{"id":400,"date":"2014-11-25T22:18:20","date_gmt":"2014-11-25T20:18:20","guid":{"rendered":"http:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=400"},"modified":"2014-12-01T09:04:50","modified_gmt":"2014-12-01T07:04:50","slug":"chanson-dautomne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=400","title":{"rendered":"Chanson d\u2019automne"},"content":{"rendered":"<p>Der November ist immer randvoll mit Veranstaltungen, Tagungen, Festen und Tischrunden, die Gelegenheit geben, die Impulse, die das Jahr so geboten hat, schonmal vorsorglich Revue passieren zu lassen und zu sortieren. Naja, und dieser November hat keine Ausnahme gemacht: Begonnen haben diese bedenkenswerten Tage mit einer IG Metall -Tagung zum derzeit ja au\u00dferordentlich beliebten Thema \u201eIndustrie 4.0\u201c, das irgendwo zwischen neuem forschungspolitischen Ansatz zur F\u00f6rderkohleakquise und bereits real existierender industrieller Praxis verortet wird. Es ging weiter mit einem sch\u00f6nen Wanderwochenende mit AltgenossInnen in Schw\u00e4bisch Hall, einer Sitzung der Transformateure in M\u00fcnchen und einem Brotbackkurs auf dem Eichenhof bei Kreuztal, zwei langen N\u00e4chten mit meinem Bruder, der aus Reiner Tramperts neuem Buch vorgelesen hat, sowie den Sachs-Betriebsversammlungen in Schweinfurt und der Tutzinger Transformationstagung plus dem daran anschlie\u00dfenden Tutzinger Transformationslabor. Allen Terminen war eigen, dass sie sich mit der Zukunft und der gesellschaftlichen Weiterentwicklung besch\u00e4ftigt oder auseinandergesetzt haben und auch wenn sie Zusammensetzung und Schwerpunkte unterschieden, ergab sich doch f\u00fcr mich ein roter Faden. Ich m\u00f6chte allerdings nicht mit diesem roten Faden, sondern mit einer Betrachtung der Weiterentwicklung industrieller Produktionsweise beginnen, da sie mir doch immer noch als Ausgangspunkt gesellschaftlicher Entwicklungspfade gilt.<\/p>\n<h2>Industrie 4.0 oder die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte<\/h2>\n<p>Industrie 4.0 bezeichnet die zunehmende Digitalisierung der Produktwelt, die zunehmende Vernetzung der Produkte untereinander und die Verschmelzung von digitaler und analoger Welt. Digitalisierung der Produktwelt meint beispielsweise die Ausstattung des Laufschuhs mit einem Chip, der K\u00f6rpergewicht, Abrollverhalten und Schwei\u00dfaussto\u00df misst. Das wiederum kann vernetzt werden mit der K\u00f6rperwaage, die Gewicht und K\u00f6rperfettwerte beisteuert. Das alles ist ganz simpel mit der Armbanduhr vernetzt, die bei einer errechneten Kennzahl au\u00dferhalb bestimmter Normalit\u00e4ten laut piepst und zu mehr Ern\u00e4hrungsdisziplin und Abstinenz auffordert.<br \/>\nDie Verschmelzung von digitaler und analoger Welt, besser dem Entstehen von cyberphysischen System w\u00fcrde in dem Fall bedeuten, dass der Schuh das Abrollverhalten des Fu\u00dfes steuert, um die Fettverbrennung zu erh\u00f6hen\u2026<\/p>\n<h2>Wo bleibt die Arbeit?