{"id":492,"date":"2016-04-12T19:47:55","date_gmt":"2016-04-12T17:47:55","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=492"},"modified":"2016-04-13T20:29:17","modified_gmt":"2016-04-13T18:29:17","slug":"7-etappe-murrhardt-tuebingen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=492","title":{"rendered":"7. Etappe: Murrhardt &#8211; T\u00fcbingen"},"content":{"rendered":"<p>In der Nacht war ein Plan gereift und da der Herbergsvater mitspielte und die Deutsche Bahn auch, wurde aus dem hedonistischen Vorhaben Realit\u00e4t. Worum geht es? Die Strecke von Murrhardt nach Winnenden f\u00fchrt weiterhin durch mittelgebirgige W\u00e4lder, was nur bedingt tauglich ist, um den angek\u00fcndigten sonnigen Tag zu genie\u00dfen. Deshalb habe ich beschlossen nach Winnenden zu fahren und von dort aus nach Esslingen zu laufen, weil die Strecke durchs Remstal f\u00fchrt, was den Kennern w\u00fcrrtemberger Weinen wohl was sagt. Mir nicht. Ich kenn ja w\u00fcrrtemberger Weine eher aus seligen Supermarktzeiten. Das ist die letzten Tage aber besser geworden, weil ich mich hier nun durchprobieren kann. Also: Remstal, ich komme!<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Vorher gilt es in der Jugendherberge auszuchecken und das geht erst um 8:00h, der Zug f\u00e4hrt aber um 8:36h, was bei meinen B\u00fcrokratievorbehalten und der Masse komischer Elternfreundeskreise und weniger komischen Jugendgruppen dazu gef\u00fchrt hat, da\u00df ich f\u00fcnf vor acht vor einer geschlossenen Rezeption gestanden bin. Als einziger. Die war ja auch zu. P\u00fcnktlich um acht sprang die angebrachte Ampel auf gr\u00fcn und ich konnte nun klingeln, um anzudeuten, da\u00df ich was will. (Echt. Ich schw\u00f6r, da\u00df es diese wahrscheinlich selbstgebaute Anlage wirklich gibt.) Und mit dem Klingeln ging die Klappe auch auf und ich war in Nullkommanix ehemaliger Gast dieser Jugendherberge, durfte aber &#8211; ob der gewonnenen Zeit beim Auschecken war das drin &#8211; zum Fr\u00fchst\u00fcck.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nFr\u00fchst\u00fccken in Jugendherbergen hat einen ganz besonderen Reiz, weil es einen tiefen Einblick in die Essenskulturen dieser Welt zul\u00e4sst. Wer nimmt was? Wie wichtig ist der Kaffee? Wer organisiert die Gruppe? Und: Wer wischt den Tisch ab, was es im normalen Gasthof ja nicht gibt. Insbesondere die Frage nach dem wer nimmt was, find ich immer lustig, wenn es eben nicht das elterlich reglementierte Sontagsmorgenangebot gibt, sondern eben auch sackweise Wurst und Schinken, sowie Kakao und alles andere Sch\u00e4dliche au\u00dfer Alk und Kippen. Es war recht unterhaltsam wie die Kinder argumentierten, aber leider mu\u00dfte ich los, hab meinen Zug auch erwischt und bin in Begleitung von Sonntagsausfl\u00fcglern nach Stuttgart dann in Winnenden gelandet.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDen ersten Schritt auf den Bahnhofsvorplatz gesetzt und schon den ersten Gedanken an diesen Amoklauf im Kopf. Das ist ja schon gef\u00fchlte 100 Jahre her, aber was soll einem sonst zu Winnenden einfallen, au\u00dfer K\u00e4rcher vielleicht, die hier ihren Stammsitz haben. Dieses Gef\u00fchl hat mich auch nicht verlassen, als ich Richtung Marktplatz und einer Andeutung von Altstadt ging und sich verst\u00e4rkte, als ich darauf hin an einer Riesenpsychatrie vorbeigeleitet wurde.<br \/>\nDer Weg f\u00fchrte aber gleichzeitig aus der Stadt hinaus und die d\u00fcsteren Gedanken verfl\u00fcchtigten sich beim Gehen durch Streuobstwiesen und dem Blick auf recht steil angelegte Weinberge. Richtige Entscheidung, diesen Weg zu w\u00e4hlen, hab ich bei mir gedacht, als ich auf einer H\u00f6he stehend, dieses Tal flei\u00dfiger H\u00e4uslebauer und Checker bis hin zum Stuttgarter Fernsehturm \u00fcberblicken konnte, im Hintergrund aber die Fr\u00fchschoppenkneipe vom Sch\u00fctzenverein l\u00e4rmte. Ich sage es ungern, aber vielleicht mu\u00df tiefer in die schw\u00e4bische Seele geschaut werden. Und vielleicht steckt hinter dieser ewigen Organisiererei &#8211; selbst im Biergarten werden Tische umger\u00fcckt und Decken besorgt &#8211; nichts anderes als eine protestantisch verklemmte