{"id":1138,"date":"2026-11-02T14:42:52","date_gmt":"2026-11-02T12:42:52","guid":{"rendered":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=1138"},"modified":"2026-11-02T14:42:52","modified_gmt":"2026-11-02T12:42:52","slug":"versoehnung-als-herausforderung-der-arbeitswelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=1138","title":{"rendered":"Vers\u00f6hnung als Herausforderung der Arbeitswelt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Rede, gehalten am 14.05.2026 im Rahmen des<br>Arbeitnehmerempfangs der KAB anl\u00e4sslich des<br>katholischen Kirchentags 2026 in W\u00fcrzburg<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">zun\u00e4chst einmal m\u00f6chte ich mich recht herzlich f\u00fcr die Gelegenheit bedanken, heute Abend meine Gedanken mit ihnen zu teilen und ehrlich gesagt, mir \u00fcberhaupt einmal Gedanken \u00fcber den Aspekt der Vers\u00f6hnung in der Arbeitswelt zu machen. Denn das ist f\u00fcr einen gestandenen Gewerkschafter nicht der naheliegenste Gedanke. Unser Handeln und die Theorie dazu ist oft genug von Auseinandersetzung, m\u00fchsamen Kompromissen und dem ewigen Widerspruch von Kapital und Arbeit gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und da eine Vers\u00f6hnung mehr ist als ein Kompromiss, m\u00f6chte ich dem zun\u00e4chst hinterherschmecken. Was ist eine Vers\u00f6hnung? Was will uns diese Kategorie sagen?<br>Vers\u00f6hnung ist, so denke ich, ein sozialer Prozess, der im Nachgang zu Konflikten, Verletzungen oder Besch\u00e4digungen die Beziehungen zwischen den beteiligten Akteuren heilt und auf eine neue Ebene hebt, wie etwa die deutsch-franz\u00f6sischen Beziehungen nach dem 2. Weltkrieg, um mal ein Beispiel zu w\u00e4hlen, das nichts mit der Arbeitswelt zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bleiben wir bei dieser Arbeitsdefinition, in der ein bisschen Hegel mitschwingt, erkennen wir entlang des Dreiklangs von Arbeit, Boden, Kapital jede Menge Themen und Ebenen auf denen Vers\u00f6hnung Not tun w\u00fcrde. Die deutschen Bisch\u00f6fe haben dazu ein eindr\u00fcckliches Thesenpapier vorgelegt, dass diese Vers\u00f6hnung vom Individuum und seiner Beziehung zur Arbeit, selbstbestimmt oder erzwungen, beschreibt. Das ist ein wichtiger Aspekt, den ich ein wenig weiter entwickeln m\u00f6chte, indem wir uns den eher strukturellen Fragen des vers\u00f6hnten Arbeitens entlang des Dreiklangs von Arbeit, Boden, Kapital n\u00e4hern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bleiben wir zun\u00e4chst beim Begriff der Arbeit, die nur allzuoft ausschlie\u00dflich als Lohnarbeit gesehen wird, was sie aber nicht ist. Denn Arbeit ist zun\u00e4chst das T\u00e4tigsein, f\u00fcr sich oder andere, dass mit einem individuellen oder kollektiven Sinn versehen wird und im besten Fall die Anerkennung Anderer gewinnt, mindestens aber ein Ma\u00df an Selbstzufriedenheit stiftet. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Anerkennung kann der Lohn, das Gehalt sein. Und mit der Entlohnung einer T\u00e4tigkeit gewinnt sie als Lohnarbeit einen anderen Charakter. Da in dem System in dem wir leben, nennen wir es Kapitalismus, der Lebensunterhalt in der Regel nicht in Subsistenz erfolgt, sondern wir mit dem erhaltenen Lohn unsere Lebensmittel, die mehr sind als Nahrung, sondern eben auch Wohnen, W\u00e4rme und Unterhaltung kaufen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und nun kennen wir alle bestimmt Leute deren entlohnte T\u00e4tigkeit keinen direkt nachvollziehbaren Sinn macht und auch keine Selbstzufriedenheit gibt, genauso wenig wie es mehr Anerkennung als den schn\u00f6den Lohn gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was macht das mit den Menschen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eskapismus, psychische Erkrankung oder Kompensation durch Konsum sind nur einige der beliebten Strategien sich dem