<\/h2>\n<p>Dass was im Consumer-Bereich teilweise ja schon durchaus \u00fcblich ist, h\u00e4lt nun auch Einzug in die industriellen Produktionsbereiche. Da ist das mit einem RFID-Chip ausgestattete Produkt, das alle Produktionsdaten speichert, aber auch so mit der Logistik vernetzt ist, dass seine Entnahme aus dem Lager einen Bestellprozess ausl\u00f6st, der keinen Disponenten, sondern nur noch einen Programmierer braucht. Gleichzeitig sind die Maschinen im Herstellprozess hinsichtlich ihrer Aggregatzust\u00e4nde so mit Sensorik ausgestattet, dass der Instandhalter\/die Instandhalterin im Leitstand keine Erfahrung mehr ben\u00f6tigt, bzw. keine Aufschreibungen mehr weitervererben kann, sondern nur noch auf das Signal des Rechners warten muss, das einen instandhaltungsw\u00fcrdigen Zustand meldet. Da wo der Mensch im Montageprozess noch gebraucht wird, wird er von cyber-physischen Systemen unterst\u00fctzt, etwa Handschuhen, die seine Bewegungen unterst\u00fctzen bzw. steuern. Es kann auch ein Leichtbauroboter sein, der ihm die richtigen Teile an der richtigen Stelle anreicht. Dieser Roboter ist auch nicht mehr in einem K\u00e4fig, sondern er ist Teil des Montagearbeitsplatzes.<\/p>\n<p>Es besteht also durchaus die Gefahr, dass die menschliche Arbeit im industriellen Montageprozess weiter entwertet wird und die Gehaltsentwicklung in den Unternehmen st\u00e4rker als bisher auseinanderl\u00e4uft. Dagegen gewinnt die logistische Steuerung der Prozesse durchaus an Bedeutung, da sie in Zukunft nicht l\u00e4nger an den Werkstoren endet, sondern die gesamte Wertsch\u00f6pfungskette in all ihrer Komplexit\u00e4t im Griff haben muss.<\/p>\n<p>Das alles ist nichts neues, sondern in vielen Unternehmen gibt es bereits das ein oder andere Tool, das an das vorher Beschriebene erinnert: e-Kanbans, pick to light-Vormontagen oder auch FTS (f\u00fchrerlose Transportsysteme) und TPM-Tools, die sich aus den Maschinensteuerungen mit Daten versorgen. Worin also besteht die neue Qualit\u00e4t, die sich hinter dem Etikett Industrie 4.0 verbirgt?<\/p>\n<h2>Die neue Qualit\u00e4t von Industrie 4.0<\/h2>\n<p>Der Vergleich, der auf der schon angesprochenen Tagung gezeigten Pr\u00e4sentationen aus Industrie und Wissenschaft, deutet darauf hin, dass es die Ganzheitlichkeit des Ansatzes, bzw. seine Durchg\u00e4ngigkeit sein soll. Das m\u00fcsste einen alten Produktionssystemer wie mich nicht sonderlich schrecken, wissen wir doch, dass die ganzheitliche Implementierung eines Systems in deutschen Unternehmen schon an den Grabenk\u00e4mpfen der Fakult\u00e4ten (Produktion vs. Qualit\u00e4t vs. Logistik etc.) scheitert, wenn es nicht schon vorher vom mittleren Management zum Privatvergn\u00fcgen eines Vorstands erkl\u00e4rt wurde.<\/p>\n<p>Und doch gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied. Wurden die Einf\u00fchrung ganzheitlicher Produktionssysteme zu Beginn der 90er (1. Welle) und 2000er Jahre (2. Welle) noch mit Kosteneffizienz begr\u00fcndet, die die konsequente Vermeidung von Verschwendung (Muda) nun einmal mit sich bringt, geht es mit Industrie 4.0 nichtmal so sehr um Kosteneffizienz, sondern darum, mit einem h\u00f6heren Individualisierungsgrad der Produkte Marktanteile im Massenmarkt zu halten. Die Rede ist davon Losgr\u00f6\u00dfe 1 zum Preis industrieller Massenfertigung anbieten zu k\u00f6nnen. Von Kosteneffizienz ist nur in dem Zusammenhang die Rede, wenn es um die Vermeidung von Lagerbest\u00e4nden geht, da die Produktion erst mit dem Abschluss der Bestellung startet. (Auch das ist \u00fcbrigens ein alter Traum der Produktionssysteme a la Toyota)<\/p>\n<h2 style=\"padding-left: 30px;\">Exkurs.