{"id":776,"date":"2016-07-11T17:23:24","date_gmt":"2016-07-11T15:23:24","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=776"},"modified":"2016-07-11T17:23:24","modified_gmt":"2016-07-11T15:23:24","slug":"77-etappe-saint-jean-pied-de-port-roncesvalles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=776","title":{"rendered":"77. Etappe: Saint-Jean-Pied-de-Port &#8211; Roncesvalles"},"content":{"rendered":"<p>Heute gehts nach Spanien und das ist ein ganz besonderer Schritt, nicht nur weil ich damit nach den Alpen mein zweites europ\u00e4isches Hochgebirge \u00fcberquere, sondern weil ich das Gef\u00fchl habe, da\u00df eine der Intentionen, die ich mit dieser Wanderung verbinde, zumindest teilweise erf\u00fcllt ist. Doch bevor Zeit f\u00fcr gro\u00dfe Gef\u00fchle ist, mu\u00df gepackt werden und angesichts des n\u00e4chtlichen Regens der erst gegen f\u00fcnf aufgeh\u00f6rt hat, mu\u00df ich wohl umdisponieren. Bislang habe ich n\u00e4mlich den Rucksackinhalt auf der Isomatte gelagert, um dann das Zelt abzubauen und im Rucksack zu verstauen und den anderen Kram dann drumrum zu schichten. Das w\u00fcrde heute bedeuten, da\u00df die Isomatte patschnass wird. Also nix gut. Deshalb geht es darum, den Rucksack im Zelt zu packen, den trocken zu lagern und dann das Zelt abzubauen und am Rucksack zu befestigen. Ich bin kein Freund davon das Zelt au\u00dfen hinzuh\u00e4ngen, weil dadurch die ganze Chose weniger kompakt wird. Damit kann man h\u00e4ngenbleiben und Sachen k\u00f6nnen verrutschen. Alles bl\u00f6d, aber heute geht das nicht anders. Dabei habe ich noch richtig Gl\u00fcck und kann das Au\u00dfenzelt \u00fcber der W\u00e4scheleine trocknen, w\u00e4hrend ich das Innenzelt zusammenlege und den Unterboden beim Zusammenrollen sch\u00f6n Umdrehung f\u00fcr Umdrehung trocken und sauber wische. Irgendwann ist alles getan und es geht los. Wir haben halb Zehn und es klart nicht auf.<\/p>\n<p>Das macht am Anfang nicht wirklich was aus, weil ich das Gef\u00fchl habe, das klart doch noch auf und sich lichtender Nebel im Gebirge hat schon auch was. Ich komme aber rasch h\u00f6her und der Nebel wird dichter. Sichtweite um die zwanzig Meter. Also nicht sooo prickelnd, aber die Wegf\u00fchrung ist gut zu erkennen und ich stolpere auch nicht \u00fcber die Hape Kerpelings dieser Welt, die sich in einem unangenehmen Fall als Jungingenieure entpuppen, die das wohl machen, weil man das macht und weil es evtl. Credit points zum Kompensieren fehlender Sozialkompetenz gibt. Auf jeden Fall geht es nur ums wie und wo wie billig. Hoffentlich kriegen die niemals Personalverantwortung; diese Spr\u00f6sslinge einer b\u00fcrgerlichen Mittelschicht, der das kulturelle und soziale Kapital so vollst\u00e4ndig abhanden gekommen zu sein scheint. Ach so, neben billig, geht es immer auch um Pr\u00e4sentationen. Schriftsprache, Memos und Flie\u00dftext scheint echt auszusterben. Schade eigentlich. Ich frage mich manchmal, ob die sich in der Schule nicht mit der deutschen Klassik, Heinrich Manns Untertan und alldem auseinandersetzen mu\u00dften und jemand denen die universellen Werte hinter den ollen Schinken vermittelt hat. Ich wei\u00df, das ich bestimmt pauschaliere, aber diese vier Typen sind fast Prototypen und da kann man ja auch schonmal den gro\u00dfen Wurf wagen, oder?<\/p>\n<p>Ich \u00fcberschreite die franz\u00f6sisch-spanische Grenze, aber die spanische Zentralregierung stellt kein &#8222;Bienvenidos a Espana&#8220;-Schild auf, sondern ich werde in der Provinz Navarra begr\u00fc\u00dft und ein improvisierter, aber stabiler Aufsteller weist darauf hin, da\u00df ich mich immer noch im Baskenland befinde. Das finde ich ausgesprochen sympathisch, weil ich mich hier schon wohl f\u00fchle. Naja, in Spanien bin ich jetzt trotzden, aber das Wetter und das fehlende Espagna-Schild l\u00e4sst mich nur kurz innehalten und gedenken. Denke an Helden, die sich ohne Smartphone, Internet und Gymnasium nur mit Schulatlanten und Stra\u00dfenkarten auf den Weg nach Spanien gemacht haben. Das ist mir erst in den letzten Wochen klar geworden, wieviel schwerer es diese M\u00e4nner und Frauen hatten, nach Spanien zu kommen. Aber sie haben es getan, um mit der Waffe in der Hand gegen Francos Faschisten zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Ich trage seit W\u00fcrzburg eine Fahne der zweiten spanischen Republik mit mir. Diese eine Fahne wurde das erste Mal 2014 anl\u00e4\u00dflich des 70. Jahrestages der Landung in der Normandie von mir und vier Freunden gezeigt, um an die zu erinnern, die nicht nur als Interbrigadisten, sondern bereits ein paar Jahre sp\u00e4ter wieder in den Linienorganisationen der allierten Armeen ihren Platz einnahmen, um den Faschismus zu bek\u00e4mpfen. Ich trage sie 2016 anl\u00e4\u00dflich des 80. Jahrestags des Spanischen B\u00fcrgerkriegs mit mir, der von 1936-1939 und viel l\u00e4nger dauerte. Die spanische Republik, die rechtm\u00e4\u00dfige und