{"id":954,"date":"2018-06-11T18:42:48","date_gmt":"2018-06-11T16:42:48","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=954"},"modified":"2018-06-11T19:13:17","modified_gmt":"2018-06-11T17:13:17","slug":"von-oetzis-kupferbeil-zum-all-metals-smartphone-was-bedeutet-das-fuer-arbeit-und-beschaeftigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=954","title":{"rendered":"Von \u00d6tzis Kupferbeil zum AllMetalsSmartphone \u2013 Was bedeutet das f\u00fcr Arbeit und Besch\u00e4ftigung?"},"content":{"rendered":"<p>Klaus Mertens<br \/>\nVon \u00d6tzis Kupferbeil zum All-Metals-Smartphone \u2013 was bedeutet das f\u00fcr Arbeit und Besch\u00e4ftigung?<\/p>\n<p><strong>Einleitung<\/strong><br \/>\nDie digitale Transformation ist in aller Munde und das Reden von einer vierten industriellen Revolution ist allgegenw\u00e4rtig. Technologisch verbirgt sich hinter diesem Diskurs einerseits die Elektronifizierung und Digitalisierung der Produkte und ihrer Leistungsmerkmale sowie andererseits die Automatisierung der Herstellprozesse. Daraus entstehen allerdings auch neue soziale Wirklichkeiten, die bestenfalls in das bestehende Dispositiv der Arbeit eingepasst und schlechtestenfalls exkludiert werden oder, falls es gut l\u00e4uft, f\u00fcr neue Wahrnehmungen und Narrative sorgen. Es braucht dazu aber bestimmte soziale Konstellationen und Zeitfenster, um mit neuen Narrativen ein Dispositiv zu ver\u00e4ndern.<br \/>\nEs gibt keinen Automatismus.<br \/>\nDer vorliegende Beitrag will deshalb das Dispositiv der Arbeit zun\u00e4chst historisch einordnen, bevor er \u00fcber die soziale Figur des Metallarbeiters referiert, die sich durch die Prozesse von Automatisierung und Digitalisierung wandelt beziehungsweise wandeln wird. Im Anschluss daran geht es dann um den Versuch, das neue Gesicht der Arbeit als eine Verunsichtbarung von Stoff, Wert und Arbeit zu beschreiben und zur Diskussion zu stellen. Der Begriff Verunsichtbaren beschreibt den Prozess, mit dem Wertsch\u00e4tzung und sogar Wahrnehmung der Rohstoffe, des Produktwerts und der darin liegenden Arbeit in der \u00d6ffentlichkeit, wie in der Lebenswelt des und der Einzelnen schwindet. Abschlie\u00dfend soll eine Perspektive f\u00fcr die Arbeit im All-Metals-Age skizziert werden, dem Zeitalter in dem die Menschheit das gesamte Periodensystem \u00f6konomisch bespielt. Das All-Metals-Smartphone steht dabei stellvertretend f\u00fcr die Produktwelt der digitalen Transformation. Ein durchschnittliches Smartphone enth\u00e4lt rund 30 Metalle, zu denen auch die Elemente aus der Gruppe der Seltenen Erden geh\u00f6ren!<\/p>\n<p><strong>eine kurze Geschichte der Arbeit<\/strong><br \/>\nBeginnen soll diese Geschichte bei dem Mann aus dem Eis, dem sogenannten \u00d6tzi und seinem Kupferbeil. Das Kupfer f\u00fcr die Klinge ist in der s\u00fcdlichen Toskana gewonnen worden, wurde zur Klinge geschmiedet und von dem Mann aus dem Eis getragen, der es \u2013 so ist zu vermuten \u2013 nicht selber verh\u00fcttet beziehungsweise geschmiedet hat, auch wenn er einigen Thesen zu Folge durchaus Kontakt mit der Metallverh\u00fcttung gehabt haben soll. Es lassen sich unabh\u00e4ngig davon, also bereits vor mehr als 5 000 Jahren, die sozialen Rollen ausmachen, die das Wirtschaftsleben bis heute kennzeichnen: H\u00e4ndler und Kunde, Produzent und Logistiker. Wie aber haben sich diese Rollen und ihr Zusammenspiel weiterentwickelt? Was unterscheidet die Rollen und ihr Zusammenspiel heute von der Struktur vor mehr als 5 000 Jahren?