<\/h2>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">An der Stelle sei eine kleine Randbemerkung zum Raumwiderstand erlaubt. Der Endkunde ist durch amazon, zalando etc. an kurze Lieferzeiten gewohnt und auch im industriellen Umfeld verk\u00fcrzen sich die Lieferzeiten zusehends, was wohl hei\u00dft, dass auch mit Industrie 4.0 die Produktion n\u00e4her an den Kunden oder besser Zielmarkt r\u00fccken muss, um eine angemessen kurze Lieferfrist zu wahren. Da h\u00f6ren sich drei Wochen Containertransfer Bremerhaven \u2013 Shanghai fast vorsintflutlich an. Von daher steht zu bef\u00fcrchten, dass bei einem schw\u00e4chelnden europ\u00e4ischen Markt, ein Teil der Produktion peu a peu Richtung Asia-Pacific abwandern wird. Aber egal wo die Fabriken auch stehen, sie werden nach Industrie 4.0-Gesichtspunkten funktionieren und versuchen die individuellen W\u00fcnsche der Kunden so schnell wie m\u00f6glich und mit Massenproduktionspreisen zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Auf der Tagung selber wurde Kosteneffizienz auch aus anderem Blickwinkel immer wieder verargumentiert. Unter dem Stichwort Ressouceneffizienz wird Industrie 4.0 zur gr\u00fcnen Technologie. Dadurch dass nur dann produziert wird, wenn bestellt wurde und die Bestellung individuell auf den Kunden, die Kundin zugeschnitten ist, ist Industrie 4.0 quasi abfallfrei und ressoucenschonend.<\/p>\n<h2>Gr\u00fcne Fertigungsperspektive oder Kampf um jeden Kunden?<\/h2>\n<p>Bis zu diesem Punkt h\u00f6rt sich das Thema Industrie 4.0 ja tats\u00e4chlich an, wie ein M\u00e4rchen. Die deutsche Industrie nimmt Geld in die Hand um kundenorientierter zu fertigen und dabei Umwelt und Rohstoffe st\u00e4rker als bisher zu schonen. Au\u00dferdem werden k\u00f6rperlich anstrengende Arbeiten automatisiert und der Qualifizierungsgrad der Belegschaften insgesamt steigt. Toll, oder?<\/p>\n<p>Naja. Man muss keine K-Gruppen Sozialisation genossen haben, um skeptisch zu werden, weil immerhin noch Kapitalismus ist und das Saulus zu Paulus wurde, ist ja nun auch schon l\u00e4nger her.<\/p>\n<p>Also lohnt sich das Nachdenken dar\u00fcber, was denn die Produktivkr\u00e4fte in Richtung Industrie 4.0 treibt. Betrachten wir die Produktionsverh\u00e4ltnisse im Rahmen der industriellen Massenproduktion, kommen Wachstum und Profitrate aus den Skaleneffekten, die die Produktion des Immer Mehr vom Immer Gleichen mit sich bringt.<br \/>\nNun wird Wachstum im Gegensatz dazu unter Industrie 4.0 als das Immer mehr von Individualisierbaren definiert, was aber zumindest den Schluss zul\u00e4sst, das Wachstum nur noch zu den h\u00f6heren Kosten einer individualisierten Produktwelt m\u00f6glich zu sein scheint. Diese h\u00f6heren Kosten ergeben sich quasi zwangsl\u00e4ufig aus den Investitionen f\u00fcr die individualisierte Produktion, den logistischen Aufwand den die Individualisierung fordert und dem entsprechenden Materialaufwand.<\/p>\n<h2>Was steckt also hinter diesem Aufwand?<\/h2>\n<p>Aus der Perspektive eines Wachstumsskeptikers liegt die Vermutung nahe, dass die Wachstumsgesellschaft nur noch wachsen kann, wenn sie die individualisierten Warenw\u00fcnsche der Konsumenten, also Marktanteile in ihrer kleinsten Einheit, zusammenkratzt und von daher die industrielle Produktion auf eben diese kleinste Einheit zugerichtet werden muss.