{"id":819,"date":"2016-07-19T17:30:36","date_gmt":"2016-07-19T15:30:36","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=819"},"modified":"2016-07-19T23:24:54","modified_gmt":"2016-07-19T21:24:54","slug":"88-etappe-burgos-hontanas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=819","title":{"rendered":"88. Etappe: Burgos &#8211; Hontanas"},"content":{"rendered":"<p>Nach einem anst\u00e4ndigen Fr\u00fchst\u00fcck gut ger\u00fcstet ging es fr\u00fch auf die Strecke, weil es gegen vier die 30Grad rei\u00dfen sollte und da m\u00f6chte ich schon gerne im Ziel sein. Zun\u00e4chst ging es durch das Universit\u00e4tsviertel raus aus der Stadt, vorbei an einem \u00fcberdimensionalen Logo, das sehr deutlich macht, da\u00df die Stadtv\u00e4ter die Geschichte nicht leugnen k\u00f6nnen, aber der Stadt ein modernes Image geben wollen, das urbanes Lebensgef\u00fchl vermittelt. Darauf weist im \u00dcbrigen auch die sehr gut ausgebaute Fahrradinfrastruktur hin.&nbsp;<\/p>\n<p>Schlu\u00dfendlich ist aber Burgos auch zu Ende und die Meseta beginnt. Endlose Getreidefelder in sanft geschwungenem H\u00fcgelland, das dem Auge wenig bietet und nur der n\u00e4chste Schritt z\u00e4hlt. Das ist auch so eine Herausforderung, die der Weg mit sich bringt. Der n\u00e4chste Schritt ist immer der Gef\u00e4hrlichste und es sind schon Leute auf Teer umgeknickt. Also hei\u00dft es, die Konzentration immer auf die n\u00e4chsten drei, vier Schritte zu richten und nicht permanent auf die Landschaft zu starren. Das macht es bei eher eint\u00f6niger Landschaft nat\u00fcrlich einfacher. Den Leuten, die nur auf die Landschaft gucken, wirds oft langweilig. Dabei geht das mit der Eint\u00f6nigkeit jetzt erst los. Es sind immerhin noch ein, nein zwei Aussichtspunkte ausgeschrieben, die von H\u00fcgeln herab ein sch\u00f6nes Panorama bis zur\u00fcck nach Burgos bieten. Ansonsten sind es Kleinigkeiten am Wegesrand, die mich mehr als sonst fesseln. Ein bl\u00fchender Busch, der sich zwar nicht als bl\u00fchend, sondern als von Schmetterlingen bev\u00f6lkert entpuppt, die auffliegen als ich vorbeigehe oder der Klatschmohn, der ein sattes Rot in die Kornfelder zaubert. Einzelne B\u00e4ume, die tats\u00e4chlich wie einsame Helden auf weiter Flur wirken und vieles mehr. Dazu die vielen Windkraftanlagen, die den Eindruck erwecken, als sei Spanien Vorreiter bei der Energiewende. Deutsche Landschaftssch\u00fctzer w\u00fcrden angesichts der gro\u00dfen Zahl wieder das unselige Bild der Verspargelung bem\u00fchen, aber ich freue mich diese Boten einer Wende, die mit einer eigentlich recht alten Technik einen Einstieg ins Postfossile wagen, zu sehen. Alles eine Frage der Sichtweise. Die einen geben den Don Quixote und mit mir zieht die neue Zeit. \u263a<\/p>\n<p>Die Orte am Weg sind Bauernd\u00f6rfer, die sich schon immer ein Zubrot mit den Pilgern verdient haben und das auch heute tun. Die gastronomische Infrastruktur ist deshalb getr\u00e4nketechnisch ok. Essensm\u00e4\u00dfig dagegen wird auf den Durchschnittsgeschmack von Menschen abgezielt, die sich sonst von TK-Pizza ern\u00e4hren. Nicht so sch\u00f6n. Das stellt sich derzeit auch noch im Zielort so dar, den ich vor der gro\u00dfen Hitze erreicht habe und mich stante pede aufs Zimmer verzogen habe. Hoffentlich kann ich mir das zuhause auch bewahren. Sonnenschein ist kein Grund das Bett zu verlassen. Ommmmm. Irgendwann ist es aber soweit. Ich will raus. Corsotime, was sich in einem verschlafenen Bauernnest