{"id":994,"date":"2019-10-01T16:01:58","date_gmt":"2019-10-01T14:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=994"},"modified":"2019-10-04T09:40:08","modified_gmt":"2019-10-04T07:40:08","slug":"great-transformation-jena-tagungsbericht-tag-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=994","title":{"rendered":"Great.Transformation.Jena Tagungsbericht Tag 4"},"content":{"rendered":"<p>Lampenfieber. Wie immer. Heute Nachmittag muss ich in die B\u00fctt. Ich werde das in diesem Leben wohl nicht mehr los. Aber egal, Ist ja erst heute Nachmittag. Zum\u00a0Aufw\u00e4rmen\u00a0geht es in ein\u00a0Panel, das sich mit kollektiven Arbeitszeitverk\u00fcrzungen besch\u00e4ftigen will. Nach dem riesigen Erfolg der letzten IG Metall-Tarifrunde und den vielen Menschen, die lieber die Chance auf mehr Freizeit genutzt haben, als noch mehr Geld zu verdienen, steht es geradezu auf der Tagesordnung \u00fcber weiteren Schritt zur kollektiven Verk\u00fcrzung der Wochenarbeitszeit nachzudenken. Aber die IG Metall ist erst ganz zum Schluss dran.<\/p>\n<p>Vorher tr\u00e4gt Ursula St\u00f6ger (Augsburg)\u00a0ihre Forschungen zum Thema vor, die sich im Kern auf eine 30h-Woche und einen erweiterten Arbeitsbegriff unter Einbeziehung der CARE-Arbeit beziehen. Hinzu kommt dann eine durchaus denkenswerte Verl\u00e4ngerung der Lebensarbeit, die der weiteren Inklusion \u00c4lterer dienen soll. Das funktioniert allerdings nur, wenn\u00a0die Arbeit die Menschen nicht fix und fertig macht, was ein anderes Produktions- und Sozialmodell von N\u00f6ten machen w\u00fcrde.<br \/>\nInteressant ist der Gedanke die normative\u00a0Verringerung der Wochenarbeitszeit als Ausgangspunkt f\u00fcr ebendiese systemischen Ver\u00e4nderungen herzunehmen. Die Augsburger Soziolog_innen begr\u00fcnden das auch historisch mit dem Hinweis auf die Arbeitszeitgesetzgebung als erste Intervention in die kapitalistischen Arbeitsbeziehungen. Ob allerdings eine\u00a0verk\u00fcrzte Wochenarbeitszeit tats\u00e4chlich auch eine Wachstumsbremse w\u00e4re, bleibt f\u00fcr mich eine offene Frage. Historisch gesehen\u00a0kann ja die 35h-Woche auch als ungeheurer Produktivit\u00e4tsmotor\u00a0 und Leistungsverdichterin gesehen werden. H\u00f6rt keiner gern, ist aber so.<br \/>\nUnd unabh\u00e4ngig von der wohl st\u00e4rker zu beleuchtenden wachstumshemmenden Funktion, aber mit Keynes gedacht,\u00a0steht eine grunds\u00e4tzliche Arbeitszeitverk\u00fcrzung und eine andere Verteilung der Wohlstandsgewinne doch l\u00e4ngst auf der Tagesordnung. Eigentlich.<\/p>\n<p>Im Nachgang stellt der Altmeister der deutschen Zeitforschung, Ulrich M\u00fcckenberger, das Optionszeitenmodell vor, dass er und sein Team entwickelt haben und das den &#8222;atmenden Lebensl\u00e4ufen&#8220; gerecht wird. Atmende Lebensl\u00e4ufe ist die Klammer f\u00fcr die Beobachtung, dass sich Lebensphasen immer kleinteiliger gestalten und w\u00e4hrend fr\u00fcher\u00a0mit Kindheit &#8211; Schule\/Ausbildung &#8211; Arbeit &#8211; Rente alles gesagt war, gibt es heute Weiterbildungsphasen, Eltern- und Pflegezeiten, sowie Sabbaticals oder ehrenamtliche Eins\u00e4tze im Ausland etc.. Dem soll mit einem zentral gef\u00fchrten Zeitkonto gerechnet werden, von dem Arbeitnehmer_innen