{"id":773,"date":"2016-07-06T08:53:18","date_gmt":"2016-07-06T06:53:18","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=773"},"modified":"2016-07-06T08:53:18","modified_gmt":"2016-07-06T06:53:18","slug":"76-etappe-ostabat-saint-jean-pied-de-port","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=773","title":{"rendered":"76. Etappe: Ostabat &#8211; Saint-Jean-Pied-de-Port"},"content":{"rendered":"<p>Ich lasse mir mit dem Aufstehen Zeit, weil ich diese letzte Etappe bis Saint Jean genie\u00dfen will. Es sind nur f\u00fcnf Stunden in relativ flachem Gel\u00e4nde und es herrscht bestes Wetter. Und mit dem lange liegen bleiben, habe ich auf das richtige Pferd gesetzt. Alle schon weg und ich hab den Weg f\u00fcr mich alleine. Und es lohnt sich. Es ist ein Weg durch gr\u00fcne T\u00e4ler mit den h\u00f6her werdenden H\u00fcgeln der &nbsp;Vorpyren\u00e4en. Ich n\u00e4here mich Saint Jean Pied de Port, diesem uralten Sammelpunkt der Pilgerstr\u00f6me, bevor es \u00fcber die Berge nach Spanien geht. Heute ist Saint Jean der Startpunkt f\u00fcr die Hape Kerkelings dieser Welt, die also nicht an der Haust\u00fcr losgehen, sondern hier.<\/p>\n<p>Das bedeutet f\u00fcr mich, da\u00df ich mich auf viel mehr Menschen einrichten mu\u00df, da\u00df ich trotz dieser Menschen meinen Stiefel weitergehen mu\u00df, was auch hei\u00dft mich abzugrenzen. Es hei\u00dft auch, mich nicht von irgendeiner Art Leuten nerven zu lassen, die ich schon vor Jahren aus meinem Sandkasten gejagt habe. Also nochmal eine andere Art Gelassenheit zu lernen, als die, die ich in der Frage von Zeit und Entfernung gewonnen habe. Es wird also spannend.<\/p>\n<p>Deshalb mache ich morgen auch erstmal einen Tag Pause. Ich bin seit Cahors durchgegangen, was immerhin 12 Tage sind. Ich kenne Saint Jean und den gutgelegenen Campingplatz ja von fr\u00fcheren Motorradreisen und einem Urlaub mit meiner Liebsten und kann die Stadt ganz gut haben. Trotzdem ist es ein anderes, und zugegebenerma\u00dfen reichlich geiles, Gef\u00fchl durch das Jakobstor zu gehen und zu wissen, da\u00df ich vor drei Monaten zu Hause los bin und den ganzen Weg gegangen bin, zugegebenerma\u00dfen mit ein wenig Shuttelei, aber trotzdem. Ein tolles Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Ich genie\u00dfe das ein wenig und mache mich dann auf zum Campingplatz, baue mein Zelt auf, dusche und hole dann meine neuen Schuhe ab, die ich ja per Email klargemacht hatte. Die standen auch parat und es entspann sich ein nettes Gespr\u00e4ch mit Pierre \u00fcber die Haltbarkeit von Outdoor-Schuhen bzw. deren Sohlen und dem Quatsch, da\u00df die Renegade-Sohlen nicht auszutauschen sind. Das h\u00f6ren ein paar Wanderer mit, die ich vom Sehen her kenne und es gibt einen lustigen Plausch. Das Problem mit den Schuhen kennen wohl alle Weitwanderer. Wenig tr\u00f6stlich, aber hilfreich. Also beim Kauf noch mehr auf die Erneuerbarkeit der Sohlen achten.<\/p>\n<p>Der Laden hatte \u00fcbrigens am Sonntag auf, weil Saint Jean einfach voll der Touri-Ort ist. Und das merke ich jetzt beim Rumbummeln. Restaurant, Souvenir, Kunsthandwerk wechselt sich in sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit ab, was mich heute garnicht so sehr st\u00f6rt. Ich will mich feiern und sto\u00dfe auf ein kleines Gault Millau empfohlenes Resto, das einen sch\u00f6nen Hinterhof hat, wo mir auch ein Platz geg\u00f6nnt wird. Der Abend wird nett, auch weil der Service wohl noch vor der Zwischenprobe steht. Amuse-Bouche und Entree werden gleichzeitig serviert, daf\u00fcr aber das Brot vergessen. Alles egal. Viel Pardon und Erkl\u00e4rungsversuche, die ich leider nicht verstehe und ein sympathisches Auftreten der blutjungen Crew machen das wieder wett. Es gibt Charcuterie von einem Bauernhof mit unaussprechlichem Namen und eine Forelle aus den Pyren\u00e4en, die der Baske mit angeschwitzten Zwiebeln, rohem Schinken und Piment de Espelette f\u00fcllt und als Beilage einen Tomatenreis reicht. Zum Abschlu\u00df ein Ziegenfrischk\u00e4se mit Berghonig. Dazu je einen Schoppen Rose f\u00fcrs Entree und Wei\u00dfwein f\u00fcr den Rest. Ein gelungener Abend. Ich trolle mich Richtung Zelt und schlafe tief und fest.