aber als ziemlich d\u00e4mliche Idee herausstellt. So gehe ich die Dorfstra\u00dfe einmal rauf und runter und gut ist. Nun sitz ich hier vor der Unterkunft und genie\u00dfe die warme Luft, die Sonne und versuche damit einen nicht so gelungenen Rosado &nbsp;zu vergessen. Das war nix. Zu alkohollastig, keine sch\u00f6nen Noten. Setzen. Auf Nachfrage r\u00fcckt die Wirtin damit raus, da\u00df das ein Tafelwein aus spanischen Trauben war, als so ein Zeug, das bei uns als spanische M\u00e4dchentraube f\u00fcr 1,99 \u00fcber den Tisch geht. Ich mache ihr klar, da\u00df das f\u00fcr mich nichts ist und sie holt einen Rosado raus, der aus der Gegend kommt und den sie f\u00fcr heute abend kaltstellt.&nbsp;<\/p>\n<p>So ist eigentlich recht, jedoch wirft das ein d\u00fcstres Bild auf die PilgerInnenszene. Mir hat n\u00e4mlich schonmal in Frankreich ein Wirt anvertraut, da\u00df er mich f\u00fcr eine l\u00f6bliche Ausnahme h\u00e4lt, weil die anderen PilgerInnen wohl eher mit Geiz gl\u00e4nzen. Ich denke mal, das ist in Spanien nicht viel anders. Dabei ist das Preisniveau hier, insbesondere f\u00fcr deutsche Verh\u00e4ltnisse, als voll in Ordnung zu bezeichnen. Warum sich dann trotzdem viele, die f\u00fcr 1500Euro Equipement dabei und am Leib haben, T\u00fctenwurst und -k\u00e4se aus dem Supermarkt reintun und sich um das g\u00fcnstigste Pilgermen\u00fc balgen, bleibt mit schleierhaft. Durch die spannendsten kulinarischen Regionen zu gehen und nicht das Verlangen zu haben, die auch kulinarisch zu erleben, erschlie\u00dft sich mir nicht. Naja, ich bin halt auch nicht auf Abla\u00df aus, weils f\u00fcr uns Katholiken seit Martin Luther ja auch leichter geworden ist. Bei uns langt mittlerweile ein ehrlicher Blick zum Himmel mehr als ein falsch Gebet.<\/p>\n<p>Ich war dann mal was essen. Von Linsen kann ich nicht lassen und war gespannt. Mit einem Schmortopf kriege ich wenigstens etwas Gem\u00fcse. Ich sag mal so, das war f\u00fcr neun Euro in Ordnung und mehr habe ich auch nicht erwartet, aber die schlechte Stimmung, die zwischen mir und dem Kellner aufkam, weil ich Wei\u00dfwein wollte und nicht die seit Stunden vor sich hin oxydierende Rotweinpl\u00f6rre, war schon nicht von schlechten Eltern. Der war n\u00e4mlich richtig sauer. Kann ich aber auch nicht f\u00fcr. Der Wei\u00dfe war dann ok. Als ich dann, f\u00fcrs Frieden stiften, noch einen Kaffee, der nicht zum Men\u00fc geh\u00f6rte, bestellte, war die Welt auch wieder in Ordnung. Hab damit n\u00e4mlich klarmachen k\u00f6nnen, hoffentlich, da\u00df ich nicht neunmalklug und pfennigfuchserisch bin, sondern wei\u00df, was ich essen und trinken will. Noch ein Tipp: Mit Trinkgeld kann in Spanien garnix geregelt werden. Ist einfach so.<\/p>\n<p>Wo ich ja heute schonmal von den Windkraftanlagen berichtet habe, besch\u00e4ftigt mich an solchen Tagen immer auch die Frage, wie wir die Zukunft, die sich mit Ressourcenknappheit und Klimawandel eher nach Mad Max anh\u00f6rt, genu\u00dfvoll, lebenswert und gemeinsam gestalten k\u00f6nnen? Wie k\u00f6nnen kommende Knappheiten als Gewinn erz\u00e4hlt werden. Und das in einem Land, wo Lebensmittelqualit\u00e4t keine Rolle spielt und auch die Schweine f\u00fcr die Schlachtplatte aus der Metro kommen k\u00f6nnen? Da hat mir das Qualit\u00e4tsbewu\u00dftsein in Frankreich und Spanien schon mehr zugesagt. Da wiederum ist fehlendes gesellschaftliches Umweltbewu\u00dftsein (Stichwort Plastikfr\u00fchst\u00fcck) und ein reichlich autofixiertes