<br \/>\nEs sind Prozesse funktionaler Differenzierung, die schlussendlich zu hohen Speziali-sierungsgraden und hoher Komplexit\u00e4t in sozialen wie technisch-\u00f6konomischen Prozessen f\u00fchren, die die Entwicklung von Wirtschaft und Arbeit treiben. W\u00e4hrend also<br \/>\ndie stein- beziehungsweise kupferzeitliche Sippe gejagt, gefischt, gen\u00e4ht, gewoben, geschliffen und geschnitzt hat, gibt es daf\u00fcr nun spezialisierte Gewerke, die den Wert ihres Tuns \u00fcber Preise in Geld vergleichbar und damit handelbar gemacht haben.<br \/>\nEin weiterer Aspekt, der bislang wohl eher weniger betrachtet wurde, sind die stofflichen und technologischen Konsequenzen funktionaler Differenzierung, die zu einer technologischen Verfeinerung einerseits und einer steigenden stofflichen Komplexit\u00e4t andererseits f\u00fchren. Technologische Verfeinerung ist etwa die Entwicklung vom kupferzeitlichen Webstuhl, wie er im S\u00fcdtiroler Arch\u00e4ologiemuseum zu sehen ist, mit groben Seilen und Gewichten aus Stein hin zu den vollautomatisierten Webst\u00fchlen moderner Pr\u00e4gung. Mit der Verfeinerung der Maschinen ist oftmals auch eine enorme Steigerung der Produktivit\u00e4t verbunden, die wiederum f\u00fcr eine r\u00e4umliche Ausweitung der M\u00e4rkte verantwortlich ist. Stoffliche Komplexit\u00e4t meint die vielf\u00e4ltiger werdende Zusam-mensetzung der Produkte. Das Kupferbeil des Mannes aus dem Eis bestand zu 99% aus Kupfer, w\u00e4hrend ein moderner hochlegierter Stahl je nach Legierung nur zu knapp \u00fcber 90% aus Eisen bestehen kann. Deutlicher noch wird es bei Textilien, wo sich die Welt der nat\u00fcrlichen Wollen und Fasern ja im Laufe der Zeit zu einer bunten Mischwelt aus Kunststoff-Wollverbindungen gemausert hat.<br \/>\nAber auch die Betrachtung des Smartphones, bezeichnenderweise als All-Metals-Smartphone etikettiert, zeigt die Feinheitsgrade moderner Produkte. Ein durchschnittliches Smartphone besteht zu<br \/>\n\u2022 56 % aus Kunststoff<br \/>\n\u2022 16 % aus Glas und Keramik<br \/>\n\u2022 15 % aus Kupfer<br \/>\n\u2022 3 % aus Eisen<br \/>\n\u2022 3 % aus Aluminium<br \/>\n\u2022 2 % aus Nickel<br \/>\n\u2022 1% aus Zinn und<br \/>\n\u2022 1 % aus anderen Metallen wie Gold, Silber, Platin, Palladium, Kobalt, Gallium, Indium,<br \/>\nNiob, Tantal, Wolfram und seltenen Erden zum Beispiel Neodym (Infostelle Mobilfunk 2015).<br \/>\nDas zeigt eigentlich zweierlei: Auf der einen Seite die Vielfalt der eingesetzten Stoffe und auf der anderen Seite die geringe Menge pro Produkt, die sich aber \u00fcber die schiere Zahl der verkauften Produkte relativiert: In 2017 gibt es weltweit einen Bestand von 4,5 Milliarden Smartphones (de.statista.com 2017)!<br \/>\nDie vorstehend beschriebene Verfeinerung von Maschinen und die gesteigerte stoffliche Komplexit\u00e4t bedeuten f\u00fcr die Entwicklung von Arbeit sowohl das Entstehen von Experten f\u00fcr Entwicklung und Bedienung als auch das Entstehen einfacher, repetitiver T\u00e4tigkeiten, die Ergebnis h\u00f6herer Automatisierungsgrade im Herstellprozess sind. Der Zusammenhang von Verfeinerung und Automatisierung besteht im \u00dcbrigen darin, dass mittels technischer Verfeinerung auch eine Prozessstandardisierung erreicht wird, die Grundlage der Automatisierung ist.