{"id":834,"date":"2016-07-26T08:26:25","date_gmt":"2016-07-26T06:26:25","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=834"},"modified":"2016-07-26T22:02:02","modified_gmt":"2016-07-26T20:02:02","slug":"92-etappe-sahagun-mansilla-de-las-mulas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=834","title":{"rendered":"92. Etappe: Sahagun &#8211; Mansilla de las Mulas"},"content":{"rendered":"<p>Herrgott, wann hab ich das letzte Mal auf dieser Wanderung so wohl gef\u00fchlt? Ich sitze jetzt am Ende eines langen Tages im Garten einer Sidreria und komme zum Schreiben. Der Garten ist voll mit Leuten und es herrscht munteres Treiben. Morgen ist hier ein Mittelalterfest an der Stadtmauer, was aber die Leute nicht von ihrer Freitagsrunde abh\u00e4lt und den Wanderern ists ja eh egal. Mir nicht. Ich genie\u00dfe das, weil der Tag heute dazu einl\u00e4dt, also von Anfang an.<\/p>\n<p>Ich bin morgens fr\u00fch durch Sahagun, einem Namen der in jedem Mittelalterroman zum Jakobsweg f\u00e4llt, weil es mal das bedeutendste Benediktinerkloster Spaniens war. Damit war die Stadt immer auch Schauplatz des Zwistes zwischen Zisterziensern und Benediktinern, der so volumin\u00f6s war, da\u00df die Streitigkeiten in der Bayern-SPD hom\u00f6opathisch erscheinen. Nun bin ich aber im 21. Jahrhundert durch dieses St\u00e4dtchen gegangen und habe nichts anderes gesehen, als eine Stadt im Umbruch, die sich dem nicht stellen will. Es ist nun nicht mehr als eines dieser Mittelzentren, die es wohl \u00fcberall gibt. \u00c4rzte, Apotheker und Filailleiter der Bank kommen von da weg und gerade so \u00fcber die Runden. Die Handwerker haben weite Wege in den Landkreis und das Lebensmittelhandwerk krebst rum. A vendre. Die Gastronomie versuchts mit Internationalismus und es gibt die zwangsl\u00e4ufige Guiness-Pinte, was neben Sonnenstudios und Reiseb\u00fcros in der Regel ein Zeichen f\u00fcr das langsame Sterben einer Kommune ist. So f\u00e4ngt der Tag ja gut an. Ich im Strukturwandelmodus und mit der Unnachsichtigkeit, die manchem auch schonmal aufst\u00f6\u00dft. Hier ist tote Hose, und wer gestern abend die Omas und Opas mit den Enkeln auf dem Corso gesehen hat (jaaaa, ich war doch noch mal los. Wollte das sehen.), wei\u00df auch, das die Eltern irgendwo anders sind. Wer da ist, sind diese Pilgerwanderer und -innen. Aber was macht man da? Nichts. Die Bedeutung der Stadt erschlie\u00dft sich nicht interaktiv oder multimedial, sondern auf verblichenen Blechschildern. Eine Bezugnahme auf die neuere Mittelalterkrimi-Literatur habe ich auch nirgends gefunden, w\u00e4hrend ich in T\u00f6lz vor ein paar Jahren auf mehrere &#8222;Mit dem Bullen von T\u00f6lz durchs St\u00e4dtchen&#8220;-Rundg\u00e4nge angesprochen wurde. Also latsch ich da morgens durch und dann weg.<\/p>\n<p>Dann geht es lange in Sichtweise der N120 durchs Land und ich frage mich die ganze Zeit, ob ich das, was ich jetzt sehe, schon vor gef\u00fchlten 100 Jahren mit dem Motorrad gesehen habe? Ich bin n\u00e4mlich in den sp\u00e4ten 80ern\/ Anfang der 90er Jahre schonmal Richtung Santiago mit der XT gefahren und die N120 kommt mir vor wie eine alte Bekannte. Aber ich kann mich an nichts konkret erinnern, weil es eben ein Unterschied ist, ob ich da mit 80\/90\/100kmh vorbeiziehe oder zu Fu\u00df gehe und, was mir neulich mal ein Fahradfahrer gebeichtet hat, den Fotoapparat immer zur Hand habe, w\u00e4hrend selbst der Fahradmensch Aufwand treiben mu\u00df, weil er den Apparat eben nicht um den Hals tragen kann. Die Gr\u00fcbelei hat alsbald ein Ende und es geht rechts ab in die Pampa zwischen N120 im S\u00fcden und dem kantabrischen Gebirge im Norden.