{"id":977,"date":"2019-09-26T00:24:45","date_gmt":"2019-09-25T22:24:45","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=977"},"modified":"2019-09-26T00:32:43","modified_gmt":"2019-09-25T22:32:43","slug":"great-transformation-jena-tagungsbericht-tag-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=977","title":{"rendered":"Great.Transformation.Jena Tagungsbericht Tag 2"},"content":{"rendered":"<p>Dieses Gef\u00fchl, ein St\u00fcck von einem frischen\u00a0Baguette abzubrechen und es sofort in den Mund zu schieben, nachdem man die B\u00e4ckerei verlassen hat, ist eigentlich unbezahlbar. Und wenn das Baguette dann noch wirklich gut ist, wird es richtig sch\u00f6n. Der zweite Tag der Tagung und ich bin immer noch in Jena und nicht in Paris. Aber hier gibt es eine zauberhafte B\u00e4ckerei in der Grietgasse 10, die alles von einer franz\u00f6sischen Boulangerie hat. Herrlisch&#8230;<\/p>\n<p>So geht es dann gutgelaunt und frisch gest\u00e4rkt zur ersten Veranstaltung des Tages. Die wird vom \u00d6konomen James K. Galbraith bestritten, der im breitesten Texanisch zum Thema &#8222;Inequality and the end of normal&#8220; spricht und dabei in die Vollen geht.<br \/>\nZun\u00e4chst macht er mal klar, dass es auf Spitz\u00a0und Knopf steht, wie und ob es \u00fcberhaupt mit Welt und Gesellschaft weiter geht und l\u00e4sst die M\u00f6glichkeiten regionaler Atomkriege und die Wahrscheinlichkeiten des beschleunigten Klimawandels ant\u00f6nen. Nach dem Einstieg wendet er sich seinem Kernthema zu und wirft den politischen Akteuren vor, sich der Phantasie hinzugeben, die zuk\u00fcnftigen und langfristigen Folgen des Klimawandels heute mit marktwirtschaftlichen Mitteln steuern zu wollen. Diese Idee wirkt\u00a0in seinen Augen noch phantastischer, weil das dieselben Leute propagieren, die die Finanzkrise als unvorhersehbares Ereignis etikettieren und damit in die N\u00e4he einer Naturkatastrophe r\u00fccken, was sie ja beileibe nicht ist. Er folgert, das wir\u00a0politisch gerade nicht in guten H\u00e4nden sind.<br \/>\nAber, so Galbraith, selber schuld. Die Freunde von\u00a0John Maynard Keynes konnten weder politisch\u00a0noch\u00a0wissenschaftlich Gewinn aus diesem offensichtlichen Versagen neoliberaler Finanz\u00f6konomie schlagen.<br \/>\nUnd das obwohl, so f\u00fchrt er weiter aus, lebensweltlich die Fragen von Leistung, Einkommen und\u00a0Leben sich\u00a0ja seit 2008 weiter entkoppelt haben. Hieraus ergeben sich dann auch Fragen an die politische Linke, die der \u00d6konom nicht beantworten kann, obwohl er Teil davon ist, sondern wir im Diskurs l\u00f6sen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Also geht&#8217;s weiter zum ersten Panel, das sich mit &#8222;(Gegen)Hegemonie &#8211; Emotion &#8211; Transformation&#8220; besch\u00e4ftigt. Ich hatte mich f\u00fcr die Veranstaltung entschieden, weil es endlich auch mal um die subjektive Seite der Transformation gehen sollte. Und darum ging es auch aus unterschiedlichen Perspektiven, die von Nudging, einer Sozialtechnologie, bis hin zur teilnehmenden Beobachtung des Lebens in der Lausitz reichte.