bewerbung sein soll, ist noch viel zu tun. Ich muß nach rechts Richtung Unterkunft abbiegen und verschiebe die weitere Erkundung auf den frühen Abend. Von der Unterkunft bin ich mehr als positiv überrascht. Ein echt schönes Zimmer mit einem kleinen verglasten Balkon, der seine Tücken erst im Laufe des Abends zeigen sollte. Also gabs erstmal ne Runde Wohlfühlsiesta inklusive Jogurt- und Obstsnack.

Dann war es früher Abend und die Exkursion begann. Aus dem Haus rechts zunächst in das neue Stadtzentrum. Wenn es Baugeschäfte und Handwerkerbedarf bis in die Innenstadt schaffen, hat eine Stadt schon fast verloren. Danach kommen Spielhallen und Ein-Euro-Läden. Hier war eine Stadt im Stadium der Baumärkte, kleinerer Ausführung, also n Farbengeschäfte, Eisenwaren und Gartenkrams, aber wenig Damen- und Herrenoberbekleidung, Schuhe und Schniggesläden für Wohnaccessoires. Hm, also weiter Richtung Altstadt. Die wiederum war vollgestopft mit Pilgerherbergen, die nun auch nicht den Charme von Weltkulturerbe verströmen. Echt schwierig. Ich hab dann mal nachgeguckt: Industrie gibt es hier auch nicht. Echt eine komische Stadt.

Da es der letzte Bahnhof vor der 100km-Marke ist, kamen gegen Abend auch noch reichlich neue Leute an, die wohl morgen beginnen zu wandern. 100km-Marke meint, daß diejenigen Wanderer/Pilger, die sich zweimal am Tag ihren Pilgerpass abstempeln lassen, dann in Santiago auch ihre Urkunde kriegen. Das scheint einigen echt wichtig zu sein. Ich hab mich schon vor längerem dagegen entschieden, weil ich keine Urkunde brauche, die ich an die Wand hängen kann. Ich hab meinen Blog, meine Bilder und meine Erinnerungen. Mehr brauche ich nicht. Und wenn ich vor meinen Herrgott trete und der das Ding sehen will, muß ich wohl ne Tür weitergehen.

Dann geht es zum Abendessen in die Nähe des Bahnhofs, wo die Freunde von Michelin etwas empfohlen haben und zwar zu vertretbaren Preisen. Also hinein. Vorneweg eine Kichererbsensuppe mit Speck und Chorizo vom galizisch-keltischen Schwein und nachher Kotelett von eben dem Schwein mit Patatas und Piementos. Das Besondere an dem Lokal war, daß es sich um eine Parradilla handelte, also ein aufs Grillen spezialisierten Laden. Und das haben sie auch gut gemacht. Dazu einen leichten Weißen aus Ribeiro und dann heim.

Im Zimmer war es total stickig und eine Klimaanlage gab es auch nicht. Ich wollte aber noch was schreiben, weshalb ich ich dachte: „Weißte was, du machst die Fenster in deinem überdachten Balkon auf und schreibst mit Blick auf die Straße vor dich hin.“ Gesagt getan und ein Fenster hochgeschoben, das aber so schnell wieder runterkam, daß mein rechter Mitelfinger nicht mehr ganz davon kam. Der sah aus wie guilliotiniert, so daß ich mit dem Taxi ins Hospital bin, die das aber entspannter gesehen haben, weil nichts gebrochen und auch nix wirklich abgerissen ist. So hock ich nun adrenalingeschwängert auf dem Bett und schreib dann doch noch. So ein Mist. Hoffentlich heilt das schnell aus. Ich will ans Meer und ins Wasser… Morgen früh muß ich mich da wieder vorstellen und dann wohl jeden Tag mal sehen, wo es so ein Centro de Salud gibt. Jetzt leg ich mich nach dem Schreck aber erstmal hin… Guts Nächtle.

