{"id":714,"date":"2016-06-21T18:44:57","date_gmt":"2016-06-21T16:44:57","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=714"},"modified":"2016-06-21T18:44:57","modified_gmt":"2016-06-21T16:44:57","slug":"59-etappe-golinhac-conques","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=714","title":{"rendered":"59. Etappe: Golinhac &#8211; Conques"},"content":{"rendered":"<p>Der Abschied vom Chalet ist schon schwer gefallen. Dieses kleine Haus, in dem ich mich sofort wohlgef\u00fchlt habe, schon nach einer Nacht und noch dazu bei arg bescheidenem Wetter, wieder r\u00e4umen zu m\u00fcssen und mich auf den Weg zu machen, war schon bl\u00f6d. Es ist n\u00e4mlich nicht immer so ganz einfach, Tag f\u00fcr Tag seinen Rucksack zu packen und weiterzuziehen, sondern die Frage nach dem Warum stellt sich schon oft und vielleicht immer \u00f6fter je l\u00e4nger man von zu Hause weg ist. Das hat nat\u00fcrlich auch damit zu tun, da\u00df ich weder wegen Abla\u00df noch aus anderen religi\u00f6sen Gr\u00fcnden unterwegs bin. Ich bin unterwegs, weil ich schon als Kind davon getr\u00e4umt habe, mit so wenig Gep\u00e4ck wie m\u00f6glich abzuhauen. Nun bin ich nicht abgehauen, aber 12Kilo sind nun nicht viel Gep\u00e4ck f\u00fcr den Weg. Und auf den Jakobsweg hab ich mich schlicht deshalb gemacht, weil er durch interessante Landschaften und coole Weingegenden f\u00fchrt und ich einfach immer nur der Muschel hinterherlaufen mu\u00df. Das scheint mich von vielen anderen Leuten zu unterscheiden, die da unterwegs sind. Und heute wird das besonders deutlich, weil das Etappenziel mir nichts sagt, aber f\u00fcr viele franz\u00f6sische PilgerInnen das Ende von 10 Tagen Wanderurlaub, \u00e4hh Pilgern sind.\u00a0Sagt man, weil es danach in den Unterk\u00fcnften nicht mehr so voll sein soll.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDer Tag startet also schonmal recht nachdenklich und da es zun\u00e4chst eher durch Wald geht, kommt weiteres hinzu. Je l\u00e4nger ich durch Frankreich wandere, mache ich mir Gedanken \u00fcber das wilsmannsche Paradox, da\u00df ein h\u00f6chstm\u00f6gliches Ma\u00df an Freiheit f\u00fcr den Einzelnen nur mit der Regulierung ebendieser Freiheit f\u00fcr einige Einzelne zu erreichen ist und es eine Frage politischer Entscheidungen ist &#8211; also Machtfragen &#8211; wessen Freiheiten denn zu beschneiden sind. Was mir im Zusammenhang mit Frankreich da in den letzten Tagen immer mehr durch den Kopf geht, ist die in den wilsmannschen \u00dcberlegungen evtl. nicht ausreichend beleuchtete Rolle des Staates. Beim Wandern \u00fcber v\u00f6llig verschlammte Waldwege wird das an der Stelle deutlich, wo am Anfang des Weges die Departement-Regierung ein gro\u00dfes Schild aufgestellt hat, da\u00df sie nicht nur dieses Schild aufgestellt hat, sondern das Wandern dadurch echt sicherer geworden ist. Was ist geschehen? Der Streckenverlauf ist von der Autostra\u00dfe in den Wald verlegt worden, was wahrscheinlich lange Gespr\u00e4che mit dem Waldbesitzer (erster Unterschied zu Deutschland. Bei uns gibts kaum Privatwald und wenn gibt es Betretungserlaubnisse etc.) brauchte. Nun l\u00e4uft der Weg da lang, aber den Waldbesitzer interessieren ja die Wanderer nicht, sondern seine B\u00e4ume, weshalb er auch mit schwerem Ger\u00e4t den Wanderweg unpassierbar machen kann. Ist ja sein Wald. Und der Staat kann Schilder aufstellen. Hier ist also die Freiheit des Waldbesitzers eben nicht durch eine Art common sense schon in seinem eigenen Handeln limitiert, es gibt wahrscheinlich auch keinen runden Tisch &#8222;Waldwirtschaft und Tourismus&#8220; und Ranger gibt es schon gar nicht. Also alles das, was sich in Deutschland in den letzten Jahren an beteiligungsorientierter, kommunaler (darauf lege ich Wert, zu mehr langts leider nicht) Staatlichkeit entwickelt hat, suche ich hier vergeblich. Das hat vielleicht mit dem tiefen Mi\u00dftrauen zu tun, mit dem die Franzosen (Entschuldigung \u00fcbrigens f\u00fcr die pauschalen Zuschreibungen, aber wenn ich das jetzt auch noch differenziere, wirds ganz schwierig) ihrem Staat begegnen, eben weil sie ihn nicht als Plattform, sondern als Machtinstrument sehen. Und wer die Mehrheit &#8211; oder die Macht, das mu\u00df nicht immer dasselbe sein &#8211; hat, hat das Sagen. Der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident kann am Tage seiner Wahl 3000 Stellen direkt neu besetzen. Wei\u00dfte Bescheid. Franz M\u00fcntefering hat in seiner Zeit als Bundesbauminister drei Mitarbeiter mitbringen d\u00fcrfen und nach f\u00fcnf Wochen gemerkt, da\u00df er die komplette Post dieses Ministeriums doch besser selber macht. Wei\u00dfte auch Bescheid.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nNaja, und so stapfe ich durch den Schlamm, und frage mich, ob das nicht mal gelegentlich zu vertiefen w\u00e4re? Ist die politische Kultur Frankreichs, die sich f\u00fcr mich ja auch gerade deutlich k\u00e4mpferischer darstellt als die deutsche, nicht nur deshalb k\u00e4mpferischer, weil sie immer auf den nackten Kern sozio\u00f6konomischer Beziehungen, n\u00e4mlich Macht und Verteilung abzielt, abzielen mu\u00df, weil ihr ein Staatsverst\u00e4ndnis abgeht, das den Staat nicht ausschlie\u00dflich zur Beute der M\u00e4chtigen, sondern zum Ordnungsfaktor macht. Und weil ich das franz\u00f6sische Staatsverst\u00e4ndnis zunehmend so empfinde, denke ich auch da\u00df die fraternite des franz\u00f6sischen Dreiklangs eher frommer Wunsch als politisches Programm ist. Denn das Ding mit dem Ordnungsfaktor mu\u00df dann wieder damit gespiegelt werden, ob es einen common sense gibt, der in der organisierten Staatlichkeit zun\u00e4chst aufgehoben ist.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nUpps. Wozu verschlammte Wege und schicke Schilder f\u00fchren k\u00f6nnen. Mittlerweile ist der Wald verlassen und die Wolkendecke l\u00e4sst Sonnenstrahlen durch. Ist das schon Sommer? Nach rund zwei Stunden erreiche ich ein nettes \u00d6rtchen und angesichts der Schwere von Lage und Gedanken gibts ein Pression. Ich hock also entspannt vor der Bar, wo auch ein Gr\u00fcppchen franz\u00f6sischer Beseelter Pause macht, denen ich im Laufe der letzten Tage immer mal wieder begegnet bin. Ich gr\u00fc\u00dfe freundlich, werde freundlich zur\u00fcck gegr\u00fc\u00dft und weil die meisten von denen wissen, da\u00df mein Franz\u00f6sisch eingeschr\u00e4nkt ist, habe ich meine Ruhe. Die Bande ist allerdings ein wenig aufgekratzt, ist wohl heute der letzte Tag. Und dann zeigt die Mittelschicht ihre b\u00f6se Fratze. Die wollen vor mir aufbrechen, verabschieden sich von allen anderen, auch von mir, nur eine macht eine abf\u00e4llige Handbewegung (die ja in Westeuropa immer diesselben sind) und sagt verschw\u00f6rerisch zu ihrer BeseeltenGruppe &#8222;no parle francais&#8220; und da ich eh im Nachdenkmodus bin, pack ich mal meine Hackfresse aus und sag ihr auf Deutsch, da\u00df sie mal richtig vorsichtig sein soll. Und, was soll ich sagen. Es gibt Mimik, Tonfall, Gestik und Blicke, da wirste \u00fcberall verstanden.