<br \/>\nIm Zusammenhang mit der vorstehend geschilderten funktionalen Differenzierung und ihren technologischen Bedingungen entstehen immer entsprechende Dispositive (Foucault 1978), die Ausdruck des gesellschaftlichen Umgangs mit Arbeit sind. So stehen zun\u00e4chst die agrarischen T\u00e4tigkeiten vom Ackerbau bis zur Tierhaltung einerseits und die Jagd andererseits im Fokus des Dispositivs, w\u00e4hrend die urbanen und handwerklichen T\u00e4tigkeiten eher eine randst\u00e4ndige Rolle spielten. In der politischen Losung \u00bbStadtluft macht frei\u00ab wird diese Randst\u00e4ndigkeit politisch umgekehrt und damit in eine Richtung aufgel\u00f6st, in der die Anf\u00e4nge b\u00fcrgerlichen Selbstbe-wusstseins zu erkennen sind. Im Zuge der industriellen Revolution r\u00fcckt dann zun\u00e4chst das Bild des hart arbeitenden Menschen, in dem Fall tats\u00e4chlich das eines Mannes, der sich Erde und Maschine untertan macht, in den Vordergrund. Der Bergmann im Stollen und der Stahlarbeiter am Hochofen, die noch gef\u00e4hrlich nah an den Rohstoffen sind, sind bis heute Referenzpunkte f\u00fcr das Bild der Arbeit. Sp\u00e4testens aber seit der filmischen Ikonisierung der Flie\u00dfbandarbeit durch Charlie Chaplin in Modern Times r\u00fcckt das Bild entfremdeter Montaget\u00e4tigkeit in den Vordergrund. Im Dispositiv der Arbeit werden diese T\u00e4tigkeiten allerdings nicht positiv konnotiert, sondern als stumpf und wenig anspruchsvoll eingeordnet. Gleichzeitig entsteht mit den White-Collar-T\u00e4tigkeiten auch eine neue Form der Arbeit, die nunmehr weniger k\u00f6rperlich hart als geistig fordernd wird. In dem Ma\u00dfe, wie diese T\u00e4tigkeiten im Arbeitsmarkt dominieren, ger\u00e4t auch das Dispositiv der Arbeit unter diskursiven Druck, wobei die technologische Ver-feinerung und die Automatisierung der Office-T\u00e4tigkeiten aktuell zumindest die Wahrnehmung von Arbeit ver\u00e4ndert haben. Darauf wird sp\u00e4ter noch eingegangen. Zuvor jedoch soll, entsprechend dem Thema des Bandes, das Bildnis des Metallarbeiters genauer betrachtet werden.<\/p>\n<p><strong>das Bildnis des Metallarbeiters<\/strong><br \/>\nWie vorstehend schon angedeutet wurde, ist das Bild des Arbeiters am Hochofen, der in der Hitze des Feuers, das Eisen aus dem Erz holt, der es zu Str\u00e4ngen gie\u00dft und zu St\u00e4hlen ver- edelt, nach wie vor pr\u00e4gend f\u00fcr das Dispositiv der Arbeit, insbesondere in der Metallindustrie. Richtige Arbeit ist hart, schmutzig und quasi archaisch, dabei gleichzeitig hochtechnisiert. Daneben erscheint monotone Montaget\u00e4tigkeit weniger heldenhaft und moderne Facharbeit im Maschinen- und Anlagenbau zu wenig schmutzig beziehungs-weise gef\u00e4hrlich, als dass sie als Referenzpunkt f\u00fcr eine Weiterentwicklung des Dispositivs dienen k\u00f6nnte.<br \/>\nTrotzdem arbeiten deutlich mehr Besch\u00e4ftigte in den Fertigungen und Montagen als an einem Hochofen. Und das Verh\u00e4ltnis von Blue- und White-Collar-Besch\u00e4ftigten hat sich auch in der Metallindustrie l\u00e4ngst zugunsten der White-Collar-T\u00e4tigkeiten verschoben. Die Besch\u00e4ftigten hinsichtlich der Farbe ihrer Hemdkragen zu differenzieren, ist im \u00dcbrigen angels\u00e4chsischen Ursprungs und bezieht sich auf den \u2013 auch im deutschen Sprachraum ja bekannten \u2013 Blaumann f\u00fcr die Arbeiterinnen und Arbeiter. Der wei\u00dfe Kragen steht f\u00fcr die T\u00e4tigkeiten bei denen weder Schmutz noch Dreck zu bef\u00fcrchten sind, also die klassischen Angestelltent\u00e4tigkeiten. Es arbeiten also die deutliche Mehrzahl der Besch\u00e4ftigten fern von Hoch\u00f6fen und Gusswerken und so sehen sich die meisten Besch\u00e4ftigten der Branche spiegelverkehrt zum Dispositiv der (Metall-)Arbeit und werden so entweder abgewertet oder ausgegrenzt, sodass die Besch\u00e4ftigten am Flie\u00dfband als unqualifiziert und die White-Collar-Besch\u00e4ftigten nicht als Metallarbeiter im eigentlichen Sinne etikettiert werden.