100. Etappe: Las Herrerias – Triacastela

Als ob ich es geahnt hätte. Morgens um acht zeigen sich die zu überwindenden Berge in vornehmen Weiß, was nichts anderes als schnöder Nebel bzw. tiefhängende Wolken bedeutet. Entsprechend gelaunt ziehe ich los und hoffe darauf, daß meine Strategie aufgeht und gegen Mittag der Himmel aufreißt. Meine Laune bessert sich, als ich ich die ersten Meter gegangen bin. Ein sattes Grün leuchtet mir entgegen und diese tiefen, fast engen Täler entfalten ihre Wirkung auch ohne Lichtspiele. Ich komme gut voran und nach einer Stunde, bevor es richtig bergauf geht, kehre ich ein und bekomme meinen Cafe con Leche. Zumo de Naranja fällt aus, wegen ist nicht.

Dann gehts aufwärts in den Nebel. Grüne Hölle. Echt interessant, aber kaum zu schildern, wie sich taubesprengte Spinnennetze um ganze Bäume schlingen oder eine kämpfende Sonne schillernde Lichteffekte auf die Hügel zaubert. Weil es aber bergauf geht, schwitzel ich a weng, gleichzeitig geht Wind und ich hole, nach langen Tagen, die Softshell-Jacke mal wieder raus und das alte Spiel geht los. Sobald die Sonne rauskommt, ist es mit der Jacke zu warm. Ohne, ist es zu kalt, sobald der Wind bläst. Zwischendurch treibt der Wind auch noch Wasser vor sich her, was ich noch nicht Regen nennen würde, was es aber zusätzlich blöd macht. Egal, irgendwann ist oben!

Angekommen in Galicia. Deutlich unter 200km bis Santiago. Und endlich comida gallego, die galizische Küche, die ich für eine der besten Spaniens halte. Aber das erste Dorf auf galizischer Seite ist zum Museumsdorf gemacht worden, was nicht unsympathisch ist, und ich höre ja auch die Dudelsäcke gerne, aber dieser Gaelic/Kelten-Kram, der in den Shops angeboten wird und genauso wie in der Bretagne und Wales auch in Fernost gefertigt wird, lässt mich weitergehen.

Deshalb gibt es erst oben in der Bar am Pass die erste Caldo Callego seit vielen Jahren. Das ist eine vegetarische Suppe mit einer regionalen Kohlart, weißen Bohnen und Kartoffeln. Dieser regionale Kohl ist nun in Deutschland recht schwer zu organisieren, weshalb das Nachkochen einfach schwerfällt. Und mit den bei uns erhältlichen Kohlsorten kriege ich den Geschmack nicht hin. Also nutze ich die erste Gelegenheit und bestelle ein Töpfchen zum Aufwärmen. Wobei ich das mit dem Aufwärmen ehrlich meine. Mir war trotz Softshell auf 1400m im Juli in Spanien voll kalt. Die Suppe war gut und als ich mir ein Gipfelbier gönnen wollte, betrat jemand suchend die Bar und starrte den Leuten quasi auf den Teller. Als sie den Typen am Tisch gegenüber der Theke beäugte, wollte ich helfen und sagte, daß das Caldo Gallego sei, eine regionale Spezialität. Auf spanisch. Das kriege ich mittlerweile verständlich hin, denke ich zumindest. Als sie „Wie bitte?“ antwortete, bin ich ins Muttersprachliche gewechselt und hab ihr erklärt, was das ist. Das würde sich ja gut treffen, sie wäre nämlich Vegetarier. Als szenegeschulter Kerl weißte da, das die aus einer anderen Welt kommt. Sprachlich nicht so sensibel, die Gute. Ich geh dann mit meinem Gipfelbierchen zu meinem Platz und denk an das Etappenziel. Zweieinhalb Stunden noch. Zack, sitzt die da. Nä, sie hat natürlich gefragt, ob sie sich dahin setzen kann und da kannste ja nicht nein sagen. Das wäre ja unhöflich. Als sich die Frau aber nach einiger Zeit als dieser Typ Ich-hab-die-ganzen-sechs-Wochen-Urlaub-auf-den-Abflug-am-soundsovielsten-beplant-und-jetzt-bin-ich-viel-zu-schnell-und-wohin-soll-ich-denn-bis-zum-Abflug-noch-Laufen loslegte, hab ich mich verdünnisiert und den Hinweis, das sie ja weiter vor sich davon laufen könnte, runtergeschluckt. Ich habe derzeit die Freiheit zu sagen, mit dir ja, mit dir nein. Das ist so kostbar, weshalb ich kein Gramm dieses Schatzes verschenken möchte.

