{"id":985,"date":"2019-09-26T09:55:17","date_gmt":"2019-09-26T07:55:17","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=985"},"modified":"2019-10-01T15:52:09","modified_gmt":"2019-10-01T13:52:09","slug":"great-transformation-jena-tagungsbericht-tag-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=985","title":{"rendered":"Great.Transformation.Jena Tagungsbericht Tag 3"},"content":{"rendered":"<p>Gutes Leben, Geiles Leben. Darum soll es im ersten Panel gehen und zu richtigen Einstimmung starte ich langsam und mit dem Morgenmagazin in den Tag. Das\u00a0Panel selbst startet dann ein bisschen aufgeregt, weil die Wissenschaftlerinnen sich ob der vermeintlichen sprachlichen Vulgarit\u00e4t des Veranstaltungstitels besonders strukturiert geben. Das hatte ein wenig was Groteskes, aber\u00a0auch das\u00a0kann ja auch unterhaltsam sein.<br \/>\nInhaltlich ging es um die schlichte Erkenntnis, das mit dem Appell an die permanente Askese, um das Klima zu sch\u00fctzen und die Welt zu retten, wohl weite Teile der Menschheit au\u00dfen vor w\u00e4ren und keinen Bock auf irgendeine Form von Transformation entwickeln w\u00fcrden.\u00a0Folglich ging es darum, was ein gutes Leben und was ein geiles Leben ist und wie\u00a0die\u00a0Beziehungen zwischen diesen Leben sich entwickelt haben. Dabei wurde als gutes Leben eine nachhaltige Lebensf\u00fchrung mit Ressourcenschonung, M\u00fclltrennung und Repair-Cafe etc. bezeichnet. Was auf den ersten Blick nach\u00a0Prenzlauer Berg oder Glockenbachviertel\u00a0klingt, war\u00a0bis\u00a0in die 50er Jahre weit verbreitet und endet in NAWEO (NordAmerika, WestEuropa, Ozeanien) mit der Massenmotorisierung und dem Wohlstandsgewinn f\u00fcr breite Bev\u00f6lkerungsschichten. Im Zuge dieser \u00f6konomischen Entwicklung ver\u00e4ndert sich im politischen Raum auch die sozialstaatliche Zielsetzung. Es geht nun um die Verallgemeinerung und Zug\u00e4nglichmachung\u00a0von Konsumm\u00f6glichkeiten f\u00fcr alle, was vielfach mit Teilhabe verwechselt wird. Umweltpolitik ist in diesem\u00a0Zusammenhang nichts anders als Legitimierung der Konsumoptionen\u00a0und Kosmetik an Ph\u00e4nomenen\u00a0(Kalken gegen Waldsterben etc.).<br \/>\nSchlussendlich fallen gutes Leben und geiles Leben auseinander, weil das geile Leben kulturell leider durchg\u00e4ngig konsumistisch \u00fcberformt ist. Das\u00a0treibt in Zeiten wie diesen, wo die Meisten die Notwendigkeit einer guten nachhaltigen Lebensf\u00fchrung durchaus erkennen, aber eben auch\u00a0ein geiles Leben haben wollen, merkw\u00fcrdige Stilbl\u00fcten. Trotz Flugscham und Zugstolz wird so viel geflogen, wie noch nie. Alle reden von einer Reduzierung des Fleischkonsums, aber jeder Dorfmetzger hat nun eine Reifeschrank f\u00fcr Dry Aged Steaks vom Rind!<br \/>\nDas Dilemma liegt auf der Hand und die Frage, die sich stellt, ist halt die, wie gutes und geiles Leben massentauglich synchronisiert werden k\u00f6nnen.\u00a0Das ist eine offene Frage, sowohl politisch, als auch wissenschaftlich. Es\u00a0wurde allerdings erste Befunde und Ideen genannt.<br \/>\nSo\u00a0w\u00e4re beispielsweise die Wiederentdeckung des \u00f6ffentlichen und sozialisierten Konsums ein Weg, d.h. mehr Feste zusammen\u00a0feiern, als das alle zu Zweit vor ihrem Weber-Grill hocken. Das geht soweit, dass sich die unterstellte entspannende Wirkung des Autoinnenraums als letztem R\u00fcckzugsraum des NAWEO-Menschen\u00a0mit lauter Musik und Mitsingen, ungestraftem Br\u00fcllen und Fluchen etc. durchaus auch bei der Nutzung anderer Verkehrsmittel zeigt. Alles eine Frage des Wollens und Machens. Einfach machen. Oder mal nichts machen. Diese Frage l\u00f6se ich Richtung nichts machen auf und gehe nach dem Th\u00fcringer Imbiss schlechthin, der Bratwurst, in die Horizontale.