{"id":974,"date":"2019-09-24T00:35:17","date_gmt":"2019-09-23T22:35:17","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=974"},"modified":"2019-10-01T15:52:43","modified_gmt":"2019-10-01T13:52:43","slug":"great-transformation-jena-tagungsbericht-1-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=974","title":{"rendered":"Great.Transformation.Jena Tagungsbericht  Tag 1"},"content":{"rendered":"<p>Den ersten Arbeitstag nach dem Sommerurlaub mit einem Tagungsbesuch, der bis Freitag dauert, zu beginnen, war nicht beabsichtigt, hat aber ganz unbestreitbar was von Klassenfahrt und Exkursion. Und weil ich nunmal\u00a0Gymnasiumer bin, trage ich es mit Fassung und W\u00fcrde. Es geht nach Jena zur Abschlusskonferenz des DFG-Sonderforschungskollegs zur Postwachstumsgesellschaft, die unter dem Motto &#8222;Great Transformation &#8211; Die Zukunft moderner Gesellschaften&#8220; steht. In dem Thema bin ich ja halbwegs zu Hause und so geht es gut gelaunt mit der Bahn nach Jena, wie der Sport-LK in den Ski-Kurs. Die Bahn ist\u00a0p\u00fcnktlich. So kann ich in Ruhe die Unterkunft beziehen und die\u00a0Nachbarschaft erkunden. Das ist auch n\u00f6tig, weil ich nicht im Hotel unter bin, sondern mir f\u00fcr die vier N\u00e4chte ein City-Appartement geschossen habe und so freie Bahn f\u00fcr die Erkundung der\u00a0 regionalen Lebensmittelszene habe. Nun ist Jena nicht so gro\u00df, im Umfeld von 800 Metern werde ich f\u00fcndig (mehr als das, da ist hie und da in den kommenden Tagen nochmal ein Blick zu riskieren) und nachdem das verstaut ist, geht&#8217;s zur Anmeldung.<\/p>\n<p>Das klappt gut und ich frage mich warum auf den\u00a0Buchungsbeleg, am besten Digital (wegen den B\u00e4umen und\u00a0der Umwelt), soviel\u00a0Wert gelegt wird, wenn&#8217;s doch\u00a0klappt. Auf\u00a0Nachfrage kriege ich die universit\u00e4re Antwort: Zu Viele Anmeldungen nach Anmeldungsfrist&#8230; Lovely.<\/p>\n<p>Da das Volkshaus, wo die Auftaktveranstaltung stattfindet, und der Anmeldeort a bisserl auseinanderliegen, was denen die lesen k\u00f6nnen bekannt ist, denen die irgendwie\u00a0anders akademische W\u00fcrden erreicht haben nicht &#8211; oder verpeilt sind -, habe ich ne Menge Spa\u00df mit Rucks\u00e4cken, die rein und wieder rausgetragen werden, weil die Security keine Gnade kennt. Dass ich p\u00fcnktlich im Saal sitze, aber alle anderen das Ding mit der Viertelstunde noch im Blick haben, \u00e4rgert mich dann\u00a0wiederum etwas. Dann geht&#8217;s los. Die Veranstaltung\u00a0wird mit zwei Klarinetten (ich glaub das waren Klarinetten) er\u00f6ffnet, die\u00a0improvisierten, wobei wohl wichtig war, damit musikalisch das Thema des Un\u00fcbersichtlichen deutlich wurde. Ich sag das jetzt mal so. Von sowas habe ich keine Ahnung.<\/p>\n<p>Und dann moderiert Frau von Thadden von der Zeit, also dem Hamburger Wochenblatt,\u00a0den inhaltlichen Teil klug und journalistisch kurz an und\u00a0Minister Tiefensee spricht sein Gru\u00dfwort genau wie der OB der Stadt. Alle beiden sind hocherfreut, dass es\u00a0Sozialwissenschaften gibt, die sich des Themas Transformation, das sie selber offensichtlich ratlos l\u00e4sst, annehmen. Ein weiteres Gru\u00dfwort kommt\u00a0dann von Prof. Silke van Dyk, die herzerfrischend offen dar\u00fcber spricht, wie sehr die Faktizit\u00e4t der\u00a0Naturwissenschaften und die Krise des Kapitalismus schon 2008 die Soziologie belebt hat und wie das DFG-Kolleg die Soziologie in Jena befruchtet. Das h\u00f6re ich sehr gern, weil ich mich da manchmal schon recht alleine f\u00fchle, wenn ich Ingenieure, Kaufleute und Naturwissenschaftler mit dem zutiefst Menschlichen bzw. Gesellschaftlichen ihrer Themen vertraut machen darf. Eine weitere sch\u00f6ne Geste, ist der gemeinsame Auftritt von alter und neuer Pr\u00e4sidentin der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Soziologie, weil die eine die Gr\u00fcndung und die andere nun den Abschluss dieses Forschungskollegs\u00a0verantwortet hat. Die eine\u00a0f\u00e4ngt an, formuliert ihren Standpunkt, \u00fcbergibt freundlich und die andere formuliert ihre\u00a0Position. Ohne Sch\u00e4rfe. Ohne H\u00e4me. Frauen halt. Tolle Geste.