{"id":878,"date":"2016-08-06T08:36:17","date_gmt":"2016-08-06T06:36:17","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=878"},"modified":"2016-08-06T08:36:17","modified_gmt":"2016-08-06T06:36:17","slug":"105-etappe-melide-pedrouzo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=878","title":{"rendered":"105. Etappe: Melide &#8211; Pedrouzo"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt sitze ich hier am Vorabend der letzten Etappe und will was \u00fcber heute schreiben. Die vorletzte Etappe. Die Situation ist aber gerade dadurch gepr\u00e4gt, da\u00df ich da hocke, wo Hinz und Kunz seinen letzten Abend auf dem Camino feiert. Deshalb mu\u00df sich die Gastronomie eh nicht reinh\u00e4ngen, weil die Leute ausgelassen genug sind. Das ist einerseits sch\u00f6n, andererseits zwingt es mich dazu au\u00dferhalb der Partyzone was zu suchen. Ich finde dann auch was. Sopa de Fideos als Vorspeise, was eine schlichte Nudelsuppe, verfeinert mit Safran, meint. Und der Safran haut es halt raus. Vor einigen Tagen habe ich am Nebentisch Leute gesehen, die genau die Suppe bestellten, gegrillte Piementos, Chorizo und Langustinos als Raciones dazu orderten und die dann einzeln oder gemischt in die Suppe warfen oder dazu gegessen haben. Die hatten einen Heidenspa\u00df und sowas kann man ja auch mal nachkochen. Dann gab es ein Schweinegeschnetzeltes a la Chorizo, also scharf gew\u00fcrzt mit Pommes und, echte \u00dcberraschung, einen Beilagensalat, der \u00fcppig und von der K\u00fcche mit einer dazugeh\u00f6rigen Salatsauce versehen war. Der Wein dazu kam aus Spanien und war in Lugo abgef\u00fcllt, aber wer will f\u00fcr die 13Euro mehr verlangen wollen? Da habe ich f\u00fcr deutlich mehr Geld schon geringere Lebensmittelqualit\u00e4t und Kochkompetenz am Gaumen gehabt.<\/p>\n<p>Derart ges\u00e4ttigt und gest\u00e4rkt geht es zur\u00fcck in die Partyzone. Dachte ich. Die hat sich dann doch um zehn schon merklich geleert. Und dann f\u00e4llt es mir, wie Schuppen aus den Haaren. F\u00fcr die 100km-Wanderer ab Sarria, die sich daf\u00fcr eine Woche Zeit nehmen, ist das morgen die zweite l\u00e4ngere Etappe, n\u00e4mlich satte 21km, was mir mittlerweile wie ein l\u00e4ngerer Spaziergang vorkommt. Nun entwickele ich aber Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die 100km-Leute, hab aber keineswegs die Lust morgen fr\u00fch aufzustehen und das runterzurei\u00dfen.&nbsp;<\/p>\n<p>Es soll dieses Auslaufen werden, was ja in den letzten Tagen schon begonnen hat und heute einfach weiterging. Das hat zum Teil mit der Landschaft zu tun, die irgendwas von deutschem Mittelgebirge hat, egal ob Rothaargebirge, Rh\u00f6n oder Steigerwald. Weil es in den letzten Tagen mal wieder schlechte Nachrichten hagelte, spielt die Landschaft aber nur die zweite Geige. Ich tr\u00f6dele und schweife rum und denke in Liedern. Dabei kommt mir als erstes &#8222;So nimm denn meine H\u00e4nde&#8220;, mittlerweile als Trauerlied anerkannt, aber meine Eltern haben damit noch geheiratet, in den Kopf. Weiter geht es mit dem geliebten &#8222;Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde&#8220;. Danach gibt mit Sin Dios &#8222;Alerta Antifascista&#8220; was auf die virtuellen Ohren und ich lande bei &#8222;Gegr\u00fc\u00dfet seist du K\u00f6nigin&#8220;. Die Playlist, beileibe nicht vollst\u00e4ndig, steht f\u00fcr all das, was mir durch den Kopf geht. Ich habe mir mit 50 die Zeit genommen vier Monate rumzustrolchen, Erfahrungen zu machen und mir Dinge genauer anzugucken und zu durchdenken. Das ich dabei gut gegessen und getrunken habe, ist ja eh klar. Derweil hat sich diese Welt weitergedreht, was sie selbst in meiner Anwesenheit vor Ort getan h\u00e4tte. So vermessen bin ich nicht, aber es sind eben auch Leute gestorben oder liegen im Sterben, die sich immer einer Aufgabe, einem Auftrag verpflichtet