<\/p>\n<p>Nach dieser meditativen Mittagspause breche ich unwillig, aber interessiert zum n\u00e4chsten Panel auf,\u00a0das\u00a0die Sektion der Arbeits- und Industriesoziolog_innen unter dem etwas sperrigen Thema namens &#8222;(Wessen) Utopien oder Dystopien der Arbeit? Akteure, Interessen und Effekte von Zukunftsdiskussionen auf die Gestaltung von Arbeit heute&#8220; veranstaltet. Der Titel spricht f\u00fcr sich, was den Zustand der Arbeits- und Industriesoziologie angeht. Finde ich. Es geht interessanterweise n\u00e4mlich eher um die Betrachtung diskursiver Aspekte als\u00a0den Versuch eines tiefen Verstehens\u00a0von dem, was sich da tut, wo es weh tut: am Arbeitsplatz. Konkret!<\/p>\n<p>Da wird es n\u00e4mlich interessant und Hajo Holst macht da einen klugen Aufschlag, weil er dazu geforscht hat, wie die Transformationsthemen von Digitalisierung bis Klimawandel denn als Konsequenz f\u00fcr die Arbeit in der Automobilindustrie von den Arbeitnehmer_innen aufgenommen werden. Und das Bild stellt sich\u00a0differenziert dar, was ja nicht \u00fcberrascht. Die einen sehen Chancen, die anderen haben Angst. Geschenkt. Was interessant und\u00a0diskutabel ist, dass die Belegschaften es als befremdlich empfinden, dass\u00a0das Management\u00a0die Offenheit des Transformationsprozesses thematisiert und dabei das was gerade in Sachen Digitalisierung kommt, als konsequente Fortschreibung bekannter Automatisierungsprozesse mit den bekannten Folgen f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten interpretieren.<br \/>\nIch stelle mir die Frage, warum es denn problematisch ist, wenn jemand sagt, dass er was nicht wei\u00df?\u00a0Warum? Suchen die Deitschen immer noch nach dem Allwissenden? Oder ist dieses Zukunftsthema viel zu hoch aufgeh\u00e4ngt? All die Plakate mit Future und Digital Transformation und Agility erreichen wohl niemanden, der davon betroffen ist. Also herrscht Schweigen und Misstrauen&#8230;<br \/>\nDie\u00a0schlechte Prognostizierbarkeit\u00a0transformativer Prozesse, die ja eigentlich auf der Hand liegt,\u00a0scheint die Arbeitsbeziehungen also zu belasten. Das ist flankiert von der konjunkturellen Eintr\u00fcbung, die die strukturellen Ver\u00e4nderungen nun teilweise verdeckt. Kein\u00a0Befund, der Freude macht. Denn was\u00a0in vielen Branchen und Unternehmen dringend n\u00f6tig w\u00e4re, ist nichts weniger als eine Konversionsdebatte, was denn wie und in welchen Mengen mit welchen Ressourcen produziert werden soll. Eine solcher Prozess wird aber ohne Vertrauen, Beteiligung und Risikofreude nicht auf den Weg zu bringen sein.<\/p>\n<p>Weitere Hinweise darauf, wie sich dieser Prozess gestalten lassen k\u00f6nnte,\u00a0gab der Beitrag\u00a0von Martin Kuhlmann und Stefan Rub vom SOFI in G\u00f6ttingen, die sich genauer mit der betrieblichen Digitalisierungsstrategie und den dahinterstehenden Diskursen befassten. Sie unterscheiden dabei<br \/>\n&#8211; den Automatisierungsdiskurs,<br \/>\n&#8211; den \u00dcberwachungsdiskurs,<br \/>\n&#8211; den Wettbewerbsdiskurs und<br \/>\n&#8211; den Demokratisierungsdiskurs.<br \/>\nDiese Diskurse \u00fcberlappen sich teilweise und erschweren so eine rationale Bewertung des betrieblichen Geschehens, so denn niemand der betrieblichen Akteure versucht, die Themen sauber zu differenzieren oder einzelne Aspekte schlicht ignoriert. Damit w\u00e4re zumindest ein Baustein f\u00fcr die oben dargestellte betriebliche Misstrauenskultur\u00a0identifiziert.<br \/>\nDie These belasteter\u00a0Arbeitsbeziehungen auf der betrieblichen Ebene, mit einem Mangel an Miteinander und einem Zuviel an Misstrauen,\u00a0einem gef\u00fchlten Zeitdruck und\u00a0dem Fehlen von Spielr\u00e4umen, sowie eben einer flachen und altbacken auf Technik und Datenschutz fokussierten\u00a0Diskussion, best\u00e4tigt sich in einigen Gespr\u00e4chen, die abseits von Panels gef\u00fchrt wurden, leider. Da gibt es also was zu tun.<\/p>\n<p>Den Abschluss des Tages bildet ein Vortrag von Andreas Reckwitz, der unter der \u00dcberschrift &#8222;Klasse als Schicksal?&#8220; zur Drei-Klassen-Gesellschaft der Sp\u00e4tmoderne und dem Aufstieg der neuen Mittelklassen sprach.\u00a0Die ebenfalls angek\u00fcndigte Rahel Jaeggi ist leider erkrankt und der Vortrag f\u00e4llt aus.