<\/p>\n<p>Dann d\u00fcrfen Klaus D\u00f6rre und Hartmut Rosa als Direktoren des Kollegs mit ihren Gru\u00dfworten ran und &#8211; ganz im Sinne des Forschungsprogramms &#8211; steht eine Vertreterin des Klimaratschlags der students for future mit auf der B\u00fchne. D\u00f6rre beginnt und erz\u00e4hlt die Geschichte des Kollegs. Das macht er gut und flicht ganz nett ohne explizit zu zitieren, die Gleichzeitig des Ungleichzeitigen ein. Im Anschluss dann die Studierende, die begleitet von einem Wahnsinnsapplaus der anderen Studierenden des Klimaratschlags, die B\u00fchne betritt und zun\u00e4chst mit Leichtigkeit \u00fcber sich und ihren Weg zu den schweren Themen und dann \u00fcber den Ratschlag und seine Beschl\u00fcsse berichtet. Und dann habe ich Pipi im Auge. Erstens hat es wohl auch in Siegen, my hometown, eine studentische Vollversammlung zum Klimawandel gegeben und\u00a0dieser Klimaratschlag aus bundesweit mehreren Hochschulen hat tats\u00e4chlich beschlossen, eine alternative Vorlesungswoche zu organisieren, in der die normalen Vorlesungen ausfallen sollen und\u00a0stattdessen gemeinsam und interdisziplin\u00e4r dem Thema Klimawandel gewidmet werden soll.\u00a0Ich f\u00fchl mich mindestens\u00a025 Jahre j\u00fcnger in einem StuPa-Raum sitzend&#8230;<br \/>\nUnd bleibe etwa in dem Alter als Hartmut Rosa mit Verve und Leidenschaft das Forschungsprogramm und die Themen einer Soziologie des 21. Jahrhunderts unters Publikum jubelt. Es ist ihm genau wie Klaus D\u00f6rre anzumerken, dass sie in den vergangenen Jahren im Jenaer Kolleg tats\u00e4chlich methodisch, wissenschaftsorganisatorisch\/-methodisch und politisch viel geschafft haben. Er faltet\u00a0rhetorisch das Programm der kommenden Tage auf, wo es neben Vortr\u00e4gen und Workshops, auch Konzerte, Wanderungen, M\u00fcllkippenbesichtigungen und\u00a0Yoga gibt, die eigentlich f\u00fcr nichts anderes stehen als eine neugierige Soziologie, die Gesellschaft verstehen und nicht analysieren will, weil es das tiefe Verstehen braucht, gerade in Zeiten der\u00a0Transformation.<\/p>\n<p>Deshalb h\u00e4lt wohl auch ein Wirtschaftswissenschaftler den eigentlichen Festvortrag. Prof. Dr. Branco Milanovic stellt seine spannenden \u00dcberlegungen zur sozialen Ungleichheit vor und gibt der soziologischen Ungleichheitsforschung zun\u00e4chst mal richtig was vor den Latz. Denn: Wer nur im nationalen Ma\u00dfstab soziale Ungleichheit anschaut, verkennt das Karl Marx die &#8222;Proletarier aller L\u00e4nder&#8220; nur deshalb vereinigen wollte, weil der &#8211; als guter \u00d6konom &#8211; wusste, dass zu seiner Zeit die Proletarier_innen in England genauso arm waren, wie die in Indien. Das hat sich dann aber ge\u00e4ndert, weshalb es heute gilt \u00fcber globale Ungleichheit nachzudenken, ohne die volkswirtschaftliche, also nationale Dimension au\u00dfer Acht zu lassen, weil die n\u00e4mlich bewusstseinsbildend ist. Ich habe heute den Unterschied zwischen global und international gelernt. (Es lohnt sich dr\u00fcber nachzudenken).\u00a0Zum Abschluss stellte er noch zwei grunds\u00e4tzlichere \u00dcberlegungen vor.<br \/>\nZun\u00e4chst geht es um den schlichten Appell die Verringerung sozialer Ungleichheit im globalen Ma\u00dfstab nicht als Gewinn in der Transformation zu sehen, weil er dem rising east und dem zunehmenden Wohlstandgewinn in Asien, der leider nicht in Yoga, sondern in Konsum aufgel\u00f6st wird,\u00a0geschuldet ist.<br \/>\nUnd\u00a0zweitens macht sich der \u00d6konom den Spa\u00df und indexiert das steigende Wohlstandsniveau\u00a0Asiens auf 100 und rechnet die anderen Weltregionen in Relation. Ich sag mal so. Das sieht nicht gut aus, ist aber fundiert und hat mehr mit dem Wachstum Asien als mit Deppigkeit Europa zu tun. Ich mach mir also Gedanken, wie wir eine Postwachstumsgesellschaft\u00a0in Westeuropa stark machen und\u00a0die so cool machen, dass auch die Inder_innen kein H\u00fchnchen mehr wollen (Der Fleischkonsum in Indien steigt gerade wie doof, wegen mittelschichtigem Status &#8222;Wir g\u00f6nnen uns ja sonst nix&#8220; &#8211; Kram).\u00a0oder die Inder kommen wieder vintage und traditional drauf und die Europ\u00e4er_innen entdecken deshalb auch ihren Klo\u00df mit Sauce ohne Schweinebraten wieder&#8230;<br \/>\nDann ist seine Zeit um, er hat\u00a0ein paar Hausaufgaben verteilt und ich bin auch\u00a0mit guten Anregungen reichlich bedient.<\/p>\n<p>Also heim. Th\u00fcringische Brotzeit und n Schoppen von der Unstrut.<br \/>\nRegional rules! Und morgen geht&#8217;s ja weiter&#8230;<br \/>\nFreundschaft!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den ersten Arbeitstag nach dem Sommerurlaub mit einem Tagungsbesuch, der bis Freitag dauert, zu beginnen, war nicht beabsichtigt, hat aber ganz unbestreitbar was von Klassenfahrt und Exkursion. Und weil ich nunmal\u00a0Gymnasiumer bin, trage ich es mit Fassung und W\u00fcrde. 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