<\/p>\n<p>Ein Liberaler w\u00fcrde sich vielleicht an der Kundenmacht erfreuen, die die Industrie mit ihren standardisierten Produkten in die Knie gezwungen hat und dich nun Turnschuhe in G\u00e4nsebl\u00fcmchenoptik konsumieren l\u00e4sst und nicht die Allstars in schwarz mit wei\u00dfen Streifen, die jedeR tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Als halbwegs Intellektueller dreht sich einem dabei nat\u00fcrlich der Magen rum, wenn das Individuum auf die Rolle als Konsument reduziert wird, wie auch immer individualisiert er\/sie konsumiert und doch nichts anderes macht, als &#8211; in v\u00f6lliger Verkennung seiner\/ihrer ureigenen Bed\u00fcrfnislage &#8211; reflexhaft den Verlockungen der Warenwelt zu gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Das alles l\u00e4sst einen bei dem Thema Industrie 4.0 zun\u00e4chst mal skeptisch bleiben. Hinzu kommt die ungel\u00f6ste Frage, wo denn bitte sch\u00f6n all die seltenen Erden und andere Rohstoffe kommen sollen, die ich f\u00fcr eine umfassende Digitalisierung der Waren- und Produktionswelt brauche? Interessant ist das diese Frage in den Diskussionen zu Industrie 4.0 bislang keine Rolle gespielt haben, weil die Protagonisten nicht im Rahmen planetarischer Grenzen agieren, sondern ganz \u201ebusiness as usual\u201c von der grenzenlosen Ressourcenverf\u00fcgbarkeit ausgehen, selbst wenn sie mit dem eigentlichen Produktionsmaterial ja ressourcenschonend, d.h. Lagerbest\u00e4nde und Abfallvermeidend, umgehen wollen.<\/p>\n<h2>Gesellschaftliche Perspektiven<\/h2>\n<p>Soweit, so unsch\u00f6n. Aber nun h\u00e4lt den wissenschaftlich-technischen Fortschritt in seinem Lauf weder Ochs noch Esel auf. Es geht halt nur drum, wie sich die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse gestalten lassen in denen dieser Fortschritt wirkt. Und so lohnt sich das Nachdenken dar\u00fcber, was aus dem Thema Industrie 4.0 denn im Sinne eines sozial-\u00f6kologischen Umbaus werden k\u00f6nnte, sehr wohl.<\/p>\n<p>Aus gewerkschaftlicher Perspektive stehen hier sicherlich die Fragen der Rationalisierungspotentiale und der Qualit\u00e4t, bzw. Struktur der Arbeitspl\u00e4tze im Vordergrund. Die Rationalisierungspotentiale sind durch einen h\u00f6heren Automatisierungsgrad der Produktionsprozesse gegeben, genauso wie Digitalisierung der Produkte und Prozesse steuernde und \u00fcberwachende T\u00e4tigkeiten in Logistik und Qualit\u00e4t entwerten kann. Hier wird es darum gehen, die Auseinandersetzung darum, wer denn Ross und wer Reiter ist, n\u00e4mlich Software oder Mensch, engagiert zu f\u00fchren. Wird der Mensch zum Anh\u00e4ngsel der Maschine oder beh\u00e4lt er die Steuerung wird lediglich assistiert? Eine spannende Frage, die nicht immer leicht zu kl\u00e4ren ist und vor allem nicht neu ist. Die Steuerungsoptionen der KollegInnen, die an den Flie\u00dfb\u00e4ndern stehen, k\u00f6nnen sich \u00fcber Industrie 4.0-Technologien gar nicht weiter verschlechtern. Die Frage muss hier vielmehr lauten, ob denn Industrie 4.0-Technologien monotone Menschenarbeit \u00fcberfl\u00fcssig machen kann und wenn ja, was aus den