Also gehts dann Bergab ins erste galizische Städtchen. Und abends dann. Alles gut. Wieder Suppe. Sopa de Marisco, mit Muscheln und Krebschen. Danach Pollo vom Bauernhof an einer sehr leckeren Sauce mit Paprika. An, damit die Haut schön kross bleibt. Dazu Salat und Kartoffeln, sowie ein leichter Weißer aus Ribeiro, nicht zu verwechseln mit dem Ribera… Regionale Weinsorte, trinky wie ein Muscadet. Schön, sowas auch mal zu entdecken, nach all dem Rotweinen der letzten Tage. Ich freue mich auf Galizien und hab einen Tag auf dem Land dazwischengebastelt, weil ich hier weiter probieren will. Das ist eine gute Gegend fürs buen vivir. Mit dem Gedanken beschließe ich den Tag.

99. Etappe: Villafranca de Bierzo – Las Herrerias

Ich bin einfach liegengeblieben. Es ist kein langer Wandertag und kein rat race um eine Unterkunft, weil ich reserviert habe. So what? Außerdem war das gestern ein langer Abend. Es war warm und nachdem ich mit dem Essen fertig war, machte sich das ganze Städtchen auf, um ins Wochenende zu starten. Es war ein Heidenspaß, dabei zuzusehen und da ich einen guten Platz hatte, gab es auch genug zu gucken. Es wurde Mitternacht und das Treiben nahm kein Ende, aber ich hab mich dann verabschiedet, weil ich ja heute eben doch was vor habe. Knapp fünf Stunden in sanftem Bergauf bevor es morgen die Überschreitung nach Galizien gibt. Die will ich gerne am späten Vormittag erleben, wegen Frühnebel und so.

Nach einer Stunde gehen, schreit mein Körper nach Cafe con Leche und Orangensaft. Also kehre ich in der nächsten Bar ein und gebe dem Schreihals wonach er verlangt. Danach geht es weiter, etwas dumpfbackig neben einer Nationalstraße, was mir aber recht ist. Ich hänge meinen Gedanken nach. Meine Mutter wäre heute 76 geworden, was sie aber leider nicht mehr erleben kann. Wie immer geht mir dieses „Solang du noch eine Mutter hast, so danke Gott dafür…“ durch den Kopf und ich summe es vor mich hin. Ich denke auch, was sie mit ihrer Arbeitsmoral zu dieser Auszeit gesagt hätte und warum ich bei jedem getapten Mitwanderer denke, daß er sich nicht so anstellen soll. Daß man sich nicht anstellen, sondern durchbeißen, wegstecken, funktionieren und wenig Rücksicht auf sich selber nehmen soll, habe ich von ihr. Naja, andererseits denke ich, hätte Sie sich sehr gefreut, daß ich meine Träume verwirklichen kann, weil das Ihr leider verwehrt blieb. Mama, ich laufe auch für dich!

Das alles wird begleitet von einer zunehmend grüner werdenden Landschaft, mit enger werdenden Tälern und höher werdenden Bergen. Überwältigend schön. Aber der Weg ist halt keine touristische Erfindung, sondern ein alter Pilgerweg, weshalb natürlich auch heute die Verkehrsströme denselben Weg nehmen, nämlich den des geringsten Aufwands. Deshalb wird diese großartige Landschaft und dieser uralte Weg mittlerweile mit einer Autobahn und einer Nationalstraße geteilt. Gibt es eigentlich eine Geschichte der Handelswege? Warum habe ich auch in Deutschland das Gefühl, die Bundesstraßen und Autobahnen verbinden immer noch die Hanse und ander mittelalterlichen Bünde? Warum stehe ich auf der A3 vor Würzburg im selben Stau den schon Goethe auf seiner Italienreise beklagte? So lande ich wieder bei einem Logistikthema, was mir mittlerweile echt am Herzen liegt.

