{"id":802,"date":"2016-07-15T13:19:22","date_gmt":"2016-07-15T11:19:22","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=802"},"modified":"2016-07-15T13:19:22","modified_gmt":"2016-07-15T11:19:22","slug":"84-etappe-najera-santo-domingo-de-la-calzada","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=802","title":{"rendered":"84. Etappe: Najera &#8211; Santo Domingo de la Calzada"},"content":{"rendered":"<p>Was war das kalt. In der Nacht waren die Temperaturen derartig in den Keller gegangen, da\u00df ich mir zun\u00e4chst mit langer U-Hose und T-Shirt geholfen habe, \u00fcber die ich dann nachts um drei noch den Reiseschlafanzug gezogen habe. Hat aber auch nichts genutzt. Der Schlafsack ist f\u00fcr einen richtigen Sommer gemacht und die Nacht war f\u00fcr die Katz. Gegen halb sechs bin ich dann doch wegged\u00e4mmert und erst um halb neun wachgeworden. Boah, war ich fertig. Deshalb mussten es eine hei\u00df-kalte Dusche, zwei Cafe con Leche und ein frischgepresster Orangensaft sein, bevor es auf die Strecke ging. Ich dachte, da\u00df das sp\u00e4te Losgehen vielleicht von Vorteil sei, weil ich alleine unterwegs w\u00e4re, aber ich hatte diejenigen WandererInnen vergessen, die ihre Etappen mit geringeren Kilometerzahlen beplant haben und deshalb nicht bis Najera gekommen waren, aber eben um halb elf dort sein konnten, weil sie da schon zwei Stunden unterwegs waren. Naja, mittlerweile habe ich mich an Begleitung fast gew\u00f6hnt und die meisten habe ich dann im Laufe des Tages auch hinter mir gelassen. Da f\u00fcr heute nur 20km in 4h, wegen eigentlich recht flachem Streckenverlauf, &nbsp;aufgerufen waren, ist das ja auch mehr unter Spazierengehen zu buchen. Deshalb genie\u00dfe ich trotz des sp\u00e4ten Aufbruchs die Landschaft. Am Horizont sind Berge zu sehen, die Ebene ist fruchtbar wie nur was und es wird Wein und Getreide angebaut. In den Weilern, die ich streife, betreiben die Menschen kleinere und gr\u00f6\u00dfere Gem\u00fcseg\u00e4rten, die allesamt pr\u00e4chtig dastehen. Dabei sind die Wege staubtrocken, geregnet hat es schon l\u00e4nger nicht mehr und ich sehe nun auch offene Bew\u00e4sserungskan\u00e4le aus Beton und -gr\u00e4ben, die gezogen wurden. Durch einzelne Weing\u00e4rten ziehen sich dicke, schwarze Schl\u00e4uche zu den einzelnen Rebst\u00f6cken, was ja schonmal ein Fortschritt ist. Nach Tr\u00f6pfchenbew\u00e4sserung sieht das hier alles nicht aus. Und wieder mal denke ich dr\u00fcber nach, was die Menschen wohl machen werden, wenn das Wasser entweder zerst\u00f6rt oder wegbleibt. Wie schnell werden sie sich darauf einstellen und welche Ma\u00dfnahmen ergreifen. Wie k\u00f6nnen so Leute wie ich mithelfen, diesen Wandel, der ja zun\u00e4chst in den K\u00f6pfen stattfinden mu\u00df, voranzutreiben. Wie s\u00e4he sie denn aus, eine Politik der klimafesten Landwirtschaft in Europa? Ich wei\u00df es auch nicht genau, aber ich denke, es w\u00e4re wichtig, die richtigen Leute an einen Tisch zu holen, bevor auch der Klimawandel eine Frage der Metropolen wird.<\/p>\n<p>In solcherlei Gedanken verstrickt erklimme ich eine Anh\u00f6he, vergleichbar mit dem Wilseder Berg in der L\u00fcneburger Heide, und lese kurz vor dem Gipfel ein Schild, das auf die exorbitante Jugendarbeitslosigkeit in Spanien verweist. Hier sind rund 60% der Menschen unter 25 Jahren ohne Arbeit und nicht mehr in Schule oder Hochschule. Das ist schon dramatisch, weil es eine Lost Generation sein wird, die diesem Land Spanien, diesem Europa helfen will und kann, aber einfach nicht gefragt wird. Zwanzig Meter nach dem Schild sehe ich einen Sonnenschirm, darunter ein junger Bursche, der Getr\u00e4nke und Camino-Ged\u00f6ns f\u00fcr die vorbeidefiliernden Mittelschicht pr\u00e4sentiert. Ich erstehe eine Cola und frage nach dem Preis und er antwortet, da\u00df jeder gibt, was er kann. Mein Herz geht auf und ich sage ihm, wie wichtig ich so ein Schild auf diesem Weg finde. Dann geht sein Herz auch auf und wir erz\u00e4hlen sehr offen warum und wieso. Als ich die Fahne der spanischen Republik aus meinem Rucksack zerre, ihm zeige und erz\u00e4hle warum ich die seit Deutschland mit mir f\u00fchre, kommt er um den Tisch und wir fallen uns als Freunde und Genossen um den Hals. Er zerrt sich das Hemd vom Leib und ich sehe ein Tatoo, das eben genau die Farben der Fahne zeigt. Und er beginnt zu erz\u00e4hlen, da\u00df er eigentlich aus Leon, eigentlich Castilien, aber nahe an Asturien, kommt und dort Leute seit den 30er Jahren bis zu Francos Tod im Maquis gewesen sind, also versteckt gelebt haben und immer wieder die Franquisten angegriffen haben. Und das all diese