{"id":872,"date":"2016-08-06T08:10:48","date_gmt":"2016-08-06T06:10:48","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=872"},"modified":"2016-08-06T08:10:48","modified_gmt":"2016-08-06T06:10:48","slug":"102-etappe-sarria-portomarin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=872","title":{"rendered":"102. Etappe: Sarria &#8211; Portomarin"},"content":{"rendered":"<p>Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht, ohne Pochen im Finger oder sonstige Hinweise auf Komplikationen bin ich dann zeitig los, um mich wieder in der Ambulanz vorzustellen. Da war ich auch und habe da den Unterschied zwischen &#8222;Ma\u00f1ana. Ma\u00f1ana&#8220; und &#8222;ma\u00f1ana ma\u00f1ana&#8220; kennengelernt. W\u00e4hrend das erstere Irgendwann mal hei\u00dft, soll dem Sprachunkundigen oder auch allen Anderen das gedoppelte Wort zweimalmorgen, also \u00dcbermorgen bedeuten. Ich werde also freundlich angeh\u00f6rt, aber abgewiesen und mache mich auf den Weg.<\/p>\n<p>Das Gesundheitszentrum liegt zun\u00e4chst nicht auf dem Weg, aber als ich auf den Weg einbiege, wird er wahr. Der Alptraum dieser vielen, aneinandergereihten PilgerInnenhorden, die sich aus welchen Gr\u00fcnden auch immer auf den Weg machen. Jetzt isses soweit. Gegen das, was hier dem Weg zugesp\u00fclt wird, ist Le Puy, Conques, selbst Saint Jean ein Kinderspiel gewesen. Und ich mittendrin, gehandicaped, weil ich ja den verbundenen Mittelfinger spazierentrage. Das macht keine gute Laune und ich mu\u00df das Mantra von meinem Weg und meinem Tempo ein paar Kilometer vor mich herbeten, bis es wieder passt.<\/p>\n<p>Die haben jedes Recht hier zu sein und auch so laut, wie sie wollen. Die spielen in einer anderen Liga. Ich bin seit fast vier Monaten unterwegs und die sind heute Morgen losgegangen. Nat\u00fcrlich ist man da aufgeregt und wenn die Clique dabei ist, wird eben gequatscht. Alles ok, wer aber bei alle dem aufh\u00f6rt im Kopf zu haben, da\u00df er oder sie nicht alleine auf der Welt ist, sollte diesen Weg sehr langsam auf sich wirken lassen. Ich freue mich wie Bolle auf den 100km Stein, also den Hinweis, da\u00df es nur noch 100km zu Laufen sind, weil da\u00df f\u00fcr jemanden mit einem nicht-linearen Zahlenverst\u00e4ndnis n echt sch\u00f6nes Ding ist, wenn es nicht mehr drei, sondern nur noch zwei Zahlen vor dem Komma sind. Und dann isses da und ein possendes, selfie-optimierendes Twentysomething-Ged\u00f6ns ertrage ich ja. Als aber eine Gruppe jungebliebener 40j\u00e4hriger Franz\u00f6sinnen, an mir und ein paar MountainbikerInnen die auch weiter wollen, die SelfieNummer schieben wollen, rauschts. Ich werde laut und verweise die Damen auf den Platz, schie\u00dfe mein Foto, zusammen mit der MountainbikerInnengruppe, zeitgleich und wir k\u00f6nnen weiter. Was die M\u00e4dels danach an Aufwand treiben, ist mir Latte, aber ich denke nach, wieviel Aufwand es machen w\u00fcrde, die Zeit am Stein zu verkaufen. Also 100 Meter vorher ein Schild aufzustellen und anzuk\u00fcndigen, da\u00df es Stau g\u00e4be, aber 5 Minuten alleine mit den Stein auch nur f\u00fcnf Euro kosten w\u00fcrden und dann k\u00f6nnen die SelfiePosing machen wie sie wollen, aber ich verdiene mein Taschengeld. Ich \u00fcberlege noch das business modell an einen notleidenden spanischen Rentner zu verschenken und dann ist der Gedanke auch schon wieder weg.