{"id":416,"date":"2015-10-29T19:09:57","date_gmt":"2015-10-29T17:09:57","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=416"},"modified":"2015-10-29T22:53:08","modified_gmt":"2015-10-29T20:53:08","slug":"deutschlehrer-letzter-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=416","title":{"rendered":"Deutschlehrer. Letzter Weg."},"content":{"rendered":"<p>Der Erz\u00e4hler ist dreihundert Kilometer gefahren. Er parkt sein Auto und betritt die Stadt in der er das Gymnasium besucht hat. Warum besucht man eigentlich eine Schule? Ist man dort zu Gast? Komisch. Oder man geht aufs Gymnasium. Das scheint der Sache schon n\u00e4her zu kommen, geht man doch zumindest im Westf\u00e4lischen auch auf Maloche, auf Arbeit, auf Zeche. Egal. Wie lange ist er nicht mehr hier gewesen? Einiges scheint neu, einiges instandgesetzt und einiges beim Alten. Der Gasthof am Marktplatz, das Rathaus, die Kirche. Der Platz an sich wirkt immer noch so \u00fcberdimensioniert wie zu Schulzeiten. Heute allerdings bietet der Platz ein bizarres Schauspiel. M\u00e4nner verschiedenen Alters, die sich nicht kennen, gekleidet in dunklen Anz\u00fcgen, schreiten den Platz unabh\u00e4ngig voneinander irgendwo zwischen Vertrautheit und touristischer Neugier ab. Einer sitzt auf der Terrasse des Gasthofs und isst ein Kr\u00fcstchen, dieser Versuch einer regionalen Spezialit\u00e4t in diesen Gegenden, die sonst keine haben. Der Esser entschuldigt sich auch fast, indem er darauf verweist, das schon so lange nicht mehr gegessen zu haben. Der Erz\u00e4hler, den es in eine Weingegend verschlagen hat, denkt sich, dass er dabei nichts verpasst hat. Trotz dieser kulinarischen Arroganz umweht ihn aber ein Hauch von Traurigkeit, weil er genau hier seine Jugend verbracht hat. Hier war er Sch\u00fcler und hat sich ausprobiert und ausprobieren d\u00fcrfen, ist gepr\u00e4gt worden und \u2013 was wahrscheinlich das wichtigste ist \u2013 war eingebettet in eine Horde Gleichaltriger, die erst im soziologischen Seminar zur peer group wurde, vorher aber beste Kumpels waren.<\/p>\n<p>Es ist Zeit zu gehen. 13:30h geht es los. Der hochverehrte Deutschlehrer soll heute unter die Erde gebracht werden. Langsam geht es zur Friedhofskapelle, wo einige ganz fr\u00fche Trauernde schon warten. Es kennen sich nicht viele und sie sind nicht in Trauer vereint, sondern vielmehr durch die Erinnerung an und die Pr\u00e4gung durch diesen Mann. Die Versammelten; Abiturjahrg\u00e4nge aus den fr\u00fchen 70er Jahren, genauso wie solche aus den 80er und 90er Jahren, sind vorzugsweise M\u00e4nner, die in ihrer Trauer auf Augenh\u00f6he sind und in ihrem Alter V\u00e4ter und S\u00f6hne sein k\u00f6nnten. Jahrgangskameraden lassen gemeinsam Erlebtes Revue passieren und kurz flammt hier und da auch Feuerzangenbowlenheiterkeit auf, die sich aber dem Anlass gem\u00e4\u00df schnell wieder verfl\u00fcchtigt.<br \/>\nDie Musik setzt ein und es beginnt. Die anscheinend im kirchlichen Umfeld unvermeidliche weibliche Ehrenamtlerin l\u00e4dt engagiert ins Geb\u00e4ude ein. Ein Angebot, dass die konsequent S\u00e4kularisierten ausschlagen, um den Reden bei bestem Wetter und guter \u00dcbertragungsqualit\u00e4t im Freien zu folgen. Es ist ein sch\u00f6ner Herbsttag und \u00fcber dem Friedhof liegt ein Farbenspiel zwischen indian summer und goldner Oktober, also gelb-rostrot. Der Priester, auch ein Sch\u00fcler des zu Grabe zu Tragenden, macht den Aufschlag und begr\u00fc\u00dft die Versammelten. Dem Erz\u00e4hler scheint es als ob er mit allerlei christlichen Bez\u00fcgen vermeiden will, pers\u00f6nlich zu werden. Leichtes Unbehagen macht sich breit, ob das denn angemessen ist. Dann tritt ein Sch\u00fcler, der wohl Anfang der 90er Jahre Abitur gemacht hat, ans Mikrofon und das Unbehagen verschwindet. Eine Laudatio, die den Ton trifft und den Deutschlehrer f\u00fcr den Dauer der Rede wieder reanimiert. Eine wirklich gro\u00dfe Rede. Er war, er ist, er bleibt. Und zwar eben nicht als K\u00f6rper, sondern als Idee, als gemeinsamer Gedanke. Der Erz\u00e4hler ist vers\u00f6hnt und nimmt die Replik des Priesters gelassen hin.<\/p>\n<p>Trauerzug. Der letzte Weg. Die erklecklich gro\u00dfe Menge schiebt sich hinter dem Sarg den Hang hinauf und vorm herabgelassenen Sarg nutzen viele die letzte Gelegenheit zur Zwiesprache zwischen Sch\u00fcler und Lehrer. Dem Erz\u00e4hler ist es als wenn er wieder im Treppenhaus des alten Schulgeb\u00e4udes steht und versucht zu erkl\u00e4ren, warum er keine Hausaufgaben hat. Hier geht es aber um mehr. Er hat den Lehrer seit vielen Jahren \u2013 nach einigen zuf\u00e4lligen Begegnungen an der Hochschule \u2013 nicht mehr gesehen; die Begegnung nicht gesucht. Und die Todesnachricht und die Beerdigung hat ihm gezeigt, was er h\u00e4tte finden k\u00f6nnen: Das Gespr\u00e4ch, den Streit um den guten Gedanken, die beste Argumentation eben nicht um etwas im Operativen, sondern im Wertigen, im Betrachten der Welt als einem Spiegel des Denkens. Mit diesem Gedanken scheint der Erz\u00e4hler nicht alleine zu sein und er genie\u00dft dieses Aufgehobensein im Kreise Gleicher. Diese schicken sich an, \u00fcber das \u00fcbliche Kaffeetrinken hinaus Gelegenheit zu suchen, bei Bacchus Trost zu finden. Der Erz\u00e4hler verabschiedet sich und f\u00e4hrt dreihundert Kilometer. Gr\u00fcbelnd. \u00dcber alles, was sich bietet und letzte Wege, die zu gehen w\u00e4ren. Gemeinsam zu gehen w\u00e4ren\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Erz\u00e4hler ist dreihundert Kilometer gefahren. Er parkt sein Auto und betritt die Stadt in der er das Gymnasium besucht hat. Warum besucht man eigentlich eine Schule? Ist man dort zu Gast? Komisch. Oder man geht aufs Gymnasium. 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