{"id":585,"date":"2016-05-02T08:56:24","date_gmt":"2016-05-02T06:56:24","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=585"},"modified":"2016-05-02T08:56:24","modified_gmt":"2016-05-02T06:56:24","slug":"24-etappe-bellemagny-belfort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=585","title":{"rendered":"24. Etappe: Bellemagny &#8211; Belfort"},"content":{"rendered":"<p>Punkt 7:30h habe ich mich auf den Weg Richtung Belfort gemacht. Die Strecke f\u00fchrt ohne viele H\u00f6henmeter durch die Porte d&#8217;Alsace oder die von mir ja schon h\u00e4ufiger angesprochene burgundische Pforte. Es ist halt eine Frage von welcher Seite man draufschaut. Insgesamt war das Laufen relativ entspannt, eben auch weil es trocken war und &#8211; jetzt kommt&#8217;s &#8211; die Sonne schien. Es gab herrliche R\u00fcckblicke auf die Vogesen und es ging dann flott voran, so da\u00df ich bereits nach f\u00fcnf Stunden in Belfort eingetrudelt bin.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nHier werde ich nun f\u00fcr drei N\u00e4chte bleiben und mich und meine Ausr\u00fcstung pflegen, W\u00e4sche waschen und den ersten Mai begehen, der ja f\u00fcr mich immer etwas ganz besonderes ist, seit wir 1992 in Siegen begonnen haben, unseren roten ersten Mai zu feiern. Das ich diesmal nicht dabei sein kann, besch\u00e4ftigt mich schon seit ein paar Tagen immer wieder mal. Aber ich will es ja nicht anders und der rote erste Mai findet auch ohne mich statt. Basta. Ich bin \u00fcbrigens auf einem Campingplatz eingecheckt und habe mir ein Mobil Home geschossen, weils zum Zelten nachts immer noch zu kalt wird, f\u00fcr mich zumindest. Au\u00dferdem hat der Schlafsack seine angebliche Komfortzone bei mehr als f\u00fcnf Grad, und die hat es halt noch nicht. Campingplatz hat aber trotzdem den Vorteil, da\u00df es Waschmaschinen gibt und ich mit Hilfe vom Omo die Klamotten wieder sauber und geruchsfrei kriege. Worauf ich mich aber schon seit Tagen wie ein Schneek\u00f6nig freue, ist die M\u00f6glichkeit mir selber etwas zu kochen, wom\u00f6glich mit frischem Gem\u00fcse vom Markt.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDeshalb flaniere ich auch nach Bezug des Mobil Home und der Waschaktion ganz galant Richtung St\u00e4dtchen um einzukaufen und bei der CGT vorbeizuschauen, denn ich will schon an einer Maiveranstaltung teilnehmen. Das geh\u00f6rt sich nunmal so. Internet sei Dank kriege ich auch die Adresse raus und der Routenplaner f\u00fchrt mich bis zur Haust\u00fcr. Und siehe da. Freitags nachmittags um f\u00fcnf sind da noch KollegInnen bei der Arbeit. Ich stell mich als vor, sag, da\u00df ich kein franz\u00f6sisch spreche, aber Englisch und Deutsch und wie es denn mit der Manifestation am Dimanche auss\u00e4he, weil die nicht in Belfort, sondern in Delle an der franz\u00f6sisch-schweizer Grenze. Eine Kollegin kramt ihr Schulenglisch aus und wir kriegen herausgearbeitet, was ich will. Ich bin n\u00e4mlich einem, wahrscheinlich typisch deutschen, Mi\u00dfverst\u00e4ndnis aufgesessen. Ich habe n\u00e4mlich gedacht, da\u00df wenn die Verwaltungsstelle in Belfort ist und die Kundgebung in Delle, gewi\u00df Busse von Belfort nach Delle fahren, in Deutschland nat\u00fcrlich mit Lunchpaket. Aber ein Bus h\u00e4tte