Dann passiert noch eine ganz komische Geschichte. Ich komme durch einen Ort und sehe, kurzsichtigerweise, einen alten Mann die Straße überqueren, tüttelig sein Taschentuch rausholend und schneuzen. Der hat auch nicht mehr alle Kaninchen im Stall, denke ich noch und gehe an im vorbei. Auf der Straße liegt ein Bündel Fünfziger. Uppsa, da hat der alte Mann wohl sein Taschengeld verloren. Ich hebe also die Kohle auf und laufe ihm hinterher. Und der hat wirklichlich nicht mehr alle Kerzen am Baum. Guckt mich an und faselt, was ich den wolle und wie er denn an das Geld gekommen sein soll. Ich bin heilfroh, als ein Auto hält und der leicht übergewichtige Kommunalpolitiker (Muß so einer sein. Eigentlich zu jung, um schon so alt auszusehen und zu checkerig, um nur hilfsbereit zu sein.) die Sache in die Hand nimmt. Bei mir bedankt er sich und führt eigenhändig den Alten und die Kohle in Richtung Familie, hoffe ich. Ich gehe weiter und hoffe, daß es bei mir nie so weit kommt. 

Dann ist der Zielort irgendwann erreicht und ich freue mich wirklich gut untergekommen zu sein. Mit Restaurant im Haus, das mit lobender Erwähnung in der Lokalpresse wirbt. Da weiß ich doch, wo es heute abend hingeht. Ein wenig Wäsche gewaschen, selber geduscht, gelesen, geduckelt, nachgedacht und telefoniert. Dann eine Runde durchs Dörfchen gedreht und um halb Acht mit einem Mordskohldampf endlich ins Restaurant. Lalala, war das gut. Vorneweg eine Empanada, gefüllt mit Muscheln, Langostinos und Porree. Danach Kurzgebratenes vom iberischen Schwein, dem wo dieser jamon Iberico raus gemacht wird, mit Bratkartoffeln, die 50:50 von Gemüsezwiebeln begleitet wurden und einem tollen Olivenöl. Zum Niederknien. So schlicht und so gut. Der Nachtisch bestand aus einer Lecha Cocida, also Panna Cotta, einer Trilogie von Schokolade und einem Stück Kaffeesahne auf Bisquit. Wie schön. Zum ganzen Menü ein halber Liter junger Rotwein aus der Mencia-Traube. Der Gute hat zu allen drei Gängen eine gute Figur gemacht, wenn ich auch das Dessert eher an einem Cafe Solo vorbeirutschen habe lassen. Boah, war das gut. So gestärkt kann ich doch morgen über die Berge nach Galicien gehen und nächsten Samstag bin ich in Santiago! Alerta.

98. Etappe: Ponferrada – Villafranca de Briezo

So. Nun aber hinein in dieses mir gänzlich unbekannte Weingebiet. Ich hab bis halb neun die Füße still gehalten, weil ich den Troß heute nicht erleben will, aber jetzt gehts los. Zunächst mal durch die langen Straßen der Vorstädte dieser durchaus industriell geprägten Stadt. Da gibt es Gebäude, die so auch in den 80ern als Zeichen des Strukturwandels von Oberbürgermeistern im Ruhrgebiet gefeiert hätten werden können. Das sah gestern schon so a la Neue Hafen oder Zeche blabla aus und woher der Wind weht, war klar, als ich im Tourist Office nach diesen interessanten Gebäuden fragte. Das wären Appartementhäuser, war die wenig zufriedenstellende Antwort. Also mal wieder durch den Strukturwandel gehen, was mir die den Gedanken einer politisch-kulinarischen Exkursion vom Siegerland über Wetter, Witten, Hattingen, also Ruhr, Bochum und Essen nicht vergessen, an die Wupper und von da aus rüber ins Rheintal über Ddorf nach Köln wieder in den Kopf bringt. Da könnte mit der entsprechenden Gruppe zu Fuß eine Menge drüber besprochen und angeeignet werden, was derzeit nur als  dumpfes Gefühl vorliegt. In Südtirol, ich sprach davon, werden wir das mal ausprobieren.

