Rot und weiß – ein Leben lang!

Das man nach einer durchsoffenen Nacht beim Frühstücksbuffett am Tag danach was anderes tun sollte, als Prosecco aus Eimern zu trinken, ist heute Allgemeingut. Aber wir schreiben irgendein Jahr Anfang der 90er in Siegen, einer Stadt in der der Punk mit einigen Jahren Verspätung, aber mit voller Wucht eingeschlagen hatte und nun in den letzten Wehen lag. Und just an diesem Sonntagmorgen entsprang es nicht viel mehr als einer Sektlaune sich in einen altersschwachen Mercedes zu schleppen und mit Schmitti und Eberhard nach Hagen – Haspe aufzubrechen. Die rund 80km haben gerade ausgereicht, um den Alkoholpegel nicht so fürchterlich tief sinken zu lassen und dann waren wir da.

Als Siegener auf Auswärtsfahrt im gegnerischen Rund! Und irgendwo da muss es passiert sein, da hat es mich gepackt; dieses Gefühl genau dahin zu gehören, zu dem Verein, zu den Sportfreunden aus Siegen. Es war überwältigend und von dem eigentlichen Spiel ist nix hängen geblieben, außer der Demo von den Krankenschwestern, die in der Halbzeit gegen die Schließung des Stadtteilkrankenhauses demonstrierten. Unter dem Beifall aller Zuschauer übrigens.

In den nächsten Jahren haben die Sportfreunde dann einen großen Teil von Zeit und Geld verschlungen, aber es war ein Quasi-Durchmarsch von der Verbands- bis in die zweite Liga. Immer mit Zuschauerzahlen im vierstelligen Bereich und immer Gegengerade. Und immer im Clinch mit Trainer oder Verein, die unter der Fuchtel eines allmächtigen Mäzen standen und stehen. Das ist im Übrigen eine der charmanten Seiten an dem Verein, dass er mitten in Pietnam – die Gegend aus der ich komme, ist durch und durch mit Pietisten und anderem freievangelischem Pack verseucht – einen gewissen Hang zu Hedonismus und Laissez-faire zeigt und lebt. Das ist nun leider aber auch die Ursache für den fatalen Absturz inkl. Insolvenz und Abstieg in die NRW-Liga gewesen, die ich Gott sei dank nur aus der Ferne miterleiden musste.

Was ist es, das dich an einen Verein fesselt? Die meisten mit denen ich über so was je gesprochen haben, sind auch der Meinung, dass es ein einziges Erlebnis – von Offenbarung zu reden, wäre zu viel, aber viel weniger ist es nicht – ist und sie dann drauf hängen bleiben. Dein Verein findet dich….. Und dann sind es die Farben, das Stadion und die Fans an denen du hängst. All die Momente, die dir keiner mehr nehmen kann. Aufstiege, sensationelle Siege, Tore in der Nachspielzeit und Auswärtsfahrten genauso wie übrigens unverdiente Niederlagen und trotz allem schicksalshafte Abstiege…..

Die Sportfreunde tragen Rot und Weiß – Rot für die Leidenschaft und das Weiße – ja wofür steht das eigentlich? Für Unschuld und Jungfräulichkeit sicherlich nicht. Vielleicht für Fairness, was aber auch nicht durchgängig stimmt….. na ja, das mit den Farben war ja nun mal n erster Anhaltspunkt, nachdem es mich nach Unterfranken verschlagen hat und so fürchterlich viele Vereine gibts nicht, die ein näheres Anschauen lohnen. Vereine gegen die man Punktspiele absolviert hat, scheiden per se aus. Vereine ohne Fans auch. Man hat ja Grundsätze…

Und so begab es sich an einem sehr einsamen Abend in einer sehr einsamen Kemenade, das sich ein fürchterlich einsamer Mensch in den Tiefen des Internet verlor und in diversen unterfränkischen Fußballforen umsah und mitlas, sich das Schicksal der Vereine ergoogelte und wieder mitlas und dann fiel das silvanergetränkte Auge auf den Beitrag eines Sportfreundefan, den es ebenfalls nach Unterfranken verschlagen hatte. Ja, dann, dann ist das wohl so…. Rot und Weiß ein Leben lang, ist doch egal wie der Verein heißt, oder was? Da kann einem auf jeden Fall viel Müll durch den Kopf gehen bis es dann soweit ist…. Erstes Heimspiel am Dalle.

N Vorstellungsgespräch ist wahrscheinlich n Dreck dagegen. Aber wenn du da bist, bist du da. Es gibt wenige Stadien in der Republik, die ein solches Kleinod sind. Es gibt wohl wenige Szenen in der Republik, die soviel Größe zu Selbstironie zeigen und es gibt sicherlich nicht so sonderlich viele Vereine, die – wie schrieb ich eben – „Hedonismus und Laissez-faire“ ausstrahlen, dass man sich als Siegener sofort zu Hause fühlt. Es gibt sicherlich viele Parallelen zwischen den Sportfreunden und den Kickers, die weit über die Farben und die Vereinsgeschichte jüngerer Zeit –also die letzten vierzig Jahre. Hüstel – hinausgehen.

Man bleibt halt immer beim selben Typ Verein hängen. Das sagt mehr über einen selber, als über den Verein. Warum es diesen fatalen Hang zur Katastrophe, zum absehbaren Scheitern und zu dämlichen Fehlern gibt? Keine Ahnung. Spaß machts jedenfalls nicht auf den ersten Blick und trotzdem hat das was. Ich bin auf jeden Fall gerne dabei…Was ich allerdings nicht noch mal brauch, ist mit knapp 15 Leuten den Abschied aus der Bayernliga auf einem trostlosen Platz in Bruck erleben….

Rot und weiß – ein Leben lang!