<br \/>\nReckwitz entwickelt ein Bild sp\u00e4tmoderner Gesellschaften, dass vier von ihm als Klasse bezeichnete Bl\u00f6cke kennt: eine wirklich kleine, abgeschottete Oberschicht, darunter eine neue Mittelschicht und eine alte Mittelschicht, sowie ganz unten die Prekarisierten als klassische Unterschicht. Diesen Klassenformationen\u00a0ordnet er\u00a0einzelne Milieus aus den Sinusstudien eindeutig zu.\u00a0Das ist f\u00fcr Reckwitz recht einfach zu machen, weil er seine Formationen aus dem Zusammenspiel von \u00f6konomischen, sozialen und kulturellem Kapital, sowie Wertmustern\u00a0und Einstellungen und, was ich dann originell fand, aus dem Mix\u00a0von r\u00e4umlicher Mobilit\u00e4t und Wohnortwahl konstituiert. Als zentrale Klassenauseinandersetzung sieht er dabei die Auseinandersetzung\u00a0zwischen alten und neuen Mittelschichten, die\u00a0ja mit allen Mitteln gef\u00fchrt wird. Auf der politischen Ebene\u00a0ist es der Aufstieg der Gr\u00fcnen als der Partei neuer Mittelschichten und dem Stellungskrieg der Partei des alten Mittelstands, der CDU, einerseits und des sozialdemokratischen Kleinb\u00fcrgertums andererseits.\u00a0Der Kulturkampf, der derzeit um Klimagerechtigkeit vs.\u00a0Wachstumszwang tobt, ist ein weiterer Beleg f\u00fcr die Auseinandersetzung um die Hegemonie\u00a0eines der beiden Lager, wobei die Faktizit\u00e4t des Klimawandels die Ausgangslage der alten Mittelschichten entscheidend schw\u00e4cht. Dabei geht es bei dieser Schw\u00e4chung nicht so sehr um sozialen Abstieg, sondern um die soziale Abwertung des eigenen Status. Der Metzgermeister mit drei Filialen ist nicht l\u00e4nger ein angesehener Unternehmer, sondern ein Tierm\u00f6rder und Klimawandelbeschleuniger. Das kann schon weh tun.<br \/>\nDie Klasse der prekarisierten Unterschicht bezeichnet er als\u00a0das sichtbare Zeichen daf\u00fcr, dass der klassische Deal der\u00a0Industriegesellschaft aufgek\u00fcndigt ist und sich harte k\u00f6rperliche Arbeit\u00a0nicht l\u00e4nger in Lohn und sozialer Anerkennung widerspiegelt. Der tr\u00e4nenreiche Abschied\u00a0des\u00a0Ruhrgebiets vom Kohlebergbau war auch der Abschied vom Bergmann, der f\u00fcr die Arbeit unter Tage gut bezahlt wurde und geachtet wurde. Einen tr\u00e4nenreichen Abstieg von der\u00a0letzten Paketfahrerin\u00a0oder dem letzten Fahrradkurier wird es wohl nicht geben und anst\u00e4ndig bezahlt werden diese Besch\u00e4ftigtengruppen schon gar nicht.<br \/>\nWas kann also passieren? Reckwitz denkt \u00fcber drei Szenarien nach, wobei in allen die Oberklasse klein und abgeschottet, aber oben bleibt, was ja eigentlich schade ist.<br \/>\nSzenario 1: Die alte Mittelschicht wird kleiner und diffundiert in die neue Mittelschicht. Das Prekariat bleibt gleich gro\u00df. Damit ist kulturelle Hegemonie hergestellt, aber die Frage \u00f6konomischer Ungleichheit bleibt unbeantwortet.<br \/>\nSzenario\u00a02: Die alte Mittelschicht wird kleiner, weil sie\u00a0auch in das Prekariat absteigt und nur ein Teil in die neuen Mittelschichten wechseln kann. Aus der neuen Mittelschicht\u00a0geraten ebenfalls zunehmend Teile in eine zugespitzte \u00f6konomische Situation und sind Teil des Prekariats. Das Prekariat wird deutlich gr\u00f6\u00dfer.<br \/>\nSzenario 3: Die alte Mittelschicht verschwindet, das Prekariat wird durch Bildung,\u00a0Tarifvertr\u00e4ge und eintr\u00e4gliche L\u00f6hne kleiner und verst\u00e4rkt die neue Mittelschicht.<br \/>\nDie Reihenfolge der Szenarien ist so zu lesen: Probable, Plausible and Possible! Leider. Und der ganz gro\u00dfe Wurf ist ja auch nicht dabei, weil die Frage nach Aufl\u00f6sung der Oberschicht nicht einmal gestellt wurde.<\/p>\n<p>So gehe ich nachdenklich in die FeWo\u00a0und\u00a0koche Nudeln mit Paprika-Zwiebel-Tomatensauce und Makkaroni, die ich\u00a0schon ewig nicht mehr gegessen habe. Dazu einen Sauvignon aus der Region. Der ist jetzt auch Geschichte und ich geschafft von<br \/>\neinem nunmehr dritten Tag voller Inspiration, kluger Gedanken und Diskussionen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gutes Leben, Geiles Leben. Darum soll es im ersten Panel gehen und zu richtigen Einstimmung starte ich langsam und mit dem Morgenmagazin in den Tag. 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