\u00a0Die Erkenntnisse waren f\u00fcr jemanden, der schon lange Politik macht, nicht wirklich \u00fcberraschend, aber das sie ihren Weg in die soziologische Diskussion finden, ist\u00a0ein Schritt nach vorne. Wir m\u00fcssen doch verstehen, warum sich Menschen im Angesicht von Klimawandel und Ressourcenknappheit f\u00fcr den Diesel stark\u00a0machen; warum es einfach\u00a0&#8222;Weiter so&#8220; gehen\u00a0soll und die Angst um den Arbeitsplatz in der Automobilindustrie\u00a0zu Realit\u00e4tsverweigerung und nicht zu Ver\u00e4nderungsbereitschaft f\u00fchrt.\u00a0Und wenn wir das verstehen wollen, m\u00fcssen wir auch dar\u00fcber reden, dass es Klassen, Schichten und Milieus gibt, die wir mit unseren Emotionen, Werten und\u00a0Ideen eines guten Lebens schon sprachlich nicht erreichen, aber m\u00fcssen, wenn das mit der S\u00d6T (sozial-\u00f6kologische Transformation. Ich liebe die \u00d6sterreicher f\u00fcr so ne Abk\u00fcrzung) was werden soll. Dann sind die 2,5 Stunden rum und die Teilnehmer_innen sind sich irgendwie einig, dass das Thema weiter beackert werden muss.<\/p>\n<p>Ich gehe auch deshalb frohgemut ins St\u00e4dtchen und finde den Metzger meines Vertrauens auf Anhieb, lasse mich freundlich in die Welt Th\u00fcringer Wurstwaren einf\u00fchren, gehe dann in meine FeWo, called City Appartement, und kann die Vorteile einer Unterkunft mit\u00a0Einrichtung voll auskosten: Es gibt Teller und Tassen, Messer und Gabel und die Brotzeit kann anders als im Hotel anst\u00e4ndig\u00a0am Tisch eingenommen werden. Das es lecker war, ist dieser netten Begegnung franz\u00f6sisch inspirierter Backwaren und eine gute Auswahl Th\u00fcringer W\u00fcrste geschuldet. Danach noch kurz horizontal und\u00a0auf geht&#8217;s zum n\u00e4chsten Panel.<\/p>\n<p>In diesem Panel\u00a0waren die St\u00e4dte als Ort von (Post)Wachstum und Transformation, Gegenstand der Betrachtung. Den Auftakt machte Oliver Schwedes von der TU Berlin, der launig und plausibel argumentierte, dass sich seit vielen Jahren schlicht nichts an der Ver\u00e4nderung des modal split getan hat. Es fahren zwar absolut mehr Leute Fahrrad, aber weil genauso viel mehr Leute mit dem Auto fahren, \u00e4ndert sich\u00a0am modal split nix.\u00a0Klingt komisch, ist aber so.<br \/>\nIn der Konsequenz hei\u00dft das aber, dass politisch nichts anderes \u00fcbrig bleibt als in dem\u00a0Ma\u00df, wie in \u00d6PV und aktive Mobilit\u00e4t investiert wird, die Automobilit\u00e4t zu beschneiden, wenn ein anderer modal split her soll.\u00a0Das war die erste Lektion.<br \/>\nDie zweite war kurz, aber folgenreich: Wirtschaftswachstum erzeugt immer auch mehr Verkehr. Wehr weniger Verkehr will, muss \u00fcber Wachstum nachdenken. Basta.<br \/>\nDie dritte Lektion hat Feindbilder ins Wanken gebracht, weil 40% aller Verkehre Freizeitverkehre sind. Das sind also wir. Urlaub, Freunde und Familie besuchen, mal wieder in einer Gro\u00dfstadt shoppen oder nach Bregenz auf die\u00a0Seeb\u00fchne&#8230; Alles ganz normal, aber Verkehr und damit klimasch\u00e4dlich&#8230;<br \/>\nDanach wurde therapeutisch wertvoll sanfter\u00a0fortgefahren und\u00a0in der Zusammenfassung des Panels wurde dann doch deutlich, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt und deshalb Infrastruktur\u00a0f\u00fcr \u00d6PV und aktive Mobilit\u00e4t (zu Fu\u00df und Fahrrad) gest\u00e4rkt und die Autofahr- und Autoparkstrukturen aktiv geschw\u00e4cht werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Damit