Menschen wird, die bislang mit ebenjener monotonen Arbeit ihren Lebensunterhalt verdient haben? Dieselbe Frage stellt sich im \u00dcbrigen auch f\u00fcr die Facharbeit etwa von InstandhalterInnen und LogistikerInnen. Deren Arbeit ist in den letzten Jahren durch einen ungeheuren Komplexit\u00e4tszuwachs einerseits und durch einen Zuwachs standardisierter Aufgaben, die fr\u00fcher von Hilfskr\u00e4ften abgewickelt wurde, andererseits gepr\u00e4gt. Hier w\u00e4re die \u00dcbernahme standardisierter Arbeiten durch den Kollegen Roboter sicherlich w\u00fcnschenswert. Leider zielt Industrie 4.0 aber eben auch auf die Steuerung von Komplexit\u00e4t, so dass sie auch die industrielle Facharbeit ver\u00e4ndern wird.<\/p>\n<p>An dieser Stelle kommen Gedanken an andere Debatten der letzten Jahre hoch, die den Marsch in die Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft oder auch das Ende der Arbeitsgesellschaft beschworen. Ver\u00e4ndert sich die Arbeitswelt und das Arbeitspl\u00e4tzeangebot durch die technische Innovation aus Industrie 4.0 in die Richtung der weiteren Akademisierung industrieller Arbeit und einer Zunahme von produktionsnahen Dienstleistungen sowie einer zunehmenden Automatisierung industrieller Produktion und dem dadurch erzwungenen Abwandern der Besch\u00e4ftigten in andere Branchen etwa der personenzentrierten Dienstleistungen in der Alten- und Krankenpflege? Oder bleiben da schlicht eine Menge ArbeitnehmerInnen \u00fcbrig und werden Hartzer, die sich evtl. ehrenamtlich noch hie und da engagieren und ihr karges Brot mit Urban Gardening und an der Tafel aufwerten?<\/p>\n<h2>Politische Hausaufgaben<\/h2>\n<p>Das alles sind Fragen, denen wir uns zu stellen haben, wenn wir \u00fcber die zuk\u00fcnftige Entwicklung von Arbeit und Gesellschaft nachdenken wollen. Wenn wir das auch noch vor dem Hintergrund von Klimawandel und Peak Everything tun wollen, wird das eine sehr grunds\u00e4tzliche Debatte darum, wie sich der \u00dcbergang in postfossile Zeiten denn halbwegs anst\u00e4ndig gestalten l\u00e4sst. Unter halbwegs anst\u00e4ndig w\u00fcrde ich gegenw\u00e4rtig rechtsstaatliche Grunds\u00e4tze, sozialstaatliche Strukturen und demokratische Prozesse fassen wollen, wobei ich sehr wohl wei\u00df, dass wir auf dem besten Wege sind, alle drei Aspekte zu demontieren. Ob diese Demontage bereits die Anzeichen einer Transformation sind, die in die falsche Richtung l\u00e4uft oder ob es sich dabei um die Verl\u00e4ngerung des fossilen Endspiels handelt, ist dabei offen. Bl\u00f6d w\u00e4re im Hier und Jetzt beides. F\u00fcr eine Zukunftsdebatte ist es aber zentral, ob sich einflussreiche Kapitalfraktionen sehr wohl der Herausforderungen der Transformation bewusst sind und in eine f\u00fcr sie handhabbare Richtung steuern oder ob sie diese tats\u00e4chlich ignorieren und so weiter machen wie bisher, aber halt zunehmend unter Druck geraten.