{"id":43,"date":"2012-08-07T19:49:28","date_gmt":"2012-08-07T17:49:28","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=43"},"modified":"2012-08-15T06:32:19","modified_gmt":"2012-08-15T04:32:19","slug":"kleine-fluchten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=43","title":{"rendered":"Kleine Fluchten"},"content":{"rendered":"<p>Raus. Raus. Nur raus\u2026.es gibt Termine, die einen in den Wahnsinn treiben und das nicht mal so sehr wegen dem, was besprochen wird, sondern wegen mangelnder Struktur und Professionalit\u00e4t mit der die scheinbar wichtigen Akteure dort auftreten\u2026 Also Raus und zwar schnell. Ab ins Auto. Nach Hause. Raus aus dem Anzug. Rein in die Wanderklamotten. Den vorbereiteten Rucksack auf und ab zum Bahnhof\u2026 Nat\u00fcrlich in Eile. Das Ergebnis ist klar: Du stehst v\u00f6llig verschwitzt, aber 10 Minuten zu fr\u00fch am Bahnsteig und wartest auf den Zug\u2026 Zeitmanagement geht anders, aber das lern ich nicht mehr. Nie.<\/p>\n<p>Nach einer viertelst\u00fcndigen Zugfahrt bin ich dann in Hassfurt und warte auf das Taxi, dass mich zum Ausgangspunkt der Wanderung bringen soll. Taxis sind ja eher urbane Fahrzeuge, so dass sie in einer knapp 15.000 Leute Kleinstadt ein wenig deplatziert sind und da man weder betrunken noch gehbehindert daherkommt, wird man selber von den Eingeborenen auch kritisch be\u00e4ugt. Der Taxifahrer ist dann auch ein Outlaw ganz besonderer Art. Ein kurdischer Genosse, den es in die Provinz verschlagen hat und der neben dem Taxidienst, die Bahnhofskneipe und ein Bistro betreibt, zus\u00e4tzlich noch dieses Regenmacherinstrument spielt und jede Gelegenheit nutzt, um in die Heimat zu fliegen.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich hat er die optischen Eindr\u00fccke seiner Heimat dabei, mit Musik hinterlegt und kann das w\u00e4hrend der Fahrt \u00fcber kurvige Landstra\u00dfen auch auf seinem Iphone pr\u00e4sentieren. Und so f\u00e4hrst du \u2013 knapp eine Stunde nach dem grausligen Termin \u2013 durch das Steigerwald-Vorland und bist schon ganz woanders.<\/p>\n<p>Nach einer herzlichen Verabschiedung geht\u2019s dann endlich los. Rucksack auf und gemessenen Schrittes Richtung Nachtquartier, das nach knapp 2 Stunden auch erreicht ist. Ein kleiner Gasthof am Fu\u00dfe des Zabelsteins, der von daher Bedeutung hat, weil ich da mit meinen Eltern mal gegessen haben, als sie mich in der neuen Heimat besucht haben. Die Erinnerungen an meine Mama sind dabei so pr\u00e4sent, also ob sie tats\u00e4chlich da w\u00e4re und ich nicht im Speisebereich Platz nehmen kann, sondern im Thekenbereich einen Platz suche. Das erweist sich nicht als Fehler, ist doch auch in Franken, wo es erstaunlich wenig Stehtheken gibt, das der Bereich, wo du am ehesten ins Gespr\u00e4ch kommst und so vergeht der Abend mit Gebrauchtwagenkaufempfehlungen, Freizeittipps und dummen Zeugs zur Lage der Nation bei Schweinebraten und Kellerbier ohne weiteren Tr\u00fcbsinn. Das Zimmer ist einfach und sauber, wobei das gr\u00f6\u00dfte Geschenk die absolute Stille ist die gegen 22.00h einkehrt. Ge\u00f6ffnetes Fenster und du h\u00f6rst nicht einmal mehr die V\u00f6gel, weil die sich auch hingelegt haben. Das beruhigt ungemein\u2026.<\/p>\n<p>Um 5.45h (bl\u00f6de Uhrzeit, war aber so) geht\u2019s dann los. Die lange Tagesetappe steht an und beginnt gleich mit einem steilen Anstieg auf den Zabelstein, der aber mit einem fantastischen Blick \u00fcber das Schweinfurter Becken belohnt wird. Danach senkt sich der Weg \u00fcber den R\u00fccken des Zabelsteins gem\u00e4chlich Richtung Michelau, einer kleinen Weinbaugemeinde am Rande des Steigerwalds, die im Schatten ihrer gro\u00dfen Schwestern im Westen steht. Aber auch dort ist die Dualit\u00e4t von lichten W\u00e4ldern und Weinbergen, dass was das Herz aufmacht. Ein herrliche Landschaft, die den Hintergrund f\u00fcr allerlei Sortierarbeiten im Kopf und ein flottes Vorankommen liefert. \u00dcber Handthal geht\u2019s dann nach Ebrach, einem alten Kloster und