mir ja gereicht. Den franz\u00f6sischen Kollegen lag dieser Gedanke so fern wie nur was, weil die davon ausgehen, da\u00df die KollegInnen aus den Betrieben das schon selber hinkriegen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nIch denke, da\u00df ist ein genereller Unterschied zwischen der deutschen und franz\u00f6sischen Kultur in Politik und Gesellschaft. In Deutschland ist die Grundhaltung eher paternalistisch, denkt f\u00fcr den anderen mit ( und h\u00e4lt ihn oder sie damit auch klein), was von Bussen mit Lunchpaketen zu einer Veranstaltung, die drei\u00dfig Kilometer weit weg ist, bis hin zu Wanderwegsmarkierungen reicht, die alle f\u00fcnf Meter an einen Baum genagelt werden, damit der deppige Wanderer sich auch ja nicht verl\u00e4uft. In Frankreich sind diese Markierungen eher selten und auch nicht so systematisch angebracht wie in Deutschland. Das hat mich verunsichert, und macht es immer noch, eben weil, ich ja ein Kind dieses Landes bin. Aber unabh\u00e4ngig davon ist der Gedanke einer weniger paternalistischen Organisationskultur auch als Personalentwicklung zu lesen, weil sich mit den Freiheitsgraden auch neue und andere Wege zu Zielen und verborgenen Talenten ergeben k\u00f6nnen. Und das w\u00e4re doch mal was, oder?<br \/>\n<!--more--><br \/>\nNach diesem interessanten, aber wenig zielf\u00fchrenden, Gespr\u00e4ch mit der CGT, bin ich dann durchs St\u00e4dtchen, hab eingekauft und mir dann abends was gekocht, eine Lauch-Paprika-Pfanne mit Spaghetti. Lecker wars, weil eben die Lebensmittel hier von anderer Qualit\u00e4t sind. Dazu einen Riesling von alten Reben aus dem Hause Wolfsberger im Elsass und ein guter Krimi auf dem Tablet. Ein gelungener Abend.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEinfach mal liegen bleiben bis der Arzt kommt, hat ja auch was. Und nicht packen m\u00fcssen, hat noch viel mehr. Aber irgendwann ist auch gut. Geduscht und ab zum B\u00e4cker. Petit dejeuner mit Butter, die nicht aus dem Eisschrank und in Portionspackungen daherkommt, genausowenig wie die Marmelade. Das ist doch schonmal ein guter Anfang. Dann will ich in die Stadt, weil Samstags Markt ist, komme aber am Campingplatzbetreiber nicht vorbei. Denn der verleiht auch Fahrr\u00e4der und ich frage mal nach, wie es denn mit der Strecke nach Delle so aussieht. Die findet er prima, weil die Strecke Belfort &#8211; Delle im Rahmen der francovelosuisse, einer gemeinsamen Radfahrinitiative von Frankreich und Schweiz, sch\u00f6n zu befahren ist. Naja, und so fahre ich wohl mit dem E-Fahrrad zur Maikundgebung, wenn das Wetter mitspielt.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDann aber in die Stadt und auf den Markt. Belfort hat eine Markthalle, die Freitags und Samstags, jeweils vormittags, bespielt wird und echt eine sch\u00f6ne Atmosph\u00e4re bietet. Gute Lebensmittel gibt es auch und so erstehe ich els\u00e4ssischen Spargel, Champignons aus dem Jura und Erdbeeren, \u00e4hhh, irgendwo aus Frankreich. Die mu\u00dften aber sein, weil sie so super ausgesehen haben und jetzt echt Zeit f\u00fcr Fr\u00fchjahr wird. Ach was, f\u00fcr Fr\u00fchsommer wirds Zeit. Heute abend gibts also ein Spargel-Champignon-Risotto, wozu der Rest vom Riesling sicherlich gut passen wird. Der hat jetzt einen Tag Luft geholt und sich sicherlich nochmal weiter ge\u00f6ffnet. Nach dem Marktbesuch gibts den obligatorischen Kaffee im Stra\u00dfencafe, endlich drau\u00dfen. Ich ziehe meine Runden weiter durch die Stadt, besichtige die Zitadelle, von Altmeister Vauban erbaut und verharre eine ganze Zeit an einer sehr eindrucksvollen Skulptur, die die Befreiung vom Faschismus in ihrer Wirkung auf den Einzelnen, insbesondere die Inhaftierten und Verschleppten spiegelt. Sehr, sehr beeindruckend.