Das Gefühl einer Erkundung zu Fuß, einer teilnehmender Beobachtung in Wanderschuhen und einer Exploration sich medial-real darstellender gesellschaftlicher Widersprüche, was ich an anderer Stelle gerne weiterführen würde, löst sich bei der Überschreitung des ersten Hügels als Priorität erstmal wieder in Richtung „normal“ auf. Wer „eilig, brandeilig und dringend“ auf Auftragszetteln kennt, weiß wie es mir geht. Ich bin überwältigt vom Blick auf dieses breite Tal, auf die Weinberge, die Dörfer und Städtchen und eben die Berge Richtung Galicia. Das ist hier fast so schön wie in Südtirol, echt jetzt. Die Berge sind nicht so hoch, aber es geht in die Richtung. Wunderschön. Und directamente nach dem Eintritt ins Weinland „el Bierzo“ gibts auch schon lecker Cafe con Leche und Sumo de Narañja – für Wein ist es noch zu früh – und weiter gehts. Ein paar Hügel weiter komme ich an einer Fruteria nicht vorbei und esse mal wieder Nektarinen, die zum Niederknien sind. Was ich allerdings gerne nochmal lernen wollen würde, wäre so das Ding, wie man sowas ist, ohne das es spritzt. Ich habe mal jemanden so einen weichen Pfirsich Scheibe für Scheibe mit dem Messer vom Kern trennen sehen. So will ich das können. Wenn die nichts können und hart sind, krieg ich das hin. Wenn die schmecken, spritzen die leckeren Früchte. Doof, trotzdem lecker.

Der nächste Hügel bring mich tatsächlich in ein Weindorf, allerdings auf Rüdesheimniveau, was mir für den Mittelrhein echt leid tut und die hier anscheinend auch nicht bereit sind zu lernen. Am Ende der Ortschaft lädt die Winzergenossenschaft der Weinregion ein, wovon ich ja eigentlich die Finger lassen sollte. (Wer nur GWF-Weine trinkt, hat Frankenweine nicht kapiert.) Aber wenn ich Cooperative lese, werde ich sentimental. Ich gehe also rein und frage nach einem Doña Blanca, das ist eine regionale, für Massenweine angebaute Sorte, und frage ob sie den auch in buena hätten. Warum? Nach all den Offenbarungen in Franken, wo sich junge Leute, der Johannes Nickel sei hier mal ausdrücklich genannt, aber auch sonstwo in der Republik, mit den Themen Kerner, Bacchus, Müller oder Scheurebe so sensibel und geil auseinandergesetzt haben, denke ich mir, daß der hochwertige Ausbau ebendieser Massenweine die Qualität des Winzers zeigt. Die Antwort ist unfreundlich, liegt aber nicht am Wein, sondern an der Verkäuferin und das Ergebnis ausbaufähig. Was ich auf meinem Zettel auf der Rebenliste „Potentialkandidat im Klimawandel“ unter nicht ganz so eilig buche. Weiter. Und dabei wird mir klar, daß ich zwar die Windparks angesprochen habe, aber das Thema Solarenergie noch gar nicht geschildert habe. Wahrscheinlich weil es das nicht gibt. Ich werde mir darüber erst wirklich klar, als ich den nächsten Hügel Richtung Ziel überschreite. 