ist es allerdings nicht getan, weil sich Politik und\u00a0soziale Akteure\u00a0auch daran machen sollten, diesen Umbau transparent und plausibel zu kommunizieren. Sie m\u00fcssen die Idee zu Fu\u00df zu gehen, cool machen. Ein tolles Beispiel war der Bau von B\u00fcrgersteigen in Seattle, USA. B\u00fcrgersteige sind in den USA st\u00e4dtebaulich nicht selbstverst\u00e4ndlich, aber alle, die in Europa waren kennen die, weshalb der Bau von B\u00fcrgersteigen kulturell\u00a0\u00fcberformt als Absicherung und Wertsch\u00e4tzung des Fu\u00dfverkehrs wahrgenommen wird. Ein weiteres, und f\u00fcr mich coolstes Beispiel f\u00fcr\u00a0ein transparentes, plausibles und\u00a0cooles Instrument einer fordernden Mobilit\u00e4tswende ist die Gr\u00e4tzloase (https:\/\/www.graetzloase.at\/), wo auf Antrag Parkraum und Leerstand sozial umgewidmet werden kann. Ganz gro\u00dfes Kino.<br \/>\nEs braucht also einerseits entschlossenes Handeln politischer Entscheidungstr\u00e4ger und der ihnen zugeordneten Verwaltung (Hallo Klima-Kabinett) und andererseits\u00a0Partizipation\u00a0und Einbindung der Zivilgesellschaft.<br \/>\nF\u00fcr dieses Andererseits war Saskia Hebert zust\u00e4ndig, die als Architektin\u00a0an vielen Beispielen\u00a0und an ihrer Biografie deutliche machte, dass sich Sozialr\u00e4ume nicht nur mit Beton, sondern durch Umnutzung ver\u00e4ndern lassen. Das dazu Kreativit\u00e4t, ein offener Kopf und eine subkulturelle Vergangenheit geh\u00f6rt ist klar, oder?<\/p>\n<p>Den Abschluss des Tagungstages bildete dann eine Podiumsdiskussion zum Thema &#8222;Nach dem raschen Wachstum&#8220;, die f\u00fcr mich deshalb interessant\u00a0war, weil endlich\u00a0auf gro\u00dfer B\u00fchne die Subsistenzversuchung des Menschen und seine fortgesetzte Repression\u00a0als zentraler Motor der Industrialisierung diskutiert wurde. Wer die aktuelle Diskussion ums &#8222;Ausschlafen als Revolution&#8220; verfolgt, wei\u00df, dass die fortgesetzte Repression der Kitt ist,\u00a0der alles zusammenh\u00e4lt. Ach so, Subsistenzversuchung ist der von Prof. Streeck eingef\u00fchrte Begriff, der sagt, dass Menschen \u00fcber lange Zeit nicht h\u00f6her gesprungen &#8211; also gearbeitet haben &#8211; sind, als sie mussten, um zu \u00fcberleben und n paar Bier zu zwitschern. F\u00fchlt sich gut an&#8230;<\/p>\n<p>Ich sitze jetzt hier und reflektiere den Tag. Wenn die Subsistenzversuchung tief in uns schlummert, k\u00f6nnte doch genau die, der Ausgangspunkt f\u00fcr eine S\u00d6T (sozial-\u00f6kologische Transformation :-)) sein, weil es aus einem Weniger an Arbeit ein Mehr an Lebensqualit\u00e4t geben k\u00f6nnte, das nix mit Konsum zu tun hat, deshalb also auch Wachstum erledigt. Das erinnert mich an einen alten Wahlkampfslogan aus Studi-Zeiten, der unser Listenk\u00fcrzel DLL mit Dekadent Laues Leben! \u00fcbersetzte&#8230; \ud83d\ude42 Morgen geht&#8217;s weiter und hier jetzt ins Bett.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Gef\u00fchl, ein St\u00fcck von einem frischen\u00a0Baguette abzubrechen und es sofort in den Mund zu schieben, nachdem man die B\u00e4ckerei verlassen hat, ist eigentlich unbezahlbar. Und wenn das Baguette dann noch wirklich gut ist, wird es richtig sch\u00f6n. 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