{"id":876,"date":"2016-08-06T08:26:56","date_gmt":"2016-08-06T06:26:56","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=876"},"modified":"2016-08-06T08:26:56","modified_gmt":"2016-08-06T06:26:56","slug":"104-etappe-palas-de-rei-melide","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=876","title":{"rendered":"104. Etappe: Palas de Rei &#8211; Melide"},"content":{"rendered":"<p>Es regnet. Endlich mal wieder. Ich hatte fast vergessen, wie sich das anf\u00fchlt. Und f\u00fcr viele Mitwanderer ist das ganz offdnsichtlich eine neue Erfahrung, wie die Schlange vor den Gesch\u00e4ften, die Ponchos verkaufen, zeigt. Da haben wohl wenige dran gedacht, obwohl Galicia f\u00fcr seine Niederschl\u00e4ge auch bekannt ist. Naja ich mache mich in alter Routine regenfest und stiefele los. Da\u00df ich die anderen WandererInnen \u00fcberhaupt mitkriege, hat damit zu tun, da\u00df die gewartet haben, ob es aufh\u00f6rt zu regnen und ich schlicht liegen geblieben bin. Es geht heute nur auf dreieinhalb Stunden nach Melide und da habe ich eigentlich alle Zeit der Welt. Nat\u00fcrlich dachte ich auch, da\u00df die Corona l\u00e4ngst \u00fcber alle Berge ist. Fehlanzeige. Denn just zu dem Zeitpunkt, an dem ich los will, entscheiden sich auch viele andere dazu. Bl\u00f6d gelaufen.<\/p>\n<p>Also gehe ich als einer der wenigen ohne Clique, Freund oder Freundin und meine Zwiegespr\u00e4che verlaufen leise. Hoffe ich zumindest, nicht das ich mir das vor mich hin Brabbeln angew\u00f6hnt habe. Die anderen unterhalten sich auf jeden Fall in der \u00fcblichen Lautst\u00e4rke, also landsstypischen Lautst\u00e4rke. Das macht diesen Spaziergang durch gr\u00fcnes, galicisches und regenverhangenes H\u00fcgelland nicht zu dem Ausflug in den Zauberwald, der es ob der \u00c4u\u00dferlichkeiten sein k\u00f6nnte, sondern ich wandere einfach vor mich hin.<\/p>\n<p>Und komme dabei nat\u00fcrlich ins Gr\u00fcbeln. Ich bin genau heute seit vier Monaten auf der Walz und \u00fcbermorgen ist das vorbei. Dann habe ich zwar noch was vor, bis ich im Oktober wieder am Schreibtisch sitze, aber dieser Weg ist dann zu Ende gegangen. Auf der einen Seite bin ich froh, es geschafft zu haben, wenn nix schlimmes mehr passiert, auf der anderen bin ich traurig, da\u00df es vorbei ist. Dabei trifft es traurig gar nicht richtig, vielmehr habe ich Schi\u00df die Routine, die auch in diesem Vagabundenleben steckt, wieder gegen andere Routinen einzutauschen und mache mir Gedanken was von der einen Routine den transferw\u00fcrdig und -f\u00e4hig ist. Vier Monate mit 12 Kilo Eigentum, inklusive Zelt, Isomatte und Schlafsack, also Haus und Schlafzimmer, sowie dem kompletten Kleiderschrank, lassen mich schon dr\u00fcber nachdenken, wieviel ich den wirklich brauche. Dabei freue ich mich schon auch auf einen Satz Unterhosen, der f\u00fcr einen Monat langt und frage mich, ob das mit den 12 Kilo auf Dauer cool ist. Weil es nat\u00fcrlich so ist, da\u00df nach vier Monaten Handw\u00e4sche und -ich glaube- drei Waschmaschinenbesuchen aber auch gar nichts mehr wirklich taufrisch riecht. Und die meisten Sachen sind auch durch. Die Wanderhose hat sich bei der letzten W\u00e4sche schonmal sowas wie eine Laufmasche zugelegt. Da w\u00e4re es also tats\u00e4chlich so, da\u00df ich auf den Mantelsonntag im September hinwirken w\u00fcrde, um was Neues zu bekommen. Und der Gedanke, ob wir mit wenig Klamotten und deren permanenten Nutzung nicht mehr kaputt machen, als der Chance, da\u00df die Materialien sich erholen. Bestes Beispiel Schuhe. Da geht es ja nicht nur um die Sohle, aber die Schuhe, die ich seit St. Jean trage, l\u00fcften gar nicht mehr aus, was ihren Zerfall beschleunigt. Also denke ich, da\u00df mindestens zwei paar Schuhe schon Sinn machen, f\u00fcr die Frauen mehr, aber keine 100. Basta. All das geht mir durch den Kopf und will gesch\u00fcttelt, nicht ger\u00fchrt werden. Es ist soviel, da\u00df es halt noch nicht strukturiert ist.<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich auch durchgehen, aber als eine Bar &#8222;Die zwei Deutschen&#8220; hei\u00dft, gehe ich da aus landsmannschaftlicher Zugewandtheit mal rein. Von den beiden Deutschen war zwar nix zu sehen, aber die Pause war trotzdem ok. Wegen des Regens und dem Verband an der rechten Hand konnte ich nicht so konsequent mit den St\u00f6cken arbeiten, wie in den letzten Monaten &#8211; wie sich das anh\u00f6rt, ist aber so- &nbsp;was also mehr Kraft in den Beinen braucht. Und nach dreieinhalb Stunden erreiche ich Melida, unbest\u00e4tigten Ger\u00fcchten zufolge die Stadt mit den besten Pulperias in Galicien.