Prozess der Vers\u00f6hnung mit Arbeit zu stellen, eben weil er als nicht ver\u00e4nderbar gesehen wird. Das Gegen\u00fcber, also der Chef, der Arbeitgeber oder Kapitalist, nennen sie ihn oder sie wie sie wollen, erscheint \u00fcberm\u00e4chtig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch hier haben wir es doch allzuoft mit Menschen zu tun, die mit dem was ist, \u00fcberfordert erscheinen. Ich kenne viele Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer*innen, leitende Angestellte und Vorst\u00e4nde, die mehr als 50 Stunden in der Woche arbeiten, aber schlussendlich die Transformation, die Ver\u00e4nderungen nicht aufhalten oder positiv beeinflussen k\u00f6nnen. Das h\u00e4ngt zum Teil an der Pfadabh\u00e4ngigkeit des Denkens, was meint, dass wir seit der Nutzbarmachung fossiler Energien eine wirtschaftliche Kraft entfesselt haben, die ewiges Wachstum versprach. Allerdings scheint dieser Pfad nun an eine Ende zu kommen, genau wie die Idee eines alles \u00fcberstrahlenden Europas.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also bleibt hier auch die soziale und materielle Anerkennung oftmals aus, wird als Niete in Nadelstreifen gedisst oder als brutaler Arbeitsplatzabbauer gebrandmarkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was macht das mit den Menschen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir beobachten seit einigen Jahren, dass es weniger Bereitschaft gibt F\u00fchrungsverantwortung zu \u00fcbernehmen und wir beobachten auch, dass bei vielen so genannten Startups nicht die Sache sondern die Kapitalisierung im Vordergrund steht, also sich auch hier Selbstzufriedenheit oder Anerkennung nur \u00fcber Geld vermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lassen Sie mich kurz innehalten und das Bild beschreiben, dass bis hierhin entstanden ist. Wir sehen eine durch\u00f6konomisierte Lebenswelt, deren Medium das Geld geworden ist, \u00fcber das sich auch Anerkennung und Sinn vermittelt. Das f\u00fchrt auch dazu, dass die, die wenig Geld verdienen, auch oft weniger anerkannte T\u00e4tigkeiten ausf\u00fchren und die, die mit Sinn und Menschenfreundlichkeit aufgeladene Berufe aus\u00fcben, wenig Geld verdienen, weil sie ja scheinbar das System nicht verstanden haben und f\u00fcr Gotteslohn unterwegs sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vers\u00f6hnung w\u00fcrde nun doch darin bestehen, der Arbeit keinen Preis zu geben, sondern ihren Wert anzuerkennen und den Lohn nicht mit Anerkennung zu verwechseln. Die Anerkennung k\u00e4me dann aus dem individuellen und kollektiven Mehrwert, den diese Arbeit erzeugt. Das bedeutet nat\u00fcrlich nicht, dass es nur um Anerkennung geht, sondern faire L\u00f6hne, die zum Leben reichen, sind in allen Bereichen eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr eine Vers\u00f6hnung in der Arbeit. Denn<br>faire Entlohnung ist auch der Ausgleich zwischen den Faktoren Kapital und Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinzu kommen hier Aspekte, die auch die deutschen Bisch\u00f6fe in ihrem Impuls genannt haben: Teilhabe und Beteiligung, Sinn und Werte in Arbeit. Vielleicht gilt das&nbsp; auch f\u00fcr die Reintegration von Arbeit und Leben. Lassen Sie mich kurz erl\u00e4utern was ich darunter verstehe. W\u00e4hrend wir uns \u00fcber viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte an die strikte Trennung von Arbeit und Privatsph\u00e4re gew\u00f6hnt haben, hat sich durch die Digitalisierung und insbesondere seit der Pandemie eine neue Welt aufgetan, die es deutlich einfacher macht die Anforderungen der Arbeitswelt und das Privatleben zu einem Guss zu formen. Das ist eine Form von Zeitwohlstand, die sicherlich nicht f\u00fcr alle Berufe greift, aber eben f\u00fcr viele.