{"id":716,"date":"2016-06-21T18:52:01","date_gmt":"2016-06-21T16:52:01","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=716"},"modified":"2016-06-21T18:52:01","modified_gmt":"2016-06-21T16:52:01","slug":"60-etappe-conques-livinhac-le-haut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=716","title":{"rendered":"60. Etappe: Conques &#8211; Livinhac-le-Haut"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es brennt an der Ruhr&#8230; Das war heute das Motto des Tages, weil ich nach all der Gegend mal wieder in ein St\u00e4dtchen, gepr\u00e4gt durch die Montanindustrie kommen sollte. Und da ich ja nun schon ein wenig \u00e4lter bin und hier und da was mit Struktur- und Industriepolitik zu tun habe, erinnere ich mich gerne an die Konferenz der Jusos, die sich um den Wandel im Ruhrgebiet Ende der 80er Jahre drehte. Lang, lang ist das her. Aber der industrielle Wandel wird sich in den n\u00e4chsten Jahren noch versch\u00e4rfen und wir sind gut beraten, die Erfahrungen vergangener Zeiten aufzunehmen. Denn wir sind nicht die ersten, denen die Rohstoffe ausgehen. Schon im Mittelalter kamen Gruben zum Erliegen, weil sich Vorr\u00e4te ersch\u00f6pft hatten und da sich Hinz und Kunz drauf verlassen hat, da\u00df es schon so weiter geht, kam es zur Katastrophe. Technologischer Fortschritt hat dann immer einen Weg aus der Katastrophe gezeigt, war aber immer mit schmerzhaften Ver\u00e4nderungen verbunden. Die Wunden sieht man teilweise heute noch.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDas alles ist mir gestern abend noch durch den Kopf gegangen und auch heute wolte ich mit dem Steigerlied losgehen, als mir nach dem \u00dcberqueren einer antiken Br\u00fccke das Lied im Hals stecken blieb. Vor mir lag ein quasi-alpiner Aufstieg \u00fcber regennassen Fels, und das fast vom Start weg. Da musst du dich auf jeden Schritt konzentrieren, vor allem weil du ja nicht alleine unterwegs bist und \u00dcberholen auf schmalem Pfad schlicht nicht geht. Aber als ich dann oben war, und es ausnahmsweise \u00fcber eine Hochebene mit interessanten Fernblicken (Ich hoffe ich langweile niemanden, aber dieses Zentralmassiv ist nun mal so) ging, waren sie wieder da, Gedanken und Liedgut zum Strukturwandel. Damit war erst Schlu\u00df, als ich nach zwei Stunden die Gelegenheit hatte meine t\u00e4gliche Dosis Koffein zu mir zu nehmen, empfangen aus den H\u00e4nden einer jungen Frau, die ganz stark an Mavie H\u00f6rbiger erinnerte und vor den Augen eines Dominikanerm\u00f6nchs, der den Weg in Ledersandalen ohne Socken machte. Der Zustand seiner F\u00fc\u00dfe lenkte kurz von der attraktiven Erscheinung auf der anderen Seite der Theke ab, weil ich sowas Verwittertes auch bei Leuten, die seit vielen Jahren Docs tragen, noch nie gesehen. Chapeau!<br \/>\n<!--more--><br \/>\n Schnell weiter und Kurs auf Decazeville genommen. Der Wanderweg streift die Stadt eigentlich nur am Rande, aber ich will mir das angucken. Dort wurde seit dem 16. Jahrhundert Kohle im Tagebau gef\u00f6rdert und im Zuge der Industrialisierung siedelte sich dort Stahlindustrie an, womit dann irgendwann genauso Schlu\u00df war, wie mit der Kohlef\u00f6rderung. Da ist die letzte Mette 2001 gelesen worden. Kennen wir NRWler und Saarl\u00e4nner doch. Gl\u00fcck auf.<br \/>\nAlso runter vom Weg und rein in die Stadt. Und auf den ersten Blick wei\u00dfte was geht. Leicht \u00fcberschwengliche Pseudomoderne aus den 70ern. Viel Leerstand. Viel Platz f\u00fcrs Auto und ein Einkaufszentrum 500 Meter vom alten Zentrum. Die Menschen, erfrischend anders als die Bildungsb\u00fcrger aller L\u00e4nder, die mich auf dem Weg begleiten. Man sieht M\u00e4nner mit Bierb\u00e4uchen und nicht therapierten H\u00fcftsch\u00e4den, Frauen mit Kurzhaarschnitten und Leggins und Jugendliche, die sich eine nicht vorhandene Karrieechance schon fr\u00fch mit Tattoos im Gesicht versemmelt haben. Aber sIe alle brauchen keinen Jakobsweg oder sonst irgendeine Sinnsuche. Sie leben. Rauchen. Machen das Beste aus dem was da ist und scheinen