Ich bin gegen neun Uhr losgekommen, weil ich einfach auch keine Lust hatte, im Regen loszulaufen und die Wettervorhersage angekündigt hatte, daß es am frühen Vormittag aufhört, was es dann auch tat. Aber es wollte partout nicht aufreißen, was schade war, weil die Landschaft auch ohne Loire herrlich ist. Und so trottete ich meines Weges, machte hier und da ein Foto, überholte die vier Franzosen, die ich schon in St Haon le Chatel getroffen hatte und pflegte ansonsten meine schlechte Laune. Der Mai neigt sich dem Ende zu und es herrscht weiterhin Aprilwetter. Das war ganz anders bestellt. Ich haderte mit dem Schicksal und war genervt. Als dann auch noch die angekündigte Bar-Tabac gleich ganz zu kaufen war und sich nicht mehr mit einem einzelnen Kaffee aufhalten wollte, war der Tiefpunkt erreicht. Der Reiseführer kündigte in knapp 4km die nächste Einkehr an und ich wollte dem Tag eine letzte Chance geben.
Als ich in den Ort einlief, sah nichts nach Gastronomie aus. Der Franzose ist ja auch hinsichtlich informativer Schilder ein wenig eigen, also weiter durch dieses Straßendorf, an dessen Ende ein Platz vor der Mairie ist, wo es tatsächlich eine Bank gab. Wenigstens das. Ich setzte mich, hatte Hunger und nichts mehr zu Essen, weil die Nüsse und ein Apfel das Frühstück dargestellt haben. Außerdem wollte ich was anderes trinken als Wasser. Und dann sah ich aus dem Augenwinkel eine Leuchtreklame, packte mein Zeug und eilte ihr entgegen wie einer Marienerscheinung. Und tatsächlich, war es eine ländliche Kombination aus Boulangerie/Epicerie, Bar und Restaurant, so das ich mich schon vor einem guten Teller und einem Glas Wein sitzen sah. Leider hatte ich verdrängt, daß in Frankreich heute Muttertag ist, der, meinem Eindruck nach, höher bewertet wird als bei uns. Folglich hatten die braven Söhne und liebenden Väter dafür gesorgt, daß der Laden restlos ausgebucht war und zwar bis in die Menüs. So mußte ich mich mit einem Platz an der Theke begnügen und bestellte Flüssigbrot, wenn es schon nichts zu beißen gab. Und als ich noch nicht einmal ganz ausgetrunken hatte, stand schon ein Neues da, was in mir ernste Zweifel an meinem Erscheinungsbild weckte. Das Ganze klärte sich aber anders auf. Das Bier war von einem Kollegen des Stammtischs ausgegeben worden, der mir als Weitwanderer verbunden war, weil er auch die ein und andere Strecke schon gelaufen ist. Das fand ich sehr schön und wir klönten eine Zeitlang.
Als ich dann weiterkam und vor die Tür trat, merkte ich das zwei kleine Bier auf nüchternen Magen und körperlicher Anstrengung schon für einen leichten Stich sorgen können. Aber wie sagte Harald Juhnke schon: „Glück, das heißt keine Termine und leicht einen sitzen.“ Ja, und so ging es gut gelaunt und singenderweise auf die letzten Kilometer Richtung Pommiers. Hier wollte ich auf dem Camping Municipal einen Wohnwagen mieten, aber der Empfang öffnete erst um 18.00h wieder, was fast drei Stunden Warterei bedeutet hätte. Vor der bewahrt hat mich ein älterer Dauercamper, der mir den Wohnwagen zeigte und ich mich im Vorzelt schonmal breitmachen konnte. Frisch geduscht, meldete sich auch mein Hunger wieder und so schlenderte ich zur Campingplatzkneipe. Der englische Betreiber war untröstlich und konnte mir nur mit einem Rest Quiche und ein wenig Salat weiterhelfen. Egal, her damit und den gröbsten Hunger stillen. Dann hab ich mich ein wenig hingelegt und um 18.00h pünktlich vor der Rezeption gestanden. Gewartet und dann dem Hinweis eines anderen Dauercampers folgend den Platzwart aus der Kneipe geholt. Das war kein Problem und ich zum ersten Mal für eine Nacht Wohnwagenschläfer. Wie das wohl wird?
Zunächst aber musste das Essensthema, das sich wie Kaugummi durch diesen Tag gezogen hat, einer finalen Klärung zugeführt werden. Und so saß ich um fünfe wieder in der Campingplatzkneipe, wo mittlerweile auch der zweite Teil des englischen Betreiberpärchens aufgetaucht war. Weil es wieder regnete, waren wir nur zu dritt und plauderten so über dies und das, kamen auf Musik und wie man denn aus Nordengland nach Pommiers ins Roannais kommt. Schnell stellten wir Gemeinsamkeiten fest und so beschallten die Stiff Little Fingers, die Helden des britischen Punk, den Laden. War ja sonst keiner da. Zwischendurch habe ich sogar noch was zu Essen bekommen, was mit Salat composee, Entrecote/Frites und zwei Kugeln Vanilleeis keine kulinarische Offenbarung war, aber satt gemacht hat und lecker schmeckte. Das zählt auch schonmal. Dazu gab es einen schönen Weißwein. Das zählt auch. Und gute Musik. Das zählt. Und weil aller guten Dinge drei sind, war das ein echt schöner Abend.
Und dann lag ich im Wohnwagen und begriff, warum das viele Leute so toll finden. Du bist nicht richtig drin, aber auch nicht ganz draußen. Der Regen kann dir nichts, aber du hörst ihn, was ich in dieser Nacht reichlich getan hab, bis ich endlich eingeschlafen bin.
Hihi. Leicht einen sitzen. Beschwipstsein.
Großartig. 🙂