<br \/>\nNun steht das Bildnis des Metallarbeiters im Weg. Es st\u00f6rt dabei, die aktuellen technologischen Entwicklungen und ihre sozialen Verwerfungen zu begreifen. Die digitale Transformation ist eben f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten am Flie\u00dfband nur eine weitere Rationalisierungsschleife, die im schlechtesten Fall zum Arbeitsplatzverlust f\u00fchrt. Und f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten im B\u00fcro scheint sie ein Thema ohne Bedeutung zu sein, obwohl die Digitalisierung ja zun\u00e4chst in den B\u00fcrobereichen Konsequenzen gezeigt hat. Ein gutes Beispiel ist das Verschwinden der Schreibb\u00fcros und der Wandel von den klassischen Sekretariaten zu Projektassistenzen. Nun soll es aber hier nicht darum gehen, wie unterschiedliche Besch\u00e4ftigtengruppen solidarisch auf diese Ver-\u00e4nderungen reagieren. Es geht darum aufzuzeigen, warum sie nicht angemessen darauf reagieren. Deshalb wird an dieser Stelle noch auf einen weiteren st\u00f6renden Aspekt des Dispositivs der (Metall-)Arbeit eingegangen. Es geht um die g\u00e4ngige, in der Metallindustrie weit verbreitete Gleichsetzung von Metall und Stahl\/Eisen, die verhindert, dass qualitative Ver\u00e4nderungen, die sich aus der steigenden Komplexit\u00e4t der Stofflichkeit und der Verfeinerung im Produkt ergeben, gesehen werden k\u00f6nnen.<br \/>\nAus dem herrschenden Dispositiv und seinem zeitgeschichtlichen Kontext ergibt sich auch ein Produktbild in dem Stahlcoils und -stangen, Schiffe, Eisenbahnen, Autos und riesige Maschinen vorkommen, aber keine Smartphones, Tablets und Saugroboter. Das ist im nationalen Rahmen kein Problem, weil all diese Kleinteile ja aus Asien kommen, aber f\u00fcr das Verstehen von Ver\u00e4nderung, w\u00e4re ein Gedanke an Verfeinerung und Miniaturisierung sicherlich hilfreich.<br \/>\nZusammenfassend verstellt das Dispositiv der Metallarbeit, als ewig junger Schein von Hochofen und Gusswerk, den Blick auf die Ver\u00e4nderungen der Branche und der Welt, die sich quasi nur im Spiegel des Dorian Gray (Romanfigur von Oscar Wilde 1890\/91) sehen lassen. Nachfolgend soll aber ein Blick auf die Ver\u00e4nderung der Metallbranche geworfen werden.<\/p>\n<p><strong>das Verunsichtbaren von Stoff, Wert und Arbeit<\/strong><br \/>\nEin oft zitiertes Beispiel, an dem sich die Ver\u00e4nderungen der Branche zeigen lassen, ist der britische Triebwerkshersteller Rolls Royce (Appel 2015). Er hat bereits in den 1980er Jahren begonnen, nicht mehr das Triebwerk, also das verarbeitete Metall, sondern die Schubstunde, die durch das Triebwerk erbrachte Leistung, zu verkaufen. Bei diesem Gesch\u00e4ftsmodell, das auch als Servitization (Verdienstleistung) bezeichnet wird, ger\u00e4t die Hardware als Kerngesch\u00e4ft fast aus dem Blick. Dieses Gesch\u00e4ftsmodell findet sich bei Telekommunikationsgesellschaften und Netzbetreibern wieder und wird so weit getrieben, dass das Smartphone als kostenlose Dreingabe zum Vertrag fast selbstverst\u00e4ndlich erscheint. Ein technologisches Hochleistungsprodukt mit filigraner Verarbeitung und kostbaren