im Umfang von etwa 9 Jahren bei Bedarf Zeiten entnehmen k\u00f6nnen. Zentraler Punkt der \u00dcberlegungen ist\u00a0bei dem Modell, die Care-Arbeit\u00a0st\u00e4rker in die Erwerbsarbeit zu integrieren und somit auch die Teilung dieser T\u00e4tigkeiten zwischen den Geschlechtern zu verbessern. Das machen die Schweden auch ganz klug. Die Elternzeit verf\u00e4llt schlicht, wenn sich die Elternteile die Zeit nich 50:50 teilen. Wahrscheinlich geht&#8217;s nur so. Das Optionszeitenmodell macht einen seri\u00f6sen Eindruck hinsichtlich Konzeption und\u00a0Zielsetzungen: An den Finanzierungsfragen wird noch gearbeitet.<\/p>\n<p>Dann stellt Dr. Heidi Schroth die \u00dcberlegungen der IG Metall vor, die ja eigentlich bekannt sein d\u00fcrften. Es geht aktuell darum, wie das Thema Arbeitszeiten tarifpolitisch weiterverfolgt wird und wie sich die zweite Runde von verk\u00fcrzter Vollzeit und T-ZUG darstellt. Es geht auch darum, abzulesen wie hoch das Interesse an weiterer Arbeitszeitverk\u00fcrzung denn \u00fcberhaupt ist, weil sich nur daraus die sicherlich notwendige Arbeitskampff\u00e4higkeit ableiten l\u00e4sst. Alles klar. Alles sehr operativ. Die Diskussion um kollektive Arbeitszeitverk\u00fcrzung als Postwachstumshebel wird leider in der IG Metall eher nicht gef\u00fchrt, scheint mir.<\/p>\n<p>Dann ist auch dieses Panel vorbei. Es war eine gute Einstimmung in die Nachmittagsveranstaltung, bei der ich nun auch nen Part habe. Aber vorher ist Mittagspause, mache mir den Rest Nudeln von gestern warm und versuche mein Lampenfieber in den Griff zu kriegen. Geht aber nicht und so bummele ich noch ein wenig durch dieses wirklich lauschige, aber durchaus quirlige Stadt. Dann stehe ich nur ein wenig zu fr\u00fch vor den Rosens\u00e4len, wo die Sause steigen soll.<\/p>\n<p>Das Panel steht unter der \u00dcberschrift &#8222;Zeitwohlstand in der Arbeitswelt von Morgen&#8220; und soll aus verschiedenen Perspektiven den Frame Zeitwohlstand genauer fassen. Und das sowohl hinsichtlich seiner Ausgestaltung, als auch der Restriktionen.<br \/>\nDen Einstieg machen Christoph Bader und Hugo Hanbury aus Bern, die\u00a0in einem\u00a0spannenden Projekt versuchen die \u00f6kologischen Effekte\u00a0individuell reduzierter Arbeitszeit fassbar zu machen, indem Sie\u00a0mit Menschen, die reduzieren wollen oder schon reduziert haben Interviews zu ihren Konsumgewohnheiten f\u00fchren. Dieser Konsum wird dann hinsichtlich seines \u00f6kologischen Fu\u00dfabdrucks bewertbar gemacht und\u00a0in einer dritten Phase werden die Ergebnisse mit den\u00a0Teilnehmer_innen der Studie reflektiert. Das ist von daher spannend, weil ja nicht jede Arbeitszeitverk\u00fcrzung auch einen \u00f6kologisch positiven Effekt hat. Es soll n\u00e4mlich Leute geben, die in jeder freien Minute\u00a0mit Ryanair oder wem auch immer durch die Gegend fliegen. Und wie ein gesellschaftliches Klima f\u00fcr eine \u00f6kologisch vertretbare Zeitgestaltung aussehen soll, ist doch die Gretchenfrage. Vielleicht gibt das Projekt ja weiterf\u00fchrende Ausk\u00fcnfte.