gew\u00e4hlte Regierung wurde im Kampf gegen die FrancoFaschisten, die geputscht hatten, von vielen Freiwilligen aus vielen Vaterl\u00e4ndern unterst\u00fctzt, die in den internationalen Brigaden zusammengefasst wurden. Auch aus Deutschland machten sich mehrere 10000 meistens junge Leute, aber auch Veteranen des ersten Weltkriegs auf den Weg und das unter den erschwerten Bedingungen des Hitlerfaschismus in Deutschland. Sie gingen zu Fu\u00df, fuhren Fahrrad oder Motorrad, waren mit der Bahn unterwegs, um der spanischen Republik zu helfen. Und zwar mit der Waffe in der Hand. Ich empfinde einen au\u00dferordentlich tiefen Respekt vor diesen M\u00e4nnern und Frauen, die sich unter den Bedingungen der 30er Jahre auf den Weg gemacht haben. Sie haben mit ihrem Engagement das letzte Zeichen vor dem gro\u00dfen Weltenbrand, dem Weltkrieg II, gesetzt, da\u00df die Zivilgesellschaft wehrhaft ist!<\/p>\n<p>Upps, das ist jetzt etwas l\u00e4nger geworden, aber ich hoffe es ist klar geworden, warum mir das mit der Fahne wichtig ist. Wir leben n\u00e4mlich in Zeiten, in denen die Zivilgesellschaft gut beraten ist, wehrhaft zu sein! Alerta Antifascista! Mit alle dem im Kopf, komme ich in Roncesvalles an. Der Ort hat ein Pilgerhospiz mit 180 Schlafpl\u00e4tzen, wonach mir nach den Jungingenieuren und dem Rest von der Kerkeling-Combo \u00fcberhaupt nicht ist. Also steigt der Arbeiteradel woanders ab &#8211; siebzehn saubere Zimmer \u00fcber ner Kneipe &#8211; duscht und freut sich schreibenderweise aufs Abendessen.Das gibts erst um halb Acht. Da kann ich ja nochmal ein wenig ruhen. Kluger Plan.<\/p>\n<p>Aber der Hunger meldet sich und ich hock mich mit der Schreibwerkstatt in die Kneipe unter mir und bestelle txistorras, das sind baskische Bratw\u00fcrste mit Piment gew\u00fcrzt, die im Baguette serviert werden. Paarweise. Fast wie daheim. Und lecker sind sie, dazu ein Bier und der Hunger schweigt. Ich schreibe noch ein wenig, betrachte das Treiben in der Bar und freue mich mal wieder im Baskenland bzw. in Spanien zu sein.Um sieben geht es dann zum Abendessen und ich bekomme einen Schreck. Die 180Betten-Herberge schickt ihre G\u00e4ste zum Abendessen auch hier\u00fcber und so komme ich neben drei Italienern, einer US-Amerikanerin, einer Marburgerin, einer Engl\u00e4nderin und zwei Norwegern am runden Tisch zu sitzen. Die Verst\u00e4ndigung auf Englisch klappt und es wird ganz lustig, vor allem weil das Essen weitgehend ungew\u00fcrzt und zerkocht auf den Tisch kommt. Salz und Pfeffer ist schnell organisiert, die Qualit\u00e4t italienischer Pasta gelobt und die spanische f\u00fcr untauglich erkl\u00e4rt. Mit der Frau aus Marburg klappt die Verst\u00e4ndigung auch auf Deutsch und wir unterhalten uns \u00fcber die verschiedenen Beweggr\u00fcnde den Camino zu gehen und sie best\u00e4tigt &#8211; sie ist schonmal den Camino del norte gegangen &#8211; die These von den Credit Points, die das Gehen des Weges in Sachen Tiefe und Sozialkompetenz geben k\u00f6nnte. Au\u00dferdem geh\u00f6rt es in gewissen Kreisen wohl auch zum guten Ton. Naja, dann&#8230;<\/p>\n<p>Nach dem Essen verl\u00e4uft sich die Tischgesellschaft schnell, mich zieht es allerdings auf einen Absacker nochmal in die Kneipe in der mittlerweile das lokale Publikum die Mehrheit stellt. Ich ergattere einen Platz an der Theke und beschlie\u00dfe den Tag mit einem sch\u00f6nen Rose aus navarra, der eine kirschrote Farbe hat und dunkle Beerennoten im Geschmack verbreitet. Lecker. Es ergibt sich noch ein Gespr\u00e4ch mit einer Frau aus Nebraska, in dem es um den unvermeidlichen Trump, das Wahlsystem in den USA und die Krankenversicherung geht. Ich habe nicht so oft die M\u00f6glichkeit mit US-Amerikanern zu reden, weshalb ich das interessant finde. Aber irgendwie ist auch gut f\u00fcr heute und ich verabschiede mich Richtung Cama und finde schnell in den Schlaf.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute gehts nach Spanien und das ist ein ganz besonderer Schritt, nicht nur weil ich damit nach den Alpen mein zweites europ\u00e4isches Hochgebirge \u00fcberquere, sondern weil ich das Gef\u00fchl habe, da\u00df eine der Intentionen, die ich mit dieser Wanderung verbinde, &hellip; <a href=\"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=776\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-776","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-vinoguerracamino"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/776","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=776"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/776\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":790,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/776\/revisions\/790"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=776"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=776"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=776"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}