nat\u00fcrlich gerate ich \u2013 wir haben Christi Himmelfahrt \u2013 in eine Wallfahrt. Im Unterschied zu den Prozessionen in heimischen Gefilden scheinen diese Fu\u00dfwallfahrten um einiges schneller voranzukommen und auch deutlich weltlicher motiviert zu sein. Das freundliche Geplapper und die gut gef\u00fcllten Brotzeittaschen sprechen auf jeden Fall daf\u00fcr. Das wohl unvermeidliche Gesinge beschr\u00e4nkt sich deshalb auch auf die letzten 200 Meter vorm Kloster, was ich schon aus dem kl\u00f6sterlichen Biergarten heraus h\u00f6ren konnte, weil ich einfach \u00fcberholt habe. Dieser Biergarten bietet mitt\u00e4gliche Entspannung bei Weinschorle und Salat.<\/p>\n<p>Danach geht es auf zu den letzten knapp 20km des Tages Richtung Abtswind. Das sch\u00f6ne an langen Streckenwanderungen ist ja dieser kontemplative Trott der sich irgendwann einstellt\u00a0 Du gehst in einem Tempo, dass du nicht wirklich steuerst, sondern das sich eingependelt hast und ziehst deinen Kreis, der in diesem Fall geradeaus geht. Landschaftlich wird\u2019s dann langsam weniger waldig und mehr und mehr gewinnen die Weinbergswege optische Dominanz. Leider st\u00f6rt die A3, die an einer Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke \u00fcberquert werden will, akustisch doch gewaltig, aber nicht durchg\u00e4ngig. Und irgendwann tun die F\u00fc\u00dfe dann doch weh und dann ist es gut, dass das Ziel nicht mehr weit ist. Abtswind; ebenfalls eine Weinort, allerdings ohne gro\u00dfe Namen, weder Weinlagen, noch Winzer, aber als Etappenort durchaus geeignet. Insbesondere auch deshalb, weil sich mit der \u201eSchwane\u201c ein durchaus ansprechendes Restaurant findet, wo es zu einem Fl\u00e4schchen Wei\u00dfburgunder aus Greuth, ein sch\u00f6n buttrig gebratenes (nicht frittiertes) Schnitzel und einen sch\u00f6n schlotziger Kartoffelsalat gab. Leider war dort kein Zimmer mehr zu bekommen, so dass ich in einem Hotel Garni untergekommen bin, das zwar auch sauber, aber wenig einladend war.<\/p>\n<p>Also weiter nach Iphofen. Nach einer durchschlafenen Nacht geht es gegen 8:00h \u00fcber den Schwanberg nach Iphofen. Der Schwanberg ist einer der heiligen Berge der Franken und bereits seit Urzeiten besiedelt Seine nach Norden, S\u00fcden und Westen abfallenden Steilh\u00e4nge bieten nicht nur reichlich Platz f\u00fcr Weing\u00e4rten, sondern auch Schutz vor b\u00f6sen Feinden. Heute findet sich dort ein Friedwald und ein evangelisches Kloster, was die spirituelle Tradition des Ortes fortschreibt. Da es mir aber eher weltlich ist und ich wei\u00df, was mich in Iphofen erwartet, gibt\u2019s keine innere Einkehr, sondern der Abstieg vom Schwanberg beginnt. Eine meiner neueren Entdeckungen beim Wandern, die Knie beim Bergabgehen weniger durch Bremsen zu belasten, sondern Laufen zu lassen, bew\u00e4hrt sich auch hier und ich komme rasch voran. Dann Iphofen. Ziel einer nur knapp zweit\u00e4gigen Wanderung und trotzdem marschiere ich durch R\u00f6delseer Tor ein, wie der Tour de France Sieger den Champs-\u00c9lys\u00e9es runterf\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Und statt Siegertreppchen gibt\u2019s eine Belohnung kulinarischer Natur im Deutschen Hof, den ich an dieser Stelle mal ganz ausdr\u00fccklich loben will. Ganz unaufgeregte aber voll geile K\u00fcche\u2026 Gr\u00fcner Spargel und Kartoffeln mit Walnusspesto ohne Schnigges.. Dabei echte netter Service.. Herrlich.<\/p>\n<p>Aber alles hat ein Ende\u2026 Ich trotte dann zum Bahnhof, wie ein tr\u00f6delnder Schuljunge, freue mich am rebellischen Geist der Iph\u00f6fer Jugend, die an der Bahnhofsunterf\u00fchrung kundtut, dass sie nicht den Kuchen, sondern die ganze B\u00e4ckerei will und Gegen Nazis sowieso ist\u2026 Die Fahrt mit dem Nahverkehrszug nach Hause ist unspektakul\u00e4r und nach Entm\u00fcdungsbecken, sprich Badewanne, und Erdbeerkuchen ist die kleine Flucht vorbei\u2026\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Raus. Raus. 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