Geschichten bis heute totgeschwiegen werden, weil sich das Establishment nach Francos Tod darauf verst\u00e4ndigt hat, den Mantel des Schweigens \u00fcber alles zu legen und heute auf den Zerfall des klassischen Zwei-Parteiensystems und dem entstehen neuer sozialer Bewegungen mit Repression reagiert. Ich erz\u00e4hle von den Auseinandersetzungen in Deutschland mit AFD und Konsorten und den Abwehrk\u00e4mpfen um die Aush\u00f6hlung des Sozialstaats , die wir mit der Umsetzung von Hartz IV und der \u00d6konomisierung des Sozialen schon 2000 verloren haben. Das alles auf Englisch-Spanisch, weil der Kollege des Englischen n\u00e4mlich mehr als leidlich m\u00e4chtig ist. Eine ganz tolle Begegnung und nach fb-Daten austauschen und gemeinsamen Fotos, mache ich mich tief bewegt auf meinen weiteren Weg.<\/p>\n<p>Das Ziel ist bald erreicht. Ich checke ein und da sich vor halb sechs eh kein Schritt auf die Stra\u00dfe lohnt, geh ich horizontal und gucke Tour de France. Was hat dieses Ereignis mich fr\u00fcher vor die Glotze getrieben. Klaus Peter Thaler (ein Siegerl\u00e4nder), Didi Thurau, Indurain und wie sie alle hei\u00dfen, aber das ist lange her. Ich gucke weiter und es fesselt mich nicht so ganz wie fr\u00fcher. Um halb sechs steige ich in den beginnenden Corso ein und gucke mir das St\u00e4dtchen an. Sch\u00f6n und gesch\u00e4ftig. Ich such mir ein strategisch gutes Pl\u00e4tzchen und betrachte die Szenerie. Dann denke ich mir, da\u00df ich meine Essensvorr\u00e4te mal wieder auff\u00fcllen k\u00f6nnte. Was sich so dramatisch anh\u00f6rt ist ein P\u00e4ckchen Erdn\u00fcsse und eine Dose \u00d6lsardinen, die ich immer f\u00fcr den Fall dabei haben wollte, da\u00df ich einen Hungerast kriege. Allerdings f\u00fchle ich mich mit der Versorgungslage bislang auf der sicheren Seite. Naja, sicher ist sicher. Und weil der Supermercado aufm Weg liegt, wird halt eingekauft.<\/p>\n<p>Nach zwei Stunden Rumlaufen wird es mir auch leid und ich gehe in die Unterkunft zu der auch ein Resto geh\u00f6rt. Ich lege mich aber, trotz gro\u00dfem Hunger nochmal hin, weil das Resto erst in einer halben Stunde, also 20.30h, aufmacht. Punkt 20.30h bin ich da, nat\u00fcrlich der einzige Gast und das in einem Saal gegen den das Messerschmitt in Bamberg wie eine lebhafte Szenekneipe wirkt. Naja, wenigstens schwirrt nicht eine ganze Armee uniformierter Kellner um mich rum, sondern nur eine nette Frau und das Essen ist auch gut. Vorneweg eine Fischsuppe, die aus der Terrine in den Teller kommt, was ich eine sch\u00f6ne Geste finde und dann, zum Mitschreiben, geschmorte Kalbsb\u00e4ckchen in einer mit Orangensaft und Wei\u00dfwein abgel\u00f6schten Sauce. Dazu die unvermeidlichen Pommes. Aber aus diesem ja oft schweren Schmorgericht, mit Wei\u00dfwein, statt Rotwein und Orangensaft, statt Sahne oder Butter einen sommerlichen Genu\u00df zu machen, ist toll. Chapeau. Als Postre habe ich wegen der Vitamine Obst bestellt und mit einem Apfel aus S\u00fcdtirol und einer Banane unbekannter Herkunft das gro\u00dfe Los gezogen. Hauptsache gesund. Dazu istmir dann schon wieder der Wei\u00dfe vom Herrn Martinez kredenzt worden. Manche Winzer haben es einfach drauf, die Gastronomie der Region unter ihre Fuchtel zu kriegen. Egal, der Wein schmeckt ja. Um zehn Uhr betritt dann doch noch jemand den Saal, aber das wars dann wohl f\u00fcr heute. Oder kommen die alle erst um elf? Das halte ich aber nicht durch. Ich mu\u00df mal mittags ausf\u00fchrlich Essen gehen, dann vorschlafen, um mal zu erleben, wann denn die Post abgeht. Heute nicht mehr. Morgen ist ja auch noch ein Tag.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was war das kalt. In der Nacht waren die Temperaturen derartig in den Keller gegangen, da\u00df ich mir zun\u00e4chst mit langer U-Hose und T-Shirt geholfen habe, \u00fcber die ich dann nachts um drei noch den Reiseschlafanzug gezogen habe. Hat aber &hellip; <a href=\"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=802\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-802","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-vinoguerracamino"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/802","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=802"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/802\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":809,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/802\/revisions\/809"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=802"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=802"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=802"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}