3. Tag Mein lieber Buddha…

Der Morgen startete holprig mitten in der rush hour,was bei einer 15mio Einwohner Stadt mehr ist als ein bisschen Stau, zumindest für so ein Landei wie mich. Es kostet Nerven und zeigt, dass das Thema der Mobilität in Megacities eigentlich nur (erstens) mit postfossil getriebenen Individualverkehr und (zweitens) mit ÖPNV und aktiver Mobilität zu lösen ist. Auf diesem Weg stellt sich das Land aber zwiespältig auf.

Elektroroller ohne High-Tec, aber bezahlbar!

Auf der einen Seite gehören knatternde Zweitakter in den Städten weitgehend der Vergangenheit an, weil vor etwa sieben, acht Jahren damit begonnen wurde, die Mopeds zu elektrifizieren. Das geschah wohl mittels sanftem Druck über rigoroses Anheben der Steuersätze für fossil getriebene Zweiräder. Geht doch!
Hinzu kommt auch allenthalben der Neubau von U-Bahn Linien.

Auf der anderen Seite berücksichtigt; oder muss es um des sozialen Friedens Willen berücksichtigen, die chinesische Stadtplanung das Statusbedürfnis neuer Mittelschichten als die Zeichen der Zeit. Das dazugehörige Statussymbol heißt derzeit Auto.
Das wiederum schmälert den positiven Eindruck von der Elektrifizierung der Mopeds, weil doch dann dieses Experiment der politischen Steuerung des Treibstoffs mit denen durchgeführt wurde, die sich noch kein Auto leisten können. Trotz dieser Bedenken überzeugt die Idee, nicht durch Steuerleichterungen eine neue Technologie einzuführen, sondern über Steuererhöhungen die alte Technologie zu dissen.

Ach so. Durch die Rush Hour haben wir uns gearbeitet, weil wir eine Verabredung mit Gewerkschaftsfunktionären in Leshan hatten. Knapp 120km von Chendu entfernt, knapp 500000 Einwohner. Gegen Chendu fast schon ein Kaff… Die Fahrt auf der Autobahn ging durch ein Tee-Anbaugebiet. Die Gegend war insgesamt eher landwirtschaftlich geprägt: eine eher kleinteilige Landwirtschaft, kleine Felder, viele Menschen, wenig Landmaschinen und viele Handspritzen. Ich weiß nicht, was die gespritzt haben, aber irgendwie waren das ganz schön Viele. Und ja. Ich hab mich gefreut, als ich so ein unter Wasser stehendes Reisfeld mit Strohhut tragender Bäuerin gesehen habe. Es gibt halt Bilder, die im Kopf sind und die man einmal in Echt sehen will…

die Gewerkschaftsspitze in Leshan

Das Gespräch mit den KollegInnen aus Leshan bringt eine Neuerung. Das erste Mal nach drei Tagen spielte hier auf dem Land die Partei eine aktive Rolle und der Genosse Funktionär sitzt ausgewiesenermaßen mit am Tisch. Das macht die Diskussion nicht weniger spannend, weil auch die Reiseleitung; eine „zack-zack“ getaufte Dame von der Provinzgewerkschaft – Ach so: Das sind einige Millionen Mitglieder. Nicht das jemand auf falsche Ideen kommt – aktiv mitmischt. Der Dolmetscher ringt immer wieder um die richtigen Worte, weil sich hier schon noch ein sehr klassisches Organisationsverständnis zeigt und irgendwie ein Hauch DDR in der Luft liegt.

der Buddha von Leshan

Ohne Mittagessen geht gar nichts und das war – wer mich kennt, weiß was ich meine – eine Herausforderung. Ich glaube, ich habe in der einen Stunde soviel Tofu gegessen, dass es für ein Leben langt. In allen Variationen, Aggregatzuständen und Geschmacksrichtungen kam das Zeug auf den Tisch. Alles war super gewürzt, gut zubereitet und hat sogar geschmeckt, aber ich mag keinen Tofu…Basta!

Danach ging es zum Buddha. Leshan hat nämlich eine Attraktion zu bieten: einen 71 Meter hohen, sitzenden Buddha, den größten Sitzenden weltweit und Weltkulturerbe. Der Buddha sitzt am Min Jiang – Fluss, bzw. dem Zusammenfluss von drei Flüssen, weshalb der Buddha auch per Boot zu besichtigen ist. Und ja, das war tourimaessig, aber es hing ein wenig Nebel in den Wäldern am Rand und über dem Fluss und für mich als hollywoodgeschädigtem Menschen kam – ganz kurz – Kanonenboot-Atmosphäre auf.

Der Min Jiang ist übrigens ein Zufluß des Jangtsekiang.

Kanonenbootstimmung

Die Rückfahrt fand dann wieder in der Rushhour statt und selbst antizyklisches Fahren – morgens raus aus der Stadt, abends rein – hat im Endeffekt wenig gebracht. Du stehst rum und kannst nachdenken. Nachdenkenswert ist vielleicht folgendes. Chengdu wird in den nächsten Jahren um einige Millionen Einwohner weiter wachsen; so etwa von 15 auf 19 Millionen. Nur so um die 10% der Fläche Chinas ist landwirtschaftlich überhaupt nutzbar und die neuen, alten Ballungszentren liegen eben oft in den eigentlich landwirtschaftlich nutzbaren Gegenden.
Also reduziert sich die landwirtschaftlich nutzbare Fläche.
Wasser muss oft über weite Strecken herangeführt werden und selbst im Hotel hängt nicht nur die weltweit verbreitete Aufforderung die Handtücher mehrfach zu nutzen, sondern auch beim Duschen mit dem Wasser sparsam zu sein, was mir neu war.
Hier muss sich also ein Land also für eine integrierte Raumplanung stark machen, die zwischen Urbanisierungsdruck, Industrialisierung, Landwirtschaft und Versorgungsinteressen, sowie einer nationalen Wasserpolitik vermitteln kann. Viel Spaß…

Nach dem Abendessen – einem Fondue, bei dem die Zutaten in einem würzigen Pilzfond zubereitet wurden – ging es ein wenig Auf zum Städtewandern… Avisiert war das tibetanische Viertel Chengdus, dass sich – auch das wieder ein globales Phänomen – im Dämmerlicht als Pendant zu manchem sozialen Brennpunkt in Westeuropa darstellt. Die Migranten pflegen ihre Heimatkultur, SozialarbeiterInnen organisieren Popkultur (im open-air-Kino wurde ein Film gezeigt) und ansonsten ist alles ein wenig heruntergekommen und abgewohnt. Trotzdem natürlich anders als in Europa. Garküchen mit allerlei Spießen, ein Massage-Salon, der so wirkte als ob tibetanische Bauarbeiter sich eher kollektiv die Füße massieren lassen, als in der Kneipe einen zu trinken und Mönche, die durch die Straßen huschen.

Mittlerweile lieg ich endlich hier in meinem Innenstadthotel und bin froh, dass alles aufschreiben zu können, was hoffentlich den Kopf für einen ruhigen Schlaf freiräumt.

Gut Nacht.


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