Rohstoffen, wenn auch in kleinsten Mengen, wird quasi verschenkt, was angesichts der Bedeutung, die das Smartphone als Dreh- und Angelpunkt modernen Lebens hat, schon fast paradox ist. Oder ist eben nicht das Smartphone Dreh-und Angelpunkt modernen Lebens, sondern sind es die digitalen Optionen des Internets? Wenn dem so w\u00e4re, w\u00e4re eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Vehemenz gefunden, mit der etwa die Automobilindustrie die Digitalisierung des Fahrens und des Fahrzeugs vorantreibt. Hier zeigt sich die Tendenz weg von Produkten hin zu Gesch\u00e4ftsmodellen, die Digitalit\u00e4t und Dienstleistung in den Vordergrund stellt, w\u00e4hrend bei der Elektrifizierung des Antriebsstrangs, also einer eher analogen Angelegenheit, doch deutliche Zur\u00fcckhaltung gezeigt wird.<br \/>\nUnabh\u00e4ngig davon ist festzuhalten, dass die allgemeine Verdienstleistung auch der Metallindustrie den stofflichen Wert des Produkts und den darin enthaltenen Wert der Arbeit verschwinden l\u00e4sst. Das oben beschriebene Dispositiv der (Metall-)Arbeit verhindert durch Exklusion und Abwertung geradezu sich diesen Prozessen kritisch zu n\u00e4hern. Dabei stehen einige Aspekte ganz aktuell auf der Tagesordnung, egal ob es um eine nachhaltige Roh-stoffstrategie oder die Zukunft der Produktionsarbeit geht. Im Folgenden sollen diese Punkte zumindest andiskutiert werden.<br \/>\nEine nachhaltige Rohstoffstrategie w\u00fcrde bedeuten, sich zun\u00e4chst einmal f\u00fcr die Metalle jenseits von Eisen und Stahl zu \u00f6ffnen und auch die Stoffe als kritisch zur Kenntnis zu nehmen, die zu ihrer Verarbeitung ben\u00f6tigt werden. Da w\u00e4re als einer dieser Stoffe beispielsweise das Helium zu nennen, das f\u00fcr bestimmte Schwei\u00dfprozesse als Schutzgas Verwendung findet und dessen Produktion eng mit der Erd\u00f6l- und Erdgasf\u00f6rderung zusammenh\u00e4ngt. Dieser Zusammenhang f\u00fchrt immer wieder zu Versorgungsengp\u00e4ssen. Und als zentrales Metall der Elektrifizierung, die ja nicht nur den Antriebsstrang des Automobils meint, sondern eben auch allerlei kleine Helfer in Haus und Hof, die mit Elektromotoren betrieben werden, sollte die Verf\u00fcgbarkeit, die F\u00f6rderung, die Verteilung, die Verarbeitung und das Recycling von Kupfer intensiv diskutiert werden (Zittel 2016). Hervorgehoben werden soll an dieser Stelle, dass insbesondere die Bedingungen unter denen diese Metalle gef\u00f6rdert werden, hinsichtlich ihrer sozialen und \u00f6kologischen Konsequenzen zu betrachten w\u00e4ren. Mit einem solchen Ansatz w\u00e4ren die zumeist nationalen Perspektiven auf Arbeit und Besch\u00e4ftigung geweitet, was angesichts der planetarischen Grenzen und den weltumspannenden Wertsch\u00f6pfungsketten dringend angeraten ist. Das ist allerdings trotz vielf\u00e4ltiger Bem\u00fchungen keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Die weltumspannenden Wertsch\u00f6pfungsketten leisten n\u00e4mlich einen zentralen Beitrag zur Verunsichtbarung, weil sie zumindest f\u00fcr die entwickelten L\u00e4nder des Westens die harten, gef\u00e4hrlichen, unfairen und umweltsch\u00e4dlichen Arbeiten in die L\u00e4nder des globalen S\u00fcdens ausgelagert haben.