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDanach gehe ich ins Quartier und will eigentlich nur mal kurz die F\u00fc\u00dfe hochlegen. Wach werde ich durch das Trommeln der Regentropfen aufs Dach meiner H\u00fctte. Zwei Stunden einfach mal geschlafen. Auch sch\u00f6n. Aber das tote Pferd im Mund mu\u00df erstmal weg. Ich geh zum Campingplatzcafe und kaufe mir eine eiskalte Cola. Genau das richtige, um wieder fit zu werden. Dann wird es auch Zeit zum Kochen, was auch ganz passabel gelingt. Wenn die Zutaten in Ordnung sind, kann ja eh eigentlich nicht viel schief gehen. Klappt auch und ich liege fr\u00fch im Schlafsack.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEs regnet morgens \u00fcbrigens immer noch, was meiner E-Biketour einigen Charme nimmt. Als ich fr\u00fch wach werde, ist es immer noch tr\u00fcbe und es nieselt. Folglich liege ich da und k\u00e4mpfe mit mir. Den ersten Mai virtuell angehen und hier und da ein paar Likes hinterlassen oder es drauf ankommen lassen? Ich habs dann drauf ankommen lassen und bin mit dem E-Bike die 25km nach Delle in wenig mehr als einer Stunde durch den Regen gefahren. Ob des Wetters hatte ich auf dem Hinweg auch keinen Blick f\u00fcr die Landschaft, sondern nur f\u00fcr die Stra\u00dfe und das Fahrrad. Ich mu\u00df n\u00e4mlich gestehen, da\u00df ich bislang nur mal ne Runde \u00fcber den Hof mit einem E-Bike gedreht habe.  Nach der Erfahrung dieser Tour bin ich aber mehr denn je davon \u00fcberzeugt, da\u00df das Fahrrad das Verkehrsmittel der Zukunft ist. Das ging echt flott voran und war k\u00f6rperlich nicht so anstrengend, da\u00df ich mich verausgabt h\u00e4tte. Super.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAngekommen in Delle gings dann noch darum, den Startpunkt der Demo zu finden. Das Angebot des Navis war menschenleer, aber mit drei Winkelementen der CGT geschm\u00fcckt. So ganz verkehrt konnte ich also nicht liegen. Als dann die Gendarmerie an mir vorbeifuhr, bin ich einfach hinterher. Wo sollten die an einem 1. Mai auch anders hin? Und siehe da. Auf dem gro\u00dfen Parkplatz hinter dem namensgebenen Geb\u00e4ude war dann auch eine erklecklich gro\u00dfe Zahl von Kolleginnen und Kollegen und ein Lauti spielte flotte Weisen. Insgesamt herrschte gute Stimmung, auch wenn es regnete. Irgendwann (Da \u00e4hneln sich die deutschen und die franz\u00f6sischen Bewegungskulturen. Auf dem Plakat stand zehn. Losgegangen sind wir dann um halb 11) gings dann auch endlich los und wo in Deutschland mit diesen trost- und phantasielosen Trillerpfeifen oder, noch schlimmer, Schweigen zu rechnen gewesen w\u00e4re, ging es hier mit Ges\u00e4ngen, Sprechch\u00f6ren und Musik durch die Stadt. Das erinnerte mich mehr an einen Stadionmarsch beim Ausw\u00e4rtsspiel, denn an