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nIch bleib dann noch ein wenig sitzen, erstens um mich zu beruhigen, zweitens um denen Vorsprung zu lassen. Bl\u00f6de Kuh. Aber wie das Schicksal es will, biegt die nette Schweizerin um die Ecke, die ja gestern eigentlich in Estaing Station machen wollte. Und passend zu meinen Gedanken zu Liberte und common sense ist sie dort unpassend angekommen und \u00fcberall abgewimmelt worden. Ja, und da hab ich dann jemandem zu einem ersten Gedankenaustausch \u00fcber verschlammte Wege und Staatsverst\u00e4ndnis und wir plaudern rum. Das tut zwar gut, aber es sind ja noch ein paar Kilometer zu gehen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nIch mach mich auch deshalb dann zackig auf den Weg, weil ich &#8211; wie immer die letzten Tage &#8211; nichts gebucht habe, sondern getreu dem Motto &#8222;Zelt oder Einzelzimmer&#8220; ganz gut gefahren bin. 60% Regenwahrscheinlichkeit dr\u00e4ngen Richtung Einzelzimmer, aber es ist trocken und zwischenzeitlich scheint sogar die Sonne. By the way mach ich mir Gedanken, warum mir diese Mehrbettzimmer nach Le Puy, also wo ich wirklich mit wildfremden Menschen in einem Raum schlafen soll, aber nicht kann, so auf die N\u00fcsse gehen. Vorher war das ja ok. Ich glaube, vorher waren das andere Leute. Die sind auch vor der Haust\u00fcr los und machen ihr Ding. Ob das jetzt Pilger oder Fernwanderer sind, ist mir ja Latte. Seit Le Puy sind da andere Leute dabei. Beispielsweise diese Kalifornierer, die das von zu Hause aus, inkl Gep\u00e4cktransfer und Unterk\u00fcnfte, sowie Hotline gebucht haben und das als nice adventure trekking in old europe sehen. Ihr Recht. Oder die franz\u00f6sischen Senioren, ebenfalls im All Inclusive. Ihr Recht. Aber mu\u00df man sich denn f\u00fcrs authentische Pilgerfeeling dann auch noch mit dem Mertens in ein Zimmer legen? Als Mertens sag ich jetzt mal, mu\u00df man nicht und ich mu\u00df das erst recht nicht. F\u00fcr einige Leute, wie den schweizer Maronidealer tuts mir leid. Da sind n\u00e4mlich coole Unterk\u00fcnfte mit allem PiPaPo durch gebuchte Seniorengruppen complet. Anscheinend brauchen die Senioren- , Kalifornierer-, beseelten Einzel- oder Grupenwanderer das Jugendherbergsfeeling nochmal. Ich brauch das nicht, weil Jugendherberge sicherlich nicht die abgefahrenste Penngelegenheit meiner Jugend war und, ganz Arbeiterklasse, ich einfach das Gef\u00fchl genie\u00dfe, mir was leisten zu k\u00f6nnen, weil ich daf\u00fcr gearbeitet habe&#8230; und wenns den Dispo rei\u00dft&#8230; wird halt mehr gearbeitet.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nUnd wo wir gerade dabei sind. Ich hab heute abend gut gegessen. Es gab einen Salade Folle Aveyronnaise, wobei ich mich da beim Service entschuldigt habe, weil ich kein Men\u00fc durchbestellt habe, aber ich hatte den Verdacht, da\u00df der wohl reicht, obwohl er unter Entrees stand. Der Servicekollege zeigte sich auch sehr verst\u00e4ndnisvoll.<br \/>\nUnd es hat gereicht. Der Salat hat alles hergegeben, was die Region zu bieten hat. Schinken, Speck, Entenbrust, Foie Gras garniert mit N\u00fcssen und, ach so, Tomaten und Salat. \u263a<br \/>\n<!--more--><br \/>\nUnd nun ist gut. Der Tag hat durchs Schreiben seine Kontur gewonnen , weils tags\u00fcber schonmal gedankentechnisch wild durcheinander geht und ich sitz im Trockenen. Drau\u00dfen gewittert es und es regnet. Was mir zum Klimawandel und zum Reisen im Klimawandel durch den Kopf geht, schreibe ich die Tage mal auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Abschied vom Chalet ist schon schwer gefallen. 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