<br \/>\nZentrales Instrument einer nachhaltigen Rohstoffstrategie ist die Preisbildung, die marktwirtschaftlich eben soziale und \u00f6kologisch-nachhaltige Aspekte nicht einbeziehen kann, sodass hier eine politische Einflussnahme unerl\u00e4sslich bleibt. Jenseits dieser Intervention w\u00e4ren staatliche Investitionen in Forschung und Entwicklung sicherlich angeraten, um Impulse in Richtung nachhaltiger Rohstoffstrategien zu setzen. Forschung und Entwicklung w\u00e4ren auch dazu geeignet, die notwendige Schaffung eines stofflichen Bewusstseins f\u00fcr den Wert \u2013 nicht zu verwechseln mit dem Preis oder den Kosten \u2013 eines Produkts zu unterst\u00fctzen. Denn ein solches breit verankertes Bewusstsein w\u00e4re auch politisch die Voraussetzung f\u00fcr die Durchsetzung entsprechender Preise. Mit welchen Instrumenten die Schaffung eines solchen Stoff- oder auch Metallbewusstseins vorangetrieben werden k\u00f6nnte, ist zu diskutieren und auszuprobieren. Notwendig ist es allemal.<br \/>\nEbenfalls dringend notwendig ist es, das Dispositiv der Arbeit zu dekonstruieren und seine Elemente und Entwicklungen auf zeitgem\u00e4\u00dfe Weise neu zu verkn\u00fcpfen \u2013 quasi ein neues Narrativ der (Produktions-)Arbeit aufzulegen. Das geschieht im Diskurs um die digitale Transformation bereits dergestalt, dass die eh schon geringer gesch\u00e4tzten Arbeiten, die zumeist hochrepetitiv sind, per se als durch Roboter zu erledigen betrachtet werden. Damit wird deren Abwertung, die bereits im Dispositiv der (Metall-)Arbeit angelegt ist, weiter fortgeschrieben und kaum jemand st\u00f6rt sich daran. Dabei ist dieser weitere Automatisierungsschub unter sozialen wie \u00f6kologischen Gesichtspunkten zu hinterfragen.<br \/>\nZun\u00e4chst stellt sich sicherlich die Frage nach dem Warum: Warum wird viel Geld in eine weitere Produktivit\u00e4tssteigerung investiert, wenn doch seit Jahren die Wachstumsraten der Weltwirtschaft eher bescheiden sind? Wenn es darauf eine hinreichende Antwort geben sollte, geht es darum, ob die digitale Transformation im Produktionsbereich rohstoffseitig und preislich ausreichend und nachhaltig hinterlegt ist: Was wird aus den Menschen, die durch diese Prozesse ihre Arbeit verlieren? Und: Wie ver\u00e4ndert sich die Arbeit f\u00fcr diejenigen, die in der Produktion besch\u00e4ftigt bleiben?<br \/>\nDiese Fragen sind vor dem Hintergrund einer zunehmenden Raumunabh\u00e4ngigkeit der Arbeit, ausgel\u00f6st durch die technischen Potenziale von Laptop und Smartphone, die sich in mobiler Arbeit und Home-Office-L\u00f6sungen zeigt, auch unter dem Aspekt von Zeitwohlstand und Lebensqualit\u00e4t f\u00fcr den Diskurs zur Zukunft der Arbeit wichtig. Wichtig sind sie aber auch f\u00fcr die Frage nach dem Verunsichtbaren von Arbeit und deren Wert. Verschwindet die menschliche Arbeit aus der Fabrik und dem B\u00fcro und wo geht sie hin? Wo ist sie dann noch sichtbar und abgrenzbar von anderen Zeiten? Und welchen Status hat die Arbeit derjenigen Besch\u00e4ftigten, die eben nicht raumunabh\u00e4ngig arbeiten k\u00f6nnen? Entstehen hier neue Ungerechtigkeiten?<br \/>\nAll das muss zwingend gesellschaftlich verhandelt werden, weil sich bereits Bereiche zeigen, wo die Bereitschaft f\u00fcr genutzte Produkte auch zu bezahlen, zumindest in Deutschland au\u00dfer-ordentlich gering ist. Die Rede ist vom Online-Journalismus, der mit seinen kundenbasierten Zahlungsmodellen immer noch defizit\u00e4r ist und sich \u00fcber Werbung finanzieren muss. Ein anderes Beispiel ist die Software-Entwicklung, wo sich die App-Entwickler zum Teil nicht \u00fcber Verkaufszahlen, sondern \u00fcber Kundendaten refinanzieren. Hier wird der eigentlichen Arbeit, dem Schreiben oder dem Entwickeln, vom potenziellen Kunden keinerlei Wert mehr beigemessen. Genauso wie bereits geschildert, ja auch das Smartphone als kostenlose Dreingabe zum Mobilfunkvertrag gesehen wird.