nicht ungl\u00fccklicher zu sein, als irgendwelche pilgernden Mittelschichtler. Und so sehr mich genau auch dieser Schlag Menschen schonmal nervt, wei\u00df ich doch, da\u00df Ich von da komme und das nie vergessen werde, auch wenn ich Abitur habe, Bildungsb\u00fcrger bin und Servietten bei Tisch mittlerweile wichtig finde. Der Franz Josef Degenhardt hat mal dar\u00fcber geschrieben, da\u00df die Bildungsgewinnler der 70er Jahre, also die Arbeiterkinder, die damals zu Abitur und Studium gekommen sind, eine Klasse verloren und in keiner neu angekommen w\u00e4ren. Das ist mir heute wieder in den Sinn gekommen und es erkl\u00e4rt mir auch mein Genervtsein mit den mitwandernden Anderen. Glaub ich. Mu\u00df ich mich bei beobachten.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEine Grundkompetenz ist mir allerdings nicht abhanden gekommen. Es gibt in jeder durch Strukturwandel gebeutelten Stadt einen Kollegen aus der T\u00fcrkei oder Griechenland, die als Imbiss und Stadtkantine immer die Nummer 1 geblieben sind. Also gehe ich in einen Telefonladen, die gibt es in solchen St\u00e4dten auch sackweise, kaufe mir eine neue SD-Karte, weil ich doch mehr Bilder mache, als gedacht und frage genau nach dem Number One Kebab. Es gibt nur eine Antwort und ich gehe los, weil in Frankreich auch die D\u00f6nerbude bis 14.00h auf hat und dann wieder ab 19:00h. Pommesbuden, die tojour aufhaben, sucht man hier zumeist vergebens. Eine gute Empfehlung. Eine lecker Kebab-Platte mit Reis statt Pommes und viel Salat. So gesund hab ich schon lange nicht mehr gegessen. Als die Bedienung hinter der Theke mir dann auch das Bier zur Platte schenkt, weils von Deutschland nach Compostelle doch schon ganz sch\u00f6n weit ist, wei\u00df ich das ich richtig bin.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAber ich kann ja schlecht dableiben und gehe zur\u00fcck auf den Weg, der wieder an den Lot f\u00fchrt, der sich durch die Regenf\u00e4lle der letzten Tage rostrot gef\u00e4rbt hat. Den Flu\u00df erreicht man allerdings erst nach einem glitschigen und kraftzehrenden Abstieg, so da\u00df ich gar nicht mehr erst in den Zielort einlaufe, sondern sofort Richtung Camping gehe. Mobil Home w\u00e4re angesichts des Wetters mal wieder das geeignete Dach \u00fcberm Kopf. Klappt auch, allerdings mu\u00df da noch sauber gemacht werden und ich soll doch bitte in der Bar warten. Ok. Feierabendbierchen und umgucken. EM-Sonderaktion: Pizza und n halber Liter Wein f\u00fcrn Zehner. Ich geh hier heute nicht mehr weg. Beim Warten kommt eine zweite Wanderin und fragt nach einem Mobil Home. Auch sie soll warten und wir kommen ins Gespr\u00e4ch, was ganz nett verl\u00e4uft. Dann meldet der Kollege Klar Schiff und vermeldet ein Problem. Bei einem Mobile ist das Wasser kaputt und man mu\u00df in die Sammeldusche. Naja, ich war zwar Erster, aber ich bin auch altmodisch, \u00fcberlasse also der Dame das Mobile mit Dusche und klopfe mir auf die Schulter. Nach Bezug meiner Butze, gehe ich duschen und rasier mich nach ein paar Tagen mal wieder, was auch n sch\u00f6nes Gef\u00fchl ist.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDann ist es Zeit f\u00fcr Pizza, Wein und EM, weil in der Campingbar n\u00e4mlich Beamer und Leinwand aufgestellt sind. Die Kollegin Wandersfrau ist schon da und mit ihrer Pizza fast durch, als ich meine bestelle. Wir unterhalten uns ein wenig, aber als dann um 21.00h Ansto\u00df ist, wird sie ganz schnell m\u00fcde und so bleibe ich da mit dem pastistrinkenden Camping-Jefe hocken und fabulier mit ihm \u00fcber das Spiel. Das langt f\u00fcr die erste Halbzeit. Danach verstehe ich au\u00dfer Mueller kein Wort mehr, bezahle und gehe. Nun hock ich in melnem Mobile Home und h\u00f6r dem Regen zu&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es brennt an der Ruhr&#8230; Das war heute das Motto des Tages, weil ich nach all der Gegend mal wieder in ein St\u00e4dtchen, gepr\u00e4gt durch die Montanindustrie kommen sollte. 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