<\/p>\n<p>In beiden F\u00e4llen w\u00e4re es hohe Zeit f\u00fcr eine Debatte der fortschrittlichen Kr\u00e4fte \u00fcber eine Strategie zur Transformation in Richtung postfossile Gesellschaft. Sie m\u00fcsste in der Lage sein Graswurzelans\u00e4tze wie Urban Gardening und Transition Towns mit politischen Projekten wie der Energiewende zu verkn\u00fcpfen und die Frage \u00f6kofairer Produkte und Produktion nicht nur als ein Trikont-Thema behandeln, sondern sie mitten im Herzen industrieller Produktion f\u00fchren. Damit w\u00e4ren dann soziale Frage und \u00f6kologische Fragen anschlussf\u00e4hig gemacht. Die Ergebnisse des Diskurses auch noch massentauglich und mehrheitsf\u00e4hig zu gestalten, w\u00e4re dann schon ganz gro\u00dfes Kino, geht es doch darum solche Werte wie Gl\u00fcck, Wohlbefinden oder Lebensqualit\u00e4t zu beschreiben und mit einem Verzicht auf Wohlstand, Konsumg\u00fcter und blo\u00dfe Zerstreuung zu begr\u00fcnden. Gleichzeitig w\u00e4re wirtschaftspolitisch die Umschichtung der Erwerbsarbeit und das Ende ungeplanten Wachstums durchzusetzen, was Elemente einer zentralen Steuerung haben wird.<\/p>\n<p>Das wird dann eine ganz schwierige Debatte, weil zu kl\u00e4ren sein wird, entlang welcher Leitplanken die zentrale Steuerung erfolgt und wo dann die Freiheitsgrade der Graswurzelinitiativen enden. Um das deutlich zu machen, sei mal mein bereits mehrfach strapaziertes Lieblingsbeispiel von der Energieeffizienz der Brotversorgung einer 200.000 Einwohner-Stadt pr\u00e4sentiert:<\/p>\n<p>Der Energieaufwand, diese Vielzahl &#8211; in unserer Phantasie wohl w\u00fcnschenswerten &#8211; schnuckeliger Stadtteilb\u00e4ckereien zu betreiben, ist leider deutlich h\u00f6her als die entsprechende Brotfabrik, meinetwegen auch von der Hofpfisterei, damit es nicht ganz so unromantisch wird. Und damit sind die kleinen B\u00e4ckereien unter Energiegesichtspunkten leider raus\u2026<\/p>\n<p>Hier stehen sich dann Romantizismen und gewollte Dezentralit\u00e4t einerseits und die Logik und Vorteile industrieller Fertigung andererseits gegen\u00fcber und m\u00fcssen vor dem angesprochenen Hintergrund von Klimawandel und Peak Everything entschieden werden. Mit diesem Diskurs ist zwar bereits begonnen worden, doch immer noch laufen die Lager und Szenen eher nebeneinander her, als miteinander ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Und dabei g\u00e4be es so viel zu besprechen. Und so viel zu tun. Denn was unabh\u00e4ngig von den Aktivisten von N\u00f6ten w\u00e4re, ist ja die gesellschaftliche Mobilisierung von Hegemonie, was explizit nicht mit Mehrheit verwechselt werden sollte. Und Hegemonie geht nur mit ausstrahlungsf\u00e4higen gesellschaftlichen B\u00fcndnissen, wobei gerade das echt schwierig ist: die fortschrittlichen Parteien, so es sie denn noch gibt, sind allesamt mit sich oder ihrer Regierungsf\u00e4higkeit besch\u00e4ftigt, was sie f\u00fcr ein Reformb\u00fcndnis leider untauglich macht, da so der parlamentarische Arm auf das Engagement einzelner Abgeordneter beschr\u00e4nkt ist. Die Gewerkschaften sind so wie sie sind und h\u00e4ngen am Wachstumstropf. Also wird es auch hier um das Gewinnen einzelner AktivistInnen gehen. Die Kirchen sind aus der Nummer Fortschritt ja schon ein wenig l\u00e4nger raus, auch wenn es hier zu Teilthemen (Frieden, Refugees und Armut, nicht aber zu allen Bereichen der Sexualit\u00e4t) streckenweise ganz anst\u00e4ndige Positionen gibt. Also gilt auch hier: Es geht um den Einzelnen!