<\/p>\n<p>Kurz nach einer v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllten Raste, kommt ein souver\u00e4n gef\u00fchrtes Haus f\u00fcr Leute, wie mich. Familienbetrieb, wenig zu Essen, wenn dann Men\u00fc, kein Englisch, aber ein frischgezapftes Estrella Galicia f\u00fcr die letzten Kilometer r\u00fccken sie raus. Lecker und ich habe die Ruhe, w\u00e4hrend die Corona an mir vorbeilatscht, diesen Moment zu genie\u00dfen. Nur noch 100km. Wenn mir am 4. April mal jemand gesagt h\u00e4tte, da\u00df ich 100km zu Fu\u00df und vier Tage f\u00fcr recht \u00fcberschaubare Einheiten im Sinne von Geschwindigkeit und Dauer halte, h\u00e4tte ich wahrscheinlich ungl\u00e4ubig geguckt. Ist aber so. Es hat sich was ver\u00e4ndert. Ob das gut oder durchhaltbar ist, wenn ich wieder Auto fahre, ist dabei zweitrangig. Das es in ge\u00e4nderten gesellschaftlichen Bedingungen zu ver\u00e4nderten Interpretationen von Nah und Fern, sowie von Dauer kommt, kommen kann, ist doch schonmal positiv. Beim Bezahlen treffe ich noch ein sehr nettes d\u00e4nisches P\u00e4rchen. Wir unterhalten uns kurz, aber klug und weiter gehts.<\/p>\n<p>Dann checke ich in Portomarin ein und gehe erstmal zum Centro de Saude wie das hier in Galizien hei\u00dft und lasse mich neu verbinden. Ikke und ein Doktor plus der Typ am Wareneingang, die beide gar kein Englisch sprechen. Ein Traum. Nun kann ich ja ein paar Brocken, was aber macht ein Refugee, der nichtmal die rausbringt und erkl\u00e4ren mu\u00df, was ihm gerade fehlt und, so wie ich -h\u00fcstel- auch keine Krankenkarte dabei hat, also Cash bezahlen will. An dieser Stelle meinen Respekt f\u00fcr alle, die sich auf diese lange Reise einlassen und ein gro\u00dfes Danke ans Centro, weil ich einen neuen coolen Verband bekommen habe. Dann habe ich Hunger und ess was. Beim Blick darauf, wo ich den jetzt hin mu\u00df, meine Unterkunft, merke ich, da\u00df die zwar ein gut besprochenes Resto hat, aber au\u00dferhalb liegt. Also geht es nochmal los, als ein Auto neben mir h\u00e4lt und mich fragt, ob ich da hin will. Lustigerweise hat er das Logo der Unterkunft auf der Fahrert\u00fcr und ich steige ein. Toll, n Shuttelservice, der mich morgen auch zur\u00fcck auf den Weg bringt.<\/p>\n<p>Zimmer beziehen. Waschen. Duschen. Duckeln. Und dann mal runter in den Landgasthof. An der Theke ein ein irisches &nbsp;Lehrerp\u00e4rchen, mit dem es vor und w\u00e4hrend dem Essen um eines der wichtigen Themen der Welt geht. Wie kriegen wir welche Probleml\u00f6sungskompetenz mit welchen Ausgangswissenbest\u00e4nden in welche K\u00f6pfe und wie kriegen wir es hin, da\u00df als allererstes alle begreifen, da\u00df alle Kinder in eine Schulklasse geh\u00f6ren und das dreigliedrige Schulsystem sowas von oldschool ist. Ein ganz tolles Tischgespr\u00e4ch, das mir viel mitgegeben hat. In Irland haben die wohl nie Inklusion beschlossen, weil sie das Prinzip der Einheitsklasse nie aufgegeben und somit quasi nat\u00fcrlich inklusiv sind, was wieder auch ein Fingerzeig drauf sein kann, da\u00df gute Konzepte auch aus der Not geboren sein k\u00f6nnen. Hm, so kann es also auch gehen. Ich h\u00e4tte es halt lieber ohne Not. Aber ich geh jetzt aufs Zimmer, ess Pistazien f\u00fcr die Blutbildung und schlafe&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht, ohne Pochen im Finger oder sonstige Hinweise auf Komplikationen bin ich dann zeitig los, um mich wieder in der Ambulanz vorzustellen. Da war ich auch und habe da den Unterschied zwischen &#8222;Ma\u00f1ana. 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