<\/p>\n<p>Im Anschluss sprach der Berliner\u00a0Jochen Dallmer zum subjektiven Wohlbefinden und der Verwendung von Zeit. Und auch\u00a0er arbeitete\u00a0heraus, dass die Wertsch\u00e4tzung eines Mehr an Zeit viel mit subjektiven Dispositionen und Konsumvorstellungen zusammenh\u00e4ngt und nicht zwangsl\u00e4ufig nachhaltig sein muss. Aber das es empirische Belege darf\u00fcr gibt, dass die Zufriedenheit derer gr\u00f6\u00dfer ist, die mehr machen und tun\u00a0als kaufen und konsumieren. Klingt komisch, ist aber so!<\/p>\n<p>Im Nachgang dazu\u00a0stellte Shih-cheng Lien vom DJI das Optionszeitenmodell, das morgens ja schon Ulrich M\u00fcckenberger (siehe oben) vorgestellt hatte. So klein ist die Welt der soziologischen Zeitforschung.<\/p>\n<p>Und dann standen Gerrit von Jorck von der TU Berlin, Elena Tzara vom Premium-Kollektiv und ich in der B\u00fctt und stellten entlang der Projektskizze\u00a0&#8222;Zeit-Rebound, Zeitwohlstand und Nachhaltiger Konsum&#8220; das methodische Vorgehen, die inhaltlichen Thesen und die konkreten Interessen der Projektpartner_innen (zu denen ich und dieser Automobilzulieferer f\u00fcr den ich arbeite geh\u00f6ren) vor. Worum geht es?<br \/>\nAusgangspunkt ist die These, dass die Belohnung f\u00fcr\u00a0lange Arbeitszeiten und\/oder fordernde Aufgaben oft genug in sinnfreiem Konsum aufgel\u00f6st werden kann, der vom 70. Paar Schuhe (Ok. die Sinnlosigkeit eines 70. Paar Schuhe wird von dem einen oder der anderen bezweifelt. Ich glaube aber fest daran.) \u00fcber den immer aller neuesten Weber-Grill bin hin zu Online-K\u00e4ufen, die nie ausgepackt werden, reichen kann. Wer sich dem Zeitregime oder den Leistungsanforderungen entziehen kann, hat zumindest die Option aus dem Teufelskreis von Arbeiten &#8211; Belohnen &#8211; Konsumieren auszubrechen. Diese Option ist beim Premium-Kollektiv quasi Gr\u00fcndungsgedanke. Selbst gew\u00e4hlte Arbeitszeiten, Einheitslohn und seit 17 Jahren erfolgreich am\u00a0Getr\u00e4nkemarkt. Geht doch. Und Elena erz\u00e4hlt das mit so gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit, das die M\u00f6glichkeit einer anderen Welt greifbar im Raum steht.<br \/>\nDagegen sieht die\u00a0industrielle Welt in der ich unterwegs bin, anders aus.\u00a0Dreischichtbetrieb: eine Woche Fr\u00fch &#8211; eine Woche Sp\u00e4t &#8211; eine Woche Nacht; bei Wochenendarbeit bis zu zw\u00f6lf Arbeitstagen am St\u00fcck; in getakteten Fertigungen mit\u00a0nur wenigen Handgriffen. Monotonie. Das rei\u00dfe ich an und spreche auch den Mythos m\u00e4nnlicher Vollerwerbst\u00e4tigkeit und Arbeit an. Denn der steht einer anderen Arbeitsgesellschaft oft mehr im Weg als\u00a0zu vermuten w\u00e4re. Aber alle die mal versucht haben, ergonomische Schichtsysteme einzuf\u00fchren, wissen, wie massiv das ist. Deshalb versucht meine kleine Firma auch diesmal nicht \u00fcber Ergonomie und andere Rationalit\u00e4ten zu kommen, sondern \u00fcber das Narrativ des Zeitwohlstands und\u00a0dem gew\u00fcnschten Streben danach!<br \/>\nNach den Impulsvortr\u00e4gen geht das Panel, vielmehr die Teilnehmerinnen, in drei Arbeitsgruppen, die sich mit Zeitwohlstand aus individueller, gesellschaftlicher und unternehmerischer Ebene entlang der Frage wie Zeitwohlstand im\u00a0Jahr 2045 aussieht und wie wir ab heute dahinkommen besch\u00e4ftigen.