Deutschlehrer. Letzter Weg.

Der Erzähler ist dreihundert Kilometer gefahren. Er parkt sein Auto und betritt die Stadt in der er das Gymnasium besucht hat. Warum besucht man eigentlich eine Schule? Ist man dort zu Gast? Komisch. Oder man geht aufs Gymnasium. Das scheint der Sache schon näher zu kommen, geht man doch zumindest im Westfälischen auch auf Maloche, auf Arbeit, auf Zeche. Egal. Wie lange ist er nicht mehr hier gewesen? Einiges scheint neu, einiges instandgesetzt und einiges beim Alten. Der Gasthof am Marktplatz, das Rathaus, die Kirche. Der Platz an sich wirkt immer noch so überdimensioniert wie zu Schulzeiten. Heute allerdings bietet der Platz ein bizarres Schauspiel. Männer verschiedenen Alters, die sich nicht kennen, gekleidet in dunklen Anzügen, schreiten den Platz unabhängig voneinander irgendwo zwischen Vertrautheit und touristischer Neugier ab. Einer sitzt auf der Terrasse des Gasthofs und isst ein Krüstchen, dieser Versuch einer regionalen Spezialität in diesen Gegenden, die sonst keine haben. Der Esser entschuldigt sich auch fast, indem er darauf verweist, das schon so lange nicht mehr gegessen zu haben. Der Erzähler, den es in eine Weingegend verschlagen hat, denkt sich, dass er dabei nichts verpasst hat. Trotz dieser kulinarischen Arroganz umweht ihn aber ein Hauch von Traurigkeit, weil er genau hier seine Jugend verbracht hat. Hier war er Schüler und hat sich ausprobiert und ausprobieren dürfen, ist geprägt worden und – was wahrscheinlich das wichtigste ist – war eingebettet in eine Horde Gleichaltriger, die erst im soziologischen Seminar zur peer group wurde, vorher aber beste Kumpels waren.

Es ist Zeit zu gehen. 13:30h geht es los. Der hochverehrte Deutschlehrer soll heute unter die Erde gebracht werden. Langsam geht es zur Friedhofskapelle, wo einige ganz frühe Trauernde schon warten. Es kennen sich nicht viele und sie sind nicht in Trauer vereint, sondern vielmehr durch die Erinnerung an und die Prägung durch diesen Mann. Die Versammelten; Abiturjahrgänge aus den frühen 70er Jahren, genauso wie solche aus den 80er und 90er Jahren, sind vorzugsweise Männer, die in ihrer Trauer auf Augenhöhe sind und in ihrem Alter Väter und Söhne sein könnten. Jahrgangskameraden lassen gemeinsam Erlebtes Revue passieren und kurz flammt hier und da auch Feuerzangenbowlenheiterkeit auf, die sich aber dem Anlass gemäß schnell wieder verflüchtigt.
Die Musik setzt ein und es beginnt. Die anscheinend im kirchlichen Umfeld unvermeidliche weibliche Ehrenamtlerin lädt engagiert ins Gebäude ein. Ein Angebot, dass die konsequent Säkularisierten ausschlagen, um den Reden bei bestem Wetter und guter Übertragungsqualität im Freien zu folgen. Es ist ein schöner Herbsttag und über dem Friedhof liegt ein Farbenspiel zwischen indian summer und goldner Oktober, also gelb-rostrot. Der Priester, auch ein Schüler des zu Grabe zu Tragenden, macht den Aufschlag und begrüßt die Versammelten. Dem Erzähler scheint es als ob er mit allerlei christlichen Bezügen vermeiden will, persönlich zu werden. Leichtes Unbehagen macht sich breit, ob das denn angemessen ist. Dann tritt ein Schüler, der wohl Anfang der 90er Jahre Abitur gemacht hat, ans Mikrofon und das Unbehagen verschwindet. Eine Laudatio, die den Ton trifft und den Deutschlehrer für den Dauer der Rede wieder reanimiert. Eine wirklich große Rede. Er war, er ist, er bleibt. Und zwar eben nicht als Körper, sondern als Idee, als gemeinsamer Gedanke. Der Erzähler ist versöhnt und nimmt die Replik des Priesters gelassen hin.

Trauerzug. Der letzte Weg. Die erklecklich große Menge schiebt sich hinter dem Sarg den Hang hinauf und vorm herabgelassenen Sarg nutzen viele die letzte Gelegenheit zur Zwiesprache zwischen Schüler und Lehrer. Dem Erzähler ist es als wenn er wieder im Treppenhaus des alten Schulgebäudes steht und versucht zu erklären, warum er keine Hausaufgaben hat. Hier geht es aber um mehr. Er hat den Lehrer seit vielen Jahren – nach einigen zufälligen Begegnungen an der Hochschule – nicht mehr gesehen; die Begegnung nicht gesucht. Und die Todesnachricht und die Beerdigung hat ihm gezeigt, was er hätte finden können: Das Gespräch, den Streit um den guten Gedanken, die beste Argumentation eben nicht um etwas im Operativen, sondern im Wertigen, im Betrachten der Welt als einem Spiegel des Denkens. Mit diesem Gedanken scheint der Erzähler nicht alleine zu sein und er genießt dieses Aufgehobensein im Kreise Gleicher. Diese schicken sich an, über das übliche Kaffeetrinken hinaus Gelegenheit zu suchen, bei Bacchus Trost zu finden. Der Erzähler verabschiedet sich und fährt dreihundert Kilometer. Grübelnd. Über alles, was sich bietet und letzte Wege, die zu gehen wären. Gemeinsam zu gehen wären…


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