<\/p>\n<p>Im Wanderf\u00fchrer steht, die Strecke h\u00e4tte was von afrikanischer Savanne. Nun gut, hab ich mir gedacht. Dieser Wanderweg mu\u00df ja auch als Abenteuer verkauft werden, deshalb \u00fcppig-exotische Vergleiche. Hab ich mir gedacht. Und als maximal durch Daktari und Prof. Grzimek an Afrika geschulter Mensch mu\u00df ich sagen, da\u00df das schon so aussah wie in den Siebzigern im Fernsehen. Ohne L\u00f6wen. Aber gelbes Gras (keine Getreidefelder) und zwischendrin ein paar B\u00e4ume. Einzelstehend. So gro\u00df, da\u00df die da mindestens schon immer da stehen. Keine Strommasten und kurzsichtigerweise w\u00fcrde ich auch sagen, da\u00df es nirgends eine Windkraftanlage zu sehen gab. Aber in der Ferne waren Berge, hohe Berge zu sehen, was ein gigantisches Bild ergab, vor allem auch weil in Sichtweite weder vor noch hinter mir irgendjemand zu sehen war. Das war so knapp zwei Stunden echt toll. Dann kam der erste Boxenstopp und die Kampfaufgaben. Am Nebentisch versuchte ein asiatischer Teenager mit Fingersocken (das war mir vorher aufgefallen) zusammen mit zwei Belgiern rauszukriegen, wo sie denn sind. Der Jakobsweg hat in der Gegend n\u00e4mlich zwei Varianten. Variante 1:Landschaftlich reizvoll. Vier Stunden keine Kneipe. Variante 2: N120 f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger, aber niemals Angst haben m\u00fcssen zu Verdursten, was ja f\u00fcr Metropolenkinder, die selbst auf dem Schulweg mit Wasserflasche gesichtet werden, ein echtes Thema zu sein scheint. Egal, die asiatische Kollegin, samt Mutter und die Belgier versuchten nun zu kl\u00e4ren, was zu tun ist. Ich habe dann mit meinem Kartenmaterial (also das was der Wanderf\u00fchrer da als Karte reingefriggelt hat. Ist aber mehr als viele andere machen. Deshalb an dieser Stelle mal ein gro\u00dfes Lob an den Rother Bergverlag) mal erkl\u00e4rt, wo wir jetzt sind und welche Alternativen es gibt. F\u00fcr mich war das ja klar. 18km ohne Shoppingoption, ohne Einkehr. Aber geradeaus und gut ist. Die Belgier guckten dann erstmal nerv\u00f6s in ihrem Reisef\u00fchrer und haben sich dann wegen der 2Euro g\u00fcnstigeren Herberge f\u00fcr die k\u00fcrzere Etappe und den insgesamt l\u00e4ngeren Weg entschieden und die Kollegin und ihre Mama haben sich dann in der Herberge eingebucht, weil sie mehr als 10km am Tag nicht aushalten. Die M\u00e4dels haben mein Verst\u00e4ndnis. Die Jungs sollen an ihrem Geiz verrecken. Und ich erw\u00e4hne an dieser&nbsp;Stelle nochmal das Geiz und Neid zu den Tods\u00fcnden geh\u00f6ren. Dabei ist mir egal, ob da wer in der H\u00f6lle landet, aber ich halte das Nachdenken \u00fcber die sieben Tods\u00fcnden und die Frage an sich selbst, ob ich das will bzw. bin, f\u00fcr eine gute \u00dcbung. Mach ich auch manchmal. Aber eitel wie ich bin und allgelegentlich aufbrausend, gibt das mit dem Himmel nix.