Versöhnung als Herausforderung der Arbeitswelt


Rede, gehalten am 14.05.2026 im Rahmen des
Arbeitnehmerempfangs der KAB anlässlich des
katholischen Kirchentags 2026 in Würzburg

Sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst einmal möchte ich mich recht herzlich für die Gelegenheit bedanken, heute Abend meine Gedanken mit ihnen zu teilen und ehrlich gesagt, mir überhaupt einmal Gedanken über den Aspekt der Versöhnung in der Arbeitswelt zu machen. Denn das ist für einen gestandenen Gewerkschafter nicht der naheliegenste Gedanke. Unser Handeln und die Theorie dazu ist oft genug von Auseinandersetzung, mühsamen Kompromissen und dem ewigen Widerspruch von Kapital und Arbeit geprägt.

Und da eine Versöhnung mehr ist als ein Kompromiss, möchte ich dem zunächst hinterherschmecken. Was ist eine Versöhnung? Was will uns diese Kategorie sagen?
Versöhnung ist, so denke ich, ein sozialer Prozess, der im Nachgang zu Konflikten, Verletzungen oder Beschädigungen die Beziehungen zwischen den beteiligten Akteuren heilt und auf eine neue Ebene hebt, wie etwa die deutsch-französischen Beziehungen nach dem 2. Weltkrieg, um mal ein Beispiel zu wählen, das nichts mit der Arbeitswelt zu tun hat.

Bleiben wir bei dieser Arbeitsdefinition, in der ein bisschen Hegel mitschwingt, erkennen wir entlang des Dreiklangs von Arbeit, Boden, Kapital jede Menge Themen und Ebenen auf denen Versöhnung Not tun würde. Die deutschen Bischöfe haben dazu ein eindrückliches Thesenpapier vorgelegt, dass diese Versöhnung vom Individuum und seiner Beziehung zur Arbeit, selbstbestimmt oder erzwungen, beschreibt. Das ist ein wichtiger Aspekt, den ich ein wenig weiter entwickeln möchte, indem wir uns den eher strukturellen Fragen des versöhnten Arbeitens entlang des Dreiklangs von Arbeit, Boden, Kapital nähern.

Bleiben wir zunächst beim Begriff der Arbeit, die nur allzuoft ausschließlich als Lohnarbeit gesehen wird, was sie aber nicht ist. Denn Arbeit ist zunächst das Tätigsein, für sich oder andere, dass mit einem individuellen oder kollektiven Sinn versehen wird und im besten Fall die Anerkennung Anderer gewinnt, mindestens aber ein Maß an Selbstzufriedenheit stiftet.   

Diese Anerkennung kann der Lohn, das Gehalt sein. Und mit der Entlohnung einer Tätigkeit gewinnt sie als Lohnarbeit einen anderen Charakter. Da in dem System in dem wir leben, nennen wir es Kapitalismus, der Lebensunterhalt in der Regel nicht in Subsistenz erfolgt, sondern wir mit dem erhaltenen Lohn unsere Lebensmittel, die mehr sind als Nahrung, sondern eben auch Wohnen, Wärme und Unterhaltung kaufen können.

Und nun kennen wir alle bestimmt Leute deren entlohnte Tätigkeit keinen direkt nachvollziehbaren Sinn macht und auch keine Selbstzufriedenheit gibt, genauso wenig wie es mehr Anerkennung als den schnöden Lohn gibt.

Was macht das mit den Menschen?

Eskapismus, psychische Erkrankung oder Kompensation durch Konsum sind nur einige der beliebten Strategien sich dem Prozess der Versöhnung mit Arbeit zu stellen, eben weil er als nicht veränderbar gesehen wird. Das Gegenüber, also der Chef, der Arbeitgeber oder Kapitalist, nennen sie ihn oder sie wie sie wollen, erscheint übermächtig.

Aber auch hier haben wir es doch allzuoft mit Menschen zu tun, die mit dem was ist, überfordert erscheinen. Ich kenne viele Geschäftsführer*innen, leitende Angestellte und Vorstände, die mehr als 50 Stunden in der Woche arbeiten, aber schlussendlich die Transformation, die Veränderungen nicht aufhalten oder positiv beeinflussen können. Das hängt zum Teil an der Pfadabhängigkeit des Denkens, was meint, dass wir seit der Nutzbarmachung fossiler Energien eine wirtschaftliche Kraft entfesselt haben, die ewiges Wachstum versprach. Allerdings scheint dieser Pfad nun an eine Ende zu kommen, genau wie die Idee eines alles überstrahlenden Europas.

Also bleibt hier auch die soziale und materielle Anerkennung oftmals aus, wird als Niete in Nadelstreifen gedisst oder als brutaler Arbeitsplatzabbauer gebrandmarkt.

Was macht das mit den Menschen?