<\/p>\n<p>Morgens mache ich erstmal \u00fcberhaupt nichts au\u00dfer dumm gucken, weil die Leute, die heute aufbrechen jede Menge Tamtam veranstalten. Dabei dauert die Tour auch nur knapp 7 Stunden. Egal. Ich bleibe liegen und mache Pl\u00e4ne f\u00fcr den Tag. Die Schuhe m\u00fcssen ein wenig warmgetragen und eingefettet werden. Ich mu\u00df den alten Wanderf\u00fchrer und einige Karten sowie Devotionalien, die ich eingesammelt habe, auf die Post bringen. Ich will die alten Schuhe bestm\u00f6glich entsorgen. Ich mu\u00df mir einen neuen Ladestecker besorgen, weil der alte Stecker weg ist. Puh, als f\u00fcr jemand der sonst nur gehen mu\u00df, ist der Tag voll. Komme mir vor, wie die Arbeitslosen von Marienthal. Also, auf. K\u00f6rperpflege und stadtfein gemacht. Dann auf die Post und eins dieser Standardp\u00e4ckchen besorgt, die sich so bew\u00e4hrt haben. Das zum Zelt gebracht und wieder in die Stadt. Der Camping liegt keine f\u00fcnf Minuten von der Innenstadt. Wieder ins St\u00e4dtchen Richtung Markt, weil n\u00e4mlich heute, an einem Montag; man h\u00f6re und staune, Markttag ist. Und da es zeitlich mittlerweile zwischen sp\u00e4tem Fr\u00fchst\u00fcck und fr\u00fchem Mittagessen ist, beschlie\u00dfe ich mich auf dem Markt zu versorgen und vorm Zelt zu picknicken. Auf der Erde, weil ein Stuhl diesmal nicht aufzutreiben ist. M\u00e4rkte im S\u00fcden. Herrlich. Ich erstehe ein St\u00fcck bleu de bebris, einem mit Blauschimmel behandelten Ziegenk\u00e4se, was mich einiges an \u00dcberwindung gekostet hat, weil der Verk\u00e4uferin schon aus zehn Metern anzumerken war, da\u00df die schwierig ist. Aber es gab diesen K\u00e4se bei niemand anders, weshalb ich mir einen Ruck gegeben habe. Ich bestellte eine petit tranche und sie h\u00e4lt das Messer an den halben K\u00e4se und ich bedeute ihr, da\u00df das St\u00fcck deutlich kleiner werden mu\u00df, weil es f\u00fcr une person, moi, sein soll. Sie wird z\u00f6gerlich kleiner, was ich verstehe, weil so ein mit Schimmel behandelter Ziegenk\u00e4se und so wie der hier eh aussieht eine &nbsp;br\u00f6ckelige Angelegenheit sein kann. Ich wiederhole also das Spiel bis sie das erste Mal no sagt und erwerbe eine 200g Scheibe. Geht doch. Bei dem Tomme will sie das Spiel nicht wiederholen und zeigt auf vorverpackte St\u00fccke, die mir aber zu gro\u00df sind. Dann reichts mir und ich bezahle. Weiter gehts. Es gibt auch hier einen B\u00e4cker, wo die Leute Schlange stehen in die ich mich einreihe. Dann zum Obst, wo es Erdbeeren und Nektarinen gibt, und zum Rotiseur, der Schweinebauch und Piperade, eine schmackhafte Zwiebel-Paprika-Tomatensauce hat. Mit meinen Sch\u00e4tzen gehts zum Camping und mein Picknick kann beginnen. Danach strecke ich mich nur noch aus und mache Siesta, die bis in den fr\u00fchen Nachmittag geht. Dann fette ich die Schuhe ein und mach das P\u00e4ckchen f\u00fcr die Post fertig. Wo es einen Elektrofachmarkt gibt, wei\u00df ich mittlerweile auch und bereits am morgen war mir eine Boutique Social, eine Kleiderkammer der katholischen Kirche aufgefallen. Da will ich meine Schuhe abgeben. Post und Fachmarkt. Erledigt. Bei der Boutique war zu und ich war gerade dabei die alten Schuhe an die T\u00fcr zu h\u00e4ngen, als eine \u00e4ltere Dame aus dem Hinteren des Ladens kam. Ich erkl\u00e4rte, da\u00df ich die Schuhe gerne spenden m\u00f6chte (Collecte hat sie dann verstanden) und das die Qualite noch gut w\u00e4re (Ich zeigte auf das Leder und sagte: &#8222;Qualite, bonne!