<br \/>\nAbschlie\u00dfend schauen wir uns die Ergebnisse des\u00a0kurzen Workshops an und kommen \u00fcberall eigentlich zu \u00e4hnlichen Ergebnissen: Es braucht ordnungspolitische Rahmensetzungen, die von einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung um einen nachhaltigen Umgang mit der Zeit flankiert wird, der den protestantischen Leistungsbegriff genauso angeht, wie die Geringsch\u00e4tzung des Flaneurs.<br \/>\nDa bin ich dabei, da mach ich mit.<br \/>\nDas Panel war gut und ich\u00a0bin zufrieden mit den Ergebnissen, die sicherlich im Nachgang nochmal genauer angeschaut werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Tagungstag soll mit einer Podiumsdiskussion zu den Konsequenzen niedrigen Wachstums und der Zukunft Europas zu Ende gehen, aus der dann leider nichts wurde, weil sich au\u00dfer Karl Aiginger s\u00e4mtliche Diskutant_innen entschuldigen lie\u00dfen. Nun war ich schonmal da und so habe ich mir den Mann auch angeh\u00f6rt. Das war\u00a0recht interessant, wenn das inhaltliche Zuh\u00f6ren nicht gerade von seinen rhetorischen Entgleisungen gest\u00f6rt wurde. Dazu sp\u00e4ter mehr. Er skizzierte zun\u00e4chst die sieben Transformationen, die er f\u00fcr den europ\u00e4ischen Kontext zentral h\u00e4lt.<br \/>\nEs geht dabei um den \u00dcbergang von einer Wachstums-\u00a0\u00a0zu einer Gesellschaft\u00a0 niedrigen oder Null-Wachstum\u00a0oder gar Schrumpfung. Dem niedrigen Wachstum oder der \u00f6konomischen Schrumpfung in Europa setzt er den Aufstieg Afrikas gegen\u00fcber.\u00a0Daneben spielen der demografische Wandel hin zu einer alternden Gesellschaft genauso eine Rolle wie die Entleerung ganzer R\u00e4ume. Des weiteren sieht er den Bedeutungsgewinn des Themas Klimawandel und die Krise des Narrativs der\u00a0notwendigen preislichen Wettbewerbsf\u00e4higkeit, sowie eine &#8222;verantwortlich&#8220; betriebene Globalisierung am Horizont aufscheinen. Bis auf das Thema des Aufstiegs Afrikas war das jetzt nichts wirklich Neues. Das arbeitet er auch deutlich und mit einer Vielzahl Argumente heraus. Ich merke\u00a0aber das ich fertig\u00a0bin und nicht mehr richtig folgen kann und will, warte aber das Ende des Vortrags\u00a0ab und nehme die gut vorgetragene Kritik an seinen Sprachbildern erfreut zur Kenntnis. Dann\u00a0mache ich mich vom Acker.<\/p>\n<p>Nun ist das ja der letzte Abend in Jena und den will ich w\u00fcrdig begehen und kehre in einem netten Lokal ein, dass mir schon die Tage vorher aufgefallen war. Nach der ersten K\u00fcrbissuppe der Saison, hier\u00a0ein wenig aufgesch\u00e4umt und damit leichter gemacht, gabs H\u00fchnchen auf dreierlei M\u00f6hren und einem Bratkartoffelsoufflee. Zum Schlu\u00df Creme Brulee mit\u00a0rote Gr\u00fctze &#8211; Sorbet. Dazu gibt&#8217;s einen unaufgeregten, aber aufmerksamen Service und n lecker Wei\u00dfburgunder. Ein rundum gelungener Abend. Die Weintanne ist\u00a0echt zu empfehlen. Word!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lampenfieber. Wie immer. Heute Nachmittag muss ich in die B\u00fctt. Ich werde das in diesem Leben wohl nicht mehr los. Aber egal, Ist ja erst heute Nachmittag. Zum\u00a0Aufw\u00e4rmen\u00a0geht es in ein\u00a0Panel, das sich mit kollektiven Arbeitszeitverk\u00fcrzungen besch\u00e4ftigen will. 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