Da steht nämlich ein Mountainbiker, der mich am Berg überholt hat und als ich mich , kann halt nicht anders, mit einem „amazing“ bemerkbar mache, kommen wir ins Gespräch. Der Typ ist im worldwide Vertrieb von spanisch Dachziegel… also die spanischen Braas…  Mächtig interessant, weil er eigentlich aus Madrid kommt, aber die hiesige Gegend gut kennt. Das ist nämlich die Gegend in Spanien mit dem kontinentalsten Klima. Als ich doof gucke, sagt er, daß sie hier die Produkte für Rusland testen. Wir wären zwar Kontinent, hätten aber nicht so ein Klima, ganz kalte Winter, ganz heiße Sommer. In Deutschland wäre es ja eher gemäßigt, auch auch was den Niederschlag angeht. Yo, sag ich. Bei uns fällt der Sommer aus und es regnet, wenn es regnet, völlig heftig. Haber wir uns dann geschenkt ich hab aber dann doch noch nach Solarenergie im Eigenheim gefragt, wo er sagt, das wäre bei ihnen bislang kein Thema. Stimmt. Egal wo ich durchgekommen bin, und das war ja in den letzten Wochen schon das ein oder andere Neubauviertel, wenig, ganz wenig. Das ist natürlich in einem Land, wo die Sonne ziemlich regelmäßig scheint, schon doof. Aber wahrscheinlich ist der Zusammenhang zwischen Sonnenenergie und Strom in einem Land, wo du dich vor der Sonne schützen musst, also Energie brauchst um die Wärme draußen zu halten, kommunikativ anders aufzubauen. Das sieht der spanische Kollege ähnlich, hat das aber bislang nicht so aufm Schirm gehabt. Die Chinesin, die in Kanada lebt und sich erschöpft daneben stellt, auch nicht. Also geht es wohl auch darum, den monokausalen Zusammenhang von Sonne und Wärme in Richtung  Sonne und Energie weiterzuentwickeln und zwar auch da wo der Zusamenhang eigentlich so offensichtlich ist. Mir wäre er auch beinahe abhanden kommen, weil es brüllwarm ist. Ich komme also in einen Ort, knappe anderthalb Stunden vor dem Ziel, und muß was trinken, und weil es nicht mehr lange geht, darf es ein Bier sein.Nach all dem Denken vorher, werde ich vom Wirt gefragt, ob das Vaso frio sein soll und ich sage ja, si, claro.Der Wirt geht an die vierte oder fünfte Tiefkühle in seiner Butze und holt ein tiefgefrorenes Glas raus, füllt  ein eh eiskaltes Bier rein und stellt mir das hin. Das ist klimawandel- und energiepoltisch eigentlich unverantwortlich, aber so unbeschreiblich schön. So kalt, so erfrischend, so feinherb… 

Im Zielort komme ich dann tatsächlich noch an einer Herberge mit Solarzellen aufm Dach vorbei. Vielleicht muß man es ja auch nur beschreien. Ich checke ein und bin dann erstmal um. Dann gehts los und ich gucke mir das Städtchen an. Nett. Meine Unterkunft ist auch gut, aber ich finde keinen wirklichen Draht, und bleibe nach einer unfreundlichen, also nicht von meiner Seite, Einkehr in derörtlichen Vinothek, am Plaza Mayor, also im Touristenbums hängen, erobere mir aber das Herz der Mädels mit einer Bestellung jenseits des Menu de Dia indem ich einen Salat und Pommes bestelle. Vielleicht gibt das ja mal Durchschlafen trotz Warm. Das ist echt lecker, vor allem wahrscheinlich auch wegen der selbstangerührten Vinaigette. Ich habe nämlich vor ein paar Tagenbeobachtet, wie eine spanische Mama, die Tütchen und den Pfeffer/Salz Ständer aus dem mitgelieferten Porzellanschälchen nahm, alles einfüllte und die Vinaigrette darin anrührte. Eine Salatsauce, z.B. eine Vinaigrette, wirkt nämlich nicht über ihre Einzelteile, sondern  ihre Composition. Habe ich dann auch mal so gemacht. Touristenbums. Glatze. Crogs. Und ? Als ich nach der Hälfte von Salat und Pommes alles zusammenschütte und das nochmal durchmisch, sagt ein alter Mann von Nebentisch, daß wäre bueno. Wer mich kennt, weiß wie sehr mich sowas freut. Als ich nach dem Essen und einem Rosado, statt dem Nachtisch nach einem Vino Dulce frage, kriege ich den auch. Dann bestelle ich die Rechnung und trotz aller Extras finde ich nur das Menu Peregrino mit all inclusive auf dem Zettel. Ich frage nach und bekomme als Antwort „It’s ok. Muchas Gracias.“ Das freut mich, gibt mir aber auch weiter zu denken.