&#8220;), nur die Sohlen halt ein Malheur h\u00e4tten. Sie hat das verstanden und sich gefreut, die Schuhe auf jeden Fall angenommen und sich bei mir bedankt und mir einen guten Weg gew\u00fcnscht. Ach, war ich froh. Weil die Schuhe f\u00fcr jemanden, der damit nur zur Schule oder durch die Stadt will, noch prima sind. Aber in die Berge will ich damit nicht. So soll es sein und sch\u00f6n, da\u00df es Leute gibt die sich f\u00fcr solche engagieren.<\/p>\n<p>So, w\u00e4hrend ich hier sitze und schreibe, hat es sich auch zugezogen, was eigentlich klar war. Ich will ja morgen weiter. Mal gucken was das gibt. Jetzt hole ich erstmal die W\u00e4sche rein, die da noch beim Zelt rumh\u00e4ngt. Innenstadtnahe Campingpl\u00e4tze sind super. Es hat dann noch gewittert und geregnet, was mich nicht davon abgehalten hat, angesichts der Widrigkeiten nochmal Essen zu gehen. Diesmal gabs Axoa, eine baskische Spezialit\u00e4t, die mir ja schonmal begegnet war. Im Prinzip ein Gem\u00fcsegulasch zu dem Kartoffeln gereicht werden. Nachdem mir die Rechnung einfach hingestellt wird, bin ich auch ganz schnell raus aus dem Laden, nicht ohne die Chefin darauf hinzuweisen, da\u00df das ein sehr unfreundlicher Akt ist, worauf sich die junge Servicekraft entschuldigt und sie h\u00e4tte mich wohl falsch verstanden. Ich hab aber garnix gesagt, sondern mich nur stumm am ersten Kaffee des Tages gefreut. Schlu\u00dfendlich egal, aber es gibt Phasen, da nehme ich sowas pers\u00f6nlich. Das ist so eine Nummer aus der ich immer noch nicht raus kann.<\/p>\n<p>So sollte der Abend aber nicht zu Ende gehen. Also steuerte ich eine Weinbar an, die mir gestern schon aufgefallen war, weil dort eher einheimisches Publikum zu verkehren schien. Ich setzte mich auf ein Glas an einen Bartisch auf der Terasse und betrachtete die Szenerie als drei Zottels mit ihren Hunden, die auch auf dem Camping unter waren &#8211; also die Hunde und die Zottels &#8211; eintrudelten und Platz nahmen. Sie erkannten mich auch, nickten mir zu und ich nahm mein Glas und gesellte mich zu ihnen. Alles drei Franzosen mit Schulenglisch und ich. Es ging nat\u00fcrlich um den Weg, der mit Hunden wegen den Unterk\u00fcnften nicht ganz so unkompliziert ist. Dann gings um Musik und wir trafen uns bei Ska, obwohl franz\u00f6ischer Ska nicht durchg\u00e4ngig mein Gefallen findet. W\u00e4hrend sie nix von den baskischen Skapunk-Sachen kannten. Ein lustiger Abend inkl. Youtube-Battle, bei dem wir uns eine Flasche Rose vom Weingut Mourguy hier aus der Gegend teilten. Dan trollten wir uns gemeinsam Richtung Camping und nachdem ich mich in dem Schlafsack geschossen hatte, fing es wieder an zu regnen. Alles richtig gemacht. Und falls sich jemand fragt, wie ich mich denn mit meiner sprichw\u00f6rtlichen Beweglichkeit mit so einer Dackelgarage als Wohnhome f\u00fchle, kann ich nur sagen, da\u00df ich das Gef\u00fchl habe, n Vierteljahr mit dem Equipement an einem sonnigen Strand und ich w\u00e4re beweglich wie vor vierzig Jahren. Ich nehm mir das raus, weil ich merke, da\u00df sich meine Beweglichkeit eben durch das Zelten ergeben mu\u00df und dann zippts ein, zwei Mal, aber die Sehne merkt, da\u00df sie gebraucht wird. Das funktioniert wahrscheinlich nicht nur beim Zelten in fernen L\u00e4ndern und an sonnigen Str\u00e4nden, weshalb ich das mal nicht weiter vertiefen will&#8230; Au\u00dferdem werde ich m\u00fcde und das leichte Trommeln der Tropfen aufs Zeltdach hat was sehr Entspannendes&#8230; Gut Nacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lasse mir mit dem Aufstehen Zeit, weil ich diese letzte Etappe bis Saint Jean genie\u00dfen will. 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