eine politische Demonstration. Ich kenne es aus Deutschland halt anders, zumindest auf der gewerkschaftlichen Seite. Das stellt sich bei sozialen Bewegungen schon a bisserl anders dar, ist aber auch dort h\u00e4ufig von fast spie\u00dfiger Ernsthaftigkeit und Strenge gepr\u00e4gt. Die franz\u00f6sischen Kolleginnen und Kollegen hatten jedenfalls ne Menge Spa\u00df und wirkten trotzdem k\u00e4mpferisch. Inhaltlich ging es sehr deutlich gegen die Regierung Hollande und ihre Programme, die in den Augen der franz\u00f6sischen Gewerkschafter nur Wege in die Prekarisierung der Lohnarbeit und die Spaltung der Gesellschaft darstellen. Am Rande ging es auch um Refuggees und Immigrees. Leider ist mein Franz\u00f6sisch ja mehr als bescheiden, so da\u00df ich nicht viel mehr sagen kann. Es gab noch ein Transparent, das sich gegen die Kriminalisierung der Gewerkschaften wendete, wovon ich bislang nichts mitbekommen habe. Da mu\u00df ich mal hinterherrecherchieren.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nNach der Rede, die von einer Frau Funktion\u00e4rin gehalten wurde, war der politische Teil vorbei und es kam dann das, was mir das Wasser ins Auge getrieben hat. Zum Schlu\u00df, besser im Nachgang zu ihrer Rede, sagte die Kollegin irgendwas mit Singen und Internationale. Und tats\u00e4chlich stimmte der Vors\u00e4nger die Melodie der Internationalen an und alle stimmten ein. Ich auf deutsch, die anderen auf franz\u00f6sisch. Aber es war ein so sch\u00f6nes und erhebendes Gef\u00fchl so weit weg von meinem roten ersten Mai in Siegen Kolleginnen und Kollegen gefunden zu haben, mit denen zusammen ich diese Hymne der Arbeiterbewegung an unserem Kampftag singen konnte. Einfach sch\u00f6n und in Deutschland ja eh undenkbar, da\u00df auf einer Gewerkschaftsveranstaltung das letzte Gefecht nach dem die Sonne ohne Unterla\u00df scheint angek\u00fcndigt wird. Obwohl es bei den Br\u00fcdern, die zu Sonne und Freiheit wollen, auch eine letzte Schlacht gibt. Die allerdings wird esoterisch als heilig \u00fcberformt. Naja, mir gef\u00e4llt es mit der Internationalen besser.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nTrotz alledem war mir dann kalt, so da\u00df ich auf den kulturellen Teil leider verzichten mu\u00dfte und mich auf den Heimweg gemacht habe. Da es mittlerweile sogar aufgeh\u00f6rt hatte zu regnen und aufgeklart war, wurde der R\u00fcckweg ein Genu\u00df. Landschaftlich reizvoll und vom Baustil schon ein wenig ins Alpine gehend, ging es durch die H\u00fcgellandschaft, vorbei am TGV-Bahnhof Belfort-Montebilard an einen Kanal, der mich dann zur\u00fcck nach Belfort f\u00fchrte. Hier habe ich dann einen gem\u00fctlichen Nachmittag verbracht, wenn man von dem Waschen der Hose einmal absieht. Der Kerl der Fahrr\u00e4der ohne Schutzbleche erfunden hat, sollte sich warm anziehen, wenn ich den mal treffe. Heute abend gibts die Reste vom Risotto und ab morgen bin ich wieder on the road.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Punkt 7:30h habe ich mich auf den Weg Richtung Belfort gemacht. Die Strecke f\u00fchrt ohne viele H\u00f6henmeter durch die Porte d&#8217;Alsace oder die von mir ja schon h\u00e4ufiger angesprochene burgundische Pforte. 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