59. Etappe: Golinhac – Conques

Der Abschied vom Chalet ist schon schwer gefallen. Dieses kleine Haus, in dem ich mich sofort wohlgefühlt habe, schon nach einer Nacht und noch dazu bei arg bescheidenem Wetter, wieder räumen zu müssen und mich auf den Weg zu machen, war schon blöd. Es ist nämlich nicht immer so ganz einfach, Tag für Tag seinen Rucksack zu packen und weiterzuziehen, sondern die Frage nach dem Warum stellt sich schon oft und vielleicht immer öfter je länger man von zu Hause weg ist. Das hat natürlich auch damit zu tun, daß ich weder wegen Ablaß noch aus anderen religiösen Gründen unterwegs bin. Ich bin unterwegs, weil ich schon als Kind davon geträumt habe, mit so wenig Gepäck wie möglich abzuhauen. Nun bin ich nicht abgehauen, aber 12Kilo sind nun nicht viel Gepäck für den Weg. Und auf den Jakobsweg hab ich mich schlicht deshalb gemacht, weil er durch interessante Landschaften und coole Weingegenden führt und ich einfach immer nur der Muschel hinterherlaufen muß. Das scheint mich von vielen anderen Leuten zu unterscheiden, die da unterwegs sind. Und heute wird das besonders deutlich, weil das Etappenziel mir nichts sagt, aber für viele französische PilgerInnen das Ende von 10 Tagen Wanderurlaub, ähh Pilgern sind. Sagt man, weil es danach in den Unterkünften nicht mehr so voll sein soll.

Der Tag startet also schonmal recht nachdenklich und da es zunächst eher durch Wald geht, kommt weiteres hinzu. Je länger ich durch Frankreich wandere, mache ich mir Gedanken über das wilsmannsche Paradox, daß ein höchstmögliches Maß an Freiheit für den Einzelnen nur mit der Regulierung ebendieser Freiheit für einige Einzelne zu erreichen ist und es eine Frage politischer Entscheidungen ist – also Machtfragen – wessen Freiheiten denn zu beschneiden sind. Was mir im Zusammenhang mit Frankreich da in den letzten Tagen immer mehr durch den Kopf geht, ist die in den wilsmannschen Überlegungen evtl. nicht ausreichend beleuchtete Rolle des Staates. Beim Wandern über völlig verschlammte Waldwege wird das an der Stelle deutlich, wo am Anfang des Weges die Departement-Regierung ein großes Schild aufgestellt hat, daß sie nicht nur dieses Schild aufgestellt hat, sondern das Wandern dadurch echt sicherer geworden ist. Was ist geschehen? Der Streckenverlauf ist von der Autostraße in den Wald verlegt worden, was wahrscheinlich lange Gespräche mit dem Waldbesitzer (erster Unterschied zu Deutschland. Bei uns gibts kaum Privatwald und wenn gibt es Betretungserlaubnisse etc.) brauchte. Nun läuft der Weg da lang, aber den Waldbesitzer interessieren ja die Wanderer nicht, sondern seine Bäume, weshalb er auch mit schwerem Gerät den Wanderweg unpassierbar machen kann. Ist ja sein Wald. Und der Staat kann Schilder aufstellen. Hier ist also die Freiheit des Waldbesitzers eben nicht durch eine Art common sense schon in seinem eigenen Handeln limitiert, es gibt wahrscheinlich auch keinen runden Tisch „Waldwirtschaft und Tourismus“ und Ranger gibt es schon gar nicht. Also alles das, was sich in Deutschland in den letzten Jahren an beteiligungsorientierter, kommunaler (darauf lege ich Wert, zu mehr langts leider nicht) Staatlichkeit entwickelt hat, suche ich hier vergeblich. Das hat vielleicht mit dem tiefen Mißtrauen zu tun, mit dem die Franzosen (Entschuldigung übrigens für die pauschalen Zuschreibungen, aber wenn ich das jetzt auch noch differenziere, wirds ganz schwierig) ihrem Staat begegnen, eben weil sie ihn nicht als Plattform, sondern als Machtinstrument sehen. Und wer die Mehrheit – oder die Macht, das muß nicht immer dasselbe sein – hat, hat das Sagen. Der französische Staatspräsident kann am Tage seiner Wahl 3000 Stellen direkt neu besetzen. Weißte Bescheid. Franz Müntefering hat in seiner Zeit als Bundesbauminister drei Mitarbeiter mitbringen dürfen und nach fünf Wochen gemerkt, daß er die komplette Post dieses Ministeriums doch besser selber macht. Weißte auch Bescheid.

Naja, und so stapfe ich durch den Schlamm, und frage mich, ob das nicht mal gelegentlich zu vertiefen wäre? Ist die politische Kultur Frankreichs, die sich für mich ja auch gerade deutlich kämpferischer darstellt als die deutsche, nicht nur deshalb kämpferischer, weil sie immer auf den nackten Kern sozioökonomischer Beziehungen, nämlich Macht und Verteilung abzielt, abzielen muß, weil ihr ein Staatsverständnis abgeht, das den Staat nicht ausschließlich zur Beute der Mächtigen, sondern zum Ordnungsfaktor macht. Und weil ich das französische Staatsverständnis zunehmend so empfinde, denke ich auch daß die fraternite des französischen Dreiklangs eher frommer Wunsch als politisches Programm ist. Denn das Ding mit dem Ordnungsfaktor muß dann wieder damit gespiegelt werden, ob es einen common sense gibt, der in der organisierten Staatlichkeit zunächst aufgehoben ist.