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber zur\u00fcck zum Thema der Vers\u00f6hnung. Ich habe den Dreiklang von Arbeit, Boden und Kapital eingef\u00fchrt, aber bislang nur von Arbeit und Kapital gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lassen Sie mich abschlie\u00dfend von der Vers\u00f6hnung mit dem Boden sprechen und lassen Sie uns Boden als Synonym f\u00fcr die Umwelt, die Ressourcen und Lebensbedingungen auf unserem Planeten annehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u00f6konomische Dynamik des fossilen Zeitalters war ungeheuer und hat sich ein schier unendliches Wachstum mit steigender Ausbeutung fossiler und metallischer Ressourcen erkauft und Umweltverschmutzung bis hin zur -zerst\u00f6rung in Kauf genommen. Und daran waren nicht nur Unternehmen beteiligt auch wir in unserer Rolle als Konsumenten haben dazu einen Beitrag geleistet. Nun gehen fossile Ressourcen ihrem Ende entgegen und auch metallische Ressourcen werden knapper. Der Klimawandel ist eine t\u00e4glich sichtbarer werdende Tatsache.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4re es nun nicht an der Zeit auch der Umwelt die Hand zur Vers\u00f6hnung zu reichen und Arbeit wie Kapitaleinsatz in ihrem Wert an dem wertsch\u00e4tzenden Umgang mit der Umwelt zu definieren? Und w\u00fcrde das nicht ein g\u00e4nzlich anderes Wirtschaften fordern?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lassen Sie mich das abschlie\u00dfend so beschreiben:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Arbeit und Kapital verpflichten sich zu einem sorgf\u00e4ltigen und ressourcensichernden Wirtschaften, genauso wie zu einem ressourcensichernden Konsum.<\/li>\n\n\n\n<li>Arbeit wird in ihrem Wert und nicht an ihrem Preis erkannt<br>und anerkannt. Das bedeutet auch eine faire Entlohnung.<\/li>\n\n\n\n<li>Kapital bzw. Geld wird als Medium des Wirtschaftens und nicht als wertbildend erkannt und entsprechend ver\u00e4ndert sich auch seine Rolle.<\/li>\n\n\n\n<li>Das Leben des Einzelnen ist ein t\u00e4tiges Leben (Auch Muse geh\u00f6rt dazu), das gleichwertig aus Lohnarbeit, Eigenzeiten und T\u00e4tigkeit mit und f\u00fcr Andere besteht.<\/li>\n\n\n\n<li>Gesellschaft und Einzelner vers\u00f6hnen sich mit ihren Fehlern der Vergangenheit und \u00f6ffnen sich f\u00fcr ein Neues Wirtschaften und Miteinander.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">das klingt vielleicht ein wenig nach Luftschloss, aber ist das nicht der Beginn einer jeden Vers\u00f6hnung? Das jemand nicht mehr will, sondern von einem anderen Miteinander tr\u00e4umt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich jedenfalls w\u00fcnsche mir das als Gewerkschafter und als Onkel einer 8j\u00e4hrigen Nichte. Und an dem ein oder anderen zustimmenden Nicken erkenne ich, das ich damit nicht alleine bin. Das freut mich sehr.<br>Ich danke f\u00fcr ihre Aufmerksamkeit. &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede, gehalten am 14.05.2026 im Rahmen desArbeitnehmerempfangs der KAB anl\u00e4sslich deskatholischen Kirchentags 2026 in W\u00fcrzburg Sehr geehrte Damen und Herren, zun\u00e4chst einmal m\u00f6chte ich mich recht herzlich f\u00fcr die Gelegenheit bedanken, heute Abend meine Gedanken mit ihnen zu teilen und &hellip; <a href=\"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/?p=1138\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-1138","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-grosse-transformation-postfossile-zeiten"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1138","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1138"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1138\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1140,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1138\/revisions\/1140"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1138"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/das-richtige-im-falschen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}