gef\u00fchlt haben, und das mu\u00df nicht mal moralisch \u00fcberh\u00f6ht werden, die haben eigentlich immer nur gearbeitet. Und mir wird bei der Singerei, also eher Summerei -keine Auff\u00e4lligkeiten- dieses Riesengl\u00fcck klar, da\u00df ich da arbeite, wo ich arbeite; da\u00df wir diese sensationell geile Betriebsvereinbarung haben; da\u00df meine Liebstse das mitmacht und das ich nicht Spitz auf Knopf gen\u00e4ht bin. Und ich mir eigentlich auch w\u00fcnsche, da\u00df vielmehr Menschen diese Chance kriegen und nutzen, um eben zu merken, da\u00df Arbeit, egal wie cool, eben nicht alles ist.<\/p>\n<p>Ich gehe weiter, und mache Pause. Und entdecke beim Sinnieren \u00fcber meinen prima Rucksack, da\u00df die Schulterpolster zur Seite rausquetschen. Die sind nun also auch platt. Ich hatte mir die Tage schon Gedanken gemacht, ob meine Schultern jetzt doch schlapp machen, aber es wird halt nix mehr ged\u00e4mpft, was das Ziehen in den Schultern erkl\u00e4rt. Ich bin mal gespannt, ob sich das Schaumstoffzeigsl wieder aufrichtet, wenn es mal drei Tage in der Ecke steht. Der Tip f\u00fcr Leute, die \u00e4hnlich lang oder l\u00e4nger gehen wollen, lautet also: Lieber n Rucksack nehmen, der auf h\u00f6heres Gewicht ausgelegt ist und trotzdem eiserne Packdisziplin halten.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Ruhepause, ne Stunde vor dem Etappenziel, deshalb jetzt n kleines Bier. Familie mit vier Kindern kommt an. Die beiden Kleinsten quengeln, also Pause. Mutter holt ein Kartenspiel raus und f\u00e4ngt an, was zu spielen (Gibts in Deutschland auch. Geht nicht um die Karten, sondern um die Reaktionsgeschwindigkeit). Die Kurzen sind sofort dabei. M\u00fcdigkeit und Quengeln sind vergessen. Nach zwanzig Minuten fragt der abseitig d\u00f6sende Papa, ob denn nun alle wieder fit w\u00e4ren, es w\u00e4re ja auch nicht mehr lang. Dann k\u00f6nnte ja weitergespielt werden. Zack, und die Bande steht parat&#8230; Das war sch\u00f6n anzusehen und es gab einige Eltern(teil)-Kind-Gruppen auf dem Weg, wo ich mir das gedacht habe. Wie sch\u00f6n. Da\u00df was unsereins mit der Caritas-Kinderfreizeit erlebt und gelernt hat, mit den eigenen Eltern auf so einem internationalem Weg, wie diesem Camino, zu erleben. Da\u00df die Eltern(teile) alle p\u00e4dagogisch durch &#8222;Psychologie Heute&#8220; und &#8222;Eltern&#8220; geschult waren und nicht morgen wieder am Flie\u00dfband stehen, ist leider auch Tatsache. Zeit, das zu \u00e4ndern. Naturfreunde, ol\u00e8! Ich freue mich drauf, da im Herbst mit anzupacken. Diese Organisation hat soviel Tradition, so viel Erfahrung in genau den Fragen, die mich auf dieser Wanderung umtreiben. Das wird prima.<\/p>\n<p>Und jetzt bin ich alles losgeworden. Nein halt, als ich auf dem Weg nach Hause bin, treffe ich einen der Zottels, samt Hund und neuer Freundin wieder, die ich in Saint Jean kennengelernt habe. Er latscht mittlerweile mit der neuen Perle alleine, was ich ja wu\u00dfte, weil die anderen Zottels habe ich schon hinter dem Cruz de Fero getroffen. Und da hocken wir im Park und quatschen, unterhalten uns, ob der Camino ein Ende hat oder man auf dem Weg bleibt, wenn du den erlebt hast. Und wie lange es sich denn lohnt in Santiago zu feiern und was danach kommt. Ich bin ja fein raus. Der Bursche mu\u00df gucken, wie er mit dem Hund zackig nach Paris kommt und hat noch keine kosteng\u00fcnstige Idee, weil bei der Gr\u00f6\u00dfe mu\u00df er f\u00fcr den Hund den Viehtransport bezahlen. \u263a.&nbsp;<\/p>\n<p>So, jetzt aber um. Die haben nu schon den Rasensprenger angeschaltet&#8230; w\u00e4hrend ich noch da sitze und schreibe. Ignoranten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt sitze ich hier am Vorabend der letzten Etappe und will was \u00fcber heute schreiben. Die vorletzte Etappe. 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