<\/p>\n<p>Daneben sind die Graswurzelinitiativen von Anti-Atom bis Transition Town und Urban Gardening sicherlich richtige PartnerInnen, geradezu geborener Teil, eines solchen B\u00fcndnis, auch wenn ihr ausdr\u00fccklicher Bezug auf das Hier und Jetzt, der lokale Bezug und ein generelles Misstrauen gegen Politik in tradierten Formen die Zusammenarbeit mit diesen Gruppen manchmal schwierig macht. Dann haben wir noch die Bildungsb\u00fcrgerInnen von den Umweltschutzverb\u00e4nden \u00fcber slow food bis hin zu den Landlust-LeserInnen. Die gehen (die Landlust-LeserInnen wahrscheinlich seltener) auch schonmal auf eine Demonstration, haben dagegen oftmals ihre Schwierigkeiten mit einem klassisch linken Lager. Diese Schichten sind aber als pr\u00e4gende Kraft einer wachstumskritischen, postfossilen Hegemonie wichtig, weil deren Lebensstilmodelle oftmals stilpr\u00e4gend sind und aus der Wechselwirkung von Stil, Kultur und Politik oft auch gesellschaftlicher Wandel entstanden ist.<\/p>\n<p>Was bleibt also zu tun? Den Funktion\u00e4rInnen unter der geneigten Leserschaft sei empfohlen dr\u00fcber nachzudenken, wie sie ihre Organisation jenseits von Wachstumspfaden, fossilen Rohstoffen und Klimawandel zukunftsfest und enkelsicher gestalten k\u00f6nnen, den WirtschaftslenkerInnen und F\u00fchrungskr\u00e4ften, die sich hierhin verirrt haben, sei selbiges f\u00fcr ihre Unternehmen empfohlen. Den GraswurzlerInnen sei ins Stammbuch geschrieben, dass es sich manchmal auch lohnt den gro\u00dfen Wurf zu denken und zu wagen, w\u00e4hrend ich den Organisationen der alten sozialen Bewegungen raten w\u00fcrde sich hinsichtlich ihrer Kommunikations- und Aktionsformen schleunigst zu modernisieren, was mehr hei\u00dft als eine halbseidene Internetpr\u00e4senz, die auch von einem Lifestyle-Artikel aus dem Hause Nestle stammen k\u00f6nnte. Manche halten sich diesem neumodischen Teufelszeug auch immer noch g\u00e4nzlich fern. Das ist aber auch nicht wirklich klug.<\/p>\n<p>Was ich noch mit auf den Weg geben will, ist die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr eben jene anderen Wege der Kommunikation, des Auftritts und der Argumentation. Das hilft n\u00e4mlich. Wir werden kein Reformb\u00fcndnis alter Pr\u00e4gung mehr auf die Beine stellen k\u00f6nnen, weil sich solche Bewegungen heute digital formieren, \u00fcber Lebensstil in den analogen Alltag transformieren und so Einfluss gewinnen. Dazu geh\u00f6rt evtl. mal ein Sternmarsch, eine Demo oder eine Manifestation. Das ist aber \u2013 my opinion \u2013 nicht l\u00e4nger das konstituierende Moment, wie es etwa die \u201eNie wieder Deutschland\u201c-Demo in Frankfurt 1990 war. Es muss also anders gehen, wenn es besser werden soll. Wie es genau gehen soll, wei\u00df ich auch nicht. Aber wir m\u00fcssen es ausprobieren, m\u00fcssen spielen und auch Fehler machen.<\/p>\n<p>Dabei d\u00fcrfen wir nicht aufh\u00f6ren bzw. m\u00fcssen damit beginnen solidarisch zu sein. Das hei\u00dft allerdings nicht, dass wir uns nicht streiten d\u00fcrfen. Ich hoffe, dieses Papier l\u00e4dt dazu ein.<\/p>\n<p>Bildet Banden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der November ist immer randvoll mit Veranstaltungen, Tagungen, Festen und Tischrunden, die Gelegenheit geben, die Impulse, die das Jahr so geboten hat, schonmal vorsorglich Revue passieren zu lassen und zu sortieren. 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