<br \/>\nZusammenfassend ist vorstehend aufgezeigt worden, wo aktuell Momente der Verunsicht-barung von Stoff, Wert und Arbeit erkennbar sind und wie sie, flankiert von dem aktuellen Dispositiv der Arbeit, das Gestalten einer rohstoffsensiblen, sozial und \u00f6kologisch nachhaltigen Zukunft f\u00fcr Arbeit und Besch\u00e4ftigung erschweren. Das hat die fatale Nebenwirkung, dass die konkret stattfindenden Ver\u00e4nderungen im Dunklen und Vernebelten stattfinden. Licht in dieses Dunkle zu bringen w\u00fcrde aber demzufolge mehr bedeuten als mit Zahlen, Daten, Fakten Transparenz in die Themen zu bringen und diese in der \u00f6ffentlichen Meinungsbildung sichtbar zu machen, sondern eben auch an dem Bezugsrahmen zu arbeiten, in den diese Informationen eingeordnet werden. Der folgende Abschnitt will versuchen, einige Perspektiven aufzuzeigen, die sich aus einem solchen Prozess entwickeln k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><strong>Perspektiven der Arbeit im All-Metals-Age<\/strong><br \/>\nDie \u00f6konomische Verwertung der Elemente des gesamten Periodensystems, insbesondere der Metalle und Metallsalze ist in weiten Teilen sowohl der digitalen Transformation als auch der Automatisierung beziehungsweise Elektrifizierung vieler manueller T\u00e4tigkeiten geschuldet. Daraus ist eine hochvernetzte Welt entstanden, in der Wissen und Information schnell und umfassend zur Verf\u00fcgung steht. Ob daraus eine Welt entsteht, in der alles was zu automatisieren ist, auch automatisiert wird, ist offen.<br \/>\nEin verhalten optimistisches Szenario s\u00e4he dann in etwa so aus: Der Anteil von Blue-Collar-Besch\u00e4ftigten in der Industrie wird sich weiter zugunsten von White-Collar-Besch\u00e4ftigten absenken, was sich zumindest in der Metallindustrie bereits deutlich abzeichnet. Im Logistikgewerbe sind zwar \u00e4hnliche Trends zu beobachten, aber die Zahl der Besch\u00e4ftigten wird in diesem Sektor wohl dennoch eher steigen. In den personenbezogenen Dienstleistungen wird die Zahl der Besch\u00e4ftigten steigen. Leider werden die Arbeiten sowohl in der Logistik als auch in den personenbezogenen Dienstleistungen schlechter entlohnt als in der Produktion oder den produktionsnahen Bereichen. Die Perspektiven f\u00fcr Handwerk und Landwirtschaft sind recht differenziert zu betrachten. Die Zahl der lohnabh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten in Vollzeit wird insgesamt sinken.<br \/>\nEin Szenario, das die wesentliche Ansage dieses Beitrags aufgreift, n\u00e4mlich eine gesell- schaftliche Perspektive der Arbeit vor dem Hintergrund einer sozial und \u00f6kologisch nachhaltigen Rohstoffstrategie zu entwickeln, s\u00e4he dann anders aus. Sie w\u00fcrde wohl etwa so aussehen:<br \/>\nIn der Industrie haben auch die Blue-Collar-Besch\u00e4ftigten einen hohen Zeitwohlstand, der sich durch intelligente Arbeitszeitsysteme und das Recht auf Teilzeit ergibt. Die Arbeit ist anspruchsvoll. Repetitive Arbeiten sind automatisiert worden. Die ergonomischen Anspr\u00fcche sind hoch. Planerische und kreative T\u00e4tigkeiten gewinnen an Bedeutung. Die Portfolios der Betriebe entsprechen den g\u00e4ngigen Nachhaltigkeitskriterien. White-Collar-Besch\u00e4ftigte sind weiter hochqualifiziert und haben gelernt, mit sozialer