<\/p>\n<p>Aber mein erster Weg geht ins Centro de Salud zum Verbandswechsel. Das St\u00e4dtchen etwas gr\u00f6\u00dfer, das Zentrum auch, die B\u00fcrokratie deshalb etwas m\u00e4chtiger. Ich mu\u00df also warten, meinen Ausweis abgeben, der kopiert wird und im Hintergrund rechnet bestimmt ein blutjunger Controller aus, ob sich der Aufwand lohnt, den Verbandswechsel in Rechnung zu stellen. Ich habe Gl\u00fcck, es lohnt sich nicht und ich komme dran. Die nette Jung\u00e4rztin guckt sich den Finger an und schl\u00e4gt vor, da\u00df ich mir den Verband doch selber wechseln soll und mich erst in einer Woche einem Arzt vorstelle, wenn nix schlimmer wird. Sie h\u00e4tte den Eindruck, das s\u00e4he gut aus und entwickle sich auch anst\u00e4ndig weiter. Ich sag ok, und frag nach einer Liste, was ich denn alles in der Farmacia kaufen soll. Sie schreibt mir nur die Salbe auf und stellt aus ihren Best\u00e4nden die anderen Verbrauchsmaterialien zusammen. Ich sage, so habe ich das nicht gemeint und sie antwortet, das w\u00e4re schon ok. Ich bedanke mich vielmals. Das alles haben wir auf Englisch abgewickelt, weil die gute Frau, der Engel von Melide, irgendwo in USA studiert hat. Alles gut.<\/p>\n<p>Dann ins Hotel und ab in den Speisesaal. Seit diesen Verbandswechseln habe ich mittags richtig Hunger. Es gibt gr\u00fcnen Bohnen mit Speck, Zwiebeln und den unvermeidbaren Paprika, sowie Brot. Noch n kaltes Wasser mit aufs Zimmer. Siesta. Von drei bis sechs einfach mal nicht busy, busy sein, sondern auf dem Bett liegen, Fernsehen gucken, Emails checken und was lesen. Das wird auch etwas sein, was als Routine schwer in meinen normalen Alltag zu \u00fcbertragen sein wird, aber wei\u00df? Wer will, da\u00df die Menschen bis 67 buckeln, mu\u00df eben auch \u00fcber Ruher\u00e4ume und -zeiten nachdenken. Ich wei\u00df allerdings nicht, ob der spanische Tagestakt, der sicherlich auch dem Wetter geschuldet ist, so mir nichts dir nichts nach Deitschland zu transferieren w\u00e4re. Obwohl ich ja hier in Galicien bin, es heute geregnet hat und es auch nicht so hei\u00df war. Vielleicht geht doch was im Klimawandel, der auch Kulturwandel sein mu\u00df.<\/p>\n<p>Abends ziehe ich dann los. Ein nettes St\u00e4dtchen, das neben dem Vorteil die H\u00fctte am Camino vollzukriegen auch Oberzentrum ist und ein wenig industriellen Besatz hat. Merkste sofort. Und das Bummeln macht auch mehr Spa\u00df, als nur \u00fcber Pilgers Flipflops zu stolpern. Ich lande in einer Bar, wie es in Galicien einige gibt. Die kriegen das Bier nicht in 50l F\u00e4ssern, sondern direkt aus den gro\u00dfen Tanks der Brauerei unfiltriert in etwa 500l gro\u00dfe F\u00e4sser gepumpt und von da aus frisch ins Glas. Die permanente Brauereibesichtigung. Sch\u00f6nes Konzept, schmackhaftes Bier, begleitet von einer weiteren, sch\u00f6nen Sitte in Galicia. Die Tapas werden nicht einzeln zum Getr\u00e4nk gereicht, sondern die Damen und Herren von hinter der Theke gehen mit Tabletts rum und reichen H\u00e4ppchen. Also bist du pappsatt, bevor es ans Essen geht. Aber ich will ja noch Pulpo probieren und latsche Richtung Stadtausgang, wo ich heute schonmal an einer vorbei gelaufen bin, die mittags rappelvoll war. Ich checke dann da ein, bestelle meinen Pulpo und einen Vino blanco, der auch stilecht in der Keramiktasse serviert wird, wie der Cidre in der Bretagne. Kelten halt. Aber der Stoff ist so schlecht, da\u00df ich ihn stehen lasse. Der Pulpo dagegen ist fein. Kein Gummi, Eigengeschmack und gut gew\u00fcrzt. Alles gut. Mit Essen war es das also f\u00fcr heute. Das mit dem Wein geht gar nicht. Ich bin aber doch eben an einer Bar mit dem Motto &#8222;a boa vida &#8211; a boa vino&#8220; vorbeigelaufen? Also hin da, dem Wirt mein Leid geklagt und einen guten Wei\u00dfen aus Galicia eingefordert, den ich dann auch bekommen habe. Zufrieden gehe ich jetzt ins Bett. Morgen gibt es nochmal 33km auf die F\u00fc\u00dfe&#8230; Ever forward.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es regnet. Endlich mal wieder. Ich hatte fast vergessen, wie sich das anf\u00fchlt. Und f\u00fcr viele Mitwanderer ist das ganz offdnsichtlich eine neue Erfahrung, wie die Schlange vor den Gesch\u00e4ften, die Ponchos verkaufen, zeigt. 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