Der bislang schwärzeste Tag der Tour, und daß obwohl er sehr nett begonnen hatte. Er ging nämlich damit los, hoch über dem Tal mIt Sonnenstrahlen wachzuwerden und beim Packen Regenjacke und Regenhülle nicht allzuweit wegzutun, aber immerhin nicht von vornherein aufzuspannen. Das Frühstück mit der alten Dame, bei der ich erst heute morgen eine rote Strähne im grauen Haar bemerkte, war sehr angenehm und wir unterhielten uns sehr angeregt über die Situation in Frankreich, die sie für verfahren hält, weil jeder nur kurzfristig und an sich denken würde. Sie kam zu dieser Einschätzung, weil ich mich freudig über das Zero Plastic am Frühstückstisch freute und sie sich als Umweltschützerin erklärte, gleichzeitig bedauerte, daß sich immer nur ihre deutschen Gäste drüber freuen würden. Zu den Protesten gegen die neuen Arbeitsgesetze a la Hartz, meinte Madame das sich die CGT so auf die Hinterfüße stellt, weil ihr die neuen Bewegungen, wie die Nuit Debuit, den ersten Platz in Aktion wie Inhalt streitig machen. Hm, der Gedanke ist mir bislang nicht gekommen, aber mein Eindruck am 01. Mai war eben auch nicht, daß das Durchschnittsalter ohne Ü-40 Parties auskommt. Also interessant und aufschlußreich, aber ich wollte ja weiter.
Den Rucksack aufgeschnallt und los. Es ging weiter bergauf und zwar rund 300 Höhenmeter. Nach rund anderthalb Stunden auf 1165Hm kam ich dann in Montracher an. Was für ein Ausblick, wenn man was gesehen hätte. Denn zwischenzeitlich hatte es begonnen zu regnen und der Wind hatte aufgefrischt. Das ist in den Bergen unangenehm. An guten Tagen scheint man von da aus aber bis ins Mont Blanc Massiv gucken zu können. Also vertröstete ich mich auf gute Tage und sah zu, daß ich weiter kam.
Und dabei muß es dann passiert sein. Bergab, den Blick auf den Weg gerichtet und den Regen vor der Brille hab ich wohl einen Abzweig verpasst und bin stur weitergegangen, weil ich hie und da eine Muschel gesehen habe. Als ich dann merkte, daß es eine Alternativroute durch die Vollpampa war, der ich entlanggelaufen war, hätte ich platzen können. Patschnass und irgendwo im Nirvana. Als ich dann auch noch Google Maps zu Rate ziehen wollte und diese DrecksApp kein GPS fand (Das macht sie immer, wenns wIrklich nötig wäre) und das Smartphone eh am Spinnen war, weil die fetten Regentropfen wie Fingertipps interpretiert wurden und das Ding zum Rotieren brachten. Also weg mit dem digitalen Dreck. Karten hatte ich keine, sondern nur die Kartenausschnitte der zwei Alternativrouten. Den Rest hab ich mir zusammenreimen müssen. Also vorwärts bis Usson en Forez und dann links. Angekommen in Usson, kam ich an einem Resto vorbei, das ein Menue de Jour anbot und weil ich eh schon auf mich und die ganze Welt sauer war, bin ich rein. Der Kneipenmops und ich wurden schnell Freunde, mein Smartphone trocknete ab und Google Maps reagierte wieder, das Essen war passabel. Alles hätte nach 15km zu Ende sein können. Hätte.
Kaum war ich aus dem Haus und wollte am ersten kritischen Abzweig die GoogleRoute nochmal anschauen, war schon wieder Game Over. Mitten aufm Feldweg mußte ich mich nun erinnern wie es denn ungefähr weitergegangen wäre. Habe ich dann auch gemacht und bin dann irgendwann auf die D104 gestoßen, die auch irgendwie wichtig war. Die geht aber rechts, wie links weiter. Menno. Ich halte das erste Auto an und der Typ kommt aus der Generation Navi. Als ich ihm die Karte zeige und sage wo ich hin will, rafft er gar nichts. Danke. Und Tschüss. Beim zweiten Wagen, der freundlicherweise anhält, werde ich geholfen und in die richtige Richtung geschickt. Das verabschiedende Bonne Courage der beiden älteren Damen lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen, weil doch so der Offizier seine französischen Fallschirmspringer in D-Day verabschiedet.
Ich latsch also die Landstraße entlang und bin dann auch irgendwann wieder in der Spur. Nach fast 40km und nicht nach geplanten 27 stand ich dann vor der Unterkunft und niemand war da. Das hat dann gerade noch gefehlt. Also anrufen. Eine entspannte Stimme, die fröhlich auf Französisch auf mich eindrischt und ich mir zusammenreime, das ich mich im Bistro einzufinden habe. Also hin da. Das ist aber weder an der Hauptstraße, noch bei der Kirche. Wieder fragen und netterweise von einer jungen Landfrau dahin geleitet werden, weil sie da wohl eh hinwollte. Auf dem Weg fragt sie mich aus, was ich da will und wen ich da suche. Als wir dann das Bistro erreichen, übernimmt sie die Information des Wirts und der weiß Bescheid und signalisiert, daß ich 10 Minuten Zeit habe. Das heißt auch Zeit für ein kleines Pression in nassen Klamotten und, schlimmer, nassen Schuhen. Egal, nach zehn Minuten kommt Frau Checkerin und nimmt mich im Schlepptau ihrer beiden Kinder mit. Keine dreißig Meter und, wegen einem bockigen vier-jährigen Jungen, keine gefühlte halbe Stunde später, schließt sie mir die Unterkunft auf. Eine Gite d Etape mit vielen Betten, die immer in Achter-Wohnungen mit Bad und Küche und je zwei Schlafräumen mit vier Betten aufgeteilt sind. Cool, vor allem weil ich so eine Wohnung für mich alleine habe und damit drei Heizkörper, die auch sofort loslegen, als ich sie aufdrehe. Das ist in Frankreich nicht die Regel, weshalb ich das am Ende eines solchen Tages für einen echten Glücksgriff halte. Wäsche und Schuhe zum Trocknen aufgehängt, jetzt noch heiß duschen, ein wenig aufs Bett und dann was Essen gehen.
Heiß duschen war nicht. Da kam nur kaltes Wasser und wer mich kennt, weiß wie sehr mir das auf die Stimmung schlagen kann. Ich brauche kein waterboarding, mir muß man mit ner kalten Dusche drohen und ich gestehe alles. Aber da ich olfaktorisch stark Richtung Iltis tendierte, hatte ich keine andere Wahl. Augen zu. Durch. Danach habe ich mich in meinen Schlafsack verkrochen und bin dort bis zum anderen Morgen liegengeblieben. Essen? Wer braucht denn Essen, wenn es sich mit der ganzen Welt hadern lässt.