Mobilit\u00e4tsverst\u00e4ndnis ein Thema. Gleichzeitig lassen sich anscheinend Windkraft (Spanien) und Wasserkraft (Frankreich, Loire) in zentralistisch gef\u00fchrten Staaten leichter durchsetzen, die aber eben auch zu gigantischen Gro\u00dfprojekten neigen. Es bleibt also schwierig und ich werde weiter \u00fcber das Gute Leben nachdenken, habe aber in den letzten Wochen immer mehr den Eindruck gewonnen, da\u00df wir die Diskussion darum europ\u00e4ischer als bislang f\u00fchren m\u00fcssen, was mehr hei\u00dft, als sich allgelegentlich mit \u00f6sterreichischen und schweizer Gr\u00fcnen an einen Tisch zu setzen.&nbsp;<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde um ein Narrativ europ\u00e4ischer Kulturgeschichte gehen, die Anekdoten von Arbeitern und Baumeistern aus K\u00f6ln und Paris, die die Kathedrale in Burgos mitgebaut haben, erz\u00e4hlt, genauso wie sie die Tradition des f\u00fcnften Viertels, n\u00e4mlich die K\u00fcche der Leber, der Milz, des Magens und aller anderen Innereien erz\u00e4hlt, die von Spanien und Portugal bis nach Skandinavien reicht, also nichts mit sommerlichen Temperaturen zu tun hat, sondern mit einer genu\u00dfvollen Verwertung der Knappheit und dem Respekt vorm ganzen Tier. Und das alles w\u00e4re zu \u00fcbersetzen ins 21. Jahrhundert, insbesondere eben auch mit den Megatrends von Digitalisierung und Urbanisierung.&nbsp;<\/p>\n<p>Aber was w\u00fcrde zu diesen Megatrends besser passen, als ein Bauernmarkt mit einer gut gemachten Homepage, auf dem die Direktvermarkter der Region ihre Produkte in die Stadt bringen und Restaurants, die auf ihre Speisekarte schreiben, wo sie einkaufen. Gut, ich lande wieder bei dem Thema Essen. Komisch, oder? \u263a<\/p>\n<p>Ich lade aber alle ein an dieser europ\u00e4ischen Kulturgeschichte, die bis weit ins 21. Jahrhundert reichen sollte, mitzuarbeiten. So g\u00e4be es die Geschichte von Nah und Fern zu erz\u00e4hlen. Warum beispielsweise tun sich Hochdeutsche in Oberbayern so schwer? Warum kommen Italiener und Spanier so schwer nahe, wo f\u00fcr mich, der keine der beiden Sprachen richtig kann, die \u00c4hnlichkeiten auf der Hand liegen. Kaum aber ist die europ\u00e4ische Rasselbande 10 Tage auf einem gemeinsamen Weg, gibt es eine gemeinsame Sprache. Das war zu Zeiten der Hanse etwa oder der Kreuzz\u00fcge bereits \u00e4hnlich und die hatten kein Englisch in der Schule. Heute wird Sprachkompetenz als Integrationsvoraussetzung diskutiert. Ein v\u00f6llig unhistorisches Argument, also diskutabel&#8230;<\/p>\n<p>Ich lass jetzt gut sein. Das ist alles zu vertiefen, aber eben auch der Situation geschuldet. Ich sitze inmitten von etwa 15 Tischen, alle angef\u00fcllt mit WandererInnen und PilgerInnen, die Italienisch, Franz\u00f6sisch, Spanisch, Englisch, irgendwas was sich schwer nach Texas anh\u00f6rt und Deutsch, sowie irgendwas Grunzlautiges aus einem \u00f6sterreichischem Bergdorf (Die verstehen mich. Ich die \u00fcberhaupt nicht.) durcheinander- und miteinanderquatschen und das nicht nur \u00fcber wohin, woher, sondern \u00fcber Sinn, Werte und berufliche Tr\u00e4ume. Das macht doch Hoffnung. Und mit der im Herzen leg ich mich jetzt hin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einem anst\u00e4ndigen Fr\u00fchst\u00fcck gut ger\u00fcstet ging es fr\u00fch auf die Strecke, weil es gegen vier die 30Grad rei\u00dfen sollte und da m\u00f6chte ich schon gerne im Ziel sein. 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