Wir beobachten seit einigen Jahren, dass es weniger Bereitschaft gibt Führungsverantwortung zu übernehmen und wir beobachten auch, dass bei vielen so genannten Startups nicht die Sache sondern die Kapitalisierung im Vordergrund steht, also sich auch hier Selbstzufriedenheit oder Anerkennung nur über Geld vermittelt.

Lassen Sie mich kurz innehalten und das Bild beschreiben, dass bis hierhin entstanden ist. Wir sehen eine durchökonomisierte Lebenswelt, deren Medium das Geld geworden ist, über das sich auch Anerkennung und Sinn vermittelt. Das führt auch dazu, dass die, die wenig Geld verdienen, auch oft weniger anerkannte Tätigkeiten ausführen und die, die mit Sinn und Menschenfreundlichkeit aufgeladene Berufe ausüben, wenig Geld verdienen, weil sie ja scheinbar das System nicht verstanden haben und für Gotteslohn unterwegs sind.

Versöhnung würde nun doch darin bestehen, der Arbeit keinen Preis zu geben, sondern ihren Wert anzuerkennen und den Lohn nicht mit Anerkennung zu verwechseln. Die Anerkennung käme dann aus dem individuellen und kollektiven Mehrwert, den diese Arbeit erzeugt. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nur um Anerkennung geht, sondern faire Löhne, die zum Leben reichen, sind in allen Bereichen eine wichtige Voraussetzung für eine Versöhnung in der Arbeit. Denn
faire Entlohnung ist auch der Ausgleich zwischen den Faktoren Kapital und Arbeit.

Hinzu kommen hier Aspekte, die auch die deutschen Bischöfe in ihrem Impuls genannt haben: Teilhabe und Beteiligung, Sinn und Werte in Arbeit. Vielleicht gilt das  auch für die Reintegration von Arbeit und Leben. Lassen Sie mich kurz erläutern was ich darunter verstehe. Während wir uns über viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte an die strikte Trennung von Arbeit und Privatsphäre gewöhnt haben, hat sich durch die Digitalisierung und insbesondere seit der Pandemie eine neue Welt aufgetan, die es deutlich einfacher macht die Anforderungen der Arbeitswelt und das Privatleben zu einem Guss zu formen. Das ist eine Form von Zeitwohlstand, die sicherlich nicht für alle Berufe greift, aber eben für viele.

Aber zurück zum Thema der Versöhnung. Ich habe den Dreiklang von Arbeit, Boden und Kapital eingeführt, aber bislang nur von Arbeit und Kapital gesprochen.

Lassen Sie mich abschließend von der Versöhnung mit dem Boden sprechen und lassen Sie uns Boden als Synonym für die Umwelt, die Ressourcen und Lebensbedingungen auf unserem Planeten annehmen.

Die ökonomische Dynamik des fossilen Zeitalters war ungeheuer und hat sich ein schier unendliches Wachstum mit steigender Ausbeutung fossiler und metallischer Ressourcen erkauft und Umweltverschmutzung bis hin zur -zerstörung in Kauf genommen. Und daran waren nicht nur Unternehmen beteiligt auch wir in unserer Rolle als Konsumenten haben dazu einen Beitrag geleistet. Nun gehen fossile Ressourcen ihrem Ende entgegen und auch metallische Ressourcen werden knapper. Der Klimawandel ist eine täglich sichtbarer werdende Tatsache.

Wäre es nun nicht an der Zeit auch der Umwelt die Hand zur Versöhnung zu reichen und Arbeit wie Kapitaleinsatz in ihrem Wert an dem wertschätzenden Umgang mit der Umwelt zu definieren? Und würde das nicht ein gänzlich anderes Wirtschaften fordern?

Lassen Sie mich das abschließend so beschreiben:

  1. Arbeit und Kapital verpflichten sich zu einem sorgfältigen und ressourcensichernden Wirtschaften, genauso wie zu einem ressourcensichernden Konsum.
  2. Arbeit wird in ihrem Wert und nicht an ihrem Preis erkannt
    und anerkannt. Das bedeutet auch eine faire Entlohnung.
  3. Kapital bzw. Geld wird als Medium des Wirtschaftens und nicht als wertbildend erkannt und entsprechend verändert sich auch seine Rolle.
  4. Das Leben des Einzelnen ist ein tätiges Leben (Auch Muse gehört dazu), das gleichwertig aus Lohnarbeit, Eigenzeiten und Tätigkeit mit und für Andere besteht.
  5. Gesellschaft und Einzelner versöhnen sich mit ihren Fehlern der Vergangenheit und öffnen sich für ein Neues Wirtschaften und Miteinander.

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

das klingt vielleicht ein wenig nach Luftschloss, aber ist das nicht der Beginn einer jeden Versöhnung? Das jemand nicht mehr will, sondern von einem anderen Miteinander träumt?

Ich jedenfalls wünsche mir das als Gewerkschafter und als Onkel einer 8jährigen Nichte. Und an dem ein oder anderen zustimmenden Nicken erkenne ich, das ich damit nicht alleine bin. Das freut mich sehr.
Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.