<\/p>\n<p>Dann kamen tats\u00e4chlich fast 18km Einsamkeit. Kein Mensch zu sehen, nur menschliche Spuren. Eisenbahntrassen und Autobahnen. Erlebt auf Wegen, die mal von Baufahrzeugen benutzt worden sind. Ich hatte zwischendurch das Gef\u00fchl, da\u00df die Spanier diese neuen Stra\u00dfe &nbsp;genau \u00fcber den historischen Weg gebretzelt haben, weil sie sich nicht vorstellen konnten, da\u00df irgendwer da zu Fu\u00df her will und auch noch Geld daf\u00fcr bezahlt, da\u00df das naturnah und verkehrsfern geschieht. Trotzdem hab ich an die Berge gucken k\u00f6nnen (was schon super ist.Berge, hohe Berge insbesondere, haben sowas Erhabenes. Ich guck da gern hin), bin nicht verdurstet und hab meinen strukturpolitischen Aufschlag des Morgens an \u00dcberlegungen zum Thema Stra\u00dfenbau als strukturpolitisches Instrument fortgef\u00fchrt, was aber darin gipfelte, da\u00df ich \u00fcberlegte, welcher Abgeordnete so doof w\u00e4re, so eine Arbeit in seinem B\u00fcro schreiben u lassen und warum genau die, obwohl sie wissen, da\u00df es eigentlich doof ist, nicht m\u00fcde werden ihre Hinterb\u00e4nklererfolge zu feiern, die ein St\u00fcck Teer in den Bundesverkehrswegeplan gebracht haben. Ich denke, die spanischen Regionen am Jakobsweg k\u00f6nnen dazu was erz\u00e4hlen. Wen ich dazu auch einladen w\u00fcrde, w\u00e4ren Leute von Tesla, die zum Auto eine Ladeinfrastruktur anbieten, die sorgenfreie Elektromobilit\u00e4t in Deutschland aufgebaut haben, obne das jemand eine B\u00fcrgerinitiative gegr\u00fcndet hat. Jaaaa, tut mir leid. 18km Einsamkeit erzeugen bei mir keine Erleuchtung, nix irgendwie Spirituelles, sondern eben nichts anderes als ein tieferes Nachdenken \u00fcber die Themen, die anstehen und aus denen wir betriebliche, gewerkschaftliche und staatliche Politik machen m\u00fcssen. Am besten aus einem Gu\u00df. Und mit vielen anderen. Ja, auch mit dir. \u263a<\/p>\n<p>Mit alle dem komm ich im Etappenziel an und wei\u00df schon aus der Ferne, da\u00df ich da nicht bleiben werde. Es sieht d\u00fcster aus. Dunke, gedeckte Farben an den H\u00e4usern. Scheisstimmung schon von weit weg. Das wird im Ort nicht besser. Viele vergitterte Fenster und keine Gastronomia, sondern Pilgerversorgungsstationen. Ich will weg, weiter, obwohl das heute schon 31km Strecke waren. Egal. Das geht hier gar nicht. Eine Cola, ein kleines Bier und weiter. Raus aus dem Ort und gleich gehts besser. Weitergehen&#8230;Der n\u00e4chste Ort kommt rasch in Sicht, oh das war nur das Industriegebiet. Aber irgendwann ist gut und ich bin im Ort und komm mir vor wie diese uralt-Villabacha-Villariba Werbung. Da oben das dunkle Dorf, hier die Guten. Ich komme in einer kleinen Pension unter. Der Chef informiert, wo ich gut essen kann, das morgen Fiesta ist und \u00fcberhaupt. Ich ruhe, gehe aus, kaufe neue Fu\u00dfsalbe, esse hervorragend und interessant und nun hock ich hier. In der Sidreria. Alles gut. F\u00fcr heute abend jedenfalls und hoffentlich sind meine M\u00fcnchnerInnen und die anderen auch heile geblieben. Aber es war ja auch nur ein Amoklauf und kein Bombenangriff, wie die -mir selber impulsiv nahegelegene- Wallung in fb vermuten lie\u00df. Damit bin ich aber wieder dabei dr\u00fcber nachzudenken, wie wir eine Welt erz\u00e4hlen wollen, die mit Klimawandel, Ressourcenknappheit und Bev\u00f6lkerungsver\u00e4nderungen hinsichtlich Raum und Alter (so kann man Migration auch umschiffen \u263a) und ein paar Bekloppten so locker umgeht, wie die Leute in Tel Aviv.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herrgott, wann hab ich das letzte Mal auf dieser Wanderung so wohl gef\u00fchlt? Ich sitze jetzt am Ende eines langen Tages im Garten einer Sidreria und komme zum Schreiben. 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