Komplexit\u00e4t und Ressourcenknappheit umzugehen. In der Logistikbranche sind insbesondere an der letzten Meile viele Arbeitspl\u00e4tze entstanden, die die Innenst\u00e4dte und Endkunden mit Pedelecs (Elektrofahrr\u00e4der) und Lastenr\u00e4dern beliefern. Genau wie bei den personenbezogenen Dienstleistungen genie\u00dfen die Besch\u00e4ftigten hohe Wertsch\u00e4tzung und verdienen entsprechend. Die Besch\u00e4ftigtenzahlen in Handwerk und Landwirtschaft sind gestiegen, weil es insbesondere junge Menschen in die Bereiche zieht, wo sie regional orientiert mit den H\u00e4nden etwas schaffen k\u00f6nnen. Sie nutzen ihre digitale Kompetenz um sich zu organisieren und mit Kunden und Lieferanten zu vernetzen. Die Bereiche profitieren insgesamt vom Trend zu handwerklichen Produkten und dem Ende der agrarindustriellen Ausbeutung von Boden und Tieren.<br \/>\nBei dem letztbeschriebenen Szenario k\u00f6nnte der Eindruck entstehen, dass es sich um ein blo\u00df analoges Bild handelt. Das wird es aber keineswegs sein, weil auch eine sozial und \u00f6kologisch nachhaltig angelegte Welt auf die M\u00f6glichkeiten der digitalen Transformation nicht verzichten kann und will. Allerdings wird es nicht digital um jeden Preis sein m\u00fcssen. Den Preis daf\u00fcr auszuhandeln, ist Aufgabe der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um das Dispositiv der Arbeit und die digitale Transformation!<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><br \/>\nAppel, Helmut; Ardilio, Antonio; Fischer, Thomas (2015): Professionelles Patentmanagement f\u00fcr klein- und mittelst\u00e4ndische Unternehmen in Baden-W\u00fcrttemberg. Stuttgart: Fraunhofer IAO.<br \/>\nBourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<br \/>\nde.statista.com (2017): https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/312258\/umfrage\/weltweiter-bestand-an- smartphones\/ \u2013 Zugegriffen: 18.08.2017.<br \/>\nFoucault, Michel (1978): Dispositive der Macht. \u00dcber Sexualit\u00e4t, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve. Foucault, Michel (2008): \u00dcberwachen und Strafen. Die Geburt des Gef\u00e4ngnisses. 9. Auflage. Frankfurt am Main:<br \/>\nSuhrkamp.<br \/>\nHaipeter, Thomas; Somka, Christine (2014): Industriebesch\u00e4ftigung im Wandel \u2013 Arbeiter, Angestellte und ihre<br \/>\nArbeitsbedingungen. Duisburg: IAQ-Report.<br \/>\nInfostelle Mobilfunk (2015): Rohstoffe und Lebenszyklus eines Mobiltelefons. http:\/\/informationszentrum-<br \/>\nmobilfunk.de\/sites\/default\/files\/IZMF_Factsheet_Lebenszyklus_2015.pdf \u2013 Zugegriffen 18.08.2017. Jones, Owen (2012): Prolls. Die D\u00e4monisierung der Arbeiterklasse. Mainz: Thiele.<br \/>\nPowershift e. V. (Hg.) (2017): Ressourcenfluch 4.0. Die sozialen und \u00f6kologischen Auswirkungen von Industrie 4.0 auf den Rohstoffsektor. Berlin: Powershift.<br \/>\nZittel, Werner (2016): Die geologische Verf\u00fcgbarkeit von Metallen am Beispiel Kupfer. In: Exner, Andreas; Held, Martin; K\u00fcmmerer, Klaus (Hg.): Metalle in der Gro\u00dfen Transformation. Berlin, Heidelberg: Springer Spektrum: 87\u2013108.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Mertens Von \u00d6tzis Kupferbeil zum All-Metals-Smartphone \u2013 was bedeutet das f\u00fcr Arbeit und Besch\u00e4ftigung? Einleitung Die digitale Transformation ist in aller Munde und das Reden von einer vierten industriellen Revolution ist allgegenw\u00e4rtig. 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