Upps. Wozu verschlammte Wege und schicke Schilder führen können. Mittlerweile ist der Wald verlassen und die Wolkendecke lässt Sonnenstrahlen durch. Ist das schon Sommer? Nach rund zwei Stunden erreiche ich ein nettes Örtchen und angesichts der Schwere von Lage und Gedanken gibts ein Pression. Ich hock also entspannt vor der Bar, wo auch ein Grüppchen französischer Beseelter Pause macht, denen ich im Laufe der letzten Tage immer mal wieder begegnet bin. Ich grüße freundlich, werde freundlich zurück gegrüßt und weil die meisten von denen wissen, daß mein Französisch eingeschränkt ist, habe ich meine Ruhe. Die Bande ist allerdings ein wenig aufgekratzt, ist wohl heute der letzte Tag. Und dann zeigt die Mittelschicht ihre böse Fratze. Die wollen vor mir aufbrechen, verabschieden sich von allen anderen, auch von mir, nur eine macht eine abfällige Handbewegung (die ja in Westeuropa immer diesselben sind) und sagt verschwörerisch zu ihrer BeseeltenGruppe „no parle francais“ und da ich eh im Nachdenkmodus bin, pack ich mal meine Hackfresse aus und sag ihr auf Deutsch, daß sie mal richtig vorsichtig sein soll. Und, was soll ich sagen. Es gibt Mimik, Tonfall, Gestik und Blicke, da wirste überall verstanden.

Ich bleib dann noch ein wenig sitzen, erstens um mich zu beruhigen, zweitens um denen Vorsprung zu lassen. Blöde Kuh. Aber wie das Schicksal es will, biegt die nette Schweizerin um die Ecke, die ja gestern eigentlich in Estaing Station machen wollte. Und passend zu meinen Gedanken zu Liberte und common sense ist sie dort unpassend angekommen und überall abgewimmelt worden. Ja, und da hab ich dann jemandem zu einem ersten Gedankenaustausch über verschlammte Wege und Staatsverständnis und wir plaudern rum. Das tut zwar gut, aber es sind ja noch ein paar Kilometer zu gehen.

Ich mach mich auch deshalb dann zackig auf den Weg, weil ich – wie immer die letzten Tage – nichts gebucht habe, sondern getreu dem Motto „Zelt oder Einzelzimmer“ ganz gut gefahren bin. 60% Regenwahrscheinlichkeit drängen Richtung Einzelzimmer, aber es ist trocken und zwischenzeitlich scheint sogar die Sonne. By the way mach ich mir Gedanken, warum mir diese Mehrbettzimmer nach Le Puy, also wo ich wirklich mit wildfremden Menschen in einem Raum schlafen soll, aber nicht kann, so auf die Nüsse gehen. Vorher war das ja ok. Ich glaube, vorher waren das andere Leute. Die sind auch vor der Haustür los und machen ihr Ding. Ob das jetzt Pilger oder Fernwanderer sind, ist mir ja Latte. Seit Le Puy sind da andere Leute dabei. Beispielsweise diese Kalifornierer, die das von zu Hause aus, inkl Gepäcktransfer und Unterkünfte, sowie Hotline gebucht haben und das als nice adventure trekking in old europe sehen. Ihr Recht. Oder die französischen Senioren, ebenfalls im All Inclusive. Ihr Recht. Aber muß man sich denn fürs authentische Pilgerfeeling dann auch noch mit dem Mertens in ein Zimmer legen? Als Mertens sag ich jetzt mal, muß man nicht und ich muß das erst recht nicht. Für einige Leute, wie den schweizer Maronidealer tuts mir leid. Da sind nämlich coole Unterkünfte mit allem PiPaPo durch gebuchte Seniorengruppen complet. Anscheinend brauchen die Senioren- , Kalifornierer-, beseelten Einzel- oder Grupenwanderer das Jugendherbergsfeeling nochmal. Ich brauch das nicht, weil Jugendherberge sicherlich nicht die abgefahrenste Penngelegenheit meiner Jugend war und, ganz Arbeiterklasse, ich einfach das Gefühl genieße, mir was leisten zu können, weil ich dafür gearbeitet habe… und wenns den Dispo reißt… wird halt mehr gearbeitet.

Und wo wir gerade dabei sind. Ich hab heute abend gut gegessen. Es gab einen Salade Folle Aveyronnaise, wobei ich mich da beim Service entschuldigt habe, weil ich kein Menü durchbestellt habe, aber ich hatte den Verdacht, daß der wohl reicht, obwohl er unter Entrees stand. Der Servicekollege zeigte sich auch sehr verständnisvoll.
Und es hat gereicht. Der Salat hat alles hergegeben, was die Region zu bieten hat. Schinken, Speck, Entenbrust, Foie Gras garniert mit Nüssen und, ach so, Tomaten und Salat. ☺

Und nun ist gut. Der Tag hat durchs Schreiben seine Kontur gewonnen , weils tagsüber schonmal gedankentechnisch wild durcheinander geht und ich sitz im Trockenen. Draußen gewittert es und es regnet. Was mir zum Klimawandel und zum Reisen im Klimawandel durch den Kopf geht, schreibe ich die Tage mal auf.