Lebensfreude, denen weder die Kinder der Bisch\u00f6fe von Bamberg und W\u00fcrzburg, noch die s\u00e4kularisierten Berliner viel Verst\u00e4ndnis entgegenbringen k\u00f6nnen. Aber das m\u00fcssen wir lernen und da hilft nur begreifen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nFolglich bin ich weiter an sich selbstoptimierenden Schwaben und den dazugeh\u00f6rigen Zugereisten Joggern, Walkern und Bikern &#8211; immerhin war Sonntag, im G&#8217;sch\u00e4ft nix los und deshalb Zeit zum K\u00f6rper st\u00e4hlen &#8211; vorbeigewandert, bzw. hab mich von ihnen \u00fcberholen lassen m\u00fcssen und dieses echt sch\u00f6ne Tal mit Ausblick auf die schw\u00e4bische Wirtschaftsmacht genossen. Die Gemeinden des Tals sind gr\u00f6\u00dftenteils unter einer  Verwaltungsgemeinschaft mit dem klingenden Namen &#8222;Weinstadt&#8220; zusammengefasst, was in mir einen gewissen Drang nach Einkehr hervorrief, die in Kleinheppach ihren Erf\u00fcllungsort fand. Was ich nicht wissen konnte, war das just zu diesem Sonntag in dieser Gemeinde der wei\u00dfe Sonntag, also die Erstkommunion, gefeiert wurde. Da wo ich herkomme, ist der wei\u00dfe Sonntag immer der erste Sonntag nach Ostern (!) und alles andere f\u00fchlt sich an, als ob es dem Priestermangel geschuldet w\u00e4re. Egal. Nach dem Jugendherbergsfr\u00fchst\u00fcck ergab sich dadurch eine weitere Gelegenheit zu kultursoziologischen Studien. Und wie sooft bei solchen Studien ergaben sich mehr Fragen als Antworten. Warum m\u00fcssen M\u00e4dchen jetzt cremefarbene, lange Kleider und Handschuhe tragen? Warum tr\u00e4gt die dazugeh\u00f6rige Mutter einen ascot-gro\u00dfen Hut und warum wirkt der Typ daneben wie bestellt und nicht abgeholt. Warum sind in einer Dorfkneipe f\u00fcnf Kommunionfeiern unterzubringen, weil alle nur noch mit max. f\u00fcnf  bzw. sieben Leuten feiern. Warum sitzen vier Leute, die sich auf einer Kommunion getroffen haben, in einem Gasthof abseits der eigentlichen Feier, um den Tod von Mutter und Frau, gemeinsam mit deren besten Freundinnen Revue passieren zu lassen? Zu meiner Zeit waren das Feiern mit drei\u00dfig Leuten, die das Kommunionkind feierten, die Toten der letzten Zeit betrauerten und freudige Ereignisse schonmal begossen. Das Leben, der Tod und das alles weiter geht, war eins und die Rahmen f\u00fcr Selbstinszenierung war eng gesteckt. Aber wo diese Selbstinszenierung keine soziale Kontrolle mehr kennt, l\u00e4uft eben auch ein wagenradgro\u00dfer Hut durch eine kleinheppacher Dorfpinte und mu\u00df sich von diesem leicht m\u00fcffelnden Fernwanderer schief anl\u00e4cheln lassen, weil der Ma\u00dfstab daf\u00fcr, wer sich womit an welchem Ort blamiert, abhanden gekommen ist. Was mir diese Crogs-Frage nochmal leichter macht, wenn ich dahinter auch ein bedenkenswertes Thema sehe.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nIch bin dann \u00fcber die Ebene weitergezogen gen Neckartal und abschlie\u00dfend ging es steil abw\u00e4rts Richtung Esslingen. Und mit jedem Schritt war klar, da\u00df das nicht meine Stadt ist. Sehr schnieke, sehr gelackt und eben so klemmig. Das da die Freundin einer Freundin vor Jahren in besseren Kreisen beinahe mal an dieser Spie\u00dfigkeit erstickt ist, hat nat\u00fcrlich alles nur verst\u00e4rkt. Also dann: Ticket gezogen, nach T\u00fcbingen gefahren, in der Jugendherberge eingecheckt und ab ins St\u00e4dtchen. Sch\u00f6ne Stadt, viel Altstadt, n Flu\u00df (ja, es ist der Neckar) und halt ein durch und durch akademisch-studentisches Gewese. Nach Jahren jenseits der Idee eines flockigen Sommersemesters, kam mir der Gedanke einen Montag in T\u00fcbingen zu verbringen, geradezu vor, wie ein Jungbrunnen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDer erste Off-Day also in T\u00fcbingen. Sch\u00f6n lang liegen geblieben, gefr\u00fchst\u00fcckt, den blog betreut und am sp\u00e4ten Vormittag hinein ins Get\u00fcmmel. Das Semester scheint schon begonnen zu haben und es hat sich seit zwanzig Jahren nichts ver\u00e4ndert. Orientierungslose Erstsemester. Umherhechtendes Lehrpersonal, das mit einem neuen Raum f\u00fcr eine alte Veranstaltung \u00fcberfordert scheint. Altstudis, was es ja nach Bologna eigentlich nicht mehr geben d\u00fcrfte, aber dieser Schlag reichlich souver\u00e4n daherkommender h\u00f6herer Semester, meistens m\u00e4nnlich, die bereitwillig jedem Erstsemester, vorzugsweise weiblich, weiterhelfen und einige andere Prototypen, die es anscheinend in jedem Jahrgang gibt. Soweit so gut und nicht anders als an meiner alma mater in Siegen. Nun ist T\u00fcbingen, aber T\u00fcbingen; altehrw\u00fcrdig und seit jeher eher eher liberal, wenn nicht sogar fortschrittlich. Was in Zeiten wie diesen, eine durch und durch gr\u00fcn gepr\u00e4gte Stadt verspricht. Biol\u00e4den, italienische Espressobars und fair gehandelte Kleidung, sowie mehr als einen Weltladen (die Betreiber haben sich wahrscheinlich in den 80ern bei irgendeiner Imperialismus-Debatte heillos zerstritten) und alles was sich so anbietet von Feinkost \u00fcber Outdoorklamotten bis D\u00f6ner-L\u00e4den die vorzugsweise Falafel verkaufen und gefragt werden, ob die Sauce denn vegan sei. Das ist unbestritten nett und auch echt einen Ausflug wert, aber ich brauchte dann gegen mittag mal ne Pause und haben dem Stadtfriedhof einen Besuch abgestatten. Dort sind H\u00f6lderlin und Walter Jens neben einigen anderen untergebracht und ich habe bei H\u00f6lderlin ein wenig, bei Walter Jens ein wenig mehr ausgeharrt. Prof. Jens hat wie wenig andere die humboldtsche Universit\u00e4t mit ihrem Anspruch an das allseitig Interessierte einerseits und andererseits mit der hohen moralischen Verantwortung des Intellektuellen, des staatlich alimentierten insbesondere, vorgelebt, auch wenn er hie und da mal Schei\u00dfe gebaut hat.<br \/>\nAber wer macht das nicht?<br \/>\n<!--more--><br \/>\nNach diesem Ausflug war ich wieder bereit f\u00fcr den Gang ins Lebensweltliche und nach einem leider alleine eingenommenen Bierchen in einem schattig gelegenen Cafe, habe ich versucht, diese Stadt mal anders zu lesen. Ich habe nach Aufklebern und Graffitis geguckt und nach einiger Zeit gemerkt, da\u00df Fu\u00dfball in dieser Stadt nicht stattfindet und niemand der Meinung ist, da\u00df alle Chemnitzer beautiful sind, was sich ja bundesweit in dieser kurzen Formel ACAB darstellt. In T\u00fcbingen? N\u00fcschte! Nat\u00fcrlich gab es hie und da einen Aufkleber, der \u00fcber das hier und jetzt hinausweist, aber in G\u00e4nze stellt sich diese Stadt als der befriedete Raum eines \u00f6koliberalen Bildungsb\u00fcrgertums dar, was ich in den anderthalb Tagen durchaus genie\u00dfen konnte. Aber in G\u00e4nze wird das nicht weiterhelfen. Gesellschaftlicher Fortschritt entsteht aus Konflikten und wenn keine da sind, mu\u00df man sie suchen. Das hat bereits ein gro\u00dfer Vordenker unserer Zeit, William Wallace, so formuliert, als er auf die Frage, was er da drau\u00dfen wolle, antwortete, da\u00df er sich ein wenig \u00c4rger suche.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nIch war allerdings nicht auf Krawall geb\u00fcrstet und hab mich nach einem recht anst\u00e4ndigen Kneipenessen dann auf den letzten Abend im Zwei-Bettzimmer vorbereitet, weil mein Zimmerkollege in der Herberge schon ein wenig strange war. Ein mehr als wortkarger Langschl\u00e4fer, der so \u00fcberhaupt kein Interesse daran zeigte, dieses kurzfristige Miteinander zu gestalten. Und weil ich ja fr\u00fch raus mu\u00dfte, war ich vor ihm da. Dachte ich. Der lag schon, hat aber gelesen. Also hab ich ihn angesprochen und ihm erkl\u00e4rt, da\u00df ich morgen fr\u00fch zusammenpacken, duschen und abreisen mu\u00df, kurz L\u00e4rm machen werde. Die stoische Antwort: Passt schon. Ich leg mich also hin und tr\u00e4um von Erstsemesterparties und Aufst\u00e4nden vergangener Tage. Als ich wach werde, ist der Vogel schon ausgeflogen. Ich treff ihn dann aufm Weg zu Dusche, lesend in einer Nische. Als ich dann gehe, sage ich ihm ein Auf Wiedersehen, von dem ich mir w\u00fcnsche, da\u00df es nie eintritt. Leute gibt es, die gibt es gar nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Nacht war ein Plan gereift und da der Herbergsvater mitspielte und die Deutsche Bahn auch, wurde aus dem hedonistischen Vorhaben Realit\u00e4t. Worum geht es? 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